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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 08.06.2012

Spott über das Land der Mülltrenner

Alexander Neubacher: "Ökofimmel", Deutsche Verlags-Anstalt, 272 Seiten

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"Restentleert, tropffrei und löffelrein" will das Duale System Plastikabfälle zurück. (AP Archiv)
"Restentleert, tropffrei und löffelrein" will das Duale System Plastikabfälle zurück. (AP Archiv)

Unsinnige Reformen, neurotische Ängste, aufgeblähte Verwaltungen: Der "Spiegel"-Journalist Alexander Neubacher zeichnet die gegenwärtige Umweltpolitik als Panoptikum absurder Schildbürgerstreiche. Etwas mehr Sachlichkeit hätte dem Buch aber gutgetan.

Neunzig Prozent der Deutschen sind laut Umfragen peinlich darauf bedacht, ihren Müll nach Vorschrift zu trennen. "Restentleert, tropffrei und löffelrein" will das Duale System Plastikabfälle zurück. Danach kippt es zwei Drittel davon schnöde in Verbrennungsanlagen - zusammen mit all dem anderen Müll.

In seinem Buch "Ökofimmel" zeichnet der "Spiegel"-Journalist Alexander Neubacher die gegenwärtige Umweltpolitik als Panoptikum absurder Schildbürgerstreiche. Da wird ein Dosenpfand eingeführt, um Verbraucherinnen und Verbraucher vom Kauf sündiger Plastikflaschen abzuhalten. Stattdessen kletterte der Marktanteil von Einwegflaschen in die Höhe, weil die Leute glauben, der Umwelt mit dem Kauf von Pfandgut etwas Gutes zu tun. Da werden Bürger gezwungen, ihre Lichtversorgung auf Energiesparlampen umzustellen. Geht solch ein Birnchen mal kaputt, durchwabern hochgiftige Quecksilberdämpfe die heimische Atemluft. Da werden Bio-Äpfel monatelang im Kühlhaus frisch gehalten, was ihre CO2-Bilanz im Vergleich zu konventioneller Ware aus Übersee in den tiefen Keller rauschen lässt - und kein Mensch interessiert sich dafür.

Welche Mechanismen treiben Menschen und Politik dazu, die Welt auf eine Weise retten zu wollen, die ihr nicht hilft? Im zweiten Teil seines Buches lässt Alexander Neubacher eine Gemengelage neurotischer Befürchtungen aufmarschieren, fehlgeleiteter Prognosen, aufgeblähter Verwaltungsapparate und statistischer Tricks zur Schönfärberei. Alles das liest sich süffig und geschmeidig dahin, voller Sinn für Aberwitz und lakonische Pointen. Doch leider verkürzt der Autor um der ironischen Effekte willen zu häufig die Realitäten.

So kanzelt er kritische Einwände gegen gentechnisch veränderte Nahrungspflanzen als pure Panikmache deutscher Öko-Fundamentalisten ab, mit schädlichen Folgen für die Welternährung. Warum treibt diese Technologie indische Bauern zu Großdemonstrationen auf die Straße? Wie steht es um die unkontrollierte Verbreitung von Gentechnik-Mais in Mexiko? Welche Folgen bringt die Politik des Unternehmens Monsanto mit sich, das mit Hilfe der Gentechnik die Saatgutmärkte der Welt in seinen alleinigen Besitz nimmt?

Bei Alexander Neubacher kommen diese Fragen nicht vor. An anderer Stelle weiß er dem deutschen Atomausstieg nach Fukushima nur mit der ironischen Randbemerkung zu begegnen, hierzulande sei wohl kaum mit einem Tsunami zu rechnen. Das ist sicher richtig. Allerdings liegen auch in Deutschland mehrere Atommeiler in erdbebengefährdeten Gebieten. Das Kernkraftwerk Mülheim-Kärlich in Rheinland-Pfalz musste 1988 sogar stillgelegt werden, weil die Baugenehmigung die Erdbebengefahren ignoriert hatte. Solche Aspekte könnte das Buch zumindest mit bedenken - tut es aber nicht.

Am Ende unterbreitet der Autor durchaus diskutable Vorschläge, wie Umweltpolitik rationaler zu gestalten wäre. Etwas mehr Sachlichkeit! Das möchte man auch dem Autor zurufen, denn er tut seinem wichtigen Thema mit dem Übermaß an Spott keinen Gefallen.

Besprochen von Susanne Billig

Alexander Neubacher: Ökofimmel - Wie wir versuchen, die Welt zu retten – und was wir damit anrichten
Deutsche Verlags-Anstalt
272 Seiten, 19,99 Euro

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