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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 10.09.2013

Städtereisen, die richtig Spaß machen

Miroslav Sasek: "Paris" und "London", Verlag Antje Kunstmann, München 2013, jeweils 64 Seiten

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Die Londoner City: Montags kommen die Angestellten mit Anzug und Melone, sonntags tragen sie bunte Pullis. (picture alliance / dpa / Andy Rain)
Die Londoner City: Montags kommen die Angestellten mit Anzug und Melone, sonntags tragen sie bunte Pullis. (picture alliance / dpa / Andy Rain)

Wenn es ein Reiseführer aus den 1950er-Jahren in die Neuauflage schafft, dann muss er schon richtig gut sein. Zeitlos gut. So wie die Bilderbuch-Klassiker über "Paris" und "London", die der Zeichner Miroslav Sasek vor sechs Jahrzehnten für Kinder schuf.

Auf der ersten Seite des London-Bandes prangt kein prächtiger Buckingham Palace. Auch kein grell erleuchteter Piccadilly Circus bei Nacht oder die echauffierten Redner im Hyde Park. Nein, der Architekt und Kinderbuchautor Miroslav Sasek beginnt seinen Bilderbuch-Reiseführer in die britische Hauptstadt mit einer Doppelseite, die er in ein Rechteck mit graubrauner Aquarellfarbe getaucht hat: "Ja, das ist London – im Nebel. Aber keine Angst, meist sieht die Stadt anders aus."

Ein typischer Sasek-Einstieg. Voller Witz und Ironie eröffnet der tschechische Künstler eine liebevoll-augenzwinkernde Perspektive auf die Stadt, der sein Band gewidmet ist. Im Paris-Reiseführer lernt man zunächst die Katzen Kiki, Josef und Rita kennen. Dann erst nimmt der Autor die Pariserinnen und Pariser unter die Lupe - etwa die in einen schwarzen Mantel gehüllte Frau mit übergroßem Baguette in der Hand: "Nein, das ist kein Knüppel, den diese brave Hausfrau nach Hause trägt. Es ist ein typisches Pariser Brot."

Die Bilderbücher "Paris" und "London" sind originalgetreue Kopien der Erstausgaben, die Miroslav Sasek im Jahr 1959 veröffentlicht hat. In seinen illustrierten Bänden lässt Sasek das jeweilige Reiseziel aus der Perspektive von Kinderaugen entstehen: In Paris erscheint der französische Straßenkünstler mit Baskenmütze und Pfeife im Mundwinkel, der gerade mit bunten Kreidestiften die Kathedrale "Notre-Dame" aufs Pflaster zeichnet, ganz nah – die berühmte Stahlkonstruktion des Eiffelturms ist dagegen so riesig, dass sie nicht auf eine Illustration passt. Die Turmspitze ist abgeschnitten und auf einem zweiten Bild zu sehen, wie eine Giraffe, die ihren langen Hals zwischen die Wolken steckt.

Die erfolgreiche Serie wuchs auf 18 Bände an

Saseks Konzept war Ende 1950er-Jahre derart erfolgreich, dass eine ganze Serie daraus entstand: Im Laufe seines Lebens hat er 18 Bände gezeichnet, darunter Reiseführer für Städte wie New York oder Hongkong, Länder wie Griechenland, Institutionen wie die Vereinten Nationen oder ferne Orte wie den Mond.

Miroslav Sasek ist ein Meister der "sprechenden Details", in seiner Städteporträt-Reihe rückt er neben den berühmten Sehenswürdigkeiten immer wieder kleine Entdeckungen in den Blick, mit denen er einen Ort treffend charakterisiert, ohne viel Worte zu verlieren: Wie etwa bei seiner Beschreibung der "City" von London anhand einer fünfköpfigen Gruppe von Geschäftsleuten. "So erscheinen sie am Montag", schreibt Sasek - die Herren tragen Anzug und Krawatte, Regenschirm und Handtasche, auf ihren Köpfen sitzen Melonen oder Zylinder, die Einheitskluft des Londoner Geschäftsviertels. "Und so sehen sie am Sonntag daheim aus", heißt es weiter - und die Fünfergruppe marschiert in gleicher Formation, jedoch in Jeans und Cordhosen, bunten Strickpullis und deutlich entspannteren Gesichtszügen durchs Bild.

Im Anhang finden heutige Leser Informationen, was sich seit der Erstausgabe alles verändert hat. Zum Beispiel dass die Londoner Hüte als Teil der Geschäftskleidung längst ausgedient haben: "Heutzutage sichtet man Melonen höchstens noch als ironisch getragenes Accessoire auf den Köpfen von Punks – oder berühmten Musikern wie Pete Doherty."

Bereits im letzten Jahr erschien im Kunstmann-Verlag eine Faksimile-Ausgabe von "München", nun folgen "Paris" und "London", für das kommende Programm ist "Rom" vorgesehen. Das ist mehr als erfreulich, immerhin waren diese Klassiker stilbildend für die Grafik Anfang der 1960er-Jahre. Saseks Erbe lässt sich bis heute aber auch noch in animierten Youtube-Videos bewundern: Wann immer einem solch schlaksige Figuren mit kantigen Gliedmaßen und humorvollen Details begegnen, grüßt der Altmeister im Geiste.

Rezensiert von Tabea Grzeszyk

Miroslav Sasek: Paris
Miroslav Sasek: London

Verlag Antje Kunstmann, München 2013
jeweils 64 Seiten, 16,95 Euro

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