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Buchkritik | Beitrag vom 04.10.2018

Stephan Thome: "Gott der Barbaren"700 Seiten Pflichtübung eines Sinologen

Von Verena Auffermann

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Buchcover: Stephan Thome: "Gott der Barbaren" und sogenannte Taiping-Rebellen im Jahr 1857 (Buchcover: Suhrkamp Verlag, Hintergrundbild: dpa / picture alliance)
Eine Überfülle an Wissen präsentiert der Autor und Sinologe Stephan Thome in seinem neuen Roman "Gott der Barbaren". (Buchcover: Suhrkamp Verlag, Hintergrundbild: dpa / picture alliance)

Zum dritten Mal steht Stephan Thome auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Sein Roman "Gott der Barbaren" handelt vom Taiping-Aufstand in China: Ein Historienroman, dessen Nominierung kaum nachvollziehbar ist.

Stephan Thome ist Sinologe. Er lebt in Taipeh in Taiwan. Vielleicht wollte er mit "Gott der Barbaren" China einen Geschichtsroman hinterlassen. Sein 700 Seiten umfassendes Großprojekt hat mindestens zwei anspruchsvolle Ziele. Thome wollte die Geschichte des opferreichsten chinesischen Bürgerkriegs, des Taiping-Aufstands (1851-1864), erzählen, der 20 bis 30 Millionen Opfer forderte und vom Mystiker Hong Xinquan zur Zeit der niedergehenden Qing-Dynastie angeführt wurde.

Gleichzeitig fanden die zwei blutigen Opiumkriege der Engländer gegen China statt. Hong Xinquan verquickte seine Mission des Taiping-Aufstands mit himmlischen und christlichen Elementen. Da lag es für den Autor nahe, einen jungen Missionar und Lord Elgin, den Sonderkommissar der britischen Krone, nach China zu schicken, um so seine Geschichte aus zwei Perspektiven, der des Glaubens und der des kolonialen britischen Eroberers, zu schildern.

Die Überfülle des Wissens verwirrt

Entstanden ist das verwirrende Bild eines verängstigten deutschen Missionars und von einem hohen, nach Peking entsandten britischen Diplomaten, James Bruce, 8th Earl of Elgin. Stephan Thome organisiert seinen Bibliotheken füllenden historischen Stoff, indem er auf der einen Seite ein in der Überfülle verwirrendes Wissen um chinesische, französische, britische Befehls- und Oberbefehlshaber und Beamten, um Missionare, chinesische Denker, Prinzen und Kaiser-Witwen ausbreitet, andererseits aber nur sehr wenige Figuren mit Leben, Gefühlen und Gedanken wie Lord Elgin ausstattet.

Auf der chinesischen Seite ist eine solche, ins Innere des Stoffes führende Figur nicht zu erkennen. Nur Elgin, der den Befehl zur Zerstörung des Sommerpalasts in Peking gab, zeigt den Zwiespalt zwischen nationaler Anmaßung und Gier, zwischen kolonialistischer Hybris und persönlicher Überforderung. Gedanken, die unseren Blick auf China schärfen und das Verständnis erleichtern, habe ich in dem überbordenden Material nur sehr vereinzelt gefunden. Kluge Sätze Lord Elgins schon.

Keine Analogie zum Heute erkennbar

Dass mit "Gott der Barbaren" zum dritten Mal ein Buch Stephan Thomes auf der Shortlist des deutschen Buchpreises steht, wirkt wie ein Ritual, das diesmal ins Leere läuft: "Gott der Barbaren" ist ein Historienroman, der sich wie die Pflichtübung eines Sinologen liest. Ihn in Analogie zu unseren Zuständen oder gar als heutiges politisches Lehrstück zu begreifen, erschließt sich nicht.

Sehr schade.

Stephan Thome: "Gott der Barbaren"
Suhrkamp Verlag, Berlin 2018
715 Seiten, 25 Euro

Mehr zum Thema:

Stephan Thome: "Gott der Barbaren" - Wenn Menschen Gott spielen
(Deutschlandfunk, Büchermarkt, 2.10.2018)

Stephan Thome: "Der Gott der Barbaren" - Ein Gottesstaat in China
(Deutschlandfunk Kultur, Lesart, 12.9.2018)

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