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Lesart / Archiv | Beitrag vom 27.04.2018

Ştefan Agopian: "Handbuch der Zeiten"Wüste Mischung aus Barock, Surrealismus und Kinderbuch

Von Jörg Plath

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Buchcover Ştefan Agopian: Handbuch der Zeiten (Verbrecher Verlag / imago/Nature Picture Library)
Buchcover Ştefan Agopian: Handbuch der Zeiten (Verbrecher Verlag / imago/Nature Picture Library)

Sie schlafen in fauligem Wasser, verdingen sich als Spione und werden vom Riesenvogel Odysseus begleitet: Ioan und Zadic sind die beiden seltsamen Helden im "Handbuch der Zeiten", das mittlerweile als moderner Klassiker Rumäniens gilt.

Die zwei Helden dieses seltsamen Romans, die da heißen Ioan der Geograf und der Armenier Zadic, halten sich gern im Wasser auf, obwohl es eigentlich immer faulig ist. Sie schlafen auch darin, und der Armenier bringt es gar fertig, sich von einem "Tuch aus Entengrütze" bedecken zu lassen und dennoch vernehmlich zu schnarchen. Man schreibt das Jahr 1807, später 1801 und 1808. Die Moskowiter haben die Osmanen aus den rumänischen Landen verdrängt, und Ştefan Agopian, 1947 in Bukarest geboren, lässt Ioan den Geografen und den Armenier Zadic herumziehen in seinem ersten, von Eva Ruth Wemme knorrig-zeitlos ins Deutsche übersetzten Buch, dem wunderbar schrulligen, in Rumänien bereits als moderner Klassiker bezeichneten "Handbuch der Zeiten" aus dem Jahr 1984. Die zwei Helden kämpfen ein wenig, dienen sich dem Bischof von Argeş als Diener und als Hund an, erzählen einander Geschichten und sprechen manch belebendem Tropfen zu.

Ein Mixtum compositum

Gesellschaft leisten ihnen der Riesenvogel Odysseus, der sprechende Rüde Magog, eine zierliche Stymphalide in einem Konservenglas, einige Engel, ein Kakodämon und manch ein Teufelchen. Ein Auge wird zu einem Mund oder einem napoleonischen Dreispitz. Die Welt ist plastisch, und alle Zeiten seit der Antike sind vertreten.

Langweilig wird einem nie in diesem Mixtum compositum aus wüstem Grimmelshausenschen Barock und Surrealismus, aus heiterem Kinderbuch und Antike, derbem Beckett und Postmoderne. Soll eine Kugel abgefeuert werden, fallen nicht nur die Vorbereitungen episch aus, das gefährliche Blei ist auch noch mit einem Zettel versehen: "Ergebt Euch, Ihr Feiglinge!" Die Liste der vom Armenier ausgeübten Berufe füllt eine ganze Seite, und auf "Fanariotengardist", also Soldat der Griechen, die für die Osmanen die rumänischen Ländereien verwalten, folgt "Bonbonpapierist". Wenn Ioan der Geograf einmal etwas Bedeutsames sagen will, folgen zwei Leerzeilen. Es ist Essig mit jedweder Bedeutung.

Ein Glück, dass das Buch unter Ceaușescu erscheinen konnte

Ioan der Geograf und der Armenier Zadic wohnten einmal in einem Fass, verfassten dortselbst eine Schrift über die Fauna rund um ihre Behausung und reichten sie der Akademie in "Engliterra" ein. Dass ihre Bemühungen um den Progress der Menschheit nicht hinreichend beachtet, geschweige denn honoriert worden sind, ist so unverständlich wie hilfreich, lassen sich doch die künftigen Tantiemen dem auf Bezahlung der Zeche drängenden Wirt überschreiben.

Neben der hehren Wissenschaft schält sich ein zweiter Komplex aus dem Dunst von Dusel, Trägheit und Verlust. Ein Spion erstellt eine Liste der feindlichen Untertanen seines Herrn: "Radu Gaba – sagte, es ist nicht gut. George Juruc – sagte, es lebe die Revolution. Ionita Suflutrece – sagte, mit den Türken war's besser. Serafim Mut – sagte was über das Kindergesetz. (…) Ioan Alexandrescu – sagte, er träumt schlecht." Was für ein staunenswertes Glück, dass diese launische Schmähschrift beinahe jedweden Sinns unter dem Conducator, dem "Genie der Karpaten", erscheinen konnte.

Ştefan Agopian: Handbuch der Zeiten
Aus dem Rumänischen von Eva Ruth Wemme
Verbrecher Verlag, Berlin 2018
100 Seiten, 18 Euro

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