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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 23.08.2016

Stadtsingechor zu Halle Ein 900 Jahre alter Knabenchor

Von Susanne Harmsen / Online-Text: uko

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Der Stadtsingechor unter der Leitung von Clemens Flämig (l.) auf dem Markt in Halle/Saale am 27. Mai 2016.   (picture alliance / Hendrik Schmidt)
Der Stadtsingechor Halle auf dem Marktplatz von Halle/Saale. (picture alliance / Hendrik Schmidt)

Neben den Leipziger Thomanern und dem Kreuzchor aus Dresden hat Ostdeutschland noch einen weiteren traditionsreichen Knabenchor: den Stadtsingechor aus Halle. In diesem Jahr feiert er sein 900-jähriges Bestehen.

Einer der ältesten Knabenchöre in Mitteldeutschland ist der Stadtsingechor in Halle an der Saale. Er feiert in diesem Jahr sein 900-jähriges Bestehen. Ursprünglich durch das Kloster Neuwerk gegründet, ist der Chor inzwischen keiner Gemeinde mehr zugeordnet, sondern wird von der Stadt getragen.

Die Tradition des Stadtsingechors sei den Hallensern lieb und teuer, sagt der parteilose Oberbürgermeister Bernd Wiegand. Mit 500.000 Euro pro Jahr wird der Chor gefördert, und das soll auch so bleiben: "Der Chor ist für die Stadt ein Aushängeschild und deshalb werden wir ihn weiter intensiv fördern."

NS-Zeit: Horst-Wessel-Lied statt Händel 

In seiner Geschichte ist der Stadtsingechor durch viele Umbrüche und schwierige Phasen gegangen: Durch politische Umwälzungen, aber auch durch Kriege, Belagerungen und Epidemien stand er immer wieder vor dem Aus.

Eine Statue von Georg Friedrich Händel in seiner Geburtsstaat Halle an der Saale. (imago/Westend61)Eine Statue von Georg Friedrich Händel in seiner Geburtsstaat Halle an der Saale. (imago/Westend61)

Unter der Herrschaft der Nationalsozialisten wurde das größtenteils geistliche Repertoire des Stadtsingechors eingeschränkt. So musste der Chor eine Liste mit Liedern, die er singen wollte, vorlegen und genehmigen lassen. "Das waren dann Volkslieder, aber auch patriotische Lieder, aber auch so etwas wie eben das Horst-Wessel-Lied, Deutschland-Lied usw.", sagt die Musikhistorikerin Cordula Timm-Hartmann. "Viele dieser Knabenchöre, also auch die Thomaner zum Beispiel, gehörten dann zur Hitler-Jugend, zur HJ, waren Teil dieser Veranstaltungen. Man bemühte sich, ein sogenannter Kulturchor zu werden. Wenn man das war, durfte man auch wieder mehr machen, was man wollte."

Das geistliche Liedgut lebt fort

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg stand der Stadtsingechor politisch unter Druck und musste 1959 praktisch von vorne anfangen. 80 Jungen zwischen neun und 18 Jahren umfasst der Stadtsingechor heute. Anders als ihre bekannteren Nachbarn, die Knaben des Dresdener Kreuzchors und der Thomaner Leipzig, leben sie nicht im Internat, sondern bei ihren Familien. Aber auch sie wenden einen Großteil ihrer Freizeit für das Singen auf: dreimal wöchentlich zwei Stunden Probe, dazu Stimmbildung und Unterricht in Musiktheorie.

Das Repertoire besteht nach wie vor aus viel geistlicher Musik. "Es ist erstaunlich zu sehen, wie diese geistliche Liedkultur heute weiterlebt bei einem Chor, dessen Sänger ja weitestgehend nicht mehr christlich sozialisiert sind", sagt Thomas Müller-Bahlke, Direktor der Franckeschen Stiftungen in Halle.

Hier das Manuskript zur Sendung 900 Jahre Stadtsingechor Halle von Susanne Harmsen zum Nachlesen als pdf oder im barrierefreien txt-Format

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(Deutschlandradio Kultur, Profil, 10.10.2008)

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