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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 06.02.2010

Stars, Sternchen und Skandale

60 Jahre Berlinale

Gäste: Michael Verhoeven, Regisseur und Hans Ulrich Pönack, Filmkritiker

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Der Gläserne Bär, je einer geht als Hauptpreis der Wettbewerbe Generation Kplus und Generation 14plus an den Besten Spielfilm und den Besten Kurzfilm. (Internationale Filmfestspiele Berlin)
Der Gläserne Bär, je einer geht als Hauptpreis der Wettbewerbe Generation Kplus und Generation 14plus an den Besten Spielfilm und den Besten Kurzfilm. (Internationale Filmfestspiele Berlin)

Nach Cannes gehören sie zu den wichtigsten Filmfestivals der Welt: Die "Internationalen Filmfestspiele" in Berlin. In diesem Jahr wird besonders gefeiert: Die "Berlinale" (vom 11.02 bis 21.02.2010) wird 60 Jahre alt.

Ein Mann, der die Entwicklung des Festivals seit den 50er-Jahren aufmerksam verfolgt, ist der Deutschlandradio-Filmkritiker Hans Ulrich Pönack.

Dem 1946 geborenen Berliner ist die Filmleidenschaft geradezu in die Wiege gelegt: Seine Mutter war Platzanweiserin in einem Berliner Kino, wann immer der Pimpf Pönack konnte, saß er beim Filmvorführer und staunte, "in den 50er-Jahren habe ich jeden Film gesehen."

Seine ersten "Berlinale"-Erinnerungen:

"Bei Papa an der Hand vor der 'Filmbühne Wien': Gary Cooper und Maria Schell. Sie gaben Autogramme, aber ich habe nix gesehen ... Es waren die 50er-Jahre, es gab noch keinen Polizeischutz, keine Sperren, auf dem Flughafen Tempelhof durfte man noch auf das Rollfeld."

60 Jahre "Berlinale" ist für ihn nicht nur ein Blick auf sechs Jahrzehnte Festivalgeschichte. 1951 gegründet war die "Berlinale" auch Teil des Kalten Krieges:

"Westberlin war eine verkannte Stadt, eine Insel, ein Entwicklungsland. Deshalb wurde sie von Alfred Bauer entwickelt, um einen Glanzpunkt zu setzen, aber auch, um in erster Linie amerikanische Filme abzusetzen. Es gab noch keine Mauer, die Leute aus dem Osten kamen rüber, um die Stars in der Waldbühne zu sehen."

60 Jahre "Berlinale" heißt aber nicht nur roter Teppich, Stars und Sternchen – sie lieferte auch nachhaltige Skandale. Den folgenreichsten verursachte 1970 der Film eines damals noch jungen und unbekannten Regisseurs: Michael Verhoeven. Sein Film "O.K" erzählt die wahre Geschichte eines vietnamesischen Mädchens, das von US-Soldaten vergewaltigt und anschließend ermordet wurde.

Nach der Vorführung entbrannten heftige Debatten, die Jury wollte den Film nachträglich aus dem Wettbewerb nehmen, das Kino "Zoopalast" wurde besetzt. Letztlich löste sich die Jury auf, es gab – erstmals in der Festivalgeschichte – weder den Goldenen noch den Silbernen Bären.

Aus diesem Krach entstand eine der interessantesten Sektionen der "Berlinale": Das "Internationale Forum des Jungen Films". Hier konnten auch junge, progressive, unangepasste Filme gezeigt werden.

Dies ist wiederum ganz nach dem Geschmack des heute international angesehenen Michael Verhoeven. Er erinnert sich noch immer mit Befremden an den "O.K"-Skandal: "Das war mir nicht klar. In der Vorführung, in der ich anwesend war, wurde ich auch bejubelt." Umso heftiger traf ihn anschließend die Ablehnung. "Ich wurde von wildfremden Menschen angepöbelt, ja bespuckt."

Verhoeven, der mit Filmen wie "Die weiße Rose" oder "Das schreckliche Mädchen" auch international Erfolge hatte, schätzt dennoch die Atmosphäre solcher Filmfestivals:

"Es ist natürlich ein Festival, das meinen Beruf umkreist und fokussiert und es ist das Wichtigste – obwohl alle nach Cannes gucken. Ich habe aber auch eine persönliche Verbindung: In diesem Jahr sitze ich in einer Jury, die mir besonders gut gefällt. Es geht um junge Filmemacher. Den Mut zu etwas Besonderem trauen sich doch nur wenige, etwas – jenseits des Wettbewerbs – selber zu machen. Das erinnert mich sehr an meine Anfänge, obwohl es zu meiner Zeit ja noch keine Filmhochschulen gab."

Auch, um solchen unbekannten Filmen, aber auch generell deutschen und europäischen Produktionen ein Forum zu geben, hat Michael Verhoeven 1992 das kleine Kino "Toni" im Berliner Bezirk Weißensee gekauft.

"Ich hatte das Gefühl, die Kinos sind mehr oder weniger in amerikanischer Hand. Sei es, dass sie amerikanischen Multis gehören oder dass sie amerikanische Filme via amerikanischen Verleih einkaufen. Diese Übermacht des amerikanischen Films gab es immer schon, und ich habe mir gedacht, wenn ich selber ein Kino habe, spiele ich europäische Filme."

In diesem Jubiläumsjahr wird auch das kleine "Toni" einen Hauch "Berlinale" versprühen – es ist Teil der Sektion "Berlinale goes Kiez".

"Stars, Sternchen und Skandale – 60 Jahre Berlinale" - Darüber diskutiert Gisela Steinhauer heute von 9 Uhr 05 bis 11 Uhr gemeinsam mit Hans-Ulrich Pönack und Michael Verhoeven. Hörerinnen und Hörer können sich beteiligen unter der kostenlosen Telefonnummer 00800 / 2254 2254 oder per E-Mail unter gespraech@dradio.de.

Informationen im Internet:
Über die Berlinale

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