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Interview | Beitrag vom 13.07.2018

Stadtentwicklung zur Verhinderung von FluchtStädte am Reißbrett? - Wirklichkeitsfremd!

Christoph Zöpel im Gespräch mit Axel Rahmlow

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Mehr als 700.000 Rohingya-Fluechtlinge leben im Lager von Cox's Bazar in Bangladesch (imago stock&people / NicolaxGlass)
Mehr als 700.000 Rohingya-Fluechtlinge leben im Lager von Cox's Bazar in Bangladesch (imago stock&people / NicolaxGlass)

Künstliche Städte für Flüchtlinge schaffen - die Idee wird immer wieder diskutiert. Der Stadtentwicklungsexperte Christoph Zöpel warnt. Neue Städte funktionierten nicht, dagegen könne man helfen, in den Lagern die Entwicklung stadtartiger Strukturen zu fördern.

Der Stadtentwicklungsexperte Christoph Zöpel widerspricht der Idee, durch Bau und Förderung von sogenannten Freistädten - etwa nach dem Vorbild Hongkongs - Fluchtbewegungen aufhalten zu können. Die Idee stammt von Paul Romer, dem ehemaligen Weltbank-Chefökonom, der vorschlägt, "komplett neue Städte am Reißbrett" zu entwerfen. Er nennt diese Städte "Charter Cities". "Der Grundgedanke, dass die Förderung der Entwicklung von Städten in weniger gut entwickelten Ländern hilfreich sein könnte, ist richtig. Das Beispiel Hongkong aber ist ziemlich absurd", so Zöpel.

Hongkong sei unter ganz anderen Voraussetzungen gewachsen "sozusagen in Konkurrenz des Kapitalismus gegen den chinesischen Kommunismus", wie Zöpel betont. "Hongkong wurde deshalb immens gefördert, und was dort geschehen ist, ist nicht auf dem Reißbrett geschehen, sondern auf einem winzig kleinen Territorium, das dazu gezwungen hat, bei Millionen von Einwohnern riesige Hochhäuser zu bauen, die, am Rande der Sahara zu bauen, blanker Unfug wäre."

Brasilia als warnendes Beispiel

Zöpel betont: "Ich kann mir vorstellen, dass die Förderung von Stadtentwicklung durchaus helfen könnte, Armut schneller zu überwinden, dies aber auf dem Reißbrett zu tun, ist wirklichkeitsfremd." Als warnendes Beispiel nannte der Stadtentwicklungsexperte die brasilianische Hauptstadt Brasilia: "Alle, die dort leben und arbeiten, möchten dort nicht wohnen."

Allerdings entwickelten sich derzeit Städte in Afrika und im Vorderen Orient in Flüchtlingslagern und nach einer gewissen Zeit würden diese Lager zu Städten, so Zöpel. "Das entwickelt sich dadurch, dass die Menschen, wenn sie in großer Zahl zusammenleben, ganz von allein auf die Idee kommen, wirtschaftlich tätig zu werden, nämlich mit der wichtigsten wirtschaftlichen Tätigkeit, untereinander Handel zu treiben. So entstehen Städte, und das könnte in der Tat gefördert werden." Auch brauche dies unter bestimmten Bedingungen auch Hilfe und Förderung, etwa auf sogenannten Treuhandgebieten der Vereinten Nationen. Als Beispiel nannte Zöpel die mit bis zu drei Millionen Einwohnern bevölkerten Flüchtlingsstädte in Kenia, die nach seiner Einschätzung von der UNO verwaltete Städte werden könnten.

Flüchtlingsstädte sind nicht automatisch kriminalitätsbelastet

Auch warnte Zöpel davor, Flüchtlingsstädte gleichzusetzen mit kriminalitätsbelasteten oder kriminalistgefährdeten Gebieten. Dass Armut automatisch zu Kriminalität führe, sei eine fragwürdige Hypothese. "Informelle Städte, wo es nur wenig Verwaltung gibt, sind funktionsfähig in fast allen Teilen der Welt, und ab einem gewissen Grade macht es zweifellos Sinn, auch zu organisieren, dass für Sicherheit gesorgt wird", so Zöpel. Grundsätzlich helfe hier sicher eine Urbanisierung, etwa in Teilen Afrikas: "Die entscheidenden Fluchtbewegungen innerhalb Afrikas - das sind die entscheidenden Fluchtbewegungen, nicht die nach Europa." Und hier brauche es Hilfen, etwa Unterstützung bei der Stadtentwicklung, "dass die durch Beihilfen zur Stadtentwicklung moderiert, gegebenenfalls auch sicherheitsmäßig kontrolliert von der UNO intensiviert werden".

(sru)

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