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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 23.03.2017

Stefan Hertmans: "Die Fremde"Erschütternde Geschichte einer Flucht

Von Sigrid Löffler

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Stefan Hertmans (Deutschlandradio / Jana Demnitz)
Stefan Hertmans rekonstruiert in seinem Roman "Die Fremde" die tragische Geschichte einer Frau auf der Flucht. (Deutschlandradio / Jana Demnitz)

Tausend Jahre europäische Geschichte überbrückt der belgische Schriftsteller Stefan Hertmans mit Leichtigkeit. Der historische Roman "Die Fremde" erzählt von einer zeitlosen Erfahrung: das Leben auf der Flucht.

Der belgische Autor Stefan Hertmans hat neben seiner Wohnung in Brüssel ein Sommerhaus in einem abgelegenen 350-Seelen-Dorf in der Provence – Monieux. Im Mittelalter besaß das Dörfchen in der Vaucluse eine bedeutende jüdische Gemeinde, die vor fast tausend Jahren weitgehend ausgelöscht wurde, als französische Kreuzritter in dem Dorf ein Pogrom anrichteten. Zwei mittelalterliche Manuskripte bilden den dokumentarischen Ausgangspunkt für Hertmans’ historischen Roman und liefern ihm die titelgebende Heldin, "Die Fremde".

Eines der beiden erzählt vom tragischen Schicksal einer Proselytin, einer zum Judentum konvertierten Christin, deren jüdischer Ehemann bei dem Massaker in der Synagoge von Monieux ermordet wurde. Ihre beiden älteren Kinder wurden von den Kreuzrittern entführt. Da die wenigen Überlebenden der jüdischen Gemeinde die mittellose Witwe nicht versorgen konnten, gab ihr der Rabbi ein Empfehlungsschreiben mit, in der Hoffnung, eine andere jüdische Gemeinde würde der Obdachlosen Asyl gewähren, die auf der Suche nach ihren verschleppten Kindern dem Kreuzheer Richtung Jerusalem folgen wollte. Dass dieses Empfehlungsschreiben Jahrhunderte später in der berühmten Geniza, dem geheimen Dokumentenspeicher, der Ben-Esra-Synagoge von Kairo entdeckt wurde, lässt darauf schließen, dass die durch die Mittelmeer-Welt irrende Frau in dieser großen jüdischen Gemeinde Aufnahme gefunden haben dürfte.

Eine große Erzählung

Daraus lässt sich eine große Erzählung machen. Allerdings bedarf es, um dem Roman Volumen und Geschichtstiefe zu geben, zweierlei, neben der historischen Recherche: der Phantasie des Autors, um die dokumentarischen Lücken im Leben seiner Heldin aufzufüllen, und einer glaubwürdigen Erzählerstimme.

Stefan Hertmans rekonstruiert die Welt des 11. Jahrhunderts, eine chaotische Epoche der Umbrüche, der politischen Unordnung, sozialen Unruhen und religiösen Rastlosigkeit.

Zum Fremdsein verdammt

Für seine Heldin erfindet er eine Vorgeschichte, gibt ihr eine edle Herkunft aus einer normannischen Patrizierfamilie in der Hafenstadt Rouen und einen nordischen Namen – Vigdis. Mit David, einem Talmud-Studenten, brennt sie durch, konvertiert zum Judentum, erhält den Namen Sarah und den Kosenamen Hamutal, bleibt aber als blonde und blauäugige Normannin immer eine Fremde im Milieu der mediterranen sephardischen Juden. Nach der Heirat mit David werden die jungen Leute in die abgelegene jüdische Gemeinde Monieux geschickt, um sich dort vor den christlichen Häschern zu verstecken, die entlang der großen Wanderstraßen nach Vigdis zu suchen.

Ab hier kann Stefan Hertmans seine Erzählung nicht nur auf die historischen Fakten aus dem Empfehlungsschreiben stützen, sondern auch auf seine topografischen Detailkenntnisse der Landschaft der Vaucluse und des Dorfes, in dem sich heute noch Spuren der jüdischen Gemeinde des Mittelalters finden lassen. Hertmans’ Erzählerstimme lässt immer zwei Zeitebenen parallel laufen: die Lebensstationen Hamutals im Mittelalter und die aktuelle Gegenwart, in der der Erzähler auf ihren Spuren von Rouen bis Kairo reist, im Bemühen, die Kluft von tausend Jahren zugleich bewusst zu halten und durch historische Einfühlung zu überbrücken. Diese aktuelle Spurensuche von Marseille über Palermo nach Alexandria und nilaufwärts nach Kairo liest sich mangels historischer Dokumentation oft eher wie ein kulturgeschichtlich gebildeter Reiseführer. Hertmans verliert sich da manchmal in Seitenpfaden, etwa wenn er einen Besuch in der Kapuzinergruft von Palermo beschreibt, die zu Hamutals Zeiten noch gar nicht existierte.

Dennoch sorgt "Die Fremde" für bannende Lektüre, denn der Roman spiegelt unsere heutige Welt der Migranten, der Flüchtlinge und der Heiligen Kriege in der unsicheren, turbulenten Epoche des Abendlands vor tausend Jahren.

Stefan Hertmans: "Die Fremde",
Aus dem Niederländischen von Ira Wilhelm
Verlag Hanser Berlin, Berlin 2017,
304 Seiten, 22,00 Euro

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