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Studio 9 | Beitrag vom 17.06.2016

Stadtspaziergang mit Krzysztof Mieszkowski"Das Theater ist für alle offen"

Moderation: Sabine Adler

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Krzysztof Mieszkowski, Direktor Theater Polskie, im Gespräch mit Sabine Adler (Deutschlandradio / Sabine Adler)
Krzysztof Mieszkowski, Direktor Theater Polskie, im Gespräch mit Sabine Adler (Deutschlandradio / Sabine Adler)

Das Theater Polskie in Breslau sieht von außen aus wie eine Burg, doch für Direktor Krzysztof Mieszkowski soll das Haus vor allem ein Ort der Kommunikation sein - wütender Proteste und dem Widerstand der Regierung in Warschau zum Trotz.

Theaterdirektor Krzysztof Mieszkowski ist Radfahrer, eine Leidenschaft, die der Direktor von Teatr Polskie mit immer mehr Breslauern teilt. Er stellt das Rad neben dem Haupteingang ab. Dort hängt noch das Plakat für Elfriede Jelineks Stück "Der Tod und das Mädchen".

Deutschlandradio Kultur: Herr Mieszkowski, Ihr Theater ist berühmt geworden, weil die neue Regierung von Beata Szydlo die Inszenierung von "Der Tod und das Mädchen" zensieren bzw. verbieten wollte wegen einer angeblich pornografischen Szene. Und die 14 Stunden-lange Inszenierung des National-Dramas von Adam Mickiewicz  "Die Totenfeier" war der Regierung auch nicht recht. Offenbar macht Ihr Theater immer etwas, was die Regierung falsch findet.

Mieszkowski: Die neue Regierung hat hier bei uns schnell ihr wahres Gesicht gezeigt. Und dabei hat sich herausgestellt, dass Piotr Glinski, der Vizepremierminister, der gleichzeitig Kultusminister ist, die Inszenierung bis dahin gar nicht gesehen hatte. Sie wollten also eine Art Präventionszensur, was Artikel 73 der polnischen Verfassung verletzt. Das macht ausgerechnet die Regierung, die übrigens jemand führt, der selbst keine politische Verantwortung trägt, also Jaroslaw Kaczynski. Das war der beste Beweis dafür, dass die Kultur für die polnischen Machthaber ein fremder Planet ist. Genauso das Stück 'Totenfeier'. Für die Regierung ein einziger Unfall. Jedes Stück, das von den herkömmlichen Klischees oder traditionellen Sichtweisen abweicht, das eine Grenzerfahrung ist, wird nicht verstanden von dieser Regierung und beunruhigt sie. Ich verstehe nicht, warum das fundamentalistisch eingestellte Publikum und die Regierung darauf so scharf reagiert haben.

Deutschlandradio Kultur: Wir stehen jetzt wo? Ist das jetzt die Rückseite des Theaters? Was sehen wir hier? Hier ist viel Graffiti …

Mieszkowski: Hier neben uns ist die Tischlereiwerkstatt. Aber diesen Platz hier lieben auch die Obdachlosen, hier ist es schön schattig und wenn sie an so heißen Tagen wie heute hier was trinken, dann sind die Temperaturen gut auszuhalten. Das ist ihre Form der Kommunikation mit dem Theater.

"Wir laden alle ein" 

Deutschlandradio Kultur: Also Sie vertreiben die Leute nicht?

Mieszkowski: Nein, nein. Ich lade sie ein, ich bitte sie herein. Aber ins Theater reinkommen möchten sie nicht. Als wir unlängst die Demonstrationen der Erzkatholiken hatten gegen das Jelinek-Stück und als die Rechtsradikalen hier demonstrierten, haben wir diese Leute auch hereingebeten. Wir laden alle ein. Rechtextremisten, Linksextremisten, Frauenaktivistinnen, Homosexuelle. Das Theater ist für alle offen.

Deutschlandradio Kultur: Ich würde jetzt gern weitergehen, zu dem Eingang bzw. den Eingängen, zu denen die Zuschauer geführt wurden als "Der Tod und das Mädchen" aufgeführt werden sollten und das Theater aber von den Demonstranten besetzt war.

Mieszkowski: Hier rechts haben wir den Eingang zu der Schlosserei. Der Leiter von der Werkstatt ist tiefgläubig und selbst überhaupt nicht mit den Inszenierungen an unserem Theater einverstanden. Hier ein paar Schritte weiter ist der Eingang zu unserer Marketing-Abteilung und über diesen Eingang ist das Publikum damals reingekommen. Unser Theater mag zwar aussehen wie eine Festung, ist aber keine. Sie sehen ja, die Umgebung hier um das Theater ist ja eher nüchtern. Dort eine Behörde, hier noch eine Bürogebäude. Ich finde es gut, dass wir konfrontiert werden mit Leuten, die unsere Stücke nicht akzeptieren. Auch wenn das manchmal hart ist. Glücklicherweise ist es noch nicht zum Blutvergießen gekommen und ich hoffe, dass das auch nie der Fall sein wird. Für die Demokratie ist es wichtig, dass sich Kunst und Theater an der politischen Debatte beteiligen.

"Das wird die polnische Demokratie auch noch schaffen" 

Mieszkowski: Unser Theater, vor dem wir jetzt stehen und die Straße hier, die Zapolska-Straße, ist ein sehr wichtiger Ort. Als wir das Stück 'Picknick auf Golgatha' inszeniert haben – darin wird der religiöse Fundamentalismus kritisiert - hat das in ganz Polen enorme Proteste hervorgerufen. Beim Theaterfest in Poznan hat der Festival-Direktor die Aufführung abgesagt, weil er so viele Drohungen bekommen hat und die Polizei nicht bereit war, die vielen angekündigten Demonstrationen zu schützen.

Hier auf diesem Platz vor dem Theater standen Kritiker, die dagegen protestierten und die anderen, die gekommen waren, um das Stück zu sehen. Die Gegner haben hier wunderbar ihre schönen religiösen Lieder gesungen. Es war ein richtiges religiöses Picknick. Wir stehen hier auf Beton, aber ich hätte lieber, dass wir hier Gras hätten wie vor der Volksbühne in Berlin, wo man sich hinsetzen, was trinken oder über eine Inszenierung reden kann. Aber die polnische Demokratie wird das auch noch schaffen.

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