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Lesart | Beitrag vom 23.05.2020

Steffens und Habekuß: "Über Leben"Weswegen die Menschheit ohne die Kieselalge nicht leben kann

Dirk Steffens im Gespräch mit Christian Rabhansl

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Vergrößerte Aufnahme einer Kieselalge (picture alliance / blickwinkel / F. Fox)
Schön anzusehen - und auch lebensnotwendig für den Menschen: die Kieselalge. (picture alliance / blickwinkel / F. Fox)

Der Klimawandel bedrohe unsere Lebensweise. "Aber das Artensterben stellt infrage, ob wir überhaupt leben", sagt Journalist Dirk Steffens. Mit seinem Kollegen Fritz Habekuß hat er ungewöhnliche Ideen entwickelt, wie die Katastrophe gestoppt werden kann.

Wenn es um Umweltkrisen geht, haben wir uns leider schon an Superlative gewöhnt. Das ist auch beim Artensterben so. Denn hier sind wir gerade mit dem "größten Artensterben seit dem Ende der Dinosaurier" konfrontiert. Was für manche ziemlich abstrakt klingen mag, das beschreiben die Wissenschaftsjournalisten Dirk Steffens und Fritz Habekuß in ihrem Buch "Über Leben".

"Die beunruhigende Wahrnehmung und Erkenntnis, dass das Artensterben global, im zunehmenden Tempo stattfindet, und uns das Sorgen machen muss, weil dadurch unsere eigenen Lebensgrundlagen bedroht sind", habe sie dazu gebracht, das Buch zu schreiben, erzählt "Terra X"-Moderator Dirk Steffens. Denn egal, wohin er für seine Arbeit gereist sei, überall sei dies zu beobachten gewesen.

Eine Million Arten vom Aussterben bedroht

Gerade beim Artensterben gebe es aber ein "emotionales Missverständnis", meint Steffens. "Wir denken da an den Pandabären oder den bedrohten Eisbären. Aber was würde passieren, wenn morgen die Meldung käme: Die Eisbären sind ausgestorben. Die Wahrheit ist doch: Es würde sich für uns nichts ändern, in unserem Alltag. Das bedeutet für uns nichts."

Genau darin bestehe das Missverständnis: "Es geht nicht darum, wenn irgendwo eine einzelne sichtbare Art ausstirbt. Das ist ziemlich traurig, aber nicht existenzbedrohend für uns. Was existenzbedrohend ist: Dass schätzungsweise 150 Arten pro Tag aussterben."

Von acht Millionen bekannten Tier- und Pflanzenarten sei schon eine Million vom Aussterben bedroht. "Wenn die alle aussterben, dann sterben wir mit." Das sei auch der Unterschied zur Klimakrise: Diese bedrohe die Art und Weise, wie wir leben. "Aber das Artensterben stellt infrage, ob wir überhaupt leben."

Die Wissenschaft bereitet sich auf den Weltuntergang vor

Das machen Habekuß und Steffens in ihrem Buch beispielsweise anhand der Fotosynthese betreibenden Algen deutlich: Obgleich wir uns dessen kaum bewusst sind, verdankten wir ihnen "jeden zweiten Atemzug". "Sie produzieren nämlich sehr viel mehr Sauerstoff als alle Wälder an Land. Das ist ein Lebewesen, das wir gar nicht kennen, von dem aber direkt unser Leben abhängt."

Für das Buch besuchten die beiden Journalisten auch eine Samenbank in England, in der beispielsweise 350 Getreidearten und jeder Menge Wildpflanzen gelagert sind. Diese Samenbanken seien für den Fall des "Weltuntergangs" und eines "Neuanfangs" der Menschheit geschaffen worden, so Steffens. In ihr sollen irgendwann möglichst alle Samenpflanzen der Welt gespeichert werden. "In der Wissenschaft bereitet man sich tatsächlich schon auf den Weltuntergang vor."

Hungersnöte und Verteilungskriege drohen

Dabei sei es für die Natur nicht von Belangen, ob die Menschheit oder eine andere Art aussterbe. Nur wir Menschen hätten ein Interesse an der eigenen Existenz, so Steffens, "und das ist Erdgeschichtlich der erste Moment, in der eine Art über das eigene Fortbestehen zu entscheiden hat. Das ist tatsächlich neu."

Dass der Mensch sich auf der Erde ausbreite und dabei Lebensraum anderer Arten vernichte, sei nicht ungewöhnlich, meint Steffens. Denn es sei ein "biologisches Grundgesetz", dass eine Art, die entsteht, sich so weit irgend möglich ausbreite. So mache es jedes Bakterium, jede Elefantenart oder Fisch.

"Jede Art nutzt dabei alles, wovon sie leben kann als Ressourcen." Dabei expandiere aber jede Art "bis zur Katastrophe". So würde die Natur die Populationsdichte der Arten durch Seuchen oder Hungersnöte regeln. "Wir sind die Art, die vor der Entscheidung steht, wollen wir die Natur die Belastung durch den Menschen regeln lassen oder machen wir es doch lieber selbst, weil es sehr viel humaner wäre." Denn würden wir die Natur die Population der Menschheit "regeln" lassen, hieße dies: Flüchtlingswellen, Hungersnöte, Verteilungskriege.

Kann ein Fluss vor Gericht klagen?

Im zweiten Teil des Buches suchen Steffens und Habekuß nach Lösungen: Wie muss sich Ökonomie verändern? Wie müssen sich Gesetze ändern? Oder wie müsse sich Politik verändern? "Denn wir haben genug Bücher darüber, wie die Natur belastet wird. Aber wir haben zu wenig konkrete Handlungsideen, wie wir das Problem denn lösen können. Wir wollten uns davor nicht drücken, obwohl das natürlich genau der Teil ist, wo man angreifbar ist."

Beispielsweise gehe es um die Frage, ob der Fluss Mississippi nicht eigene Rechte brauche, damit er vor Gericht gegen Konzerne klagen könne. Für so etwas gebe es bereits Vorbilder aus Indien, den USA oder Neuseeland, betont Steffens. Dort könne ein Fluss die Rechte haben wie ein Verein oder eine Aktiengesellschaft.

"Und die Idee, dass Lebensgrundlagen eigene Rechte haben, ist natürlich auf den ersten Blick verrückt, aber, wenn man ein bisschen drüber nachdenkt nur logisch." Eine andere Möglichkeit wäre persönliche Haftung von Managern und Regierungen für Umweltverbrechen.

Mehr Kapitalismus für besseren Umweltschutz

Dies sei nur im Sinne der freien Marktwirtschaft, die vorsehe: Habe ich eine gute Idee und mache daraus ein Geschäft, so darf ich den Gewinn behalten. "Aber die Idee ist auch: Wenn ich dabei andere schädige, muss ich dafür haften. Dieses Prinzip ist leider ausgehebelt worden."

Würden Konzerne zum Beispiel bei ihrer Produktion das Grundwasser oder die Luft verschmutzen, dürfe sie oft den Profit behalten, aber die Verschmutzung von Luft und Wasser würde der Gemeinschaft aufgebürdet. "Dieses sozialistische Element in der Marktwirtschaft ist genau das Problem."

Man könne es auch provokant formulieren, so Steffens: "Wir brauche mehr Kapitalismus, um die Umwelt zu schützen. Aber damit meine ich den Kapitalismus, der volle Verantwortung für Umweltzerstörung bedeutet. Das ist etwas ganz anderes als die plumpe Profitgier von Hedgefonds-Managern."

(lkn)

Dirk Steffens und Fritz Habekuß: "Über Leben. Zukunftsfrage Artensterben: Wie wir die Ökokrise überwinden" (mit Corona-Kapitel)
Penguin, London 2020
240 Seiten, 20 Euro

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