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Im Gespräch | Beitrag vom 17.03.2020

Stasi-Unterlagenbeauftragter Roland Jahn"Grenzschließungen fühlen sich nicht gut an"

Moderation: Britta Bürger

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Roland Jahn, Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen, geht in einem Aktenraum der ehemaligen Stasi-Zentrale, Campus für Demokratie, zwischen Regalen. (picture alliance / dpa / Annette Riedl)
„Ich war weder Ostler noch Westler, ich war beides in einem“, erinnert sich Roland Jahn an die Zeit vor 30 Jahren. (picture alliance / dpa / Annette Riedl)

Mit Ketten gefesselt wurde Roland Jahn einst aus der DDR ausgebürgert. Den Mauerfall erlebte er als West-Journalist, seit neun Jahren leitet er die Stasi-Unterlagenbehörde. Ein Leben zwischen Ost und West, in dessen Verlauf er immer wieder aneckte.

Schlagbäume und geschlossene Grenzen, in diesen Tagen erleben wir Szenarien, die innerhalb der EU für vergessen schienen. Für Roland Jahn, bis zu seiner unfreiwilligen Ausweisung 1983 DDR-Bürger, ist das eine zwiespältige Situation.

"Die Frage der Grenzschließung ist einerseits nachvollziehbar", sagt er. "Auf der anderen Seite muss man sich fragen, in einem Europa, was eigentlich ein Europa der Regionen ist, ob Grenzschließungen ein Symbol sind, was gegenteilig wirkt. Das fühlt sich nicht gut an."

Volkskammerwahlen - Vollendung der friedlichen Revolution

Daher blickt Roland Jahn momentan gern zurück, erinnert sich an die Zeit vor 30 Jahren: Als die Grenzen in Europa immer durchlässiger wurden, die Menschen in der DDR am 18. März 1990 frei wählen durften.

"Das ist schon etwas gewesen, was noch einmal so einen Punkt setzte zur Vollendung der friedlichen Revolution", sagt er. Bei der ersten freien Volkskammerwahl in der Geschichte der DDR, war Roland Jahn als Journalist für die ARD unterwegs.

Der Sieg für die von Helmut Kohl unterstützte "Allianz für Deutschland" kam für den heutigen Bundesbeauftragten für Stasi-Unterlagen nicht überraschend: "Die letzten Wochen, die ich auch als Journalist unterwegs war, habe ich natürlich gemerkt, dass die Leute die deutsche Einheit wollen. Und natürlich war der Wahlkampf kein Wahlkampf der DDR, sondern es war ein Wahlkampf der Bundesrepublik Deutschland."

"Ich habe die deutsche Einheit gelebt"

Aber er möchte nicht falsch verstanden werden. Roland Jahn hatte großes Verständnis für die Sehnsucht der Ostdeutschen nach Wiedervereinigung, dass sie diese schnell wollten. Wenn einige ehemalige DDR-Oppositionelle von "Verrat" sprachen, konnte Roland Jahn das nicht verstehen - als jemand, der geboren im Jahr 1953 in der DDR aufwuchs:

"Ich war von dieser DDR geprägt. Aber die Jahre in West-Berlin, haben mir auch die Augen geöffnet. Das hat dazu geführt, dass ich eigentlich schon die deutsche Einheit gelebt habe. Ich war weder Ostler noch Westler, ich war beides in einem."

Bis zur Ausweisung aus der DDR lebte Roland Jahn in seiner Geburtsstadt Jena. Seit den 1970er-Jahren war er in verschiedenen oppositionellen Gruppen aktiv, wurde exmatrikuliert, wegen "öffentlicher Herabwürdigung der staatlichen Ordnung" verhaftet.

Gegen eigenen Willen in die BRD abgeschoben

Roland Jahn hatte die polnische Nationalfahne mit der Aufschrift: "Solidarität mit dem polnischen Volk" an sein Fahrrad angebracht. Nach Protesten wurde er vorzeitig entlassen, bald darauf, gegen seinen Willen, in die Bundesrepublik abgeschoben.

Probleme hatte Roland Jahn nicht nur mit dem Arbeiter- und Bauernstaat, sondern auch mit den Eltern. Mutter und Vater hätten versucht unpolitisch zu sein.

"Meine Eltern waren gezeichnet durch die Nazizeit", erzählt er. "Das hat unsere Familie geprägt, diese deutsche Vergangenheit. Es gab den Versuch, das kleine Glück in der Familie zu finden, ohne die Staatspartei SED. Ich habe Eltern erlebt, die mir auf den Weg gaben, dass ich den Widersprich nicht zu sehr raushängen lassen sollte."

Der Vater forschte als Konstrukteur bei Carl Zeiss Jena, baute den gleichnamigen Fußballverein auf, war dort Ehrenmitglied. Die Inhaftierung des Sohnes, blieb auch für ihn nicht folgenlos.

"Fühle mich bis heute mitschuldig"

"Was mich am meisten beschäftigt, ist bis heute, dass man meinem Vater sein Lebenswerk genommen hatte", sagt Roland Jahn. "Dass man mit der Erklärung seines Sohnes zum Staatsfeind, ihn aller Funktionen entbunden hat, dass man ihn in der Gesellschaft nicht mehr geachtet hat. Das hat ihn tief getroffen. Und ich fühle mich bis heute sogar mitschuldig. Aber eigentlich haben die SED und die Staatssicherheit die Schuld. Aber ich werde die Schuld von meinen Schultern nicht los."

Anderen dagegen kann Roland Jahn heute verzeihen, sie verstehen. Etwa frühere Kommilitonen, die für seine Exmatrikulation stimmten. Durch die Stasiakten weiß er: "Ich sehe, dass das Zwangssituationen waren. In dieser Hinsicht habe ich manchmal gedacht, wie hättest du entscheiden, wenn du an ihrer Stelle gewesen wärst. Und das ist das was ich meine, es geht um Aufklärung, nicht um Abrechnung."

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