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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 09.08.2017

Steffen Mau: "Das Metrische Wir. Über die Quantifizierung des Sozialen" Wie Rankings und Sternchen die Gesellschaft spalten

Von Volkart Wildermuth

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Cover von Steffen Maus Buch "Das Metrische Wir. Über die Quantifizierung des Sozialen". Im Hintergrund ist eine Frau in einem Fitnesstudio zu sehen, die eine VR-Brille trägt. (imago stock&people /Suhrkamp)
Das Leben in Zahlen: Mithilfe von Apps vermessen wir unseren Herzschlag beim Sport, unsere Kreditwürdigkeit und unser Sozialverhalten. (imago stock&people /Suhrkamp)

Fitnesstracking, Datingchancen, Kriminalitätsprognosen – fast jeder Bereich menschlichen Lebens wird inzwischen erfasst und analysiert. Der Berliner Soziologe Steffen Mau warnt: Mithilfe von Daten werden Kategorien geschaffen, die unsere Gesellschaft spalten.

Kreditwürdigkeit, Freundeskreis und Gesundheitsstatus – all das wird mittlerweile in Rankings, Sternchen oder Noten erfasst, geteilt und mal mehr oder weniger offen an diverse Datenkraken weitergeleitet – und alle machen trotzdem mit. "Das metrische Wir" nennt der Berliner Soziologe Steffen Mau dieses Phänomen. Sein Fazit: Ohne dass wir es merken, verschiebt sich das Wertesystem in der Gesellschaft. 

Und weil für viele dieses Vermessen und Vergleichen eigentlich schon normal ist, baut Steffen Mau deshalb zu Beginn seines Buches eine gewisse Fallhöhe auf und beschreibt besonders auffällige Beispiele, die einen in dieser konzentrierten Form doch wieder erschrecken.

Totale soziale und politische Kontrolle

In China etwa wird an einem "Social Credit System" gearbeitet, das in einer Zahl nicht nur die Kreditwürdigkeit einer Person zusammenfassen soll, sondern gleich auch noch die Parteitreue und die Verlässlichkeit des Freundeskreises. Das Vorläufersystem ist schon online und wird nicht nur von Banken und Behörden genutzte, sondern offenbar auch, um das neue Date vor dem Abendessen noch mal schnell einschätzen zu lassen.

Dann gibt  es amerikanische Richter, die sich vor der Verkündigung des Strafmaßes von Computerprogrammen die Rückfallwahrscheinlichkeit des Angeklagten berechnen lassen. Hier fließen frühere Taten, Drogenabhängigkeit und auch das kriminelle Potentials des sozialen Umfelds mit ein. Wer die falschen Freunde hat, sitzt also länger ein.

Und deutsche Krankenversicherungen bieten Sondertarife an. Wer die eigene Fitness mit einem intelligenten Armband überwachen lässt, dem winken Rabatte. Für ein paar Cent weniger wird jeder Pulsschlag gerne offen gelegt. 

Jede Zahl schafft eine Wirklichkeit

Steffen Mau bleibt nicht bei der Auflistung dieser bedenklich stimmenden Beispiele. Als Soziologe interessieren ihn Trends und die Konsequenzen aus dieser Zahlenmanie. Zahlen sind dabei zunächst einmal nützlich, ohne Zahlen würde Politik etwa im Vagen bleiben. Aber jede Zahl vermisst nicht nur die Wirklichkeit, sie schafft auch ihre eigene Realität, indem sie festlegen, was wichtig ist –  und vor allem was nicht.

So ist seit der "Pisa"- Studie Schule ein Ort, an dem vermehrt Testkompetenz vermittelt wird und Lebensbildung nur noch ein optionales Extra ist. Zahlen wirken objektiv, andere Blickwinkel erscheinen dagegen naiv. So misst sich Politik in Griechenland am Schuldenstand und nicht an der Zufriedenheit der Bürger.

Der Dauerwettbewerb spaltet die Gesellschaft

Vor allem aber eigenen sich Zahlen zum Vergleich. Jeder misst sich an jedem. Einkommen, Schrittzahl, Likes bei Facebook. Der Dauerwettbewerb untergräbt den Zusammenhalt,  schriebt Steffen Mau, "die Quantifizierung des Sozialen heißt eben zugleich Spaltbarkeit des Sozialen".

Alternativen sieht der Soziologe nicht, denn der Digitalisierung können sich weder Staaten noch Individuen heute noch entziehen. An dieser Stelle stockt die Lektüre. Nach all den Beispiel und auch sehr plausiblen Analysen bleibt die Frage offen, wie weit verschwinden die Menschen wirklich hinter den Zahlen?

Wie groß ist unsere Zahlengläubigkeit?

Denn ja, jeder einzelne Effekt, den Steffen Mau beschreibt, lässt sich als Tendenz beobachten. Aber wie groß etwa ist die Zahl der Menschen, die ihren Wert ausschließlich über ihre Facebook-Likes bestimmen, wirklich?

Um das zu beantworten, fehlen dem Buch im Grunde selbst genaue Zahlen, die die Größenordnung des Phänomens tatsächlich objektiv beschreiben. Die Forschung ist gerade dabei sie zu liefern. Bis diese wichtigen Zahlen vorliegen, eignet sich Steffen Maus Buch gut, die eigene Zahlengläubigkeit kritisch zu überprüfen.

Und schon das ist ein erster wichtiger Schritt, um das "metrische Wir" wieder in ein "Wir der Gemeinschaft" zu überführen.

Steffen Mau: "Das metrische Wir: Über die Quantifizierung des Sozialen"
Suhrkamp Verlag Berlin
300 Seiten, 18 Euro

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