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Fazit / Archiv | Beitrag vom 19.02.2010

Spukgeschichte im Duty-Free-Shop

"Die Besessenen" wird am Theater an der Wien uraufgeführt

Von Bernhard Doppler

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Schauern, wo andere einkaufen... (Stock.XCHNG / lurba)
Schauern, wo andere einkaufen... (Stock.XCHNG / lurba)

Wiltold Gombrowiczs Roman "Die Besessenen" ist nun als Theaterstück in Wien zu sehen: eine Spukgeschichte über einen uralten Grafen, der von Gewissensbissen gequält wird, über Erbschleicher und einen Lustgreis. Regisseur Kasper Holten lässt die Schauergeschichte in einem großen Duty-Free-Shop spielen.

Es scheint seit zwei, drei Jahren ein Trend zu sein: Romanschmöker wie "Schuld und Sühne", "Der Mann ohne Eigenschaften", "Die Budenbrocks" dienen als Vorlage für einen Theaterabend. Im Theater an der Wien wurde nun ein 400 Seiten dicker Fortsetzungsroman, Withold Gombrowicz "Die Besessenen", zur Oper und dabei vom Librettisten Christoph Klimke in ein elf Seiten schmales Libretto eingedampft.

"Die Besessenen" sind eine Spukgeschichte über einen uralten Grafen, der von Gewissensbissen gequält wird, über Erbschleicher, einen Lustgreis, einen heimtückischen Verwaltern und eine kuppelnden Mutter, deren Tochter jedoch den Tennislehrer liebt.

Alle Figuren sind Egomanen, die sich selbst zerstören: Besessene. Für eine Oper eignet sich dieses Personal, vor allem aber die gespenstisch aufgeladene Atmosphäre durchaus. So modern und ambitioniert die Musiksprache von Johannes Kalitzke auch ist, "Die Besessenen" sind nämlich kein Musiktheaterexperiment, das neue theatralische Formen ausprobiert, sondern durchaus traditionelle Oper .

Zwar führt Kalitzke unterschiedliche Stile - Pop-Musik, alte Musik, Walzer - vor, aber es sind keine Collagen. Die Zitate sind einer einheitlichen drängenden Musiksprache unterworfen, dazu kommen hin und wieder Keybord, dezenter Einsatz verschiedener Percussionsinstrumente, Geräusche. Man spürt, dass der Komponist einer der profiliertesten Dirigenten für Neue Musik ist, denn vor allem das Orchester, das Klangforum Wien, gefällt besonders. Kalitzke ist aber auch ein routinierter Operndirigent. Sehr geschickt weiß er nun als Komponist die Stimmen - hin und wieder nahe am Sprechgesang - zu präsentieren, etwa den Altisten Jochen Kowalski, der mit eindrucksvoller Präsenz den alten Fürsten Holszanski singt.

Überraschend ist die szenische Umsetzung! Regisseur Kasper Holten lässt die Schauergeschichte in einem großen Duty-Free-Shop (Bühne: Steffen Aarfing) spielen. Die Hauptgestalt, die attraktive Maja (Hendrickje van Kerckhove) arbeitet an der Kassa. Holten will damit wohl etwas simpel den "Warencharakter" jener Gesellschaft verdeutlichen, und er ist in seinen Einfall so verliebt, dass er vor der eigentlichen Oper, die Figuren in stummer Pantomime eine Viertelstunde lang shoppen lässt.

Wenn im Verlauf des Abends ein weiterer Raum über diesem Shop - eine Art Keller mit Heizungs- und Entlüftungsrohen - sichtbar wird, stellt sich freilich dann doch noch auch szenisch Schauerstimmung ein. Die Zeitdiagnose, die den unmittelbar vor dem Zweiten. Weltkrieg spielenden Roman von Gombrowicz bestimmt, kommt allerdings nicht vor. Doch zerhackt das Einheitsbühnenbild die Oper nicht in mehrere Akte mit Verwandlungen - Wald, Hotel, Dusche, Labyrinth -, wie es das Libretto ursprünglich vorsieht, und kommt dadurch dem musikalischen Sog von Kalitzkes Musik entgegen.

In ihrer Dramaturgie wirken "Die Besessenen" wie einer der effektvollen Operneinakter um 1900. Nach siebzig Minuten ist der musikalische Spuk nämlich schon zu Ende.

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