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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 01.06.2015

Stadt ohne WohnungsnotWien und seine günstigen Gemeindewohnungen

Von Karla Engelhard

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Der Blick über Wien vom Stephansdom.  (Deutschlandradio / Ellen Wilke)
Von den 1,8 Millionen Wienerinnen und Wienern leben rund zwei Drittel in einer geförderten oder einer Gemeindewohnung. (Deutschlandradio / Ellen Wilke)

Bezahlbarer Wohnraum ist in deutschen Großstädten Mangelware. In der Donaumetropole Wien - als Lebensort sehr begehrt – ist das anders. Dort ist die Stadt große Immobilienbesitzerin und bietet im sogenannten Wiener Modell konsequent günstige Wohnungen an.

Michael und Victoria sind in Wien geboren und studieren auch in Wien Tourismusmanagement. Sie wollen zusammenziehen. Seit Monaten hat Michael im Internet bezahlbare Wohnungen gesucht:

"Ich sage mal, das Angebot ist schon sehr groß. Ich glaub, dass es überdurchschnittlich viele freie Wohnungen gibt. Preislich ist es sehr durchwachsen, zur Privatmiete würde für uns im Moment nicht in Frage kommen, weil es dann deutlich die 10 Euro pro Quadratmeter übersteigt. Das ist einfach nicht leistbar bei 50 Quadratmetern momentan, aber so über Genossenschaften und dergleichen gibt es durchaus immer wieder super Liegenschaften."

Als junge Wiener, die schon länger als zwei Jahre in der Stadt wohnen, haben sie ein Recht auf eine günstige Gemeindewohnung. Der Stadt Wien gehören heute 220.000 Wohnungen, knapp 200.000 weitere fördert sie. Insgesamt leben von den 1,8 Millionen Wienerinnen und Wiener rund zwei Drittel in einer geförderten oder einer Gemeindewohnung. Mehr als 600 Millionen Euro hat die Stadt Wien, die zugleich auch ein Bundesland ist, bisher pro Jahr dafür bereitgestellt.

Der Stadtrat für Wohnen kann stolz sein

Der Wiener Stadtrat für Wohnen Michael Ludwig ist nicht ohne Grund stolz:

"Ich glaube das Geheimnis ist, dass es keine politischen Zäsuren gegeben hat, wenn man von der Zeit des Faschismus absieht. Es hat eine kontinuierlich sozialdemokratisch geprägte Wohnbaupolitik gegeben, mit dem besonderen Schwerpunkt, kostengünstige Wohnungen anzubieten und auch die soziale Mischung im Auge zu behalten."

Als deutsche Städte, wie Berlin und Dresden, in der 1980er und 90er-Jahren  aus Geldnot ihre kommunalen Wohnungen verkauften, bewahrte die Stadt Wien ihren Bestand. Der aber nicht mehr ausreicht. Um rund 170.000 Einwohner netto ist die Stadt Wien in den vergangenen zehn Jahren gewachsen. Laut Prognose soll in 15 Jahren Wien eine Zwei-Millionen-Stadt sein. Zuzügler haben kein Recht auf Gemeindewohnungen, es sei denn sie wohnen bereits zwei Jahre in Wien.

Neuwiener müssen zuzahlen

Bei geförderten Wohnungen brauchen Neuwiener einen Bezugschein, sehr gute Gründe und Ausdauer, um eine Wohnung zu bekommen. Sie müssen dann auch zuzahlen. Aber es lohnt sich: Die Mieten pro Quadratmeter liegen in Gemeinde- oder Genossenschaftsbauten zwischen drei bis zehn Euro ohne Abschlagszahlungen.

Auf dem privaten Wohnungsmarkt zahlt man das Zehnfache oder mehr. Wer sich das nicht leisten kann, bildet Wohngemeinschaften. Ein bezahlbares Wohnmodell nicht nur Studenten. Im internationalen Vergleich gehört Wien nicht nur zu den lebenswertesten Städten, sondern auch zu den teuersten. Unter Wohnungsnot leidet Wien offiziell nicht.

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