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Lesart / Archiv | Beitrag vom 18.10.2016

Stefanie Harjes: "Als die Esel Tango tanzten"Redewendungen als träumerische Collagen

Von Sylvia Schwab

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Ausschnitt aus einem Bild in Stefanie Harjes' Buch "Als die Esel Tango tanzten" (Mixtvision Verlag)
Ausschnitt aus einem Bild in Stefanie Harjes' Buch "Als die Esel Tango tanzten" (Mixtvision Verlag)

"Ein schwarzes Schaf sein" und "eine weiße Weste haben": In ihrem Bilderbuch "Als die Esel Tango tanzten" setzt die preisgekrönte Illustratorin Stefanie Harjes gegensätzliche Idiome graphisch um. Das Ergebnis ist überraschend und voller Humor - ein echtes Kunstwerk.

"Erzählbilder" nennt Stefanie Harjes die zwölf Collagen in ihrem Buch: Ohne Text stehen die Bilder ganz für sich allein. Was bei einem Bilderbuch zunächst nicht ungewöhnlich ist. Doch "Als die Esel Tango tanzten" ist äußerst komplex gestaltetet, man muss förmlich auf Spurensuche gehen und die Geschichte der Bilder entdecken. Eine grandiose Herausforderung!

Ganz allein lässt Stefanie Harjes den Betrachter dann aber doch nicht mit ihren Erzählbildern! Denn diese folgen einem Schema, fast könnte man sagen, einem literarischen Programm: Auf zwölf Doppelseiten setzt die Illustratorin 24 bekannte Redewendungen in Collagen um. Wobei jeweils – und das ist wesentlich – zwei gegensätzliche Redewendungen gemeinsam illustriert werden, "Ein schwarzes Schaf sein" wird zusammen mit "Eine weiße Weste haben" gezeigt, "Nach jemandes Pfeife tanzen" zusammen mit "stur sein wie ein Esel" und "Aus dem Nähkästchen plaudern" mit "Verschwiegen sein wie ein Grab".

Was Stefanie Harjes aus diesen widersprüchlichen Redensarten macht, ist erstaunlich, vielfältig und steckt voller Humor. In ihren Collagen mischt sie surreale Zeichnung, vorgefertigte bunte Muster, Fotografien und Schriftzeichen. Sie bauen alte Bilderbuchmotive und berühmte Kunstwerke ein und kombinieren alle diese Elemente so überraschend ineinander, miteinander und übereinander, dass man die jeweilige Redensart fast schon vergessen kann und erst einmal auf visuelle Entdeckungsreise geht.

Ausschnitt aus einem Bild in Stefanie Harjes' Buch "Als die Esel Tango tanzten" (Mixtvision Verlag)Ausschnitt aus einem Bild in Stefanie Harjes' Buch "Als die Esel Tango tanzten" (Mixtvision Verlag)

Die tiefere Bedeutung der Redensarten 

Wie Bühnenbilder wirken diese Doppelseiten beziehungsweise Doppelportraits mit ihren fantastischen Bewohnern, die mal fliegen, springen oder laufen. Stefanie Harjes inszeniert Traum-Reisen durch das Land der Fantasie. Blumen wachsen aus Schuhen und Eselmenschen tanzen Tango. Es gibt ein Schwein, das "Schwein gehabt" hat, als Bräutigam stolziert es neben seiner weißen Vogelbraut, während der Pechvogel auf der anderen Buchseite mitten in einen Hundehaufen tritt. Dann wieder nimmt die Illustratorin die Redensarten direkt beim Wort: Auf dem Bild "aus dem Nähkästchen plaudern" stehen kleine Nonnen-Figuren in einem alten aufklappbaren Nähkasten und bei "verschwiegen sind wie ein Grab" liegen sie in einem Sarg.

Doch die Bilder bleiben nicht bei den vordergründigen Bedeutungen der Redensarten stehen, sondern tasten sie auf ihre tiefere Bedeutung hin ab oder drehen sie um. Wie ein Grab schweigen auch Frauen hinter Gittern und ohne Mund. Auch ein Schwein kann Pech haben, ein Vogel Glück und ein schwarzes Schaf kann eine weiße Weste tragen. Kurz: Stefanie Harjes deutet um, stellt in Frage, überrascht mit komischen Anspielungen und Zitaten. Sie regt so dazu an, ihre Erzählbilder nicht nur ganz genau zu betrachten, sondern sie selbst neu zu erzählen. Besser kann Illustration kaum gelingen. Mehr noch: "Als die Esel Tango tanzten" wird so zum eigenen, echten Kunstwerk.  

Stefanie Harjes: Als die Esel Tango tanzten
Mixtvision Verlag, München 2016,
32 Seiten, 14,90 Euro
empfohlen ab 3 Jahre

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