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Nachspiel / Archiv | Beitrag vom 03.12.2017

Sportwetten und Spielsucht"Da geht es um sehr, sehr viel Geld"

Von Frank Ulbricht

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Ein Mann schaut sich eine Internetseite für Online-Wetten an. (picture alliance/dpa/Marcus Brandt)
Wetten und Zocken: ein Milliardenmarkt im Internet. (picture alliance/dpa/Marcus Brandt)

Immer mehr Fußballvereine gehen Kooperationen mit Anbietern von Sportwetten ein. Lange war das verboten. Doch für den Profibereich gelten Ausnahmen. Schließlich gehe es um viel Geld, sagt Sportjournalist Benjamin Best.

Markus ist nicht sein richtiger Name. Gewettet hat er schon immer, erst auf Pferde, später auf Fußballspiele. Seit auch im Internet, an jedem Tag, zu jeder Zeit, Sportwetten möglich sind, ist aus Spaß und Nervenkitzel Sucht geworden. Statt wie früher mal am Wochenende, wettete Markus auf der Arbeit, oder zu Hause, mitunter täglich. Erst nur wenige Euro, später wurden die Einsätze immer höher.

"Schön, dass Sie wieder hier sind. Für uns ist das Leben ein Spiel. Und die Regeln lauten: tolle Gewinnchancen, ausgezeichneter Kundenservice, ehrliche Unterhaltung! Spielen Sie gleich mit und eröffnen Sie ein Wettkonto – es ist völlig kostenlos! Wetten, dass wir Sie überzeugen?" – So wird man auf der Internetseite eines Wettanbieter begrüßt.

Marcus glaubte an seine Gewinnchance. Manchmal hat der 50-Jährige tatsächlich gewonnen, vor allem aber viel Geld verloren. Wie viel, darüber mag er nicht reden.  Ohne Hilfe, das verrät Markus dann doch, wird er seine Wettschulden nie zurückzahlen können.

Immer wieder haben seine Eltern mit Geld ausgeholfen, mit keinem guten Gefühl. Sie fragten sich: Bezahlt Markus davon seine Miete, den Unterhalt für das Kind, oder verzockt er das Geld?

Oliver Kahn als Werbebotschafter

"Wir tragen Verantwortung für alle Kunden. Wir garantieren schnellste Auszahlung und innovative Wettangebote. Und unser Motto ist: Ihre Wette in sicheren Händen", sagt der ehemalige Welttorhüter Oliver Kahn in einem Werbevideo. Seit 2012  ist er sogenannter Markenbotschafter für einen Anbieter von Sportwetten und Casinospielen. Immer mehr Vereine arbeiten mit Wettanbietern zusammen.

So hat zum Beispiel Fußballbundesligist Hertha BSC einen Trikotsponsor aus der Branche. Auch Bayern München und Borussia Dortmund haben Millionenverträge mit Glückspielunternehmen abgeschlossen. Das war lange verboten, denn laut der Spielordnung des Deutschen Fußball-Bundes "darf die Trikotwerbung nicht gegen die allgemein im Sport gültigen Grundsätze von Ethik und Moral verstoßen. Werbung für private Wettanbieter kann nicht genehmigt werden."

Englischer Verband kündigte Verträge mit Wettanbietern

Für den Profibereich gelten allerdings Ausnahmen. Warum es diese gibt, dazu wollte sich die Deutsche Fußball-Liga, zuständig für die Erste und Zweite Bundesliga, in einem Interview nicht äußern. Für den Journalisten Benjamin Best, der sich seit Jahren mit Sportwetten beschäftigt, liegt die Antwort nahe. "Bei Sportwetten und Wettanbietern, da geht es einfach um sehr, sehr viel Geld. Und das ist ein Beispiel, wo Moral und Ethik keine große Rolle mehr spielen." Interessant in dem Zusammenhang sei auch, "dass der englische Verband bestehende Verträge mit einem Wettanbieter gekündigt hat".

Der englische Verband hat erkannt, so Best, dass man nicht einerseits gegen Spielsucht und Wettbetrug vorgehen kann, andererseits aber Millionen mit der Werbung für Sportwetten verdient. Durch seine Recherchen hat er von Jugendspielern gehört, die sogar in der Halbzeitpause auf Fußballspiele gewettet haben. Kein Problem mit dem Smartphone.

Sehr beliebt sind sogenannte Live-Wetten. Hier kann man darauf setzen, welcher Spieler das nächste Tor schießt, oder eine rote Karte bekommt. Diese Wetten sind in Deutschland eigentlich verboten, aber durch den Gesetzgeber nur schwer zu kontrollieren.  

Harmloser Spaß oder eine Art Suchtmittel?

"Ich kenne einen ehemaligen Bundesligatrainer, der auch leider nur noch Fußballspiele schauen konnte, weil ihn keiner mehr wollte als Trainer", erzählt Ronald Reng, Autor zahlreicher Fußballbücher. "Und der hat auch angefangen neben dem Fernseher den Computer einzuschalten. Und da liefen die ganze Zeit Live-Wetten. Da ist natürlich die Gefahr einer Fixierung, und das man gar nicht merkt, was man macht, wie lange man davorsitzt, natürlich stark gegeben." Sportwetten komplett zu verbieten, davon hält der mehrfach ausgezeichnete Sportjournalist aber nichts. Sie gehörten auch ein Stück weit zur Fußballkultur dazu.

"Im bestimmten Maße ist Wetten tatsächlich ein Spaß und harmlos." Daher müsse das Risiko abgewogen werden. "Muss man etwas verbieten, weil wir Menschen uns nicht mehr im Griff haben? Oder schaffen es 99,9 Prozent der Menschen damit verantwortungsvoll und durchaus auch lustvoll und mit Spaß umzugehen?"

Markus – über den wir am Anfang geredet haben – hat die Sache mit den Sportwetten jetzt im Griff. Das behauptet er zumindest. Was bleibt, sind auf jeden Fall seine Schulden.  


Zum Thema Wettsucht hat Hanns Ostermann mit Gordon Schmid von der Beratungsstelle "Café Beispiellos" gesprochen. Ein Problem sei die leichte Zugänglichkeit: "Man kann über Smartphones, aber auch in den Wettbüros täglich und zu jeder Uhrzeit wetten." In seine Beratungsstelle kämen Menschen querbeet aus der Gesellschaft, die ihr ganzes Geld verwettet hätten. "Bei den Sportwetten sind es eher die jüngeren Menschen, jüngere Männer, die zu uns kommen, die schon recht früh mit den Sportwetten beginnen, häufig schon im Jugendalter." Mit Mitte zwanzig, Ende zwanzig, schafften sie es dann nicht mehr, mit den Sportwetten aufzuhören, sagt Schmid. Der Einstieg sei häufig der Fußball. Schmid sieht deshalb auch die Fußball-Vereine in der Pflicht.

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