Das Feature, vom 12.08.2008

Von Heike Tauch

"Die Irrenanstalt muss in einer anmuthigen Gegend liegen, geeignet das Gemüth zu erheitern." Mit dieser Auffassung gab Niederösterreich den Auftrag, auf der Wiener Baumgartnerhöhe, Am Steinhof, das heutige Otto-Wagner-Spital zu bauen. Bei der Eröffnung 1907 war die von Thomas Bernhard in "Wittgensteins Neffe" beschriebene "Irrenanstalt" die größte und modernste psychiatrische Anstalt Europas.

Vereinte Normalität und Wahnsinn, Schönes und Schreckliches:  Der Steinhof.  (Stock.XCHNG / Ryan O'Connor)
Vereinte Normalität und Wahnsinn, Schönes und Schreckliches: Der Steinhof. (Stock.XCHNG / Ryan O'Connor)

Auf ihrem höchsten Punkt thront die von Otto Wagner im reinsten Jugendstil errichtete "Anstaltskirche zum Hl. Leopold". Sie bezaubert nicht nur durch ihre Schönheit, sondern ist von revolutionärer Funktionalität: abwaschbare Wände, Ärztezimmer, Notausgänge für Tobende ... Sogar eine kircheneigene Toilette gibt es. Pinkeln im Hause Gottes? - Nicht der erste, nicht der letzte, nicht der größte Skandal: Noch 1998 waren auf dem Klinikgelände "neurobiologisch interessante Gehirne" ausgestellt, Überreste, der dort 1943 der Euthanasie zum Opfer gefallenen Kinder. 2002 wurden sie beerdigt.

Der Steinhof erweist sich als ein Mikrokosmos, der Normalität und Wahnsinn, Schönes und Schreckliches, Gutes und Böses in sich vereint.


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