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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 12.09.2018

Sprache entlarvtWie wir Europa kleinreden

Von Johannes Hillje

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Besucher der Pulse of Europe Demonstration in Berlin  (imago / photothek)
"Europäische Idee" und "europäisches Projekt" - das zieht nicht, meint Johannes Hillje. (imago / photothek)

Man spricht oft von der "europäischen Idee" oder vom "europäischen Projekt". Beides sind unzutreffende Begriffe, findet Politikberater Johannes Hillje, denn sie suggerieren etwas Flüchtiges statt Stabilität und Stärke.

Vor mir steht ein bis zur Hälfte gefülltes Wasserglas. Nun kann ich sagen, "das Glas ist halb leer" oder "das Glas ist halb voll". Ein und derselbe Fakt, einmal optimistisch, einmal pessimistisch interpretiert. Je nach dem, welche Beschreibung der Realität wir wählen, kommen Menschen zu unterschiedlichen Einstellungen und Entscheidungen. Das zeigt die Forschung über das Framing. 

Nun glaubt der SPIEGEL-Kolumnist Jan Fleischhauer, dass Framing-Analysen das Ziel verfolgen würden, Framing aus der Politik zu verbannen. Dem liegt folgendes Missverständnis zugrunde: Framing ist etwas zutiefst Menschliches. Um der Realität einen Sinn zu geben, assoziieren wir das Neue mit dem Altbekannten. Wir ziehen unsere Erfahrungen, Wertvorstellungen oder bekannte Phänomene heran, um neue Informationen plausibel zu machen.

Das heißt: Wir framen, um zu verstehen. Politiker müssen jedoch nicht nur verstehen, sondern auch gestalten. Gestaltungsräume kann man öffnen oder blockieren – je nach dem mit welchen Worten man die Wirklichkeit beschreibt. Und an dieser Stelle wird Framing gesellschaftlich relevant.

Ist Europa nur "Idee" oder "Projekt"?

Es lohnt sich zu hinterfragen, ob wir die Wirklichkeit in unserer Sprache angemessen wiedergeben, oder ob ein Zerrbild der Realität nicht auch zu defizitärer Politik führt. Nehmen wir das Thema europäische Integration. Schließlich sind in acht Monaten Europawahlen.

Vor einigen Wochen reiste Angela Merkel für einen Bürgerdialog über Europa nach Jena. Mehrere Zeitungen titelten am nächsten Tag: "Merkel plädiert in Jena für die europäische Idee". Erst kürzlich schrieb der U2-Sänger Bono in der F.A.Z: "Europa ist eine Idee, die ein Gefühl werden muss." Als Alternative zur Idee, sprechen wir auch gerne vom europäischen Projekt.

Idee und Projekt, mit diesen Substantiven beschreiben wir oft, was Europa ist. Beide Begriffe sind für das heutige Europa unzutreffend, wohnt ihnen doch etwas Flüchtiges, ja eine zeitliche Befristung inne. Eine Idee kann man schnell wieder verwerfen, ein Projekt hat irgendwann einen Abschluss.

Als die europäischen Gründungspersönlichkeiten vor 60 Jahren von einer "Idee" sprachen, war es tatsächlich nicht mehr als das. Und natürlich ist Europa auch heute nichts Fertiges. Aber aus der Idee ist ein manifestes politisches System geworden. Mit Gewaltenteilung, Staatsbürgerschaft, Wahlen, und so weiter. 

Schluss mit defensiven Beschreibungen von Europa

Es ist erstaunlich, dass auch pro-europäische Politiker dennoch diese defensiven Beschreibungen von Europa wählen, statt Begriffe zu verwenden, die mit Dauerhaftigkeit, Stabilität und Stärke assoziiert werden.

Bezeichnen wir die EU doch als das was sie ist: Die europäische Demokratie. Klar, sie hat Defizite, etwa bei den Beteiligungsmöglichkeiten für Bürgerinnen und Bürger, aber Demokratie ist eben ein Prozess, permanenter "work in progress". Das sieht doch man gerade in diesen Tagen in unserem Land. Trotzdem sprechen wir ja nicht vom Projekt Deutschland, sondern von der Demokratie in Deutschland oder der Gesellschaft oder Gemeinschaft. Wir sollten so auch endlich über Europa sprechen. 

Ich behaupte: Es wird uns allzu einfach fallen, Europa den Rücken zuzukehren, wenn wir weiterhin die europäische Integration sprachlich kleiner machen, als sie ist. Die nationalistischen Kräfte sind ganz ohne eigenes Zutun in der Debatte im Vorteil, wenn selbst die Befürworter Europas ein Framing verwenden, bei dem Europas Glas immer halb leer ist.

Es lohnt sich also über das eigene Framing nachzudenken, denn schon mit der Wortwahl wird Politik gemacht.

Der Kommunikationsberater Johannes Hillje. (Erik Marquardt / privat )Der Kommunikationsberater Johannes Hillje. (Erik Marquardt / privat )Johannes Hillje (Jahrgang 1985) arbeitet als Politik- und Kommunikationsberater in Berlin und Brüssel. Er berät Politiker, Parteien, Institutionen, Verbände und Firmen. 2014 leitete er den Europawahlkampf der Europäischen Grünen Partei, davor arbeitete er für die UN in New York und beim ZDF in Mainz. 2017 veröffentlichte er das Buch "Propaganda 4.0 - Wie rechte Populisten Politik machen" (Dietz-Verlag). 

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