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Buchkritik | Beitrag vom 24.10.2019

Steffen Kopetzky: "Propaganda" Gegen die Pervertierung amerikanischer Werte

Von Rainer Moritz

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Cover: Steffen Kopetzky "Propaganda" (Rowohlt Verlag)
Cover: Steffen Kopetzky "Propaganda" (Rowohlt Verlag)

Steffen Kopetzky erzählt in "Propaganda" eine Geschichte aus der Zeit der Nachkriegseuphorie in Europa und Amerika. Hemingway, Nixon und Vietnam - alles dabei. Der Erzähler zeigt sich in Bestform.

"Mein Name ist John Glueck, geboren am 13. Juni 1921 in der Bronx, New York" – so stellt sich Steffen Kopetzkys Romanheld vor, als er im August 1971 in Hannibal, Missouri, vor Gericht steht. Angeklagt ist er, wie es offiziell heißt, wegen Geschwindigkeitsüberschreitung und Widerstands gegen die Staatsgewalt, in Wahrheit jedoch geht es um eine Verschwörung gegen die amerikanische Regierung, um ihren Präsidenten Nixon, die grausamen "Pazifizierungsprogramme" in Südvietnam und die Veröffentlichung der geheimen Pentagon-Papiere.

An einen großen Stoff hat sich Kopetzky damit herangewagt, doch spätestens seit seinem 2015 erschienenen Roman "Risiko" weiß man, dass er alle erzählerischen Fähigkeiten besitzt, um solche gewagten literarischen Unternehmungen zu stemmen. Ging es in "Risiko" um eine deutsche Expedition, die Ende 1914 ins asiatische "Herzland", nach Afghanistan, entsendet wird, verknüpft "Propaganda" auf höchst kühne Weise Ereignisse aus dem zu Ende gehenden Zweiten Weltkrieg mit dem amerikanischen Versagen in Vietnam. Mittler dieser ein gutes Vierteljahrhundert auseinanderliegenden Erzählstränge ist jener Officer Glueck, ein Mann mit deutschen Wurzeln, der 1942 in die US-Army eintritt und leidenschaftlich für deren Propaganda-Abteilung Sykewar zu arbeiten beginnt.

Voller Idealismus gegen das Hitler-Regime

Voller Idealismus macht er sich daran, gegen das Hitler-Regime zu agieren, und soll für ein US-Aufklärungsblatt den in Deutschland populärsten amerikanischen Schriftsteller, Ernest Hemingway, porträtieren. Dieser befindet sich an der Westfront in Europa und nimmt im Herbst 1944 an der für die Amerikaner ungemein verlustreichen Hürtgenwald-Schlacht in der Eifel teil.

Wie schon im "Risiko"-Roman (auf den sich "Propaganda" an einer Stelle bezieht) breitet Kopetzky ein opulentes, offenkundig aufwendig recherchiertes Panorama aus, das historisch verbürgte Figuren neben fiktive Figuren stellt und das Schlachtgemetzel dramaturgisch geschickt schildert – fast so, als habe es bislang kaum Prosa über das Blutvergießen im Zweiten Weltkrieg gegeben.

Von Hemingway über Salinger zu Bukowski

Vorgetragen ist das mit sinnlicher Kraft und einer gelegentlich aufblitzenden, an der Postmoderne geschulten Ironie, die es jedoch keineswegs verhindert, "Propaganda" als spannungsreichen, elegant erzählten Pageturner zu lesen. An Anspielungen auf Filme und literarische Werke mangelt es diesem Roman dabei nicht. Neben dem boxfreudigen und trinkfesten Hemingway (der 1950 die Hürtgenwald-Schlacht in seinem Roman "Über den Fluss und die Wälder" verarbeiten wird) assistieren dem ebenfalls an seinen Erinnerungen schreibenden John Glueck die Kollegen Jerome Salinger aus New York und Charles Bukowski aus Andernach am Rhein, der damals noch Heinrich/Henry mit Vornamen hieß.

Wie Kopetzky im Finale seines Romans einen desillusionierten, von in Saigon eingesetzten Entlaubungsmitteln entstellten Offizier zeigt, der erkennt, dass Propaganda einer guten ebenso wie einer furchtbaren Sache dienen kann, und der deshalb gegen die Pervertierung der amerikanischen Werte ankämpft, das ist von bestechender Aktualität, und das zeigt den genuinen Erzähler Kopetzky at his best.

Steffen Kopetzky: "Propaganda"
Rowohlt Berlin, Berlin 2019
496 Seiten, 25 Euro

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