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Lesart / Archiv | Beitrag vom 30.03.2014

StalinismusKurz und kritisch

Zur Unterwerfung der indigenen Stämme durch die Sowjets

Von Vera Block

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Kamele traben auf einem ausgetrockneten Flussbett außerhalb von Aralsk in Kasachstan. (AP)
Kamele traben auf einem ausgetrockneten Flussbett außerhalb von Aralsk in Kasachstan. (AP)

Stalins Terror fielen Millionen Menschen zum Opfer - unter ihnen auch Hunderttausende von Nomaden, die die südlichen Regionen des russischen Reiches bevölkerten. Die Sowjets trieben sie in eine der schlimmsten Hungerkatastrophen des 20. Jahrhunderts.

Sowjetisierung durch Hunger – so unverblümt bringt Robert Kindler das Thema seines Buches über die Sesshaftmachung kasachischer Nomaden in den 1920er bis 30er-Jahren auf den Punkt. Es war eines der ersten großen Projekte des jungen sowjetischen Staates – die indigenen Völker in den südlichen Grenzregionen des großrussischen Reiches, die seit jeher mit riesigen Viehherden durch die Steppen zogen, in das neu geordnete Machtsystem einzugliedern. Durch Aufklärungsarbeit und Kollektivierungsmaßnahmen sollten Stämme und Klans in ortsgebundenen Kolchosen organisiert und somit der sowjetischen Kontrolle unterworfen werden.

Aus diesem kühnen Plan entwickelte sich eine der schlimmsten Hungerkatastrophen des 20. Jahrhunderts mit eineinhalb Millionen Toten innerhalb von zwei Jahren.

Der Osteuropa-Historiker Robert Kindler schildert penibel, mit welchen Mechanismen die jahrhundertealten Stammesstrukturen auseinandergebrochen wurden. Er fördert bislang unzugängliche Dokumente aus russischen und kasachischen Archiven zutage und durchforstet die Korrespondenz zwischen Parteifunktionären und der lokalen bolschewistischen Exekutive.

Das kleinmaschige Erzählnetz lässt ein plastisches Bild der Ereignisse entstehen. Dabei vertritt Kindler die Meinung, die Bolschewiki hätten aus dem Glauben an die Kraft der Krise gehandelt und zettelten deswegen immer neue Konflikte an.

So wird das Buch über Hungersnot und Zerstörung des Nomadentums in Kasachstan zu einem Dossier über die Mittel und Wege zur Herrschaftserlangung. Dem Hunger fällt dabei die Rolle einer jedermann verfügbaren Handlungsoption zu, um eine bestimmte Ordnung durchzusetzen. Eine mahnende These, die weit über die Ereignisse in Kasachstan vor rund hundert Jahren hinaus ihren Schatten wirft.

Robert Kindler: Stalins Nomaden. Herrschaft und Hunger in Kasachstan
Hamburger Edition, Hamburg 2014
381 Seiten, 28,00 Euro

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