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Interview / Archiv | Beitrag vom 09.05.2015

Städtebau"Qualität des Lebens entscheidet sich im Kiez"

Reiner Nagel im Gespräch mit Ute Welty

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Die Luftaufnahme zeigt Wohnhäuser am 21.05.2014 in Berlin. (picture-alliance / dpa / Ole Spata)
Die Luftaufnahme zeigt Wohnhäuser am 21.05.2014 in Berlin. (picture-alliance / dpa / Ole Spata)

Großstädte wachsen, ländliche Regionen verwaisen, die Bevölkerung schrumpft, das Klima ändert sich: Die Stadtentwicklung muss sich diesen Herausforderungen im Dialog mit den Bürgern stellen, sagt der Architekt Reiner Nagel.

Der Vorstandsvorsitzende der Bundesstiftung Baukultur, Reiner Nagel, sieht große Herausforderungen für Städteplaner und Architekten. Die aktuelle städtebauliche Entwicklung müsse Faktoren wie Bevölkerungsrückgang, die Alterung der Gesellschaft, die Anpassung an den Klimawandel, veränderte Mobilitätsbedürfnisse sowie die Themen Urbanität und ländliche Räume berücksichtigen, sagte Nagel im Deutschlandradio Kultur anlässlich des ersten deutschlandweiten Tages der Städtebauförderung.

Herausforderung demografische Veränderung

Angesichts der schrumpfenden Bevölkerungszahl gebe es zwar mit 40 Millionen Wohnungen in Deutschland grundsätzlich genügend Wohnungen, allerdings "an falschen Stellen", die nicht mehr nachgefragt seien. Auch die 240.000 Wohnungen, die neu errichtet werden, entstünden vorwiegend in Einfamilienhausgebieten, obwohl man sich bei einer realen Gegenrechnung von Mobilität und Wohnkosten, "damit keinen Gefallen tut", beklagte der Architekt und Stadtplaner.

Frühzeitige Bürgerbeteiligung mit offenem Visier

Angesichts von Konflikten um geplanten Wohnungsneubau in Großstädten plädierte Nagel für "frühzeitige Kommunikation mit offenem Visier." Auch wenn in Berlin die Bürger Neubauten auf dem Tempelhofer Feld verhindert hätten, zeigten Beispiele aus München oder Hamburg, wie wichtig Bürgerbeteiligung für die Akzeptanz sei: Im Projekt "Bayernkaserne" sei auf Anregung der Bürger im Ergebnis sogar dichter gebaut worden, auch in Hamburg seien durch Bürgerbeteiligung bei der Bebauung des Gebietes "Güterbahnhof Altona" gute Ergebnisse erzielt worden. "Wenn man in einer frühen Phase Null, schon vor den Planungen mit den Bürgern redet, dann wird man häufig auch auf Akzeptanz stoßen", erklärte Nagel, der vor seinem Eintritt in die Bundesstiftung unter anderem in der Geschäftsleitung der HafenCity Hamburg tätig war und zuletzt in Berlin Abteilungsleiter in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung für die Bereiche Stadtentwicklung, Stadt- und Freiraumplanung.

Lebensqualität entsteht im Kiez

Die optimale Stadt müsse ein Optimum von Nutzungen und sozialen Beziehungen bieten, sagte Nagel. Verwirklicht sehe er dies bereits vor allem in den Landeshauptstädten und sogenannten "Regiopolen" mit Einwohnerzahlen um die 500.000. Diese zählten aktuell als "Anziehungspunkte echten Lebens" zu den beliebtesten Wohnorten. Auch angesichts der im Alter wachsenden Bedürfnissen nach Kontakten im eigenen Viertel sei es Aufgabe der Stadtplanung, kleinen und mittelständischen Orten wieder neue Lebensqualität zu verleihen:"Die Qualität des Lebens entscheidet sich nicht in der Stadtgröße (..) sondern im Sozialraum, im Kiez."

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Das vollständige Interview im Wortlaut:

Ute Welty: Wie wollen wir leben? Wie sehen die Städte aus, in denen wir leben wollen. Darüber macht man sich Gedanken auf dem ersten Tag der Städtebauförderung. Der findet heute bundesweit statt und hat das Ziel, Bürgerbeteiligung zu stärken und kommunale Projekte der Städtebauförderung zu präsentieren. Der Aktionstag ist eine gemeinsame Initiative von Bund, Ländern, Deutschem Städtetag sowie Deutschem Städte und Gemeindebund. Und ein solcher Aktionstag ist natürlich auch Thema für den Vorstandsvorsitzenden der Bundesstiftung Baukultur, den Architekten und Stadtplaner Reiner Nagel. Guten Morgen, Herr Nagel!

Reiner Nagel: Guten Morgen, Frau Welty!

Welty: Wie plant man heutzutage überhaupt eine Stadt? Was sind die Rahmenbedingungen, denen sich ein Stadtplaner stellen muss?

Nagel: Das sind die allgemeinen Megatrends, die wir alle indirekt beachten. Das ist sozusagen der Wandel der Bevölkerungszahl, die Alterung der Bevölkerung, aber auch Einflüsse zum Beispiel des Klimas, die Anpassung an Klimawandel, demzufolge möglicherweise eine andere Mobilität. Das Thema Urbanisierung oder ländliche Räume spielt eine Rolle. Also man guckt zunächst mal vom Großen und geht dann ins Kleine, Feine.

Welty: Lassen Sie uns doch mal bei dem ersten Punkt bleiben, bei der Bevölkerung, die immer älter wird. Welche Bedürfnisse haben ältere Menschen an eine Stadt, die sich von jüngeren Menschen unterscheiden?

Nagel: Zunächst mal ganz ähnliche wie auch jüngere Menschen. Man versucht, seine Gewohnheiten so lange wir möglich beizubehalten. Das unterscheidet sich gar nicht grob. Das Phänomen ist ja, dass der Nah-Raum, also der Sozialraum für ältere Menschen bedeutender wird. Das heißt, die Arbeitsplatzmobilität ist nicht mehr so groß, das heißt, die Mobilität nimmt nicht ab, aber sie geht auf kleinere Wege. Fußwege werden wichtiger, die Versorgung im Quartier wird wichtiger, die Kontakte im Viertel werden wichtiger.

Welty: Das heißt, Sie müssen dann sozusagen mehrere kleine Städte planen?

Nagel: Ja, wir müssen Dörfer in der Stadt planen, Quartiere. Oder wir müssen auch den Lebensräumen, die gar nicht so sehr städtisch sind, die eher klein- und mittelstädtisch sind oder sogar ländlichen Räumen wieder neue Qualität verleihen.

Welty: Und welche Rolle spielt das Klima?

Nagel: Das Klima ist so, dass wir neben der Mitigation von CO2, also der energetischen Sanierung von Gebäuden auf jeden Fall das Thema der Anpassung haben. Also, wir werden wärmere Sommer kriegen, wir werden andere Regenereignisse kriegen, und demzufolge müssen wir unsere Städte daraufhin umbauen. Wir brauchen mehr Grünflächen, und zwar wohnungsnahe Grünflächen in der Stadt. Wir brauchen besser hellere Materialien als dunkle Häuser, und wir brauchen auch ein Stück weit eine ertüchtigte Infrastruktur, zum Beispiel Entwässerung der Stadt.

Welty: Brauchen wir auch mehr Überdachung?

Nagel: Nein, Überdachungen nicht, aber wir brauchen besseren Hochwasserschutz an Flüssen. Da gibt es ja auch zum Beispiel sehr, sehr gut bestückte Programme, übrigens fast so gut bestückt wie die Städtebauförderung, und da kann man auch Infrastrukturen qualitativ konditionieren. Das heißt, man kann versuchen, mit den Hochwasserschutzmaßnahmen gleichzeitig attraktive öffentliche Räume für die Menschen herzurichten.

Welty: Also eine Fülle von Anforderungen. Aber auf der einen Seite ist der Wohnraum ja knapp, vor allem in den großen Städten, und auf der anderen Seite läuft man immer wieder an leerstehenden Wohnungen und verlassenen Häusern vorbei. Wie kann man diesen Zwiespalt auflösen?

Nagel: Ja, das ist die große Herausforderung, denn wir werden ja als Bundesrepublik schrumpfen, wir werden in Europa auch schrumpfen. Das heißt, es gibt auch gar keinen Ausweg. Deutschland wird bis 2050 etwa 70 Millionen Einwohner, 73 Millionen Einwohner haben, wenn es gut läuft. Und da gibt es auch durch die hohe Fluktuation eigentlich keine Alternative. Es wird so kommen, dass wir schrumpfen. Das heißt, wir haben eigentlich jetzt schon genug Wohnungen, 40 Millionen Wohnungen in Deutschland, nur im Prinzip an falschen Stellen, die nicht mehr nachgefragt sind.

Welty: Blöd auch gelaufen, oder?

Nagel: Ja, blöd gelaufen. Es läuft immer noch blöd, weil wir immer noch überwiegend Wohnungen von den vielen genannten – in Deutschland werden im Moment wieder 240.000 Wohnungen errichtet, aber überwiegend in Einfamilienhausgebieten. Und wir glauben, wir bauen in die Städte, das machen wir auch, mehrgeschossige Häuser, aber es findet nach wie vor eine Entwicklung statt, dass Menschen das Einfamilienhaus in Siedlungen anstreben und demzufolge dort sehr viele Häuser entstehen.

Welty: Kann man den Menschen den Zahn ziehen, dass sozusagen das eigene Haus das Allerbeste ist?

Nagel: Ich glaube, der Wohnungswunsch ist einfach nachhaltig. Gucken Sie in die Wohnungsmagazine auch der Bausparkassen und der Lifestyle-Magazine. Es geht immer noch in die Richtung. Aber wenn man nachdenkt, wenn man Vollkostenrechnung macht von Mobilität und Wohnkosten. Wenn man seine Zeit mal rechnet – ich selber bin durch die Pendelei zwischen Berlin und Potsdam manchmal 20 Stunden in der Woche in der S-Bahn unterwegs –, dann weiß man, dass man sich damit im Prinzip keinen Gefallen tut. Also es lohnt sich, Wohnen und Arbeit möglichst nahe zusammenzulegen. Heißt aber auch, dass wir dringend nach Arbeit suchen müssen, die in Klein- und Mittelstädten oder sogar in ländlichen Räumen sozusagen eine Zukunftsperspektive aufmacht.

Welty: In Städten wie Berlin oder München muss gebaut werden, um der Wohnungsnot entgegenzuwirken. Wie wichtig ist dabei Bürgerbeteiligung?

Nagel: Sehr wichtig, weil die Qualität dessen, was wir jetzt brauchen, in integrierten Lagen, kann nur dann wirksam werden, wenn es auf Akzeptanz stößt. Es gibt zum Beispiel Synergien zwischen Lärmschutz, der erforderlich ist an großen Straßen, also Lärmschutzbebauung die Höfe schließt, und einem Verdichtungspotenzial. Und wenn man in einer frühen Phase null, sagen wir, also vor den Planungen schon mit Bürgern dazu redet, dann wird man häufig auf Akzeptanz stoßen.

Welty: In Berlin hat Bürgerbeteiligung dazu geführt, dass auf dem Tempelhofer Feld, also dem Gelände des ehemaligen Flughafens, nicht gebaut wurde. Das ist ein großes Areal, das vielen Menschen ein Zuhause hätte bieten können. Sehen Sie das nicht als Problem an, dass Bürger eben auch wichtige neue Bauten verhindern?

Nagel: Ja, es kann schon sein, dass solche Dinge schräg laufen und eine Desinformation auf beiden Seiten stattfindet. Aber das muss nicht so sein. In Hamburg beispielsweise ist  eine ähnliche Fläche, „Güterbahnhof Altona", durch eine frühzeitige Bürgerbeteiligung sehr qualifiziert entwickelt worden, die Synergie aus neuen Wohnbauflächen und Grünkorridoren für die Stadt. Oder in München: Das Bürgerbeteiligungsverfahren „Bayernkaserne" hat dazu geführt, dass die Bürger und nicht die Stadt gesagt haben, wir wollen sogar mehr Wohnungen da bauen, eine höhere Dichte, denn es soll hier urbaner sein, als ihr es plant.

Welty: Sind die Münchener oder die Hamburger klüger als die Berliner?

Nagel: Das will ich nicht sagen. Auf jeden Fall sind sie, was das betrifft, ein bisschen strukturierter aufgestellt. Denn beim Tempelhofer Feld ist aus meiner Sicht ja vieles durcheinander gegangen, und letztlich die Chance, die damit verbunden ist, nämlich auch das Kapitel Zukunft für neue Wohnformen aufzuschlagen, ist weder von der Bevölkerung anerkannt noch von der Politik richtig kommuniziert worden.

Welty: Das heißt im Umkehrschluss, es muss was passieren, damit ein solches Vorhaben, eine solche Bürgerbeteiligung gelingt?

Nagel: Man muss sehr frühzeitig und mit offenem Visier, also wirklich reaktionsfähig kommunizieren, informieren, dann letztlich einbinden und beteiligen. Und man muss ein Stück weit eine gemeinsame Verantwortung auch für die Zukunft dieser Stadtareale vermitteln. Das heißt, Perspektiven am Anfang aufzeigen, Szenarien, in welche Richtung wollen wir gehen. Und ich glaube, dann kriegt man doch ganz überwiegend diejenigen, die das für ihre Stadt als Gemeinwohl sehen, mitgenommen.

Welty: Bei all dem, was Sie bisher beschrieben haben – wie sieht für Sie die optimale Stadt aus? Können Sie Ansätze davon schon irgendwo in der Republik entdecken?

Nagel: Ja, natürlich, sehr viele. Die optimale Stadt – schwierig zu sagen. Sie muss immer sozusagen ein Optimum von Nutzungen und sozialen Beziehungen bieten. Das heißt, Menschen wollen unterschiedliche Nachbarschaften, sie wollen nicht in Ghettos leben, weder in Reichen- noch in Armenghettos. Und sie wollen auch in ihrem Quartier Infrastruktur haben, gemischte Angebote. Und wenn man das jetzt auf eine Stadtgröße bezieht, dann sind so die Landeshauptstädte oder die Regiopolen, sagt man, von 500.000 Einwohnern aktuell die beliebtesten Städte. Aber in größeren Städten wie Berlin sind ja auch die Bezirke mit auch dieser Größenordnung, etwa 400.000 Menschen, Anziehungspunkte auch dann des echten Lebens. Also die Qualität des Lebens entscheidet sich nicht in der Stadtgröße, weder groß noch klein, sondern im Sozialraum, im Kiez, wenn man so will.

Welty: Heute ist der erste Tag der Städtebauförderung. Dazu der Architekt und Stadtplaner Reiner Nagel. Ich danke fürs Interview!

Nagel: Ja, bitte. Tschüs, Frau Welty!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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