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Interview | Beitrag vom 09.01.2020

Stasi-Geschichte als KartenspielAkten schreddern um die Wette

Martin Thiele-Schwez im Gespräch mit Axel Rahmlow

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Illustration des neuen Kartenspiels »Stasi raus, es ist aus!« (DDR Museum)
Protestierende DDR-Bürger vor der Stasi-Zentrale: Sie gewinnen in dem Kartenspiel "Stasi raus, es ist aus!" immer. (DDR Museum)

30 Jahre nach dem Ende der DDR werden Jugendliche in einem Kartenspiel zu Stasi-Mitarbeitern. Sie sollen dabei möglichst viele Akten vernichten - ehe die Zentrale gestürmt wird. Ein legitimer Rollenwechsel, sagt Entwickler Martin Thiele-Schwez.

Der Begriff "Stasi" ist nahezu ein Synonym für die Diktatur der DDR geworden – für Willkür und Unrecht, für systematische Überwachung und Erpressung der eigenen Bevölkerung. Für viele Opfer aber auch Täter ist sie noch immer beklemmender Teil der eigenen Biografie.

30 Jahre nach dem Ende der DDR soll die Geschichte der Stasi nun einem jüngeren Publikum auf spielerische Weise nahegebracht werden: Durch ein Kartenspiel, das "Stasi raus, es ist aus!" heißt und in Zusammenarbeit mit dem Stasi-Unterlagen-Archiv (BStU) und dem DDR-Museum entwickelt wurde.

Hintergrund des Spiels sind die letzten Tage der Stasi und ihre Auflösung im Jahr 1990. Das Ziel: Als Stasi-Mitarbeiter so viele Unterlagen wie möglich schreddern, bevor die Zentrale von DDR-Bürgerinnen und Bürgern gestürmt wird.

Ein Beginn wie in einem Computerspiel

Das Spiel erkläre sich mit den ersten Karten von selbst, sagt Martin Thiele-Schwez, einer der beiden Entwickler des Spiels. Wie bei dem Tutorial eines Computerspiels habe man versucht, ohne großes Begleitheft die Spielregeln zu vermitteln.

Illustration eines Stasi-Ausweises für das Kartenspiel »Stasi raus, es ist aus!«. (DDR Museum)Ein Spielerprofil in dem Kartenspiel "Stasi raus, es ist aus!" (DDR Museum)

Man stünde in dem Spiel ständig vor der Wahl, weiter Akten zu vernichten, oder die demonstrierenden Bürger vor der Zentrale abzulenken. Der Druck werde im Lauf des Spiels immer größer. In einem spielerischen Kontext halte er diesen Perspektivwechsel durchaus für legitim, sagt Thiele-Schwez. Niemand müsse deshalb in der realen Welt einen Geheimdienst wie die Stasi gut finden.

Schülerinnen und Schüler seien häufig in der zwölften Klasse zum ersten Mal mit dieser Geschichte konfrontiert. Es sei bereits ein Gewinn, wenn diese Jugendlichen am Ende des Tages gelernt hätten, dass es diesen mächtigen Geheimdienst gegeben habe, sagt Thiele-Schwez: "Die Spielerinnen und Spieler lernen die Bürgerrechtler kennen. Sie lernen kennen, was alles dokumentiert wurde, lernen die Methoden kennen, mit denen etwas entsorgt wurde, und lernen natürlich auch die Gründe, warum das alles passiert ist."

Am Ende gewinnen immer die Bürger

Das Stasi-Unterlagen-Archiv hat ein zusätzliches Begleitheft mit Hintergrundinfos herausgegeben. Lehrerinnen und Lehrer können es verwenden, um das Thema im Unterricht zu vertiefen. Es ist aber nicht nur für den Einsatz im Schulunterricht nützlich.

Am Ende des Spiels verliere immer die Stasi, sagt Thiele-Schwez: "Es gibt eine kollektive Niederlagebedingung. Aber es gibt die individuelle Siegbedingung. Denn derjenige, der quasi seinen Job als Stasi-Mitarbeiter am besten gemacht hat, der hat am Ende die meisten Punkte. Doch trotzdem – mitgehangen, mitgefangen – verlieren wir alle, und die Bürger sind immer auf der Gewinnerseite."

(sed)

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