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Interview | Beitrag vom 08.08.2018

Sprachgebrauch am rechten RandGezielte Tabubrüche, halbherzig zurückgenommen

Thomas Niehr im Gespräch mit Ute Welty

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Illustration: Zwei Geschäftsmänner zerreißen eine Sprechblase  (imago stock&people / Eva Bee)
Streit um Begriffe im öffentlichen Diskurs: Thomas Niehr sieht nicht nur negative Entwicklungen. (imago stock&people / Eva Bee)

Früher war der Diskurs auch nicht besser, glaubt der Germanist Thomas Niehr und erinnert an Bundestagsdebatten der 70er-Jahre. Allerdings werde der grundsätzlich gute Gebrauch der Sprache durch die extreme Rechte "zurückgedreht".

Eine positive Entwicklung im Umgang mit der Sprache und beim Ton in gesellschaftlichen Debatten erkennt Thomas Niehr von der 'Arbeitsgemeinschaft Sprache in der Politik' in Deutschland. "Es ist ja nicht so, dass wir nur diese finsteren Gestalten haben, die ständig provozieren", sagte er in unserem Programm. 

Niehr erinnerte er an die - von vielen verbalen Entgleisungen begleiteten - Bundestagsdebatten der 1970er-Jahre. "Häufig wird ja auch beklagt, dass es solche Originale – wie es dann immer heißt – wie Wehner und Strauss nicht mehr gibt im Parlament", sagte er. Doch "viele Dinge, die Wehner und Strauss und Konsorten zum Besten gegeben haben", würden heute nur noch befremdlich wirken.

"Die Instanz, die das regelt, ist die Gesellschaft"

Durch die extreme Rechte werde diese Entwicklung - auch im Parlament - aber wieder "zurückgedreht", sagte der Germanist. Problematisch seien insbesondere gezielte Tabubrüche, die dann halbherzig wieder zurückgenommen würden. Als Beispiele nannte Niehr Prägungen von AfD-Politikern wie "Kameltreiber" oder "alimentierte Messermänner". 

Problematisch sei auch der Begriff "Antiabschiebeindustrie", weil er unterstelle, "dass jemand sozusagen den Rechtsstaat unterhöhlt", wenngleich er nur sein Recht in Anspruch nehme.

Politiker, die solche Begriffe verwendeten, sprächen Menschen ab, überhaupt eine kulturelle Entwicklung durchlaufen zu haben, kritisierte Niehr. Ausdrücklich wendete er sich aber gegen "zensurähnliche Maßnahmen".

Die Gesellschaft müsse selbst regeln, was sie im öffentlichen Diskurs zulassen wolle. Eine wichtige Rolle bei der Diskussion darüber spielten Bildungsinstitutionen wie die Schulen oder auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk, der die Entwicklungen kommentiere. Eine Grenze sei immer da zu ziehen, wo andere herabgewürdigt würden.

(huc)

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