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Filme der Woche / Archiv | Beitrag vom 13.09.2006

Stasi-Traumata und duftiges Bildwerk

"Jeder schweigt von etwas anderem" und "Das Parfum"

Vorgestellt von Hannelore Heider

Filmszene aus "Jeder schweigt von etwas anderem" (GMfilms)
Filmszene aus "Jeder schweigt von etwas anderem" (GMfilms)

Wie die Stasi Familien auseinander gerissen hat und das Trauma der Gefangenschaft und Trennung in den Familien noch heute nachwirkt, zeigt der Film "Jeder schweigt von etwas anderem" exemplarisch an drei Beispielen. "Das Parfum" ist die Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers von Patrick Süskind. Doch während der Roman mit dem Versuch, Düfte literarisch nachzubilden, faszinierte, findet der Film keine geeigneten Bilder und langweilt zum Schluss.

"Jeder schweigt von etwas anderem"
Deutschland 2006, Regie: Marc Bauder, Dörte Franke; Kamera Börres Weiffenbach

Die Dokumentation hat einen neuen Fokus gefunden, um über das alte Thema - die Repression des DDR-Staatssicherheitsdienstes - zu berichten. Sie erzählt konkret und berührend drei tragische Familiengeschichten. Exemplarisch stehen sie sicher für die Schicksale von geschätzten 200 - 250.000 politischen Gefangenen und ihrer Familien in der DDR. Großeltern, Eltern und Kinder äußern sich vor der Kamera, ohne dass Fragen oder Kommentare der Filmemacher eingearbeitet sind. Wir erleben sie in ihrem Alltag und wie Familiengeschichten so sind, läuft nichts geordnet und chronologisch ab. Immer wieder springt der Film zwischen verschiedenen Orten von Berlin und Süddeutschland. Die Trennung besorgen Dokumentarsplitter von der Arbeit in der Stasizentrale heute.

Dabei scheint sich das eigentliche Thema erst während der Dreharbeiten herauskristallisiert zu haben. Denn dieses "Jeder schweigt von etwas anderem" ist der interessante Kern: Familien, die dieses Schicksal ereilte, haben das Trauma bis heute nicht verwunden. Die Eltern (Tine und Mathias Storck, Anne Gollin, Utz Rachowski, alle im Alter von Mitte Zwanzig verhaftet, zu zwei bis drei Jahren Haft verurteilt und damit von ihren Kindern getrennt) können nicht so über ihre Erlebnisse reden, wie die Kinder es doch gewünscht hätten und die Kinder haben sich nicht wirklich getraut zu fragen.

Schuldbewusstsein und Hilflosigkeit auf beiden Seiten prägen die Familien bis heute. Tragisch auch das Schicksal der Alten, der Großeltern, die zum Teil die Kinder aufgezogen haben, die Ruhe finden wollen und es doch nicht können.

Ruhe oder Verzeihen gibt es auch nicht bei den Opfern von Stasiwillkür und Repressionen. Sie können nicht vergessen und machen es damit ihren Kindern, die z.T. auch erst danach geboren wurden, schwer, ein "normales Leben" zu führen. Das sind die interessantesten Passagen des Filmes, der ansonsten keine "gute Geschichte" weggeworfen hat und die Zeit im Stasiknast noch einmal aufleben lässt. Den Opfern wird Raum gegeben, ihre Verbitterung und Enttäuschung über das Vergessen der Anderen zu artikulieren.

Das Parfum (ACHTUNG! NUR IM ZUSAMMENHANG MIT DEM FILMSTART)"Das Parfum - die Geschichte eines Mörders"
Deutschland 2006, Regie: Tom Tykwer; Darsteller: Ben Whishaw, Dustin Hoffman, Alan Rickman, Rachel Hurd Wood

Tom Tykwers Verfilmung von Patrick Süskinds 1985 erschienenem Bestseller funktioniert in der ersten Hälfte als bildgewaltiges Historiendrama, dem Otto Sander als Erzählstimme (zu lang und zu oft) unterlegt ist. Mit ungeheurem Aufwand und musikalischem Pomp wird das düstere Bild des Paris Mitte des 18. Jahrhundert gemalt, in dem Jean-Baptiste Grenouille als Waisenkind und Gehilfe eines Gerbers ums Überleben kämpft.

Stumm, aber mit der unheimlichen Gabe gesegnet, jeden Geruch der Welt zu wittern und in seine kleinsten Einzelteile zu zerlegen, verfällt er in einer flüchtigen Begegnung einem jungen Mädchen, das er tötet. Dieser unerklärliche Akt wird sich wiederholen, es ist immer derselbe Typ Frau und es ist immer dieselbe Besessenheit - den Duft dieser Frauen zu konservieren. Ist der Zuschauer von diesem ersten barbarischen Akt noch fasziniert, gelingt es dem Film nicht, der Wiederholung zu entgehen, und zwar dramatisch wie bildkünstlerisch.

Für das große Initialerlebnis in der Höhle auf dem Weg nach Grasse, nach dem Weggang des Mörders aus Paris, findet der Film ebenso wenig schlüssige Bilder wie Raum für viele seiner Nebengestalten, die blass bleiben, während die sinnlichen und materiellen Werkzeuge für Grenouilles Tun, die Nase oder die Gerätschaft für das Schlachten der Frauen und die Gewinnung des ultimativen Parfums, in prächtigen Großaufnahmen gezeigt werden.

Gnade erfahren nur die beiden Weltstars in diesem Werk, Dustin Hoffman und Alan Rickman, die in verschiedenen Lebensstationen entscheidend für das Schicksal des Helden werden. Episodisch geht der Film auf sein Finale zu, das Schicksal des Helden ist bekannt, die Schicksale der Frauen interessieren schon nicht mehr.

Die Seele des von Newcomer Ben Whishaw gespielten Grenouille wird in dieser an Abbildungen reichen, an aufregenden Höhepunkten armen Verfilmung nicht entschlüsselt, es gibt keine Fragen, vor die der Zuschauer gestellt wird. Letztlich bleibt nur die Ausmalung des Monströsen, die sich durch ständige Wiederholung abnutzt. Am Ende gelingt es dem Film doch tatsächlich, einfach nur zu langweilen.

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