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Lesart | Beitrag vom 03.11.2020

Stefanie Sargnagel über "Dicht"Jugend mit Punks und Aussteigern

Moderation: Joachim Scholl

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Porträt von Stefanie Sargnagel (Rowohlt Verlag / Apollonia Theresa Bitzan)
Mit Mitte 30 schaut Stefanie Sargnagel in ihrem ersten Roman "Dicht" auf ihre Jugend zurück. (Rowohlt Verlag / Apollonia Theresa Bitzan)

Zwischen 15 und 20 brach die Österreicherin Stefanie Sargnagel die Schule ab, hing mit Outsidern ab, oft zugedröhnt. Vor allem durch ihre Posts auf Twitter und Facebook avancierte sie zur gefragten Autorin. In ihrem ersten Roman "Dicht" erinnert sie sich.

In ein "Plastiksackerl von Billa" hat sie einen Haufen bekritzelter Zettel gesteckt, mit einem Edding-Stift "Kunst" auf die Tüte geschrieben und sie bei der Wiener Akademie der Bildenden Künste abgegeben – zwei Wochen später war sie dort Studentin. Mit dieser Szene endet der erste Roman "Dicht" der Österreicherin Stefanie Sargnagel, in dem sie von ihrer Jugend zwischen etwa 15 und 20 Jahren erzählt. Inzwischen ist sie Mitte 30 und vor allem durch ihre Posts auf Twitter und Facebook bekannt geworden und zu einer gefragten Autorin avanciert. Beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb gewann sie den Publikumspreis, sie war Stadtschreiberin in Klagenfurt.

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Stefanie Sargnagel – ihr bürgerlicher Name ist Stefanie Sprengnagel – lebt in Wien. Die Folgen des als islamistisch eingeschätzten Terrorangriffs vom Montagabend, bei dem fünf Menschen, darunter ein Attentäter, ums Leben kamen, hat sie direkt mitbekommen. "Es verlässt fast niemand sein Zuhause, außer man muss in die Arbeit, die Schulen sind geschlossen." Sie sei "auch nicht großartig motiviert, obwohl ein sehr schöner, sonniger Tag heute ist, die Wohnung zu verlassen". Bei den meisten Menschen aus ihrem Umfeld sei das genauso. Zumal ja noch bewaffnete Täter auf der Flucht seien, sagt sie am Dienstagvormittag.

"Eher so humoristisches Zeugs"

Zum eigentlichen Thema des Gesprächs, ihrem künstlerischen Schaffen, erzählt sie, was in diesem "Sackerl von Billa", mit dem sie sich bei der Kunstakademie beworben hat, eigentlich drin war: "Das waren vor allem Zeichnungen aus Schulheften." Denn am meisten gezeichnet habe sie während des Unterrichts. "So Comics, Cartoons, schon so eher so humoristisches Zeugs. Nichts ganz anders als das, was ich jetzt zeichnerisch mach'."

Zu Beginn ihres Buches schreibt Stefanie Sargnagel, dass es doch ein Sprung in kaltes Wasser sei, nach den kürzeren "Statusmeldungen", ihrem ersten Buch unter anderem aus Facebook-Posts, jetzt einen Roman zu schreiben. Ihre eigenen Erinnerungen aufzuschreiben, sei ein viel konzentrierterer und aufwendigerer Prozess gewesen, der mehr Sitzfleisch gefordert habe als die kurzen Texte, die sie sehr direkt in der Gegenwart produziere. Für das Buch sei es nicht möglich gewesen, "dass man beim Spaziergehen einen Text runtertippt und dann später irgendwie zusammensammelt, sondern da musste man schon viele Stunden isoliert am einem Computer sitzen."

Erlebnishungrig und freiheitsbedürftig

Den Titel des Romans "Dicht" von Stefanie Sargnagel kann man in viele Bezüge setzen. Es ist ein dichter Text. Und die Figuren, sie selbst eingeschlossen, sind oft hackedicht. Zu erleben ist eine junge Frau, die die Schule abbricht, mit Punks, Aussteigern, Outsidern abhängt. So sehr anders sei ihr jetziger Alltag auch nicht, sagt sie. "Der Künstleralltag ist auch nicht unbedingt der allerbürgerlichste, wo man dann plötzlich in total disziplinierten Alltagstätigkeiten gefangen ist." Aber sie halte jetzt, 15 Jahre später, weniger aus.

Sie sei sehr fasziniert gewesen zu sehen, mit wie wenig Schlaf sie damals ausgekommen sei. "Und wie tolerant man ist." Deshalb habe sie auch über diese Zeit schreiben wollen. Denn sie und auch viele andere seien in dieser Zeit sehr erlebnishungrig und freiheitsbedürftig gewesen – und dadurch sehr offen. Und auch angewiesen auf andere Menschen, da man keine eigenen Räume, keine Wohnung hatte. "Gleichzeitig hält man auch wahnsinnig viel aus, an Übergriffigkeit, an unangenehmen Menschen." Heute würde sie wohl viele Menschen nicht mehr so tolerieren wie damals.

(abr)

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