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Feiertag - Kirchensendung / Archiv | Beitrag vom 08.06.2008

Starke Frauen - starke Laien

Heiligkreuztal

Von Pfarrer Paul Magino, Wendlingen am Neckar

Alte Klosteranlagen sind oft architektonische Zeugen eines reichen geistlichen Lebens vergangener Zeiten. Weit zurück liegen sie und die spirituellen Hochzeiten scheinen unwiederbringlich der Geschichte anzugehören. Das Kloster Heiligkreuztal in Oberschwaben ist ein hoffnungsvolles Beispiel, dass es nicht so sein muss. Hier hat sich eine neue geistliche Gemeinschaft angesiedelt und erfüllt die alten Mauer mit neuem Leben.

Mitten in Oberschwaben, links der Donau in der Nähe der ehemals schwäbisch-österreichischen Stadt Riedlingen abseits von modernen Verkehrswegen liegt Heiligkreuztal.

Eine große Klosteranlage hat sich dort seit dem 13 Jahrhundert entwickelt in einer leichten Senke über der Donau hin zur ansteigenden Schwäbischen Alb. Beherrschend die Kirche und die Konventsgebäude. Wirtschafts- und Verwaltungstrakt, eine Apotheke, ein Beichtigerhaus, eine große Mühle und eine langgezogene Klausurmauer mit Türmen und Toren sind im Laufe der Jahrzehnte entstanden.

Die Anlage folgt dem Klosterplan von St. Gallen aus dem Jahre 820. Die Mitte der Anlage bildet ein Viereck zusammengefügt aus der Kirche mit dem Haus für den Frauen- und Brüderchor im Norden und zweigeschossigen Flügeln für Wohn- und Gemeinschaftsräume im Süden, Westen und Osten. Im Innern empfängt den Besucher ein Kreuzgang mit einem Garten. Um Dieses lebens- und Glaubenszentrum herum sind die weiteren Gebäude und der Friedhof errichtet.

Heute noch kann man in Heiligkreuztal die klösterliche Lebensweise bestimmt vom Religiösen und mitten in der Welt ahnen und finden. Im nahe gelegenen Altheim lebte 1227 eine Gemeinschaft von Frauen, die Besitz erwarben im Wasserschapf. Sie besitzen eine Heiligkreuzreliquie und geben ihrem Land und dem entstehenden Kloster den neuen Namen Heiligkreuztal.

Eine kleine Gemeinschaft bildeten die Frauen anfangs. Zusammen mit der Äbtissin lebten neun Schwestern in Heiligkreuztal. Sie hatten sich inzwischen dem Zisterzienserorden angeschlossen und lebten unter der Begleitung und Aufsicht des Klosters Salem. Die Frauen führten ein Leben nach dem Evangelium, beteten gemeinsam und waren im Gebet verbunden mit anderen Gemeinschaften.

Der Bau und Weiterbau der Kirche und der gesamten Klosteranlage war über die Jahrhunderte auch ein geistliches Ereignis. Davon zeugen die zahlreichen Altäre, die Fresken und die großartigen Farbfenster. Aus dem Leben von Heiligen erzählen diese Fenster. Damit wird sichtbar gemacht, was der Heilige Bernhard in einer Ansprache zum Allerheiligenfest einmal so ausgedrückt hat:

"Die Erinnerung an den einzelnen heiligen sind wie einzelne Funken, wje wie helle, lodernde Fackeln, und entzünden die gläubigen herzen so, dass sie nach ihrem Anblick und nach ihrer Umarmung förmlich dürsten. Eilen wir zu denen, die unser erwarten, denn in unserer irdischen Gemeinschaft gibt es keine Sicherheit, keine Ruhe; und dennoch, wie schön, wie lieblich ist es schon da, wenn Brüder einträchtig beisammen wohnen (Ps 132,1). Das Gedächtnis der Heiligen lässt in uns die Sehnsucht entflammen, dass Christus wie ihnen, so auch uns als unser Leben erscheine."

Die größte Kostbarkeit der Kirche von Heiligkreuztal ist die Jesus-Johannes-Gruppe. Die Mystikerinnen haben diese Darstellung vor Augen gehabt und gebetet vor diesem Bild. In einer Antiphon heißt es: "Das ist Johannes, der beim Abendmahl an der Brust des Herrn geruht hat: seliger Apostel, dem die himmlischen Mysterien offenbar wurden."

Das Bildwerk ist sichtbares Zeichen der Frömmigkeit des Künstlers und der Ordensfrauen von Heiligkreuztal. Der frühere Abt des Klosters Beuron Ursmar Engelmann schreibt darüber:

"Jesus und Johannes sitzen dicht beieinander. Aufrecht die hohe Gestalt Jesu Christi, nur der Kopf ein wenig nach links zum kleineren Johannes geneigt. Dessen Kopf mit dem breiten jugendlich unberührten, weichen Antlitz und den nur leicht geöffneten Augen ruht vor der Brust, vor dem herzen des Meisters. Jesu großes stilles Antlitz steht mit ruhigem Blick über dem Jünger, die Linke umfasst dessen Schulter, die Rechte greift in die Hand des Johannes."

Das Zueinander von Jesus und Johannes ist für den Bildschnitzer die zeichenhafte Form, die das ganze Bildwerk durchzieht: im Raum um die beiden Köpfe, bei den ineinander gefügten Händen, wenn die Hand Jesu auf der linken Schulter des Jüngers liegt, der die linke Hand des Jüngers auf dem Knie zugeordnet ist. Nicht weniger deutlich ist das Formprinzip herausgearbeitet, wenn das Ineinandergreifen der Hände mit einer Wellenlinie unterstrichen ist, die über die Knie Jesu und des Johannes läuft.

Vor diesem Bildnis haben die Klosterfrauen von Heiligkreuztal gebetet, dort haben sie sich Kraft geholt für ihr Leben in Kloster und Welt. Sie haben das Land mitgeprägt und gestaltet. Sie haben Recht gesprochen in den Dörfern der Umgebung. Sie haben ausgestrahlt und das Evangelium Jesu Christi in die Welt getragen durch ihr Beispiel, ihr Beten und Arbeiten.

600 Jahre lang haben diese starken Frauen gewirkt, immer wieder bedroht durch Plünderungen und Not. Württemberg hat 1804 das Kloster infolge der Säkularisation mit Gewalt übernommen. 35 Klosterfrauen lebten damals noch im Kloster. Sie durften bis zu ihrem Lebensende dort verbleiben. Neue durften nicht aufgenommen werden.

Heiligkreuztal erlebte danach einen Niedergang. Die Kirche blieb für den Gottesdienst erhalten. Die klösterlichen Gebäude erfuhren unterschiedlichste Verwendung oder zerfielen. Doch Heiligkreuztal ging nicht unter.

Heiligkreuztal lebt weiter. Es ist wieder zu einem geistlichen Zentrum, zu einer Pilgerstätte, einem Bildungshaus geworden, erfüllt mit Leben zur Stärkung des Glaubens und des Auftrags der Christen in der Welt.

Die Stefanus- Gemeinschaft hat das darniederliegende Heiligkreuztal unter starker Hilfe der Diözese Rottenburg-Stuttgart am 5. Oktober 1972 vom Land Baden-Württemberg erworben. 1977 konnte der erste Bauabschnitt des ehemaligen Klosters und der heutigen Bildungsstätte der Stefanus- Gemeinschaft eingeweiht werden. Wie die Gründerinnen 700 Jahre zuvor haben die Männer und Frauen der Stefanus-Gemeinschaft erst die zentralen Gebäude des Klosters, die geistige Mitte renoviert und ihrer neuen Bestimmung zugeführt. Nach und nach wurden bis zum heutigen Tage Gebäude saniert, erneuert oder wiederaufgebaut.
Wer ist diese Stefanus-Geimeinschaft?
Die Stefanus-Gemeinschaft wurde von Alfred Lange (1910-1971) im Jahre 1948 als eine Bildungs- und Freundesgemeinschaft gegründet. Alfred Lange und seine Freunde gaben damit Antwort auf die Zeichen ihrer Zeit.
Junge Katholiken wollten sich in den unterschiedlichsten kirchlichen und politischen Gruppierungen aktiv für ihren Glauben einsetzen. Sie waren der Auffassung, dass es Aufgabe der Christen sei, Kirche und Welt mitzugestalten, für die Vermittlung christlicher Werte einzutreten und nicht alles wortlos hinzunehmen.
Fünfzehn Jahre vor dem Konzil entstand somit eine Gemeinschaft, die damals bereits manches von dem erkannte und zu verwirklichen versuchte, was später in den Dokumenten des Zweiten Vatikanums niedergeschrieben wurde.
Die Frauen und Männer der 120 Stefanuskreise, die es in Deutschland, Österreich, Liechtenstein und der Schweiz gibt, treffen sich ungefähr zehn Mal im Jahr, um sich anhand von Vorträgen, Diskussionen und gemeinsamen Gesprächen weiterzubilden und die Freundschaft untereinander zu pflegen. Das, was die Stefanusfreunde in Ihren Kreisen erlernen, erleben und erfahren, geben sie nach außen weiter und wenden es in den Verbänden , Organisationen und Gremien an, in denen sie vertreten sind, ob im politischen, sozialen oder kirchlichern Breich. Überall dort, wo es heute wichtig ist, christliche Werte zu vertreten und zu verteidigen, ist der Platz der Stefanusfreunde. Sie sind aufgefordert, aufzustehen, mitzureden, diese Welt als Geschöpfe Gottes verantwortungsvoll zu gestalten, im Staat die Rechte aller Menschen zur Geltung zu bringen, in der Kirche ihren Auftrag als "Gottes Volk auf dem Weg" wahrzunehmen.
Die Bildungsarbeit in der Stefanus-Gemeinschaft geschieht im Freundeskreis. Dies unterscheidet die Gemeinschaft grundlegend von anderen Bildungseinrichtungen. In der Stefanus-Gemeinschaft sind folgende Schwerpunkte wichtig:
Glauben.
Grundlage des Wirkens und Handelns der Stefanusfreunde ist der gelebte Glaube. Das Grundwissen und der eigene feste Standpunkt in Glaubensfragen sind daher vorrangige Bildungsziele für den Stefanusfreund. Dabei orientiert sisch die Gemeinschaft an der Lehre der Kirche.
Wissen
Wer Welt und Kirche aktiv mitgestalten will, muß sich informieren und weiterbilden. Nur das ständige Bemühen um die Erweiterung des eigenen Horizontes ermöglicht aktives Engagement in Welt und Kirche. Denn nur der, der Zusammenhänge durchschaut und versteht, wird angehört, wird ernstgenommen und kann etwas verändern.
Reden
Um etwas zu ändern, mitzugestalten und mitzureden, muß der Stefanusfreund hinausgehen zu den Menschen. Seine Überzeugung, sein Wissen und sein Glaube braucht die Sprache, um etwas bewirken zu können. In speziellen Rhetorikschulungen wird den Stefanusfreunden daher die Fähigkeit vermittelt, wirkungsvoll zu sprechen, zu argumentieren, zu diskutieren.
Freundschaft
Die Freundesidee, abgeleitet von der christlichen Bruderliebe, ist das tragende Element der Stefanus-Gemeinschaft. Wenn diese Freundschaft im Kreis grundgelegt ist, kann daraus Kraft, Begeisterung und Freude für den Dienst in der Welt wachsen und die Bildungsarbeit auf ein starkes Fundament aufgebaut werden.
In ihrem Leitbild fasst die Gemeinschaft ihren Auftrag zusammen:
Wer sind wir?
Wir sind eine Bildungs-Gemeinschaft von Christen. Unsere Gemeinschaft ist in der katholischen Kirche verwurzelt und für alle offen.
Unsere Patrone sind der Hl. Stefanus und der Hl. Klaus von Flüe. Orientiert an diesen Vorbildern leisten wir einen Beitrag zur Persönlichkeitsbildung: Wir ermutigen und befähigen Menschen, ihre Aufgaben verantwortungsvoll wahrzunehmen.
Damit dienen wir kirchlichen und außerkirchlichen Einrichtungen
Wodurch ist unsere Arbeit gekennzeichnet?
Wesentliche Merkmale ist die gelebte Freundschaft im
Verständnisvollen Nebeneinander
Vertrauensvollen Miteinander
Helfenden Füreinander
Sie wird vertieft
in den Stefanuskreisen
in der Bildungsstätte Kloster Heiligkreuztal
im Bildungshaus St. Stefanus in Karres
und überall dort, wo sich Stefanusfreunde treffen.

Heiligkreuztal war ein Ort starker Frauen und ist heute ein Ort starker Laien.


Die redaktionelle und inhaltliche Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Pfarrer Lutz Nehk, katholischer Senderbeauftragter Deutschlandradio Kultur.

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