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Thema / Archiv | Beitrag vom 25.05.2011

Stéphane Hessel: Funke aus Nordafrika springt auf Europa über

Ehemaliger Résistancekämpfer zu den Protesten in Spanien

Stéphane Hessel im Gespräch mit Jürgen König

Stéphane Hessel, ehemaliger Resistance-Kämpfer und Publizist (picture alliance / dpa)
Stéphane Hessel, ehemaliger Resistance-Kämpfer und Publizist (picture alliance / dpa)

Nach Ansicht des ehemaligen UN-Diplomaten Stéphane Hessel sind die Demokratiebewegungen in Nordafrika Vorbild für die derzeitigen Proteste in Spanien. Die Regierungen täten gut daran, auf die Forderungen der Demonstranten einzugehen.

Katrin Heise: Stéphane Hessel, geboren 1917 in Berlin als Sohn des Schriftstellers Franz Hessel und der Journalistin Helen Grund, der hat ein wahrhaft bewegtes Leben hinter sich – Kindheit und Jugend in Paris, Résistancekämpfer war er, Überlebender des KZs Buchenwald, Diplomat bei der UN, dort arbeitete er mit bei der Erstellung der Charta der Menschenrechte. Sein Leben lang kämpfte er für die Menschenrechte, und im Alter, da wollte er, der gleichzeitig die Lyrik liebt, nicht stumm werden. Im vergangenen Jahr rief er angesichts der Folgen von Finanzkrise und Flüchtlingselend die Menschen auf: "Empört euch!" – ein Büchlein mit Millionenauflage weltweit. Bevor demnächst ein zweites, ein weiterführendes Bändchen unter dem Titel "Engagiert euch!" herauskommt, hatte mein Kollege Jürgen König gestern Gelegenheit, mit Stéphane Hessel zu sprechen.

Jürgen König: Monsieur Hessel, "Empört euch!" – was Sie in diesem Buch gefordert haben, nämlich sich zu empören über die Ungerechtigkeit, über die Unzulänglichkeiten unserer Zivilisation, genau das geschieht jetzt in Spanien, am sichtbarsten in Madrid auf der zentralen Puerta del Sol. Hunderte junger Spanier haben dort ein kleines Dorf, muss man schon sagen, errichtet, mit Stühlen und Sofas und Matratzen und Plastikplanen gegen die Sonne, gegen den Regen.

Der ganze Platz wird beschallt, zu hören sind Forderungen. Da wird ein Recht auf Wohnung gefordert, auf Arbeitsmöglichkeiten, die Offenlegung der Vermögensverhältnisse von Politikern und Wirtschaftsführern, die Kontrolle der Banken, der Finanzmärkte, und bei alledem beziehen sich diese jungen Leute, die sich auch noch "die Empörten" nennen, sie beziehen sich – nicht nur, aber auch – auf Ihr Buch "Empört euch!". Ist das, was da passiert, ist das die Empörung, die Sie sich beim Schreiben dieses Buches, sagen wir, idealerweise vorgestellt haben?

Stéphane Hessel: Ja, ich kann schon sagen: Was vor ein paar Monaten in Tunesien und dann auch in Ägypten passiert ist, war ja schon ein Aufruf, den die Jungen gehört hatten, meistens die Jugendlichen, aber auch Ältere haben ihn gehört als einen Aufruf, einen Appell, um die Ungerechtigkeiten, die sie irgendwie empören, nicht beizubehalten und sich dazu auszusprechen: Wir wollen etwas anderes. Es hat natürlich ein bisschen mit meinem Buch zu tun, denn das Buch wurde ja auf Spanisch übersetzt, und zwar in die vier spanischen Sprachen Catalan, Kastilian, Basque und Galizisch, also es ist schon vorhanden.

Aber natürlich – es trifft einen Punkt, wo die Jugendlichen gar keinen anderen Anruf brauchen als ihren eigenen Willen, sich als neu interessierte demokratische Gruppen zu verhalten.

Die Proteste auf der Madrider Puerta del Sol gehen auch nach den Wahlen weiter. (picture alliance / dpa)Die Proteste auf der Madrider Puerta del Sol gehen auch nach den Wahlen weiter. (picture alliance / dpa)König: Es ist ja beeindruckend diese Gewissenhaftigkeit dieser Proteste, also das sind junge Leute, viele Akademiker unter ihnen, die mahnen zur Gewaltlosigkeit, die trinken nicht, die kiffen nicht, die formulieren mit größtem, fast möchte ich sagen mit heiligem Ernst ihren Überdruss an den bestehenden Zuständen, Zitat: "Die Korruption von Politikern, Geschäftsleuten, Bankern macht uns hilflos und beraubt uns der Stimme", heißt es auf der Webseite dieser Bewegung "Wahre Demokratie jetzt". Was glauben Sie, oder was würden Sie sagen: Wie können, wie sollten die, die da so angesprochen werden, auf diese Bewegung reagieren?

Hessel: Ich denke, das ist für unsere Regierungen, die französische ganz bestimmt, die spanische, natürlich auch vielleicht sogar die deutsche, für alle unsere Regierungen gibt es eine Frage: Sind die Regierungen noch imstande, die Wünsche ihrer Bevölkerung wirklich zu beantworten? Sind sie nicht irgendwie unter Druck, unter Druck von großen Finanzmächten, unter Druck von internationalen Organisationen, die etwas von ihnen verlangen, was sie nicht gern geben können?

Die Budgetschuld von diesen Ländern macht es schwierig für sie, zu beantworten, was die Jugendlichen von ihnen verlangen. Also es ist schon eine Schwierigkeit für die Regierungen, aber ich denke, es ist gesund, dass die Regierungen wirklich wissen, was denn die Bevölkerung von ihnen verlangt. Ich hoffe, sie hören gut zu, dann können sie vielleicht Wege finden, um auch positiv auf diese Fragen zu antworten.

König: Was würden Sie der Bewegung raten, "Wahre Demokratie jetzt", was wäre zu tun, um von der Empörung auch wieder weg und hin zum Handeln zu kommen? Denn darum geht es ja letztlich.

Hessel: Darum geht es, Sie haben ganz recht, daher auch mein kleines zweites Büchlein, das heißt "Engagiert euch!" – ich möchte natürlich, dass diese jungen Leute sich nicht nur empören, sondern auch zur Handlung kommen. Und das bedeutet, miteinander auszurechnen, wie man von dem Standpunkt einer jugendlichen Menge zu einem Druck auf die Regierung kommt, die wirklich einen Sinn hat.

Vor allem wünsche ich, dass sie friedlich bleiben, dass sie nicht gewalttätig vorwärts gehen. Denn sobald sie sich verlocken lassen, gewalttätig zu werden oder sogar kleine Gruppen, die um sie herum sind, Gewalttat zu üben lassen, dann kann es schlecht gehen, dann kann auch die Polizei wieder einhauen oder die Regierung einhauen und sagen, das kann ich nicht erlauben. Bisher bin ich dafür besonders glücklich, dass es weder in Tunesien noch in Ägypten noch jetzt in Spanien Gewalttätigkeit gibt.

König: Mit Ihrem neuen Buch, das Sie angesprochen haben, "Engagiert euch!", wollen Sie ja auch, so schreiben Sie, die Jugendlichen aus ihrer Passivität herausholen, also Sie sagen, tut euch zusammen, protestiert gegen unhaltbare Zustände – und wo ihr etwas tun könnt, da tut auch mal etwas Neues. Auch das beklagen Sie in dem Buch, dass zu wenig Neues gemacht wird. Sie haben schon die Aufstände in den arabischen Ländern erwähnt, jetzt diesen in Spanien. Halten Sie es für möglich, dass da ein ganzer Funke von den arabischen Ländern überspringt nach Europa, und Spanien erst der Anfang solcher Proteste in ganz Europa sein könnte?

Hessel: Also, dass es in dieser Bewegung eine ansteckende Kraft gibt, halte ich schon für richtig. Ich denke, dass die Ägypter zum Beispiel auf die Tunesier eingegangen sind. Jetzt werden vielleicht die Portugiesen auf die Spanier eingehen, wer weiß, ob nicht morgen in Italien eine solche Gruppe ist. Es gibt schon solche Ansätze. Also ich denke, es hängt damit zusammen, dass wir aus einer Ära entgehen, wo man sich die Regierungen als gerechtfertigt empfand und nicht weiter ... Man wollte vielleicht die eine Partei mit der anderen ablösen, aber im Allgemeinen dachte man, es geht so. Aber seit einigen Jahren, seit der großen Wirtschaftskrise 2007 ist das Gefühl immer stärker überall, dass irgendwie die Grundbedürfnisse der Bevölkerung nicht mehr befürwortet sind.

König: Dieses Buch richtet sich auch an Politiker, Wirtschaftsführer, Finanzverwalter, denen rufen Sie zu, das kann man glaube ich so pathetisch sagen: Kommt weg vom nationalen Denken, bewegt euch hin zu einer Weltstrategie, die zusammenführt die Akteure im Finanzwesen, im Handelswesen, im Arbeitswesen, im Gesundheitswesen, das Ganze nach Ihren Vorstellungen, Monsieur Hessel, überdeckt mit einer Dachorganisation, einem UN-Rat für wirtschaftliche und soziale Sicherheit, den Sie fordern als so eine Art – ja, das ist schon praktisch der Vorläufer einer Weltregierung.

Ich will noch kurz etwas zum Inhalt dieses Buches mehr sagen: Die Probleme der Zeit benennen Sie mit Gewalt, Umweltzerstörung, Sinnentleerung, extrem finanzorientiertes, Menschen missachtendes Wirtschaften. Was glauben Sie, Monsieur Hessel, mit welchen Methoden kann man Entscheidungsträger dazu bringen, sich diesen Problemen wirklich in der gebotenen Dringlichkeit zu stellen?

Hessel: Also das erste, was meiner Meinung nach notwendig ist, ist, dass man die großen Weltorganisationen, also vor allem die UNO, unterstützt in der Art und Weise, wie diese Organisation, besonders wenn sie stärker wird ... und wenn sie von ihren wichtigsten Mitgliedsstaaten unterstützt wird, dann kann sie so etwas leisten. Es gibt ja einen Menschenrechtsrat, der könnte viel autoritärer werden als er ist. Es gibt eine Arbeitsorganisation, die könnte weiter dazu beitragen, dass gerade Gewerkschaften in allen Ländern mehr dazu beitragen, dass eben gerade diese Bedürfnisse der Arbeiter unterstützt werden. Es könnte in allen Ländern, vor allem gerade in den noch nicht überentwickelten Ländern, einen Zustoß vonseiten der Vereinten Nationen geben, der es möglich machen würde, Hunger zu verringern.

Soziale Sicherheit, Gesundheit, das alles brauchen wir, und das kann meiner Meinung jetzt nur auf internationaler, ich würde sagen, auf Weltebene vorwärtskommen. Wenn ein Land auch so gut sein kann, Deutschland ist ein sehr gutes Land augenblicklich, meiner Meinung nach – aber es genügt nicht, man kann nicht mit Deutschland allein vorwärtskommen, man muss Europa bauen, und Europa als einen Partner von den anderen Kulturen hereinbringen in einen allgemeinen Wunsch, vorwärtszukommen.

Mehr denn je heute, vielleicht ich würde sagen, mehr als sogar 1945 stehen wir vor großen challenges, challenge der Justiz, der Gerechtigkeit, der Gerechtigkeit der Wirtschaft, und vor Beschützen unseres Planeten, denn gerade da kann man nur als Weltorganisation wirklich wirken.

Heise: Sagt Stéphane Hessel, er war zu hören im Gespräch mit Jürgen König. Stéphane Hessels Aufruf "Empört Euch!" ist übrigens im Ullstein Verlag erschienen, und das Nachfolgebändchen "Engagiert euch!" wird Anfang oder Mitte Juni ebenfalls dort erscheinen.

Mehr zum Thema bei dradio.de:
"Abwehrreaktion gegen das Establishment" <br> Politikwissenschaftler rechnet mit länger andauernden Protesten in Spanien (DKultur)

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