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Fazit / Archiv | Beitrag vom 14.01.2014

Sprachmissbrauch"Sozialtourismus" ist Unwort des Jahres

Jury verurteilt Stimmungsmache gegen Zuwanderer

Von Jürgen König

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Mit Scrabble-Steinen ist das Unwort des Jahres 2013 "Sozialtourismus" gebildet. (dpa/ Jens Büttner)
"Sozialtourismus" ist Unwort des Jahres. (dpa/ Jens Büttner)

"Sozialtourismus" ist Unwort des Jahres 2013. Das Grundwort "Tourismus" suggeriere, die Zuwanderung aus Not sei "eine dem Vergnügen und Erholung dienende Reisetätigkeit", hieß es aus der Jury.

Der sechsköpfigen Jury der "sprachkritischen Aktion" gehörte in diesem Jahr auch der Schriftsteller Ingo Schulze an. Ihre Entscheidung, "Sozialtourismus" zum "Unwort des Jahres" 2013 zu machen, begründete die Jury damit, es sei in der Diskussion über die Zuwanderung nach Deutschland "von einigen Politikern und Medien mit diesem Ausdruck gezielt Stimmung gegen unerwünschte Zuwanderer, insbesondere aus Osteuropa" gemacht worden.

Der Begriff "Tourismus" suggeriere "in Verdrehung der offenkundigen Tatsachen eine dem Vergnügen und der Erholung dienende Reisetätigkeit". Durch das hinzugefügte Wort "sozial" entstehe der Eindruck, die Zuwanderung habe einzig und allein das Ziel, "vom deutschen Sozialsystem zu profitieren" - das aber sei "diskriminierend": angesichts vieler Menschen, die "aus purer Not in Deutschland eine bessere Zukunft suchen".

Dass diese Menschen auch ein "prinzipielles Recht" dazu hätten, das werde verschleiert; der Begriff "Sozialtourismus" reihe sich in ein Netz weiterer Unwörter dieser Kategorie ein, ausdrücklich genannt wurden "Armutszuwanderung" und "Freizügigkeitsmissbrauch".

746 verschiedene Vorschläge waren bei der Jury eingegangen - bei insgesamt 1340 Einsendungen - und ein Großteil der Vorschläge bezog sich auf diesen Themenkomplex. Jurymitglied Martin Wengeler, Sprachwissenschaftler an der Universität Trier:

"Armutseinwanderung, Armutszuwanderung, Armutsflüchtling, Armutszuwanderer - also das haben wir allen in einen Block zusammengefasst, und das ist mit am häufigsten vorgeschlagen worden."

Wörter würden nicht "an sich" etwas bedeuten, so Martin Wengeler, sondern innerhalb ihres Kontextes möglicherweise etwas sehr Unterschiedliches.

"Schmarotzereinwanderung" nicht weit entfernt

"Also man kann dieses Wort so verwenden, dass man sagt, da kommen Menschen, die aufgrund ihrer Armut in ein anderes Land zuwandern, also nenne ich das Armutseinwanderung. Man kann es aber auch in einem Kontext verwenden, dass man in dem Rahmen immer direkt mit unterstellt, dass sie eben kommen, um Sozialleistungen abzugreifen, um unser Sozialsystem auszunutzen.

Und das wird ja tatsächlich gemacht spätestens seit Sommer letzten Jahres wieder, wenn dann so Wörter wie Sozialtourismus oder Freizügigkeitsmissbrauch im gleichen Kontext verwendet werden, dann ist, wie ein Einsender das hier gesagt hat: Dann ist die Assoziation 'Schmarotzereinwanderung' eben auch nicht weit."

Doch anders als der Begriff "Armutseinwanderung", so die Jury-Vorsitzende Nina Janich, Sprachwissenschaftlerin der TU Darmstadt, sei die Verwendung von "Sozialtourismus" immer zu kritisieren.

"Das ist bei 'Sozialtourismus' allein durch das euphemistische Grundwort 'Tourismus' der Fall. Man kann Zuwanderung eigentlich nie als Tourismus bezeichnen. Genauso wie man eben Abschiebehaft oder irgendwas als Ausreisezentren oder so bezeichnen kann.

Also, da muss man auf jeden Fall vorsichtig sein. Bei der Armutszuwanderung - da gibt es verschiedene Verwendungsweisen. Und sobald dass der Fall ist, wird es für uns als Jury schwierig. Weil es natürlich dann vielleicht legitime Verwendungsweisen gibt, wo genügend Reflexion usw. dahinter steht."

Für ihre Wahl erfuhr die Jury viel Zustimmung. Der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, Ulrich Schneider sprach von einer "absolut guten Entscheidung zum absolut richtigen Zeitpunkt", der Begriff "Sozialtourismus" markiere "einen absoluten Tiefpunkt an sprachlichem Zynismus".

"Existenzielle Not von Flüchtlingen verspottet"

Nicht nur werde "massenhafter Sozialmissbrauch suggeriert", der faktisch nicht existiere, auch werde "die häufig existenzielle Not von Flüchtlingen verspottet". Man müsse den Begriff in "der politischen Debatte ächten", forderte der Bundesgeschäftsführer der Linken, Matthias Höhn. Katrin Göring-Eckardt, Vorsitzende der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, sagte, der Begriff sei "zu Recht" gewählt worden.

"Dass es Leute gibt in dieser Republik, die auf dem Rücken von Menschen, die hierherkommen, die uns überwiegend helfen, weil es Fachkräfte sind, weil sie in unsere Sozialkassen einzahlen – dass man auf dem Rücken derjenigen, die tatsächlich aus einer Armuts- und häufig auch aus einer Diskriminierungssituation fliehen: Das ist nicht akzeptabel und deswegen begrüße ich sehr, dass 'Sozialtourismus' das im wahrsten Sinne des Wortes Unwort des Jahres ist."

Der Schriftsteller Ingo Schulze wählte das "Begriffspaar" "Arbeitnehmer/Arbeitgeber" zu seinem persönlichen Unwort des Jahres. Denn wer die Arbeit leiste, gebe, verkaufe, werde "zum Arbeitnehmer degradiert" - wer sie dagegen nehme, bezahle, von ihr auch profitiere, der werde zum Arbeitgeber erhoben – das aber, so Ingo Schulze, verkehre "in dramatischer Weise die tatsächlichen Verhältnisse".

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