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Studio 9 | Beitrag vom 15.09.2016

Sprachkurs für PflegekräfteWohlfühlfaktor Plattdeutsch

Von Johannes Kulms

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"Lehrerin Maren Rehder (rechts) mit ihren Schützlingen bei der Kaffeepause. Drei Tage lang büffeln die Pflegekräfte am Nordkolleg in Rendsburg Plattdeutsch." (Johannes Kulms)
"Lehrerin Maren Rehder (rechts) mit ihren Schützlingen bei der Kaffeepause. Drei Tage lang büffeln die Pflegekräfte am Nordkolleg in Rendsburg Plattdeutsch." (Johannes Kulms)

In Nordfriesland sprechen viele Senioren noch Plattdeutsch. Und damit die Kommunikation im Pflege- oder Altenheim auch richtig funktioniert, können sich Mitarbeiter in Plattdeutsch-Kursen schulen lassen.

"En besser Schul gibt das nich …"

93 Jahre alt ist die Dame, die an diesem Vormittag in den Räumen eines nordfriesischen Pflegedienstes einen Text vorliest. Mit dem Finger fährt sie langsam über die Seite, Zeile, für Zeile … Der Titel der Geschichte:

"Twei Hens höden Kattenkinder - Zwei Hennen hüten Katzenkinder"

Nordfriesland ist eine Plattdeutsch-Hochburg. Doch auch anderswo in Schleswig-Holstein wird Platt gesprochen - vor allem bei älteren Damen und Herren. Und das stellt gerade jene vor eine besondere Herausforderung, die hier in Alten- und Pflegeheimen arbeiten. So wie die 46-jährige Andrea Reese, die bei der AWO in Lauenburg arbeitet.

"Also, erstmal bin ich mit Plattdeutsch groß geworden, meine Oma hat nur Plattdeutsch mit uns gesprochen. Und ich finde das total schade, weil das so untergegangen ist. Ich arbeite viel mit dementen Menschen oder manchmal komme ich auch auf Station so wie jetzt, da musste ich Nachtschichten machen, da kannte ich die Leute gar nicht. Und gerade so nachts, wenn man in die Zimmer kommt hilft es einem doch, wenn man Plattdeutsch spricht, dass sie sich doch wohler fühlen, gerade wenn sie einen nicht kennen, hilft das einem doch schon ungemein."

Kein Dialekt, sondern eine eigene Sprache

Reese war bereits vergangenes Jahr in Rendsburg, wo sie am Nordkolleg einen Plattdeutsch-Kurs für Pflegekräfte besucht hat. In diesem Jahr bietet die nahe des Nord-Ostsee-Kanals gelegene Bildungseinrichtung erstmals einen weiterführenden Kurs an.

Drei Tag lang büffeln hier zwei Männer und fünf Frauen, um ihre Sprachkenntnisse zu verbessern. Denn - darauf besteht Dozentin, Plattdeutsch sei kein Dialekt - sondern eine eigene Sprache:

"Ick bin Maren Rehmke, bin 48 Johr old und ick unterrichte hier Plattdütsch inna Pfleg …"

Rehmke ist zweisprachig aufgewachsen, seit fünf Jahren unterrichtet sie Pflegekräfte in Plattdeutsch. Ihr Eindruck ist: Egal ob in den ambulanten Einrichtungen, der stationären Pflege oder im Krankenhaus: Plattdeutsch werde immer wichtiger, denn viele alte Menschen wollten gerne in ihrer Muttersprache kommunizieren. Mit ihren Schützlingen ist sie hochzufrieden.

"Das ist ein sehr engagierter Kurs, jeder ist ja auch oft auf eigenen Antrieb hier. Es ist kaum jemand hierher geschickt worden, das ist ja auch immer die beste Voraussetzung, wenn man das freiwillig macht, wenn man den Nutzen eben selbst erkennt."

Ein Lehrbuch gibt es nicht

Ein Lehrbuch gibt es in diesem Kurs nicht. Stattdessen beugen sich die Teilnehmer und Teilnehmerinnen immer wieder über seitenlange Tabellen mit Sätzen und Ausdrücken: Links auf plattdeutsch, rechts auf hochdeutsch.

"Wenn man verheiratet ist, gevt dat immer jemand, der de Büxn anhat. Dat is de, de das Sagen hat - dat sägen hätt!"

Wie stelle ich meine Familienmitglieder vor, wie übersetze ich ein Sprichwort, wo liegen die Fallstricke im Plattdeutsch, die berüchtigen false friends - all das soll so eingeübt werden. Hinzu kommen kleine Ausschnitte aus dem plattdeutschen Sendungen des NDR-Radios ebenso wie Bildbeschreibungen auf Platt. Und zwischendurch immer mal Teekesselchen auf Platt.

Sprache als Türöffner

Nein, in drei Tagen ließe sich mit all dem nicht Plattdeutsch lernen, meint Kursleiteirn Rehmke. Wichtig sei, dass Üben danach - in der Praxis.

"Und im Pflegebereich haben die Teilnehmer eben oft den Vorteil, dass sie ihre Kunden, Klienten, Patienten auch einfach direkt fragen kann. Das man auch einfach sagen kann: 'Ich bin Plattbeginner, können Sie mir vielleicht helfen. Und viele alte Leute fühlen sich dann auch motiviert, das zu tun."

Plattdeutsch als Türöffner - das erhofft sich auch der Kursteilnehmer Hauke Czech. Der 41-Jährige arbeitet in der sozialen Betreuung vor allem mit demenzkranken Personen. Und meint: Es bedarf auch etwas Mut, um Plattdeutsch zu sprechen:

"Ich übe das schon mit den Leuten selber, in Gruppen, die ich veranstalte. Wir lesen uns gegenseitig was vor, wir singen zusammen. Es ist weniger das freie Gespräch. Aber auf die Art und Weise kommt einfach auch viel Erinnerung bei den Senioren hervor. Da werden auf einmal ellenlange Gedichte vorgetragen- bei einer Dame, die ist z.B. 98 Jahre alt. Ich meine - in ein paar Jahren ist das vielleicht komplett weg, in einem Buch steht das nicht."

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