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Die Reportage | Beitrag vom 12.07.2020

St. Pauli in der CoronakriseDer Kiez wacht auf

Von Axel Schröder

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Blick in die Große Freiheit in Hamburg St. Pauli (Axel Schröder)
Der Andrang hält sich in Grenzen: Blick in die Große Freiheit am Abend. (Axel Schröder)

Sie alle trifft in St. Pauli die Coronakrise: Barbetreiber, Prostituierte, Theaterleute, Künstlerinnen und Obdachlose. Hamburgs Stadtteil, der für sorgloses, ausgelassenes Leben steht, muss sich neu erfinden. Dabei hilft die gute alte Solidarität.

Die Bühnenkulisse in Schmidts Tivoli auf der Reeperbahn - eine Farbenpracht: grellbunte Dschungellandschaft, rosarote Flamingos, üppiger grüner Blätterwald. In einer Woche ist Premiere im Varieté, es wird geprobt, und dass dann nicht 600, sondern nur 250 im Halbrund des Saals sitzen, wird kaum jemandem auffallen, hofft Martin Lingnau, einer von zwei künstlerischen Leitern im Tivoli.

Überall dort, wo die Coronaregeln leere Plätze zum Abstandhalten vorschreiben, stehen jetzt mannshohe und fast echt anmutende Plastikpflanzen, zeigen quietschgelbe, blaue und zartrosa Blüten. Nach drei Monaten Zwangspause fiebert das ganze Team der Premiere entgegen.

"Als wir das erste Mal das Tonpult angemacht haben und wieder Musik erklang, da waren dann viele wirklich gerührt", erzählt Martin Lingnau. "Weil man merkte: Dieser Dornröschenschlaf ist vorbei und es kommt wieder Leben ins Theater. Das war ein wunderschönes Gefühl. Und ich glaube, so wird das den Zuschauern auch gehen: Okay, es gibt wieder was! Ich geh los!"

"Der Stillstand war kaum zu ertragen"

Vor der Bühne tackern Handwerker große, bunt bedruckte Stoffbahnen fest, hinten im Raum, mit T-Shirt, Jeans und Badeschlappen, verfolgt Theatergründer Corny Littmann die Arbeiten. Seit 35 Jahren wohnt er auf dem Kiez. Der Stillstand im sonst so lebendigen bis überlaufenden Viertel war kaum zu ertragen, sagt Littmann.

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"Das war in den ersten Wochen so, dass abends, wenn es dunkel wurde, war kein Schwein mehr auf der Reeperbahn", erzählt er. "Kein Mensch. Unvorstellbar. Das ist dauerhaft eigentlich kaum auszuhalten, aber glücklicherweise ist das Leben ja wieder auf den Kiez zurückgekehrt und wir nähern uns ja langsam dem, was Olaf Scholz als ‚neue Normalität‘ bezeichnet hat. Ohne dass einer weiß, was er damit meint."

Die "neue Normalität" auf St. Pauli hat ganz unterschiedliche Gesichter.

200 Meter vom Schmidts Tivoli entfernt, ist zwar auch Susis Showbar wieder geöffnet. Aber dort, wo sonst junge, spärlich bekleidete Frauen in plüschiger Rotlicht-Atmosphäre tanzen, wo die Musik aus den Lautsprecherboxen wummert, läuft der Betrieb noch mit angezogener Handbremse, erzählt Geschäftsführer Christian Schnell.

Daten abgeben in der Tabledance-Bar   

In zwei Stunden macht Susis Showbar auf. Noch werden die Kühlschränke aufgefüllt und frische Bögen für die so genannte Kontaktnachverfolgung auf den Tresen gelegt. Die meist männliche Kundschaft muss Namen, Anschrift, Mailadresse und Telefonnummer angeben – ganz anonym und unerkannt ist ein Besuch im Tabledance-Laden also nicht mehr möglich.

Ein Sessel mit Warnhinweis auf der Drehbühne in Susis Showbar (Axel Schröder)Früher Striptease, heute Warnhinweis: Sessel auf der Drehbühne in Susis Showbar. (Axel Schröder)

"Stündlich wird alles desinfiziert. Wir haben extra einen eingestellt, der wirklich rund um die Uhr alles checkt, die Oberflächendesinfektion macht, auch darauf achtet, dass die Mädels sich daran halten, dass die Gäste, wenn sie was trinken, nicht leichtsinnig werden und aufstehen und anfangen zu tanzen. Das ist wirklich sehr schwierig. Wir dürfen ja nicht mal laute Musik spielen im Hintergrund. Tanzlustbarkeiten sind untersagt! Die Leute könnten ja in diesem Rausch von Euphorie natürlich die Corona-Regeln vergessen."

Auf dem Drehtisch in der Mitte, dort, wo normalerweise die Stripshows laufen, steht jetzt ein großer, rotgepolsterter Ohrensessel mit Corona-Warnhinweis. Nicht mehr 20 Tänzerinnen sind jetzt pro Abend beschäftigt, sondern nur noch fünf. Eine von ihnen ist Mary. Die gebürtige Brasilianerin trägt weiße Dessous, High Heels und Mundschutz.

"Man vermisst es", sagt sie. "Man will einfach auf die Bühne. Als Tänzerin vermisst man die Bühne. Du willst einfach raufgehen, du willst dich beweisen, du willst zeigen, was du drauf hast, deine Moves, die Musik fühlen. Aber es geht halt nicht. Es ist alles so stumpf. Aber man macht das Beste draus. Hauptsache, die Musik läuft!"

Tänzerinnen auf Kurzarbeit

Mary verdient jetzt weniger. Auch die Tänzerinnen in Susis Showbar sind auf Kurzarbeit. Die Umsatzeinbußen liegen zwischen 80 und 90 Prozent, erzählt Christian Schnell. Immerhin darf nur jeder zweite Platz besetzt werden. Vier Stunden später sitzen gerade mal drei Gäste am Rand der leeren Drehbühne. Die leicht bekleideten Frauen sitzen gegenüber, halten Smalltalk. Und Christian Schnell schaut etwas ratlos in den fast leeren Laden.

Nicht mal die Plätze, die trotz der Coronaregeln besetzt werden könnten, sind belegt. Trotzdem bleibt Susis Showbar offen. Denn ein paar Läden müssen ja den Anfang machen, sagt Christian und hofft auf die Lockerung der Coronamaßnahmen. In diesem Jahr, schätzt er, wird es aber wohl kein Zurück zu alten Zeiten geben.

Eine protestierende Frau hält ein Schild. (Axel Schröder)Protest von Bars, Clubs und Diskotheken auf der Reeperbahn (Axel Schröder)

Wie sehr die Krise den Kiez trifft, wird in der Großen Freiheit sichtbar. Dort, wo sich sonst die Massen dicht an dicht an Diskotheken, Bars und Kneipen vorbei drängen, sitzen unter den bunten Leuchtreklameschildern jetzt rund 100 Kiezbesucher auf Bierbänken. Auch Touristen.

Unter ihnen Astrid und Michael aus Süddeutschland: "Ich muss sagen, es ist ein bisschen wie Mallorca ab 13 Uhr. Und wir haben es jetzt Viertel vor neun! Und es eigentlich etwas trostlos."

Aber es geht aufwärts, sagt Kerstin, die mit ihrem Mann und Freunden ein paar Meter weiter ihr Bier trinkt.

Die Prostituierten auf St. Pauli trifft die Krise besonders hart. Die meisten arbeiten als Soloselbständige und wie viele von ihnen die 2500 Euro aus der sogenannten Corona-Soforthilfe beantragen konnten, ist nicht bekannt. Und wann der Sexverkauf wieder startet ist genauso unklar wie ein Öffnungstermin für die Diskotheken.

Leere Hocker in der Herbertstraße 

Pausieren musste auch Flo Sörensen. Er führt Touristen durch das Viertel, zeigt ihnen die Davidwache, die kleine, über 100 Jahre alte Polizeistation auf dem Kiez oder die Herbertstraße, in der Sexarbeiterinnen barbusig auf Hockern in den Schaufenstern sitzen.

"Wenn ich mit meinen Leuten durch die Herbertstraße laufe, ist es schon sehr komisch, dass auf jedem Stuhl immer noch das Handtuch von den Frauen liegt, die da normalerweise arbeiten", sagt er. "Aber es ist keine da, es ist alles dunkel. Das ist schon noch sehr befremdlich."

Gelitten hat der ganze Kiez. Die Sexarbeiterinnen, die Bordellbetreiber, die Travestieshows. Sexshops und Restaurants, die Flaschensammler und Türsteher, die Reinwinker und die schnorrenden Obdachlosen. Und Tour-Guides wie Flo Sörensen.

Wie allen Soloselbständigen hat die Stadt Hamburg ihm 2500 Euro als Coronazuschuss gezahlt. Als Minus bleiben Flo Sörensen aber immer noch 1500 Euro.

Das Tresenteam posiert für ein Foto.  (Axel Schröder)Das Tresenteam im Elbschlosskeller: Suppe statt Bier und Korn (Axel Schröder)

Hamburg ohne den Kiez, das ist genauso wenig vorstellbar wie der Kiez ohne den Elbschlosskeller. Die Spelunke am Hamburger Berg, einer Stichstraße der Reeperbahn, gibt es seit 1952. Zumindest in den letzten zwei Jahrzehnten hatte die Kneipe rund um die Uhr geöffnet. Durch die Coronakrise war damit Schluss. Eine Vollbremsung. Der Hamburger Senat verordnet damals die Schließung aller Bars, Diskotheken und Kneipen. Mitte März wurde der Elbschlosskeller umfunktioniert. Ein Rückblick.

Hinterm Tresen im Elbschlosskeller steht damals Barmann Philipp. So wie vor Corona. Aber normalerweise trägt er keinen Mundschutz, normalerweise sieht die Souterrain-Spelunke ganz anders aus.

"Ist alles ein bisschen dreckiger, ein bisschen wilder", sagt er. "Dunkler auch. Und hier ist 24/7 Party!"

Spelunke wird zur Anlaufstelle für Bedürftige 

Diese Partys, mit viel Bier und Korn, sind im März erstmal vorbei. Die Kneipe wird zur Anlaufstelle für Obdachlose und Geringverdiener, von denen viele den Elbschlosskeller bisher als Ort kannten, an dem es immer noch einen und noch einen Absacker gibt.

"Hinterm Tresen haben wir unsere beiden Töpfe stehen, wo unsere Suppe oder das andere Essen drin ist, was wir jeden Tag ausgeben. Links daneben steht ein Kanister mit Tee. Da links neben steht unsere Kaffeemaschine. Auf dem Tresen wird die Suppe zubereitet, zwei Stücken Brot, ein Löffel mit in die Schale, und morgens werden auf dem Tresen Brote geschmiert. Die werden dann verpackt und dann machen wir so Lunchpakete fertig."

Auf den vier Tischen lagern Kartons mit Süßigkeiten, mit Brot und Brötchen, Desinfektionsmittel. Dahinter stapeln sich schon nach Größen sortierte Jacken, Hosen, Pullover und Schlafsäcke. Obdachlose und Menschen, bei denen das Geld für einen Supermarkteinkauf nicht reicht, können kommen und werden versorgt. Als Ergänzung zu den kirchlichen Anlaufstellen Alimaus und Haus Betlehem und dem Café mit Herz.

"Wir haben einfach gehandelt"

Geführt wird der Elbschlosskellers von Daniel Schmidt und seiner Frau. Daniel hat die Kneipe von seinen Eltern übernommen.

Daniel Schmid steht mit Schutzmaske vor dem Trauerkranz der Kneipe. (Axel Schröder)Daniel Schmidt, Chef des Elbschlosskellers vor dem Trauerkranz der Kneipe (Axel Schröder)

"Wir haben einfach gehandelt", erzählt er. "Das ist hier ein Laden, der seit Generationen geführt wird, und wir haben immer schon geholfen und unterstützt! Wir haben 24 Stunden geöffnet und haben dementsprechend viele Kunden, die halt wohnungslos sind oder – in Anführungsstrichen – auf die schiefe Bahn geraten sind. Dementsprechend betanken die sich hier auch stärker als der Otto Normalverbraucher und schlafen hier auch mal ein paar Tage."

Der 35-Jährige - großes Tattoo am Hals, kurzgeschorene Haare - steht auf dem Bürgersteig vor dem Elbschlosskeller. Meistens hat er in diesen Tagen das Handy am Ohr. Koordiniert, wohin die vielen Essens-, aber auch Kleiderspenden gepackt werden sollen, teilt Dienste ein, lädt Waren aus den Autos derer, die helfen wollen.

Schon kurz vor zwölf zieht sich die Warteschlange bis zur Reeperbahn. Vor dem Eingang ein Stuhl für Türsteher Axel. Der bullige Typ wacht über die Einhaltung der Vorschriften. Alle halten Abstand, beachten die in neonorange aufs Pflaster gesprühten Striche. In der Schlange steht auch Peppi, der sich einen zerfledderten Mundschutz vors Gesicht schiebt.

"Ich bin froh, dass der Elbschlosskeller und noch manch andere Leute endlich zusammen rocken", sagt er. "Und dass der Kiez endlich mal eine Gemeinschaft ist!"

Der Kiezpfarrer segnet die Kneipe 

Wie groß die Unterstützung für das Coronaprojekt im Elbschlosskeller ist, wird zehn Minuten später klar. Vor der Tür steht Karl Schulz. Ein älterer Herr, der mit seinem schwarzen Hut und dem weinroten Schal so gar nicht zur Kneipentruppe im Elbschlosskeller passt.

"Ich wohne und arbeite hier", sagt er. "Ich bin der Kiezpfarrer. St. Joseph, Große Freiheit." Schulz platziert noch einen Aufkleber mit römischen Ziffern über dem Eingang. Ähnlich den Kreideziffern der Sternsinger.

Karl Schulz verlässt den Elbschlosskeller (Axel Schröder)Kiezpfarrer Karl Schulz hat den Elbschlosskeller gesegnet. (Axel Schröder)

"Segne dieses Haus und alle Menschen, die ein und aus gehen und hier arbeiten! Gerade dieses Haus, der Elbschlosskeller, die kümmern sich in einer hervorragenden Art und Weise. Und da gehe ich hin und heute habe ich die Kneipe gesegnet. Und damit auch alle, die hier ein und ausgehen."

Neben dem Pfarrer stehen Kneipier Daniel, Türsteher Axel und die anderen. Etwas verdattert, aber gerührt: "Ich hab selten Gänsehaut, aber das passt!"

Daniel Schmidt stürzt sich in die Arbeit, getragen von der Hilfsbereitschaft, vom Enthusiasmus, den vielen Spenden, die er sammelt.

Ganz anders als Olli Hörr. Seine Bar, den Saal II auf dem Schulterblatt im Schanzenviertel gibt es seit Anfang der 90er-Jahre. Mitte März sind die Tische im Saal II leer, die Stühle verwaist.

Hoffen auf Hilfe von der Stadt  

Hörr trinkt schwarzen Kaffee, raucht eine Zigarette nach der anderen. Die Allgemeinverfügung, die der Hamburger Senat im Frühjahr beschließt, sieht vor: Gaststätten dürfen nur bis 18 Uhr öffnen. Im Saal II macht ein Weiterbetrieb deshalb keinen Sinn, sagt Olli Hörr.

Sein Laden rechnet sich nun mal erst in den Abendstunden: "Das bringt es für uns halt nicht. Also finanziell schon mal überhaupt nicht. Und im Moment ist die Stimmung auch eher so panisch, dass auch wenig Leute einfach auf der Straße sind. Die Belastung ist erstmal, dass ich überhaupt keine Einnahmen hab. Meine Festkosten trotzdem weiterlaufen. Meine privaten wie die geschäftlichen. Das sind die Hauptkosten."

Olli Hörr hofft damals auf Hilfe von der Stadt und vom Bund. Und auf Kurzarbeitergeld für den Teil seiner 16-köpfigen Belegschaft, der fest angestellt ist und nicht auf 450-Euro-Basis bei ihm arbeitet.

Dreieinhalb Monate später ist der Saal II wieder offen. Drinnen gelten die strengen Abstandsregeln, draußen sind nur zwei große und fünf kleine Tische erlaubt. Jetzt macht die Bar zwar wieder Umsatz, aber noch längst keinen Gewinn. Die Verluste fallen nur etwas kleiner aus. Alle Gäste müssen ihre Adressen und Telefonnummern auf die Kontaktzettel schreiben. Und die muss Bar-Chef Oli Hörr vier Wochen lang aufbewahren. An sich ist das eine gute Idee, sagt Olli Hörr. Aber trotzdem absurd, wenn vor den Kiosken und den anderen Bars die Feiernden dicht an dicht stehen.

"Die Infektion wird nicht aus so einem kleinen Laden kommen", sagt er. "Wenn die Abstände so sind wie sie sind, sondern die passieren, wenn da draußen 2000 Leute stehen. Und da gibt es keinen Kontaktzettel, da ist nichts nachverfolgbar. Und dann frage ich mich schon, warum ich das machen muss. Es versteht halt keiner, wo das Konzept dahinter ist. Das wirkt so ein bisschen aktionistisch."

Kiez-Kiosk als Coronagewinner

Und tatsächlich sieht das Schulterblatt am späten Abend so wie in Vor-Coronazeiten: rund 1000 Feiernde sind unterwegs. Dass trotz der Auflagen so viele Menschen unterwegs sind, liegt vor allem an den Kiosken. Wer Alkohol und Zigaretten kaufen will, braucht nur einen Mundschutz, niemand hält sich an die Abstandsregeln.

Olivia Jones steht vor ihrer Bar (Axel Schröder)Eine Größe auf St. Pauli: Olivia Jones am Rande einer Kiezdemo (Axel Schröder)

Wie am Fließband läuft der Verkauf im Kiosk gleich neben dem Saal II. Die Schlange reißt nicht ab. Draußen vor dem Kiosk steht Umut Aydin, erzählt von den selten guten Geschäften in Coronazeiten.

"Im Sommer war das hier schon immer so! Aber die Kundschaft hat sich ein bisschen verändert", sagt sie. "Seitdem auf dem Kiez weniger los ist, kommen die meisten Leute vom Kiez jetzt hier her. Und man merkt schon, dass es auch asozialer geworden ist dadurch! Hier waren ja früher nur Studenten und jetzt dieses Rotlichtmilieu, was auf dem Kiez immer rumchillt, ist jetzt auch hier auf der Schanze!"

An besonders schönen Sommerabenden, dann, wenn auf den Gehwegen und auf der Piazza gegenüber 1000, 2000 Menschen im gelben Licht der Straßenlaternen unterwegs sind, kommt früher oder später auch die Polizei. Dann werden die Feiernden über die Abstands- und die so genannte "Zwei-Haushalte-Regel" informiert: Dicht zusammenstehen dürfen immer nur Menschen aus zwei Haushalten. Zu allen anderen muss Abstand gehalten werden.

Und im Ernstfall müssen auch die Kioske dichtmachen, erzählt Umut: "Wenn die Leute nicht mehr hier trinken auf der Straße, gehen die zur nächsten Tankstelle, zum nächsten Kiosk, ein bisschen weiter entfernt, und machen das da weiter! Wenn man die Straße dann runterläuft, da stehen dann auch wieder Hunderte Leute. Und vor der Tankstelle war es genauso gewesen."

Das Phänomen ist auf St. Pauli schon seit Jahren bekannt: Vor allem Jugendliche kaufen in den neu eröffneten Kiosken ihr Bier, ihren Wodka, ihre Mate. Den einen sind die Bars zu voll, bei den anderen reicht das Geld nur für ein Kioskbier.

Die Furcht vor dem zweiten Lockdown 

Tradition hat diese Art der Abendgestaltung am Neuen Pferdemarkt. Auf den Kantsteinen der Kreuzung sitzen die Flaneure und "cornern".

"Wenn man cornert, ist man einfach an der Ecke", sagt Johannes. "Man steht da oder man sitzt da, man trinkt und unterhält sich mit den Leuten, die da auch sind. Und es ist schön zwanglos, weil es nichts kostet und jeder kann mitmachen."

"Haltet durch!" steht in einer Leuchtschrift über dem Eingang des St. Pauli Theaters. (Axel Schröder)"Haltet durch!": Ein Appell zur Unterstützung über dem Eingang des St. Pauli Theaters (Axel Schröder)

Johannes, eine Flasche Bier in der Hand, macht sich wenig Sorgen. Ich bin noch jung, sagt er. Und wenn ich mich anstecke, wird es nicht so schlimm werden. Ein paar Meter steht Anna-Lena. Natürlich macht sie sich Gedanken, wenn die Menschen dicht an dicht zusammenstehen. Aber am Ende muss jeder selbst die Balance finden zwischen Selbstbeschränkung und einem zumindest kleinen Ausflug in normale Zeiten.

"Ich selbst bin jemand, der relativ safe an den zweiten Lockdown glaubt, der es für relativ wahrscheinlich hält", sagt sie. "Also eine Mischung aus 'die Freiheit genießen' und 'sich darauf gefasst machen, dass es auch irgendwann wieder vorbei sein kann'. Und sich natürlich fragen, ob das alles richtig ist."

Und genau diesen zweiten Lockdown fürchten die Gastromomen auf St. Pauli. Ab und zu fahren Streifenwagen an den Nachtschwärmern vorbei. Aber weder am Pferdemarkt noch auf dem Schulterblatt wird an diesem Donnerstagabend geräumt.

Wie wichtig ist eine Kneipe für die Kultur?

Einen Tag später, am frühen Abend, ist die Corner-Kreuzung am Pferdemarkt noch fast leer. Dorothee Wolter und Niels Boeing schieben die Fensterfront ihrer Bar auf. Das "Kurhaus" ist eine Institution am Platz. Blaue Fensterrahmen, rund 20 Sitzplätze, von denen alle leer bleiben. Der Verkauf läuft über einen improvisierten Tresen am Fenster.

Im kleinen Kurhaus mit gerade mal 20 Sitzplätzen sind die Abstandsregeln gar nicht umsetzbar. Der Umsatzeinbruch liegt wie in vielen anderen Läden bei 80 Prozent. Also stehen Dorothee und Niels jetzt selbst hinterm Tresen, verkaufen Drinks nach draußen. Die Tür ist abgeschlossen, wer aufs Klo möchte, muss klopfen.

Dorothee mischt einen "Standy Grote". Den Longdrink hat sie erfunden, nachdem Hamburgs Innensenator Andy Grote einräumen musste, die Corona-Regeln für eine private Feier zu seinen Gunsten sehr weit ausgelegt zu haben. Natürlich ist sie dankbar für das Geld aus dem Hamburger Corona-Hilfsfonds. Die Probleme löst der Zuschuss aber sicher nicht.

"Das ist geschmolzen, das Geld"

"Diese 2500 Euro plus die 9000 vom Bund, die waren sofort für Hartkosten und Fixkosten weg.", sagt sie. "Die Lieferantenausstände noch zahlen, natürlich sind die als erste dran gewesen. Die sahen ja genauso alt aus wie wir. Und ich finde, in so einer Zeit muss man schon auch die bezahlen, die mitleiden. Das ist geschmolzen, das Geld, das da auf dem Küchentisch gelegen hat. Das war einfach weg!"

Draußen vor dem improvisierten Tresenfenster steht Niels Boeing. Zusammen mit Olli Hörr und anderen Barbetreiberinnen und -betreibern hat Boeing vor zwei Monaten das so genannte Barkombinat gegründet. Mittlerweile hat der Zusammenschluss rund 100 Mitglieder. Und nach langem Warten sollen demnächst die ersten Gespräche in der Wirtschaftsbehörde stattfinden. Boeing geht es dabei um Grundsätzliches.

"Interessant ist", sagt er. "Diese Coronakrise wirft die Frage auf: Wie wichtig ist eigentlich eine Bar oder eine Kneipe, eine Eckkneipe für die Kultur, für den Alltag? Was spielt das für eine Rolle? Gibt ja auch viele Leute, die nie dahin gehen und das auch nicht mögen. Die trinken vielleicht auch keinen Alkohol. Aber es würde nicht so viele geben, wenn sie nicht irgendeine Funktion erfüllen würden! Und zwar auch eine Funktion, die übers Trinken hinausgeht. Da werden Nachbarschaften zusammengehalten, da werden Freundschaften geschlossen, da kommen Leute und machen sich Heiratsanträge. Diese weichen Faktoren, die muss man berücksichtigen!"

Das Tivoli wird die Krise überleben

Was hilft, sagt Niels Boeing, sei die Solidarität unter den Kneipen und Bars auf St. Pauli. Oder die Unterstützung von Kulturschaffenden wie Simone Buchholz. Die Schriftstellerin sitzt im winzig kleinen, von einem blaugestrichenen Jägerzaun begrenzten Garten vor dem Kurhaus. Seit 20 Jahren lebt und arbeitet Buchholz auf St. Pauli. Sie hat die Bars im Viertel mit Online-Lesungen unterstützt.

Die Schriftstellerin steckt sich eine Zigarette an, nimmt einen Schluck Bier aus der Flasche. Froh darüber, dass das Leben zumindest in kleinen Schritten ins Viertel zurückkehrt.

"Vielleicht wäre es an der Zeit, wenn es dann eine Impfung gibt", sagt sie. "und alle auf der Welt damit versorgt sind, dass jedes Land so etwas wie einen Posten einer ‚Ausgelassenheitsministerin‘, eines ‚Ausgelassenheitsministers‘ schafft! Damit wir ein bisschen diese Leichtigkeit wieder lernen. Denn ich glaube, so leicht ist das nicht!"

Den nächsten Schritt in die Ausgelassenheit unternimmt das Schmidts Tivoli am Spielbudenplatz an der Reeperbahn. Die erste Vorstellung nach dem Corona-Lockdown, das Varieté-Stück "Paradiso", startet in einer Viertelstunde. 250 der über 600 Plätze sind dafür freigegeben.

Carsten Brosda vor der Premiere im Tivoli, er trägt eine Mase. (Axel Schröder)Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda vor der Premiere in Schmidts Tivoli (Axel Schröder)

Die Lücken in den Sitzreihen sind gefüllt mit mannshohen tropischen Plastikpflanzen. Unter den Gästen ist auch Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda, im grauen Anzug. "Kultur" steht in dicken Buchstaben auf seinem roten Mundschutz. Seine Freude über die Rückkehr des Theaterbetriebs fällt verhalten aus.

"Ob sie so zurückkehrt wie wir sie kennen? Langfristig: ja", sagt er. "Sie kehrt überhaupt erstmal zurück. Es fühlt momentan anders an. Wir müssen Abstand halten, Hygienekonzepte gelten, man kriegt viele Einweisungen, wenn man in den Saal kommt. Aber es kann wieder was auf der Bühne stattfinden. Ich glaube, dass ist das, was unterm Strich wichtig ist!"

Carsten Brosda weiß: Alteingesessene Bars wie das "Clochard", das "Molotow" und der "Landgang" sind pleite. Opfer der Coronakrise. Bislang verweist der Senat nur auf die Bundesmittel, die beantragt werden können. Zuschüsse der Stadt wird es in Zukunft wohl nicht geben. – Vorn auf der Bühne beginnt die Show, Brosda verabschiedet sich, sucht seinen Platz.

Sänger Nik Breidenbach auf der Bühne im Tivoli  (Axel Schröder)Sänger Nik Breidenbach im Tivoli: Endlich wieder auftreten. (Axel Schröder)

Sänger Nik Breidenbach merkt man die Lust am Auftritt an, strahlendes Lächeln, große Gesten, endlich erlöst nach vier Monaten Zwangspause. Das Tivoli wird die Krise überleben. Wie viele der kleinen Bars und Clubs, wie viele Diskotheken durchhalten werden, ist offen.

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