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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 30.10.2014

StadtplanungMainhattan verpasst sich neuen Look

Frankfurt am Main schwankt zwischen Wolkenkratzer und Fachwerk

Von Ludger Fittkau

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Ein Schiff fährt am 06.08.2014 auf dem Main in Frankfurt am milliardenteuren Neubau der Europäischen Zentralbank vorbei. (Boris Roessler, dpa picture-alliance)
Der Neubau der EZB in Frankfurt am Main. (Boris Roessler, dpa picture-alliance)

Die EZB-Banker ziehen um: In das neue, spektakuläre Doppelhochhaus auf dem ehemaligen Großmarktgelände im Frankfurter Ostend. Die hessische Metropole verfestigt ihren Ruf als vertikale Stadt, während im historischen Kern Altstadthäusern rekonstruiert werden. Wo will die Stadt hin? Soll es historisch oder modern werden?

Eine Kita-Gruppe tollt schon über die neue Gasse. Zwischen dem Kunstmuseum Schirn und den ersten Rohbauten der Altstadt-Rekonstruktion von Frankfurt am Main ist ein enger Weg entstanden, der die frühere Atmosphäre der Gassen wieder lebendig machen soll. Am Bauzaun hängen Plakate, auf denen Fachwerk-Häuser mit spitzen Giebeln zu sehen sind. Daneben Texte, die den Passanten erklären, dass hier die Stadt Frankfurt am Main bis 2017 für rund 100 Millionen Euro ein Stück ihrer im Krieg zerstörten Altstadt wiedererstehen lässt.

Einige Baustellen-Touristen schieben sich durch die enge Gasse und blicken interessiert auf die Rohbauten. Tarko Hölzel zum Beispiel reist regelmäßig aus dem nahe gelegenen Taunus an, um nachzuschauen, wie es hier vorangeht. Er rät mir, noch einige Meter weiter östlich Richtung Dom zu gehen, um den richtigen Eindruck vom Baufortschritt zu bekommen:

"So kann man sich wenig vorstellen, aber wenn man jetzt ein wenig weitergeht, da verblenden die gerade das Mauerwerk mit Sandsteinquadern. Ich nehme mal an, dass das dann an die Schirn so angepasst wird. Wenn es fertig wird, dann sieht es bestimmt gut aus."

"Hier sieht man ja jetzt Giebelhäuser, also wirklich so mittelalterliche Rekonstruktionen. Ist das aus Ihrer Sicht sinnvoll, so etwas wieder quasi neu zu rekonstruieren?"

Hölzel: "Na ja, die Frankfurter müssen eine tolle Altstadt gehabt haben und wenn man zumindest einen Teil davon wieder herrichten kann, ich finde es schon gut. Die Stadt, die war immer ein bisschen gesichtslos, für meine Begriffe. Jetzt hat sie natürlich diese gewaltigen Hochhaustürme, die Bankentürme, hat eine tolle Skyline. Und ich finde, da passt eine rekonstruierte Altstadt irgendwie auch ins Bild."

"Andere haben gesagt: Es ist ein bisschen Walt-Disney-mäßig, es ist quasi ein Fake..."

Hölzel: "Ja, lieber Gott! Ich weiß, es hat hier genug Stress gegeben, nachdem das auch alles schon beschlossen war. Dann haben die wieder angefangen, man muss sehen, wie sich das alles entwickelt, wird schon toll."

Der Neubau der Europäischen Zentralbank (EZB) überragt die Zentrale der Bundesbank in Frankfurt am Main (Hessen). (picture alliance / dpa /Boris Roessler)Bundesbank und EZB (picture alliance / dpa /Boris Roessler)

"Leider ist das im Moment nur – ohne dass man das will – das Feigenblatt für permanente Abrisse. Dieses neue, künftige Viertel zwischen Dom und Römer. Aber es könnte ein großes Vorbild werden. Zum ersten Mal wird deutlich, dass Individualität und auch enges Wohnen nicht nur als Reminiszenz und als erhaltene Altstadt, sondern auch als weiter zu führendes, städtisches Bauen auf sehr viel größeres Interesse trifft, als das gerade Baudezernenten oder auch Investoren bisher geglaubt haben."

Sagt Dieter Bartezko, Stadtentwicklungsexperte der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und Träger des Preises für Architekturkritik des Bundes Deutscher Architekten.

"Wenn dieses Viertel glückt – und davon bin ich überzeugt – dann ist viel gewonnen nicht nur für Frankfurt, sondern generell für den Städtebau in Deutschland. Nämlich eine Rückkehr – im guten Sinne, nicht im konservativen Sinne, sondern im guten Sinne eine Rückkehr zu Individualität, zur Eigenart von Städten und zu einem Bauen, das sich daran orientiert, was vor Ort gegeben ist und was vor Ort den Reiz einer Stadt ausmacht."

Die vier Prinzipien des Häuserbaus

"Eine Stadt besteht aus Häusern und Straßen, Wegen und Plätzen. Nachdem das alles hier in diesen beiden Gebäuden und im Atrium vorhanden ist, kann man mit Fug und Recht zu diesem EZB-Gebäude vertikale Stadt sagen."

Sagt Wolf D. Prix, der österreichische Architekt des Neubaus der Europäischen Zentralbank in Frankfurt am Main. Er hat den Ort erschaffen, den man als architektonischen Gegenentwurf zur Altstadtrekonstruktion in der Innenstadt bezeichnen könnte: Den Neubau der Europäischen Zentralbank am Frankfurter Osthafen.

Der 71 Jahre alte Prix ist Mitbegründer des 1968 entstandenen und heute berühmten Wiener Architekturbüros "Coop Himmelb(l)au". "Transparenz, Kommunikation, Effizienz, Stabilität." Auf diesen vier Prinzipien beruht das von Coop Himmelb(l)au entworfene, 185 Meter hohe Doppelhochhaus der EZB mit seiner spiralförmig gedrehten Struktur, die an die Doppelhelix der DNA erinnert. Der rund 1,3 Milliarden Euro teure Neubau für die europäischen Währungshüter in Frankfurt am Main soll für Prix jedoch nicht nur eine lebendige vertikale Stadt sein, sondern auch eine künstlerische Landmarke, die das gemeinsame Europa symbolisiert:

"Daher brauchen wir nicht nur Bilder, also flache Bilder, sondern wir brauchen auch Bauwerke, die den Symbolwert des Gemeinsamen wiederspiegeln."

Eine Journalistengruppe wird kurz vor Fertigstellung des neuen EZB-Gebäudes durch den gigantischen Komplex geführt.

"Kurz ein paar allgemeine Infos, das wird Sie sicher alle interessieren: Wann ziehen wir um? Ab November fangen wir an mit dem Umzug, außer dem Projektbüro, die schon da wohnen, ziehen dann nach und nach die EZB-Mitarbeiter ein. Insgesamt bieten wir 2.900 Arbeitsplätze, nicht alle davon werden besetzt sein und wir werden den Umzug bis Ende des Jahres abschließen."

Mainhattan - ein Flair von New York

Der Neubau der Europäischen Zentralbank ist ein Puzzlestück für "Mainhattan" – die Stadt, die wirklich nicht viel anders aussieht als New York oder Philadelphia. Finden zumindest die Touristen Mary-Ann und Kevin Reagan aus Minneapolis, Minnesota.

"It doesn´t look very different than New York or Philadelphia."

Das amerikanische Rentnerpaar findet es deshalb gut, dass die Stadt Frankfurt am Main einen Teil ihrer mittelalterlichen Altstadt rekonstruiert:

"I am very happy that they are working at the old. Because for me a lot of them I saw: It could be any city. So – I think it´s nice that they are keeping history."

Für die Stadtforscherin Sybille Münch von der TU Darmstadt ist die "Baustelle Altstadt" im Grunde gar nicht rückwärtsgewandt. Die Altstadthäuser drücken für die Wissenschaftlerin ebenso wie der EZB-Neubau den Willen der Stadt Frankfurt am Main aus, sich stadtplanerisch ständig neu zu erfinden. Auch die zwischenzeitlich weggebombten mittelalterlichen Fachwerk-Bauten werden neu inszeniert und damit in einen permanenten architektonischen Wandel einbezogen.

Sybille Münch: "Weniger aus einer weinerlichen Haltung heraus, sondern aus der strategischen Planung heraus, einen Anker für die Bevölkerung in einer sich doch immer so schnell wandelnden Stadt zu finden. So ist das Erklärungsmuster. Und wir fanden es eben ganz bestechend, wie sich diese Zukunftsbezogenheit der Stadt Frankfurt sich selbst im Umgang mit der Vergangenheit niederschlägt. Das heißt, selbst die Vergangenheit wird als Ressource eingesetzt, um eine noch bessere Zukunft zu gestalten. Wenn man sich beispielsweise anschaut, wie am Römer die Bebauung der Nachkriegszeit abgerissen wird und in so einer historisierenden Art und Weise wieder aufgebaut wird. Also selbst die Vergangenheit kann von so einer – aus der Binnensicht – handlungsfähigen Stadt gestaltet werden."

Eine handlungsfähige Stadt muss auch bereit sein, für Neues – auch wenn es wie am Römer das ganz Alte ist – erst einmal Platz zu schaffen. Auch dabei scheut Frankfurt am Main keine Superlative.

Aufsehenerregende Sprengung des Uni-Turms

Sprengung des 116 Meter hohen Uni-Turms im Frankfurter Stadtteil Bockenheim am 2. Februar 2014. Noch nie war in Europa ein so hoher Hochhausturm gesprengt worden. Die Frankfurter zeigten sich begeistert:

"Das war hammerhart, das war wirklich phantastisch. Man hat es sich ungefähr so vorgestellt, aber es war eine Sensation."

"Also es war ziemlich laut, einfach traumhaft."

"Also es war absolut spektakulär, ich habe so was noch nie gesehen – Hammer."

Trauer über den Verlust eines Gebäudes, das jahrzehntelang das Stadtbild an der Schnittstelle zwischen dem Frankfurter Messegelände und dem quirligen Studenten- und Multikulti-Viertel Bockenheim prägte? Fehlanzeige. Diese Reaktion sei typisch für Frankfurt, sagt Stadtforscherin Sybille Münch von der TU Darmstadt. "Städte unterscheiden lernen" heißt das aktuelle Buch, in dem sie gemeinsam mit einer Forschergruppe Frankfurt mit Dortmund, Glasgow und Birmingham verglichen hat. Das Ergebnis: Frankfurt hat in vielerlei Hinsicht ein ganz anderes Selbstbild als etwa die Vergleichsstadt Dortmund.

"Was wir auch bemerkt haben ist, dass jammern über Probleme so gut wie gar keine Chance hat, in Frankfurt Gehör zu finden. Also es gibt ein ganz starkes Selbstbild, das immer wieder transportiert wird, dass Frankfurt eine moderne Stadt ist. Schnell, dynamisch, am Kreuzungspunkt verschiedener Verkehrswege gelegen und so weiter. Ein Bild, das einem jedes Mal wieder entgegen springt. Insofern ist eine Kritik zum Beispiel an Wohnungspolitik oder an Stadtentwicklungspolitik, die allein auf eine Bewahrung des Status quo abhebt, in keiner guten Situation. Weil die Stadt schon von ihrer eigenen Haltung her immer wieder transportieren will, sich ständig zu verändern, Vorreiter zu sein und dass das auch ein intrinsischer Wert ist, der hochgehalten wird."

Der FAZ-Architekturkritiker Dieter Bartezko hält die Bereitschaft der Mainmetropole, im Stadtbild immer wieder alles abzuräumen und Neues zu schaffen, für einen Ausdruck der speziellen Stadtgeschichte als Wirtschafts- und Handelsmetropole:

"Frankfurt ist eben schicksalhaft gebunden an die Funktion als Europäische Bankenzentrale und Handelszentrale und da hat es – muss man schon sagen – eine jahrhundertalte Tradition, dass man, um für diese Interessen in Form zu bleiben, alles andere hintenanstellt. Sei es sozialer Wohnungsbau, sei es überhaupt im Städtebau irgendwelche Interessen, die da hinderlich sein könnten am Entstehen von neuen Banken, von Geschäftshäusern, von Malls etc."

Stimmen des Protestes sind verstummt

"Gucken Sie natürlich trotzdem, wo Sie hinlaufen, bleiben sie womöglich zusammen. Alle in den gelben Westen gehören zur EZB und können ihnen weiterhelfen. Wenn Sie unbedingt weg müssen, sagen Sie uns Bescheid. Wir werden Sie runterbegleiten, sonst gehen Sie verloren."

Erkundung des Neubaus der Europäischen Zentralbank. Spektakuläre Blicke über die Stadt, großzügige Konferenzräume und eine gelungene Verbindung des Hochhausneubaus mit der denkmalgeschützten Großmarkthalle aus den 1920er-Jahren. Als vor gut zehn Jahren Teile der Halle abgerissen wurden, ging ein Aufschrei durch die Öffentlichkeit der Main-Metropole. Auf dem Presserundgang dabei ist auch Frank Stepper, einer der Architekten des Wiener Büros "Coop Himmelb(l)au", das den Neubau geschaffen hat. Die Stimmen des Protestes seien mittlerweile verstummt sagt er.

Stepper: "Oder hören sie was anderes? Auch das Verhältnis zwischen Eingriff und Größe der Großmarkthalle ist unserer Meinung nach und jetzt auch nach der Meinung der anderen im richtigen Verhältnis."

Dunkle Wolke ziehen am 17.12.2011 über den Doppeltürmen der Zentrale der Deutschen Bank in Frankfurt am Main auf. (picture alliance / dpa / Arne Dedert)Die Doppeltürme der Zentrale der Deutschen Bank in Frankfurt am Main (picture alliance / dpa / Arne Dedert)
Vor Baubeginn hatte man befürchtet: Die Euro-Hüter der EZB vernichten für ihren Hochhausneubau wichtiges kulturelles Erbe der Stadt – die Großmarkthalle gilt als herausragendes Gebäude der Industriemoderne auf dem Weg zum Bauhaus. Doch das Wiener Architekturbüro "Coop Himmelb(l)au" hat es tatsächlich geschafft, den Hauptteil der Halle harmonisch in den Neubau der EZB in Frankfurt am Main zu integrieren:

"Man sieht und spürt den Raum der Großmarkthalle nach wie vor."

Es ist nicht selbstverständlich in Frankfurt am Main, dass neue Gebäude entstehen, ohne das die alten vollständig abgeräumt werden. Wenn man etwa auf einer der Mainbrücken steht und Richtung Innenstadt schaut, sieht man überall Baukräne. Es sind nicht überall Hochhäuser, die errichtet werden. Aber Büro- oder Wohnblöcke mit mindestens fünf oder sechs Etagen. Oft werden dafür auch die Reste alter Gebäude abgerissen, die man durchaus auch in die Neubauten integrieren könnte. Findet zumindest Architekturkritiker Dieter Bartezko. Seine These: Die Stadtentwicklung nimmt zu viel Rücksicht auf Warenströme und Handelsreisende, anstatt mehr an die zu denken, die zuwandern – und bleiben:

"Das permanente Eingehen auf die Bedürfnisse derer, die zu Messen kurz erscheinen, ihre Bedürfnisse anmelden und dass man auf diese Bedürfnisse eingeht, statt umgekehrt sich wenn sie so wollen – seiner Monopolstellung bewusst wird und zu sagen: Wenn ihr hier sein wollt, habt ihr Euch auf diese und jene Bedingungen und Eigenheiten einzustellen. Das zahlt sich, davon bin ich überzeugt, am Ende aus. Also diese wandernden Banker, die Bewohner des global village, die überall dasselbe antreffen wollen, das ist eine Fiktion, glaube ich."

Banker wandern dem Geld hinterher

Banker, die wie Nomaden dem Kapital hinterherwandern – die 2.900 Mitarbeiter der Europäischen Zentralbank werden das eher nicht sein. Sie sind sesshaft. Bei der Baustellenbesichtigung mit dem "Coop Himmelb(l)lau"-Architekten Frank Stepper blickt man aus dem Neubau der Europäischen Zentralbank auch auf niedrigere Bauten in unmittelbarer Nähe – schicke Mehrfamilien-Wohnhäuser –nicht ganz billig, denkt man, wenn man sie betrachtet.

Architekt: "Ja klar, es ist ein Standort, der eine Beziehung jetzt aufspannt zur Innenstadt. Und dazwischen wird sich die Entwicklung in der nächsten Zeit – oder man sieht es ja auch jetzt schon – hin entwickeln."

Nur einen Steinwurf westlich des neuen EZB-Gebäudes entstehen schon jetzt - vor allem entlang des Mainufers - überall neue Luxuswohnungen. Die Reichen, die vorher jahrzehntelang Villen im nahen Taunus bevorzugten, kommen zurück in die Stadt. Und auch alle anderen nutzen das Mainufer mehr denn je als Erholungsraum. Beides war durchaus gewollt, sagt der Stadtplaner Martin Wunscher:

"Ja, das kann man deutlich sagen. Die Mainufer-Projekte oder das Hinführen der Stadt an den Main war natürlich unsere große planerische Herausforderung eigentlich des vergangenen Jahrzehnts. (...) Und wenn sie bei schönem Wetter gerade im Sommer am Main entlanglaufen, dann sieht man ja, welchen Erfolg das Projekt hat. Und da sind wir auch ein Stück weit stolz drauf als Frankfurter."

Doch mit den Luxusbauten am Mainufer und in anderen Innenstadtbereichen droht mehr und mehr die soziale Mischung im Zentrum verloren zu gehen. Und dies, obwohl die Integration auch sozialer Randgruppen zum Selbstverständnis von Frankfurt am Main gehört wie vielleicht in kaum einer anderen Kommune. Stadtforscherin Sybille Münch von der TU Darmstadt:

"Frankfurt setzt schon seit Jahrzehnten auf das Prinzip der sozialen Mischung. Es gibt im Wohnungsbau den Frankfurter Vertrag, der eben ausgeglichene Bewohnerstrukturen vorsieht. Und das ist schon auch auffällig, dass dieses stadtentwicklungspolitische Konzept auch immer wieder in die öffentliche Debatte einfließt. Das immer wieder auch private Akteure, Bürgerinitiativen und so weiter auf dieses Leitbild der Mischung Bezug nehmen. Insofern scheint es schon ein starker Wert zu sein, der durch alle Schichten hinweg internalisiert ist."

Noch gibt es den sozialen Wohnungsbau

Bartezko: "Es gibt immer noch Gott sei Dank die Tradition des sozialen Wohnungsbaus, der ja inzwischen weitgehend privatisiert ist. Aber man muss dennoch sagen, es gibt auch in der Innenstadt noch einiges sozial verträgliches Wohnen. Aber die Hauptrichtung und dafür ist Frankfurt jetzt schon fest berüchtigt, würde ich sagen, ist eben die, dass man insbesondere die Innenstadt jetzt buchstäblich freiräumt für Luxuswohnanlagen, für exklusive Appartements und dergleichen."

Am Bauzaun an der "Baustelle Altstadt" hängen überall Plakate, die versprechen: Hier entsteht kein Luxusghetto, sondern ein Viertel, in dem sich auch junge Familien, Studenten und Kneipengänger wohlfühlen werden. Zwar sollen die 15 Altstadthäuser das historische Straßennetz aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg wieder sichtbar werden lassen. Doch es soll hier kein Museum entstehen, so die Plakate:

Klar ist: Nicht die vertikale Stadt wie beim EZB-Neubau ist hier das architektonische Leitbild, sondern die Sehnsucht nach der Gemütlichkeit mittelalterlicher Gassen und Apfelweinkneipen. Bei den meisten Baustellen-Touristen kommt das gut an, auch bei Steffen Wurm aus Egelsbach bei Frankfurt:
Vom Städtebaulichen und für die Stadt mit Sicherheit ein Gewinn. Rein von der Optik her. Zieht auch Touristen an, mit Sicherheit. Fürs Auge auf jeden Fall gut.

"Es wurde ja viel diskutiert, ob das nicht so eine Form von Historisierung, von Sehnsucht nach dem Vergangenen. Was sagen Sie zu diesem Argument?"

Wurm: "Also, auf jeden Fall ist es besser als gewollt und nicht gekonnt. Also manchmal wird ja versucht, Altes mit Neuem zu vermischen und das sieht manchmal so schlimm aus, das man nach zehn Jahren denkt: Ne, das war daneben. Und dann lieber ganz auf alt und auf historisch, dann passt das auch."

"Jetzt haben wir ja neue Gebäude hier, wir stehen hier vor der Schirn, dem Kunstmuseum, glauben Sie, dass das zusammenpassen wird, nachher?"

Wurm: "Ich denke schon. Gerade die Schirn, durch die angenehme Gestaltung, durch den Stein, wird sich das gut anpassen. Sicher sein kann man sich immer erst nachher, aber ich glaube schon, dass das passt."

Die Hochhauskulisse der Bankenmetropole Frankfurt am Main ragt hinter dem Stadtteil Sachsenhausen hervor. (picture alliance / dpa / Frank Rumpenhorst)Die Skyline von Frankfurt am Main (picture alliance / dpa / Frank Rumpenhorst)

Am gravierenden Wohnungsmangel in Frankfurt am Main werden die 15 Altstadthäuser jedoch nichts ändern können. Dafür ist das Areal schlichtweg zu klein. Eher schon einen Weg, langfristig die Wohnungsnot bei Normalverdienern zu lindern, sieht Architekturkritiker Dieter Bartezko in der Umnutzung leerstehender Büroräume in der Innenstadt.

Gerade ein markantes Hochhaus, das unmittelbar neben dem luxuriösen Wohnkomplex mit den Yachten am Westhafen steht, ist für ihn in dieser Hinsicht ein städtebaulicher Lichtblick. Weil die Büros in diesem Hochhaus mit wenig Aufwand zu Wohnungen umgebaut werden können, wenn der Büroraum dort nicht mehr gebraucht wird.

"Wo sie eines der Wahrzeichen der Stadt, ein Hochhaus-Wahrzeichen haben. Nämlich einen Zylinder, der mit Rauten versehen ist und deshalb einem gigantischen Apfelweinglas gleicht. Dieses Wahrzeichen ist erbaut worden von den Architekten Schneider und Schumacher als Büroturm, aber so ausgerichtet, dass er mit einigen wenigen Handgriffen sozusagen in Wohnraum umgewandelt werden kann. Und dieses Bedürfnis nach Wohnen in der Stadt, das denke ich ist ein Längerfristiges, das auch überdauern wird, die kurze Mode, die in bestimmten Schichten gerade aufgetreten ist, sich Apartments und Luxuswohnungen in der Innenstadt zu leisten. Das wird wechseln, denke ich. Aber das Wohnen in der Innenstadt generell, das wird bleiben."

Doch der "Apfelweinglas-Turm" am Mainufer wird erst einmal weiter als Büroturm genutzt – günstiger Mietwohnraum bleibt in der Stadt weiterhin Mangelware. Überall in der Stadt steigen die Mietpreise rapide an, stellt der aktuelle Wohnungsmarktbericht der IHK Frankfurt fest.

Kleine Großstadt mit Zuwachsfläche

Heißt im Klartext: Studierende, Sozialhilfeempfänger oder Menschen mit geringem Arbeitseinkommen bekommen in Frankfurt am Main sehr schlecht ein Wohnung und müssen auf das Umland ausweichen. Laut einer aktuellen Studie, die auch der Frankfurter Oberbürgermeister oft zitiert, suchen zurzeit rund 20.000 Menschen in Frankfurt eine bezahlbare Wohnung. Die Stadt gibt Millionen aus, um zu verhindern, dass noch mehr Wohnungen aus der Sozialbindung herausfallen als bisher. Denn man will am Leitbild der sozialen Mischung festhalten. Im Rathaus der inzwischen auf 700.000 Einwohner gewachsenen Stadt ist man jedenfalls dazu entschlossen, versichert der kommunale Stadtplaner Martin Wunscher:

"Frankfurt ist eine kleine Großstadt. 250 Quadratkilometer ist nicht viel. Wir haben wenig Zuwachsflächen. Ansonsten müssen wir schauen, wie wir im innerstädtischen Kontext Flächen generieren können. In der Regel über den Weg der Flächenkonversion. Und das ist auch das, was wir im Umfeld der EZB getan haben, das wir gefragt haben: Wo gibt es Nutzung, die geeignet sind? Da, wo man vor zehn Jahren noch gedacht hat, das ist ein ganz klarer Bürostandort, für Wohnen ist das ein wenig zu robust, da betrachtet man das heute schon anders. Und da sind wir mit zwei Bebauungsplänen im Umfeld der Europäischen Zentralbank gerade dabei, zu korrigieren und Wohnen dort zuzulassen."

Sogar neue Sozialwohnungen sollen wieder gebaut werden in der Frankfurter Innenstadt. Oder auch im benachbarten Offenbach, finanziert von der Frankfurter kommunalen Wohnungsbaugesellschaft. Dass man mit dem Sozialwohnungsbau in die Nachbarstadt ausweicht, sieht der FAZ-Stadtentwicklungsexperte Dieter Barteztko allerdings gar nicht gerne:

"Man muss die Individualität der Stadt bewahren. Und das heißt das Gegenteil von dem, was gerade in Frankfurt passiert, das sich zu Recht als zentrale Stadt des Rhein-Main-Gebietes versteht. Und deshalb Wohnen für Mittelschichten an den Rand drängt. Sprich in die Nachbarstadt Offenbach verdrängt, etc. Wobei da auch sehr hübsche Stadtviertel entstehen."

Wer kein Geld hat, muss nach Offenbach

Ärmere Bevölkerungsschichten nach Offenbach oder in andere Gemeinden des Umlandes zu verdrängen - das entspricht im Grunde ganz und gar nicht nicht dem Selbstbild der Stadt Frankfurt am Main. Die Bürgerschaft will alle Gruppen im Stadtraum zu ihrem Recht kommen lassen. Dazu gehören auch Künstler. Doch die haben es in der Mainmetropole auf der Suche nach bezahlbaren Ateliers oder Proberäumen gerade besonders schwer, weiß Dieter Bartezko. Er träumt von einer neuen, öffentlich finanzierten Künstlerkolonie, wie sie vor mehr als 100 Jahren einmal auf der Mathildenhöhe im benachbarten Darmstadt geschaffen wurde. Bis heute ist der Ort, an dem einst die Künstlergemeinschaft lebte, eine lebendiger Kultur- und Ausstellungsort.

Die Bankentürme von Frankfurt am Main (Hessen) scheinen kurz nach Sonnenuntergang aus vielen kleinen Eurozeichen zu bestehen, aufgenommen am 31.01.2014. Der Effekt entsteht durch eine Schablone in Form eines Eurosymbols vor dem Objektiv. (picture alliance / dpa / Daniel Reinhardt)Die Bankentürme von Frankfurt am Main scheinen kurz nach Sonnenuntergang aus vielen kleinen Eurozeichen zu bestehen (picture alliance / dpa / Daniel Reinhardt)

"Das wäre ein Ideal, eine neue Künstlerkolonie, so wie sie in Darmstadt einmal um die Jahrhundertwende, die letzte Jahrhundertwende geschaffen wurde. Nein, also im Moment sind die Bedingungen für Künstler in Frankfurt nicht besonders gut. Es gibt einige Ausnahmeinstitutionen, mir fällt spontan das Theater Willy Praml ein, das in einer aufgelassenen Fabrik wunderbare Inszenierungen in einer herrlichen Umgebung darbietet und auch von der Stadt zeitweise unterstützt wird. Ansonsten sind die Künstler hier – was aber auch nicht das Schlechteste ist – auf Eigeninitiative angewiesen und auf Kontakte und die gibt es Gott sei Dank. Eben auch zu den Bankern, die weit aufgeschlossener sind, als vielleicht die Stadt und ihr Kulturdezernent vermuten."

Banker sollen Künstler sponsern

Banker als Sponsoren einer lebendigen Subkultur, der es an Geld mangelt, die horrenden Mietpreise alleine zu bezahlen – auch das ist also in Frankfurt möglich. Die Bürger der Stadt lassen soziale oder auch ökologische Probleme nicht als allgemeine Probleme gelten, sondern machen sie sich zu Eigen – mit dem ernst gemeinten und sympathischen Anspruch, sie zu lösen. So lautet zumindest der Befund der Stadtforscherin Sybille Münch:

"Das ist aber schon eine Frankfurter Besonderheit, also dieser Glaube daran, dass man besondere Frankfurter Herausforderungen hat, die man auch mit städtischen Mitteln lösen kann. Das ist ein Muster, das wir auch wiederum in Dortmund gar nicht gefunden haben. Alleine schon wenn man schaut, wie häufig von Frankfurter Problemen die Rede ist. Also auch mit dieser Bezeichnung. Frankfurter Kinderarmut und so weiter. Dann ist das ein ganz starker Kontrast zu Dortmund, wo der Duktus eher lautet: Kinderarmut ist auch in Dortmund ein Problem."

Abriss und Neubau in der Innenstadt, der Neubau des Europaviertels an der Frankfurter Messe oder jetzt der Bezug der Europäischen Zentralbank im Ostend, nicht zuletzt die ständig wachsende Airport-City am Flughafen – das sind die Seiten der Stadt, die besonders deutlich eine international ausgerichtete Handelstradition offenbaren - das "global village" am Main.

Doch es gibt eben auch andere, lokale Architektur-Facetten, die sich etwa im Apfelweinhochhaus am Westhafen oder im geplanten neuen Romantik-Museum neben dem Goethe-Geburtshaus im Zentrum spiegeln. Frankfurt bleibt eine Stadt mit Hochhaustürmen und Sehnsucht nach Fachwerk. Ein merkwürdiger, aber liebenswerter urbaner Zwitter im permanenten Wandel.

Mehr zum Thema:

Frankfurter Großmarkthalle - Das Comeback der "Gemüsekirche"(Deutschlandradio Kultur, Studio 9, 22.10.2014)

Lebenswerte Stadt - "Mobilität findet im Kopf statt"
(Deutschlandradio Kultur, Thema, 20.05.2014)

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(Deutschlandradio Kultur, Länderreport, 12.01.2010)

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