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Buchtipp / Archiv | Beitrag vom 29.01.2006

Städtische Verunsicherungen

Wie mit der Sorge um Sicherheit Politik gemacht wird

Vorgestellt von Reinhard Kreissl

Überwachungskamera (Stock.XCHNG / andrew parker)
Überwachungskamera (Stock.XCHNG / andrew parker)

Einerseits sind Städte Orte großer Freiheit, wo verschiedene Kulturen und Lebensweisen ihr Auskommen miteinander suchen. Andererseits suggerieren sie ein Gefühl von Angst und Unsicherheit. Wie dieses diffuse Angstempfinden benutzt wird, um den Lebensraum Stadt flächendeckend zu überwachen, stellt der Sammelband "Diskurs - Stadt - Kriminalität" heraus.

Städte waren in der kulturellen Ikonographie traditionell schillernde Orte. Stadtluft macht frei, heißt es. Andererseits blühen im Sumpf der Städte Laster, Verbrechen und Seuchen. Hier vermischt sich, was eigentlich getrennt bleiben sollte. Im Bild der Stadt vereinigen sich die vielfältigen Facetten der bürgerlichen Freiheit.

In jüngster Zeit kommt mit der Debatte über unsichere Städte eine neue Variation dieser alten Thematik hinzu. Auch hier findet sich die Janusköpfigkeit von Freiheit und Überwachung, Kriminalität und Kontrolle, Gefahr und reizvollem Risiko.

"Die Diskussion um mögliche Gefährdungen im öffentlichen Stadtraum ist untrennbar verkettet mit unserem gesellschaftlichen Bild von Stadt. Nicht nur in Deutschland gilt die Stadt seit dem Niedergang des Absolutismus und Feudalismus als Ort des kulturellen Verfalls, der Krankheit, der Künstlichkeit und der Kriminalität."

Die neun Beiträge in dem Sammelband "Diskurs, Stadt, Kriminalität" nehmen diesen Fragenkomplex städtischer Verunsicherung auf und beleuchten ihn aus der Perspektive von Stadtforschung und Krimininalgeographie. Dabei geht es um hochabstrakte Fragen nach der diskursiven Konstruktion von Unsicherheit im öffentlichen und politischen Reden über die kriminelle Bedrohung des städtischen Raums ebenso wie um die handfeste empirische Erforschung der subjektiv empfundenen Unsicherheit in verschiedenen öffentlichen Räumen.

Manche der Beiträge sind voraussetzungsvoll und greifen Debatten auf, die wohl nur einen eingeschränkten Kreis von einschlägigen Experten tangieren. Andere Aufsätze zeigen, dass ein kritischer Blick des interessierten und informierten Bürgers die Verhältnisse zurechtrücken kann. Welche Interessen befeuern den städtischen Unsicherheitsdiskurs, welche Akteure kochen hier ihre Süppchen und wie groß ist die Gefährdung des öffentlichen Raums wirklich? Auf Fragen dieser Art geben die Beiträge informiert und umfassend Aufschluss.

"Wenn eine Standortpolitik, die mittels Sozialabbaus und Lohnkürzung betrieben wird, ein immer größer werdendes 'Invalidenhaus der aktiven Arbeiterarmee' produziert, dessen Insassen in den Ghettos der Ausgeschlossenen so lange vor sich hin vegetieren können, wie sie den Gang der Geschäfte nicht stören, dann sind räumliche Kontrollmaßnahmen samt ihrer Legitimationsideologien adäquate Umgehensweisen."

Die Debatte über Unsicherheit im öffentlichen Raum folgt einer eigentümlich selbstbezüglichen Logik. Wenn sich in der Bevölkerung die Meinung verbreitet, dass bestimmte Orte gefährlich sind, dann wird sich das Nutzungsverhalten ändern und diese Orte werden irgendwann verlassen und möglicherweise auch gefährlich wirken.

Eine alte Weisheit der Soziologie lässt sich an der Debatte über Sicherheit im öffentlichen Raum demonstrieren. Wenn Menschen eine Situation als real definieren, dann wird sie in ihren Konsequenzen reale Wirkungen entfalten. Auf Schritt und Tritt begegnet man in der Debatte über Unsicherheit im öffentlichen Raum solchen selbsterfüllenden Prophezeiungen.

Ihre besondere Kontur gewinnt die Debatte über Stadt und Unsicherheit vor dem Hintergrund epochaler gesellschaftlicher Wandlungen, die mit dem Begriff Neoliberalismus nur unzutreffend beschrieben sind. Die neuen Koalitionen aus privaten Sicherheitsdiensten und staatlichen Ordnungsbehörden, die neuen Technologien des Regierens und der Überwachung in der Risikogesellschaft und die damit einhergehende Transformation des öffentlichen Raums werden in den Beiträgen ausführlich analysiert.

Cover "Diskurs - Stadt - Kriminalität" (Transcript Verlag)Cover "Diskurs - Stadt - Kriminalität" (Transcript Verlag)Der öffentliche Raum, wie wir ihn kennen, der immer auch ein politisch definierter Ort war, läuft Gefahr zu verschwinden. Eindringlich zeigt sich dies an den so genannten Shopping Malls, denen ein Beitrag in dem Band gewidmet ist. Kleinräumige Bürgerbeteiligung im demokratischen Gewand und großflächige Exklusion nicht konsumwilliger Bevölkerungsgruppen gehen in der neuen Stadtpolitik eigentümliche Koalitionen ein. Man motiviert die Bewohner, sich für Sauberkeit und Ordnung in ihrem Quartier zu engagieren und unter wohlwollender Anleitung der staatlichen Ordnungskräfte entsteht so ein schillerndes Regime, das zwischen bürgerschaftlichem Engagement und Blockwartmentalität oszilliert.

Die Beiträge des Bandes schärfen den Blick für Entwicklungen, die in Städten oft unmerklich vonstatten gehen. Er führt übertriebene Ängste auf ein realistisches Normalmaß zurück und alle Beiträge machen deutlich, dass die Sorge um die Sicherheit in der Stadt schnell zum trojanischen Pferd für ganz andere Politikziele werden kann.

Vorsicht ist also geboten, um nicht in eine Wagenburgmentalität zu verfallen und das wesentliche Element des städtischen Lebens - das zivilisierte Zusammentreffen von Fremden im öffentlichen Raum - vor einer paranoiden Überwachungs- und Sicherheitspolitik zu bewahren.

Denn auch die Stadt basiert auf der Voraussetzung, dass der Genuss von Freiheit immer nur möglich ist in Gesellschaft anderer, die ebenfalls diese Freiheit genießen. Eine zu stark auf Sicherheit hin angelegte Stadt aber wird zugleich auch dieses Element der Freiheit preisgeben.


Georg Glasze, Robert Pütz, Manfred Rolfes (Hrsg.): Diskurs - Stadt - Kriminalität
Städtische (Un-)sicherheiten aus der Perspektive von Stadtforschung und Kritischer Kriminalgeographie
Transcript Verlag, Bielefeld 2005

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