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Studio 9 | Beitrag vom 25.01.2016

Staatstheater und Polizei in MainzMusizieren für Vielfalt

Von Anke Petermann

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Demonstration gegen die AfD in Mainz (picture alliance / dpa / Foto: Fredrik von Erichsen)
Demonstration gegen eine Kundgebung der AfD am 21.11.2015 in Mainz. (picture alliance / dpa / Foto: Fredrik von Erichsen)

Im November hatte das Mainzer Staatstheater den Protest gegen eine AfD-Kundgebung mit dem Singen der "Europahymne" unterstützt. Für die Polizei damals eine "grobe Störung". Um die Wogen zu glätten, gaben das Landespolizeiorchester und das Theater jetzt ein Konzert für Flüchtlinge.

Rückblick – November 2015: weite Teile der Mainzer Theaterbelegschaft geben alles, um die Asylchaos-Parolen der AfD mit der "Ode an die Freude zu übertönen". Über tausend Gegendemonstranten assistieren.

"Hören Sie auf zu singen, hören Sie auf, die genehmigte Kundgebung zu stören!"

Die Mahnung der Polizei – vergeblich. Sie erstattet Anzeige, erntet Beifall der AfD, die den Theaterintendanten ebenfalls anzeigt. Ein Shitstorm gegen und eine Welle der Solidarität mit dem Haft-bedrohten Markus Müller folgen. Gestern Abend löste sich die Aufregung in Wohlklang auf – vorerst jedenfalls.

"Lippen schweigen" singt beziehungsreich Derrick Ballard aus Lehars "Lustiger Witwe". Der Tenor aus Denver war einer von denen, die während der AfD-Kundgebung nicht schwiegen, obwohl die Polizei das verlangte. Das Erstarken der Rechtspopulisten besorgt den Amerikaner.

"Ich hab natürlich Fragen dazu und ich verstehe auch, dass es eine schwierige Situation ist zurzeit, aber ich finde, man kann mit Menschlichkeit und Freundlichkeit damit umgehen. Ich war damals dabei, weil ich es sehr, sehr wichtig fand, auch meine persönliche Meinung zu äußern. Und deswegen bin ich auch gern wieder dabei mit einer Zusammenarbeit mit dem Polizeiorchester und das macht wahnsinnig viel Spaß… Vielleicht ist es ja sogar der Beginn für eine weitere Kooperation der Zukunft",

hofft Andreas Weil, Posaunist im Landespolizeiorchester und Innendienstleiter. Polizei und Theater ziehen an einem Strang, musikalisch und menschlich, die Anzeige hat keinen Keil zwischen beide getrieben, ist die Botschaft des Konzert-Abends. Und: 

"Wir haben ja im Programm auch die armenischen Tänze und das soll schon um Integration gehen und andere kulturelle Einflüsse sollen auch mit eingebettet werden."

Vielfalt im Theater-Alltag

"Gemeinsam für Vielfalt" heißt das Benefizkonzert. Dass Vielfalt bereichert, ist Theater-Alltag. Schauspieler, Tänzer und Musiker aus dreißig Nationen arbeiten in Mainz zusammen.

"Der Charakter des Konzerts ist natürlich in erster Linie für Flüchtlinge zu musizieren, für die Flüchtlingshilfe hier vor Ort",

sagt Markus Müller. Bedenken, dass plötzlich ein Polizist aus dem Orchester oder dem Publikum schnellen könnte, um ihm Handschellen anzulegen, hat der Intendant nicht.

"Wenn‘s einen Freiheitsentzug gibt, dann wird mich der irgendwann später ereilen."

Vorn im Parkett sitzt Jochen Weicker von der IG Layenhof. Das ist eine von drei Mainzer Flüchtlingsorganisationen, die sich den Konzerterlös für ihre Arbeit teilen. Weicker genießt die Musik und will ein Zeichen setzen gegen die AfD, eine Partei,

"die gegen das Willkommen der Flüchtlinge ausbricht. Ganz offen. Das hört man ja und sieht man ja. Und das geht hier in Deutschland einfach nicht. Was dort passiert, nicht mit, sondern durch die AfD, ist ganz schlimm, und das empfinden wir auch so."

In Mainz habe die AfD das vorherrschende Klima von Offenheit und Hilfsbereitschaft aber noch nicht beeinträchtigt. Weicker begleitet Hosam Aljanoud. Für den syrischen Flüchtling dürfte ungewohnt sein, dass der Dirigent eines teutonischen Polizeiorchesters die Hüften schwingt, wenn der Rhythmus das hergibt.

Am Ende des Abends haben Mainzer egal welcher Herkunft dazu gelernt: Polizei-Musiker können von feurig bis rockig einiges, was man Uniformierten nicht automatisch zutraut. Und die israelische Tänzerin Gili Goverman kann auch – Rihanna.

Hosam Aljanoud applaudiert mit weit nach vorn gereckten Armen. Zwei Monate erst ist er hier, auf Deutsch fasst er sich am liebsten kurz:

"Das war schön, ja!"

Mit Zugaben und frenetischem Beifall hat das Konzert Überlänge und ragt weit in eine beliebte Fernsehsendung des Sonntag-Abends. Das Orchester löst das Problem mit einer Eleganz, die man der Polizei im Umgang mit der Störaktion von Müller, Schiller und Beethoven im November auch gewünscht hätte.

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