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Tacheles / Archiv | Beitrag vom 04.04.2015

Sportpolitik-Professor Jürgen MittagEin europäisches Anti-Dopinggesetz wäre wünschenswert!

Jürgen Mittag im Gespräch mit Burkhard Birke

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Wie wirkungsvoll ist das Anti-Dopinggesetz? (dpa / picture-alliance / Patrick Seeger)
Wie wirkungsvoll ist das Anti-Dopinggesetz? (dpa / picture-alliance / Patrick Seeger)

Die Bundesregierung hat ein Anti-Dopinggesetz beschlossen. Jürgen Mittag bezweifelt, ob so Manipulationen im Sport wirkungsvoll verhindert werden können. Der Professor für Sportpolitik fordert Regelungen für ganz Europa.

Deutschlandradio Kultur: Jürgen Mittag ist Professor für Sportpolitik und Leiter des Instituts für Europäische Sportentwicklung und Freizeitforschung.

Herr Mittag, ein Institut für Europäische Sportentwicklung und Freizeitforschung ist das ein Unikum in Deutschland?

Jürgen Mittag: Die Auseinandersetzung mit Sport auf europäischer Ebene nicht, aber sich dezidiert mit der politikwissenschaftlichen und politischen Dimension des Sports auseinanderzusetzen, ist in der Tat etwas Neues, was es in Deutschland in dieser Form auch erst seit einigen Jahren gibt und was darauf zurückzuführen ist, dass der Sport eben auch immer wichtiger wird, auch finanziell intensiver, und dass auch der Regulierungsbedarf im Sport wächst. Das heißt, die Politik interessiert sich auch in zunehmendem Maße verstärkt für den Sport.

Deutschlandradio Kultur: Das sollte sie auch. Herr Mittag, ich möchte Sie mit einer zynischen Frage konfrontieren, fast schon philosophisch: Haben Diktaturen und autokratisch regierte Staaten mehr Chancen, Austragungsorte für sportliche Großereignisse wie Olympische Spiele zu werden oder Fußballweltmeisterschaften?

Jürgen Mittag: Es scheint ein wenig so zu sein. Und wenn man sich die Rahmenbedingungen, die mit einer Sportgroßveranstaltung verbunden sind, näher anschaut, dann haben sie zumindest einige Vorteile. Sportgroßveranstaltungen bedingen einen relativ reibungslosen Verlauf. Sie bedingen eine relativ umfassende Maschinerie. Und diejenigen staatlichen Systeme, politischen Systeme, die möglichst wenig Widerspieler haben, Gegenspieler haben, können das sicherlich etwas leichter in die Wege leiten, als Demokratien mit ihren Checks and Balances, mit ihren Kräften und Gegenkräften, bei denen es vielfach eben auch unterschiedliche Interessen gibt, die aufeinanderprallen. Und das ist bei Sportgroßveranstaltungen in einem ganz erheblichen Maße der Fall, dass eben nicht nur das eine übergeordnete staatliche Interesse, sondern ökologische, soziale Interessen, auch Menschenrechtsfragen, aber eben auch die Interessen der Bevölkerung vor Ort eine ganz wesentliche Rolle spielen.

Und wenn diese Interessen aufeinanderprallen, kommt es zu Auseinandersetzungen, Konflikten. Und die führen dazu, dass die Sportgroßveranstaltungen nicht immer reibungslos über die Bühne gehen.

Deutschlandradio Kultur: Oder gar nicht erst in die Länder vergeben werden. Wir hatten den Fall von Garmisch-Partenkirchen und der Bewerbung für die Winterolympischen Spiele. Das ist ja an dem Widerstand der Bürger gescheitert.

Welche Kriterien sollte man denn international anlegen? Wir haben ja auch das Problem in Katar, dass dort gerade auch bei den Bauarbeiten für die Fußballweltmeisterschaft Menschenrechte, Arbeitnehmerrechte mit den Füßen getreten werden.

Jürgen Mittag: Wir stehen hier gegenwärtig eigentlich vor einem fundamentalen Veränderungsprozess. Wenn man sich die internationalen Sportorganisationen anschaut und die Sportgroßveranstaltungen anschaut, dann sieht man, dass bisher vor allen Dingen die finanziellen Erwägungen eine ganz zentrale Rolle gespielt haben. Die FIFA, das IOC, andere Sportorganisationen müssen sich aus den Einnahmen dieses Sportgroßereignisses im Wesentlichen finanzieren. Deswegen bestand ein sehr großes Interesse bislang, vor allen Dingen möglichst viel Geld einzunehmen und gegebenenfalls auch neue Märkte zu erschließen im Hinblick auf Sponsoren.

Es ist kein Zufall, dass deswegen gerade auch solche Sportgroßveranstaltungen an die so genannten BRIC-Staaten – Brasilien, Russland, Indien etwas weniger, aber China und auch Südafrika – vergeben worden sind, dort, wo eben neue Märkte zu erschließen sind und wo eben auch relativ hohe Gewinne ohne große Gegenspieler zu erzielen sind. Das war die Politik der Vergangenheit oder eigentlich auch noch der Gegenwart, in der eben die Vergabe genau in diesem Sinne gelaufen ist.

Man hat dabei aber dann doch mittlerweile realisiert, wenn man nur auf die finanziellen Erwägungen und auf die Einnahmeseite schielt und die Rahmenbedingungen gänzlich außen vor lässt, soziale Fragen, Menschenrechtsfragen vollkommen außen vor lässt, dann stellt man letztendlich die Integrität des Sports infrage. Und das ist genau der Moment, bei dem wir gegenwärtig angekommen sind. Im IOC merkt man das vielleicht etwas stärker als bei der FIFA, dass man auch hinterfragt: Was muss der Sport noch leisten? Was muss der Sport mehr leisten? Und welchen Kriterien muss man mehr Rechnung tragen, als allein den finanziellen Erwägungen oder vielleicht noch einigen symbolträchtigen Argumenten?

Das passiert gegenwärtig – eine Debatte durchaus im internationalen Sport, in den internationalen Sportorganisationen, aber auch in der Politik, wie man damit umgehen kann. Das IOC hat in seiner Agenda 2020 darauf reagiert. FIFA fängt an, darauf zu reagieren. Das ist der Prozess, der gegenwärtig eigentlich erst gerade am Beginn steht.

Deutschlandradio Kultur: Auf die Reformbemühungen oder die Reformanstrengungen des IOC, der Internationalen Olympischen Komitees, darauf gehen wir gleich noch ein, Herr Prof. Mittag. – Ganz provokant nochmal die Frage: Sollte man Katar eigentlich jetzt die Fußball-WM entziehen?

Jürgen Mittag: Man wird es sicherlich nicht tun, allein vor dem Hintergrund der Verpflichtungen, die man schon eingegangen ist mit der Vergabe. Das ist sicherlich eine rechtliche Begründung.

Deutschlandradio Kultur: Wegen Konventionalstrafen?

"Sportboykotte sind immer ein sehr scharfes Schwert"

Jürgen Mittag: Ja, das wäre durchaus ein Problem, was die FIFA zu vergegenwärtigen hätte und was sie sicherlich nicht tragen wird. Wenn man normativ an die Sache rangeht, wenn man mit Werten, mit Maßstäben von Werten an die Sache herangeht, sieht das sicherlich anders aus. Die Berichte auch der jüngsten Zeit tragen sicherlich nicht dazu bei, das Bild und die Vorstellung von Katar zu verbessern.

Aber auch hier fällt auf: FIFA, Blatter haben in der letzten Zeit doch etwas offensiver und stärker Menschenrechte, Arbeitsbedingungen angemahnt, weil sie eben sehen, sie geraten selber in die Gefahr, dass ihr eigenes Ansehen und auch die Integrität des Sports infrage gestellt wird. Deswegen wird man auch seitens der FIFA sicherlich etwas stärker, als es in der Vergangenheit der Fall gewesen ist, drauf achten, dass die Rahmenbedingungen dann doch anders ausgestaltet werden, als sie vielleicht bis jetzt ausgestaltet werden.

Deutschlandradio Kultur: Money makes the world go round. Also, das Geld ist das Entscheidende. Das wissen wir, haben Sie eben auch nochmal ausgeführt, Herr Prof. Mittag. Aber werden Sie als Sportpolitiker empfehlen, dass man die Fußball-WM in Katar boykottiert, sollte nicht sich massiv etwas verbessern an dieser Menschenrechtssituation?

Jürgen Mittag: Nun, Sportboykotte sind immer ein sehr scharfes Schwert und eine harte Waffe. Wenn man rückblickend auf die Boykotte, insbesondere der ausgehenden 70er Jahre und der 80er Jahre, 76, 80, 84 im Kontext der Olympischen Spiele...

Deutschlandradio Kultur: Moskauer Olympischen Spiele...

Jürgen Mittag: Und LA als Retourkutsche – zurückschaut, dann sieht man, dass das eigentlich wenig gebracht hat. Das war eine Verlagerung der internationalen Politik, der Außenpolitik auf den Sportplatz oder auf die Sportfelder dieser Welt. Das hat wenig gebracht und das würde ich auch nicht für die richtige Waffe oder das richtige Arsenal erachten.

Deutschlandradio Kultur: Warum nicht?

Jürgen Mittag: Weil dadurch der Sport seines eigentlichen Wertes und seiner eigentlichen Bedeutung entkleidet wird. Wenn man Athleten sieht, die Jahre dafür trainieren, an so einem sportlichen Wettbewerb teilzunehmen, und die dann womöglich vor die Situation gestellt sind, jetzt nicht an diesem Wettbewerb teilnehmen zu können, für den sie sehr viel geopfert haben und dass sie sehr viel aufgegeben haben, dann ist das, finde ich, schon fragwürdig. Und ich glaube auch nicht, dass der Sport per se in dieser Dimension politisch aufgeladen werden sollte, wie er es unweigerlich immer wieder wird.

Meines Erachtens, und sie haben mich als Sportpolitiker, ich wäre eher der Wissenschaftler, aber wenn ich aus in einer Kombination von Wissenschaft und Politik antworten würde, dann würde ich die Aufgaben eher im Vorfeld sehen, nämlich dafür sorgen, dass im Vorfeld Kriterien eingezogen werden, Rahmenbedingungen und Maßstäbe festgelegt werden, die da verhindern, dass wir zu solchen Debatten wie einer Boykottdiskussion als letzter Waffe schlussendlich kommen werden. Also, man muss Kriterien im Vorfeld festzurren.

Deutschlandradio Kultur: Herr Prof. Mittag, jetzt will ich Sie aber festnageln. Welches sind diese Kriterien? Und nehmen wir zum Beispiel mal die Olympischen Spiele damals in Moskau, die ja boykottiert worden sind, wo eigentlich der Sport zum Instrument der Politik wurde. Wie kann man denn Kriterien aufstellen, die sicherstellen, dass der Sport nicht instrumentalisiert wird für die Politik und die Athleten das, wofür sie sich jahrelang vorbereitet haben, auch umsetzen können und dann eben auch diese Olympischen Spiele feiern können?

Jürgen Mittag: Man wird es wahrscheinlich nie hundert Prozent verhindern wollen. Dafür ist der Sport einfach per se eine Projektionsfläche von unterschiedlichen Interessen. Die ganze Weltaufmerksamkeit ist auf den Sport, auf die Olympischen Spiele, auf die Fußballweltmeisterschaften gerichtet. Allein deswegen wird es immer wieder dazu kommen, dass über den Sport vermittelt andere Interessen durchgesetzt werden. Aber man sollte versuchen, dem nicht Tür und Tor zu öffnen für alle Möglichkeiten, sondern da auch gewisse Grenzen einzuziehen.

Deswegen halte ich es nicht für richtig, wenn Sportgroßereignisse an problematische Staaten vergeben werden, wenn im Rahmen von Sportgroßveranstaltungen Menschenrechte mit den Füßen getreten werden, wenn im Rahmen von Sportgroßereignissen soziale Rechte keinerlei Berücksichtigung finden. Das sind Rahmenbedingungen, die sind problematisch. Und hier ist es Aufgabe der internationalen Sportorganisationen im Vorfeld Kriterien einzuziehen und festzuhalten, die dann nachher auch umgesetzt werden.

Deutschlandradio Kultur: Aber welches sind die Kriterien? Sollen wir sagen Nachhaltigkeit? Sollen wir sagen, Amnesty International muss feststellen, dass in diesem Staat keine Menschenrechte verletzt werden? Welche sind es?

Jürgen Mittag: Das wären durchaus Kriterien, die Ernst zu nehmen sind. Ich meine, es sind immer sehr wohlfeile Worte und es ist schwer, diese schönen Worte dann auch entsprechend in Taten umzusetzen. Aber die Nachhaltigkeit ist sicherlich ein ganz zentrales Argument.

Wenn wir jetzt zurückschauen auf die Fußballweltmeisterschaft in Brasilien, dann wird die FIFA relativ wenig gegen Buspreiserhöhungen in Brasilien leisten können. Das war einer der zentralen Anlässe der Unruhen in Brasilien. Aber die andere Frage, die damit verbunden ist, zum Beispiel die Stadien, die neu gebaut werden, die Favelas, die abgerissen worden sind, die Mietpreise, die angezogen sind, auch die Frage, was zugunsten der Sportgroßorganisation verändert werden muss, da kann man sicherlich sensibler und bedächtiger vorgehen, als das in der Vergangenheit der Fall gewesen ist.

Und da wären auch genau die Kriterien einzuziehen, wenn man jetzt einmal an die ökologische Dimension denken würde. In sozialer Hinsicht könnten auch von Seiten der FIFA Mindeststandards verhandelt werden. Es könnte darauf geachtet werden, dass nicht der X. Subunternehmer angestellt wird, der die Preise nochmal drückt.

Deutschlandradio Kultur: ..., sondern Mindestlöhne gezahlt werden.

Jürgen Mittag: Das wären sicherlich Dinge, die von Seiten der FIFA zu bewerkstelligen sind. Und diese Diskussionen sind zumindest auch schon angelaufen, weil eben die FIFA merkt, das bringt ihren eigenen Ruf doch in ein sehr schlechtes, sehr zweifelhaftes Licht. Und das will die FIFA natürlich vermeiden.

Deutschlandradio Kultur: FIFA, Weltfußballverband. Wird Herr Blatter wieder gewählt als Präsident?

Jürgen Mittag: Wir werden damit rechnen müssen, dass Ende Mai Blatter seine nächste und dann wohl doch letzte Amtszeit antritt.

Deutschlandradio Kultur: Ist das gut oder schlecht für den Fußball?

Jürgen Mittag: Wenn man sieht, wie schwierig die letzte Wiederwahl von Blatter gewesen ist und mit welchen harten Bandagen er sich damals nur hat durchsetzen können, würde ich sagen, es ist sicherlich nicht von Vorteil, dass ein doch erheblich angezählter Blatter noch einmal, auch mit seinem Alter mittlerweile, entsprechend in den Ring tritt.

Man muss es aber auch so sehen: Gerade in internationalen Sportorganisationen sind diejenigen, die in Amt und Würden sind – und als FIFA-Präsident hat man fast alle Machtmittel und Ressourcen in seiner
Hand -,relativ unangreifbar.

Deutschlandradio Kultur: Haben sie denn einen Wunschkandidaten?

Jürgen Mittag: Sicherlich wäre es nicht falsch gewesen, wenn Platini als Gegenkandidat angetreten wäre. Platini vertritt die UEFA. Auch die UEFA ist nicht in allen Bereichen das hehre Vorbild, aber sicherlich im Hinblick auf Fragen von Ökologie und Transparenz um einiges besser als die FIFA. Deswegen könnte ich mir vorstellen, dass die UEFA-Mitgliedsstaaten in ihm durchaus einen ernstzunehmenden Kandidaten, nicht nur einen Zählkandidaten gesehen hätten, einige andere Staaten sich dem angeschlossen hätten und dass wir dann wirklich eine ernsthafte Auseinandersetzung über die Führung, über die Politik auch der FIFA in den nächsten Jahren bekommen haben.

Aber solange Blatter an der Spitze sitzt, alle finanziellen Möglichkeiten der Exekutive der FIFA auch weiter besitzt, solange sehe ich da wenig Potenzial, dass es zu einem ernsthaften Machtwechsel innerhalb der FIFA kommt.

Deutschlandradio Kultur: Gibt es da Absprachen, geheime Pakte?

Jürgen Mittag: Ja, dahingehend, dass Blatter sich eigentlich in einem fortwährenden Wahlkampf dahingehend befindet, dass er in ganz erheblichem Maße eben Länder, Staaten, auch insbesondere Fußballverbände aus etwas weniger großen Staaten versucht für sich zu gewinnen, FIFA zählt schließlich one Federation one vote, also auch die kleinsten Föderationen mit ihren 500 Fußballern, ob sie auf Samoa oder wo auch immer angesiedelt sind, zählen jetzt, hinter sich schart. Und das gelingt ihm. Allein die schiere Masse der Stimmen aus diesen Staaten bzw. mit diesen Verbänden vermögen ihm die Wiederwahl doch relativ leicht zu sichern.

Das ist seine Politik. Die hat er in der Vergangenheit betrieben. Die wird er jetzt auch wieder betreiben. Und wenn man die Rekordergebnisse der WM 2014 sieht in Brasilien, die die FIFA erzielt hat, dann ist die Schatulle voll. Und dann kann auch noch ein bisschen was aus der Schatulle herausgeholt werden, um die Wiederwahl durch die eine oder andere – nicht korruptive, aber durchaus als Wahlgeschenk zu verstehende – Maßnahme entsprechend sicherzustellen.

Deutschlandradio Kultur: Herausholen bei der FIFA, darin scheinen auch die Manager von dem Fußballverein Bayern-München weltmeisterlich. Denn die kriegen ja immer für die Abstellung von ihren Spielern enorme Summen. – Halten Sie das eigentlich für angebracht?

Jürgen Mittag: Da muss man auch mal weiter zurückgehen und ausholen. Seinerzeit hatte sich die Vereinigung der wichtigsten, mächtigsten und einflussreichsten europäischen Fußballvereine gegründet, die sogenannte G14, die es mittlerweile nicht mehr gibt, die sich selbst aufgelöst hat. Und das Ansinnen der G14 war es damals, eben genau solche Kompensationszahlungen, sowohl von der UEFA als auch von der FIFA zu erhalten.

Und es hat einen harten, sehr harten Kampf, insbesondere mit UEFA und FIFA gegeben, anders als heute, wo man weitgehend konsensual agiert, wo Rummenigge sogar Mitglied im UEFA-Exekutiv-Komitee werden will, sozusagen die Konsensschiene, die gegenwärtig gefahren wird. Damals war es der Konflikt gewesen. Und das Endergebnis dieses Konfliktes war, dass eben die G14, die mächtigen Vereine, erklärt haben, quasi sich selbst aufzulösen, auf der anderen Seite aber diese Kompensationszahlungen, über die wir jetzt sprechen, als Gegengeschäft zu erhalten neben einigen kleineren, etwas unbedeutenderen Punkten.

Deutschlandradio Kultur: Und die kleinen Vereine gucken in die Röhre.

Jürgen Mittag: Das ist das Problem. Das ist aber das ganze Problem überhaupt der Champions League als solche. Die UEFA Champions League ist eine gigantische Geldumverteilungsmaschinerie, das muss man so sehen, die dazu führt, dass die Vereine, die an den europäischen Wettbewerben teilhaben, immer stärker, immer besser, immer reicher vor allen Dingen werden und mit diesen europäischen, aus den europäischen Wettbewerben her resultierenden Mitteln auch die nationale Liga dominieren können. Das ist eine Gefahr, die schon seit Jahren absehbar war, die aber jetzt erst richtig zum Tragen kommt.

Und wenn man das sich einmal näher anschaut, wer sind in den nationalen Ligen die Vereine, dann haben wir ein hohes Maß an Konstanz und an Kontinuität.

Vielleicht auch nochmal ein Beispiel: Diejenigen, die bis jetzt die UEFA Champions League gewonnen haben, sind mit Ausnahme von Chelsea alles Vereine aus der ehemaligen G14. Das heißt, wir haben wirklich hier ein klares, eng abgeschottetes Elitensystem von Vereinen, die sich immer wieder vermögen, selbst an die richtige Position, an die Spitze zu positionieren, national wie dann auch europäisch, so dass wir de facto relativ wenig Durchlass und wenig Varianz haben.

Deutschlandradio Kultur: Sie leiten das Institut für Europäische Sportentwicklung. Ist das nicht eine europäische Wettbewerbsverzerrung, was Sie gerade angesprochen haben, bei der Verteilung eben der Gelder aus der Champion League? Und könnte da nicht die EU-Kommission als Hüterin über den Wettbewerb im Binnenmarkt in Europa da ein Machtwort sprechen und Regeln aufstellen?

Jürgen Mittag: Das ist eine interessante Frage. In der Tat ist das Ganze (...). Durch die europäische Dimension wird der nationale Fußball in ganz erheblichem Maße verzerrt oder zumindest beeinflusst, wenn man es neutral formulieren will.

Wir haben mit dem Financial Fairplay ein Instrumentarium, was von der UEFA durchaus mit sanftem Blick oder mit sanftem Druck der EU-Kommission in die Wege geleitet worden ist.

Deutschlandradio Kultur: Können Sie das nochmal erläutern?

Jürgen Mittag: Financial Fairplay bedeutet letztendlich, dass die Einnahmen der Vereine, die an europäischen Wettbewerben teilnehmen, die Ausgaben nicht übersteigen sollen, mit gewissen Sonderregeln und Ausnahmen, verkürzt gesprochen – ein Verfahren, was jetzt erst voll zum Tragen kommen wird, von dem noch abzuwarten bleibt, wie hart das dann durchgesetzt und auch sanktioniert werden kann. Aber unterstellt man einmal, dass dieses Financial Fairplay funktioniert, werden wir erleben, dass die Vereine, die an europäischen Wettbewerben teilnehmen, ein etwas gesünderes, besseres Finanzgebaren an den Tag legen werden als in der Vergangenheit.

Das hat aber eben keine Auswirkungen auf die nationalen Ligen. Da bleibt die Problematik weiter bestehen. Das ist kein Umverteilungssystem, kein Solidaritätsmodell.

Deutschlandradio Kultur: Bräuchte man ein solches Umverteilungssystem?

Jürgen Mittag: Das wäre zumindest zu diskutieren, wenn man sieht oder liest, dass die nächsten Auszahlungen der UEFA Champions League nochmals höher ausfallen werden.

Deutschlandradio Kultur: Wie hoch genau?

Jürgen Mittag: Exakte Zahlen kann ich Ihnen nicht sagen, aber allein die Antrittssumme ist nochmal erhöht worden. Und die Summen, die pro Sieg bzw. für die nächsten Runden ausgeschüttet werden, werden nochmal höher liegen als in der Vergangenheit. Mit diesen exakten oder mit diesen Zahlen können die Vereine national natürlich nochmal stärker aufrüsten und sich nochmal stärker oder besser in der nationalen Liga behaupten. Und das wird das Geschäft nochmal schwieriger machen.

Wir werden erleben natürlich, dass Bayern München und einige wenige Vereine auf Dauer die Spitze der nationalen Ligen behaupten werden. Und ähnlich wird es in Frankreich, in Spanien, in England in den Ligen sein, in denen eben genau diese Gelder in erheblichem Maße ihre Auswirkung zeigen werden.

Deutschlandradio Kultur: Herr Mittag, lassen Sie uns nochmal auf die Meta-Ebene gehen. In dem Lissabonner Vertrag für die EU ist ja eigentlich sogar der Sport mit einem eigenen Artikel erwähnt worden. Aber man hat so das Gefühl, in Europa passiert nichts. Wir haben gerade über ein Phänomen dieses verzerrten Wettbewerbs in Europa gesprochen, nämlich den Fußball, dem wohl populärsten oder so.

Wo sehen Sie denn ganz konkreten Handlungsbedarf? Wo könnte denn auf europäischer Ebene hier der Sport wirklich auf eine Ebene der Gleichheit gestellt werden?

"Das ist das Entscheidende. Stichwort Bosman"

Jürgen Mittag: Sie haben den Lissabon-Vertrag angesprochen. Und das ist ganz wichtig zu unterscheiden. Wir haben im Lissabon erstmalig eine Regelung für den Sport und über den Sport. Aber diese Regelung ist, wenn man so will, das weichste Instrumentarium überhaupt, was denkbar ist. Das heißt, die EU-Kommission kann nicht harmonisieren und kann auch keine Gesetze durchbringen, sondern sie kann allein koordinieren. Und sie kann die Staaten zusammenbringen.

Will heißen: Es hat jetzt ein neues Programm, ein Förderprogramm im Rahmen von Kultur und Bildung gegeben, unter den auch der Sport zu fassen ist. Da werden also Gelder ausgeschüttet, damit Staaten zusammenkommen, Föderationen zusammenkommen im Fußball und in anderen Sportbereichen. Und es werden Studien in die Wege geleitet. Das passiert gegenwärtig. Da ist aber wenig zu regulieren, wenig an neuen Initiativen durchzusetzen. Eine Dopinggesetzgebung auf europäischer Ebene, dafür gibt es gegenwärtig keine Handlungskompetenz – allein im nationalen Bereich...

Deutschlandradio Kultur: Sie wünschen sich solche Handlungskompetenzen auf europäischer Ebene?

Jürgen Mittag: Wir haben sie gegenwärtig bereits im Binnenmarktbereich. Das ist das Entscheidende. Stichwort Bosman. Das Bosman-Urteil, was, wenn man so will, auf die Arbeitnehmerfreizügigkeit abgestellt hat...

Deutschlandradio Kultur: Das heißt, dass europäische Spieler bei anderen Vereinen in anderen europäischen Ländern wie Inländer behandelt werden.

Jürgen Mittag: Ganz genau. Und in diesem Rahmen oder in diesem Kontext kommt eben die Wettbewerbsregelung zum Tragen. Und hier werden Fußballspieler wie normale Arbeitnehmer, wie normale Wirtschaftssubjekte behandelt. Und in diesem Bereich, da ist auch das Financial Fairplay letztendlich anzusiedeln. Wenn es zu Wettbewerbsverschränkung oder -verzerrung kommt, dann kann die EU-Kommission intervenieren. Dann kann sie auch wirklich regulativ tätig werden. Und das erleben wir gegenwärtig, dass eine gewisse Fairness über diesen Weg über Staatsbeihilfen zumindest diskutiert wird.

Was bedeutet das zum Beispiel, wenn in Spanien Steuererleichterungen in ganz erheblichem Maße für die Fußballvereine geleistet werden, was in Deutschland oder andernorts nicht der Fall ist? Also, hier gibt's einen gewissen Hebel über die Wirtschaft, über den Binnenmarkt. Aber über den engeren oder für den engeren Bereich des Sports gibt es keine regulativen Kompetenzen der EU-Kommission.

Deutschlandradio Kultur: Würde die Sportförderung, in Deutschland sind es, glaube ich, pro Jahr 140 Millionen Euro, eigentlich auch unter den Binnenmarkt fallen?

Jürgen Mittag: Das wäre sicherlich auch nochmal ein interessanter Punkt, ob da Wettbewerbsverzerrungsdimensionen zu erkennen ist. Das ist gegenwärtig aber kein Diskussionsgegenstand. Denn die Sportförderung fällt, glaube ich, in die gegenwärtig auch von der EU-Kommission immer noch als solchen erkannten Sonderbereich des Sports. Also, die EU-Kommission erkennt durchaus an, dass der Sport gewisse Eigenarten hat, dass er auf der einen Seite, wenn er gerade in seiner Spitzensportdimension, in seiner finanziellen und Wirtschaftsdimension gesehen wird, schon dem EU-Wettbewerbsrecht in gewissem Maße unterliegt, auf der anderen Seite aber trotzdem seine Eigenarten hat und nicht wie jeder andere Politikbereich dann trotzdem genauso zu sehen ist.

Also, das ist ein ganz dünner oder ein ganz schmaler Grat, der gegangen wird, und eine Balance, die noch zu wahren ist.

Deutschlandradio Kultur: Herr Mittag, Sie haben aber ein ganz wichtiges Stichwort genannt, nämlich Doping oder besser gesagt der Kampf gegen das Doping. Nun haben wir ja gerade in der zurückliegenden Woche im Bundeskabinett ein Antidopinggesetz jetzt verabschiedet, was Haftstrafen von bis zu drei Jahren auch für den Besitz geringer Mengen an Dopingmitteln für Athleten vorsieht. – Ist das der richtige Weg? Und wäre dieser Weg nicht auch exemplarisch für Europa?

Jürgen Mittag: Das ist zumindest ein äußerst spannender Weg, denn wir stehen hier wirklich vor einer Revolution dessen, was nationale Dopingkontrolle, nationale Dopinggesetzgebung betrifft.
Bis jetzt hat sich der Sport in diesem Bereich quasi autonom verwaltet, gestaltet, eine reine Sportschiedsgerichtsbarkeit zugrunde gelegt. Und nun kommt ein Straftatbestand zum Tragen. Nun interveniert der Staat mit seiner Gerichtsbarkeit.

Der Bundesgesundheitsminister, der Innenminister haben das sehr stark forciert, nachdem verschiedene Länderinitiativen vorher wenig erfolgreich gewesen sind. Und nachdem, Sie haben es angesprochen, das Kabinett das insgesamt befürwortet hat, steht zu erwarten, dass der Bundestag das noch im Laufe dieses Jahres, eventuell sogar vor der Sommerpause verabschieden wird. Damit stehen wir wirklich vor einem – ich will nicht sagen – Machtwechsel, aber doch vor einer ganz deutlichen Akzentverschiebung. Denn der DOSB, die Spitzenvertretung des deutschen Sportes...

Deutschlandradio Kultur: Die haben verfassungsrechtliche Bedenken.

Jürgen Mittag: Sie äußern Bedenken, aber sie haben vor allen Dingen, der DOSB sieht sich vor allen Dingen mit einer Entscheidungslimitierung konfrontiert.

Deutschlandradio Kultur: DOSB sollten wir für die Hörer nochmal kurz erklären: Deutscher Olympischer Sportbund.

"Sportschiedsgerichtsbarkeit ist da sehr schnell"

Jürgen Mittag: Der Deutsche Olympische Sportbund, der, wenn man so will, die Gesamtvertretung und die Spitzenvertretung des deutschen Sportes darstellt, bis jetzt in ganz erheblichem Maße darauf gepocht hat, dass der Sport sich selber reguliert, selber entscheidet, welche Maßnahmen zu treffen sind, und aber auch, welche Ahndungen zu treffen sind im Falle von Verfehlungen. Und das würde jetzt hier anders zum Tragen kommen. Hier würden nun Strafgerichte tätig werden können – bis hin zur Haftstrafe, Gefängnisstrafe. Und das wäre eine ganz enorme Intervention im Rahmen der Selbstgestaltung und Autonomie des Sports, insofern also wirklich eine ganz deutliche Akzentverschiebung. Und das kann dem DOSB natürlich nicht ganz gut gefallen. Und das tut es gegenwärtig auch nicht.

Deutschlandradio Kultur: Aber sehen Sie als Wissenschaftler, als Sportwissenschaftler Probleme bei der Vereinbarkeit der Sportgerichtsbarkeit mit der Strafgerichtsbarkeit?

Jürgen Mittag: Was gegenwärtig von Seiten des DOSB vor allen Dingen ins Feld geführt wird, ist die Frage der Entscheidungsgeschwindigkeit, was in der Tat bei manchen Wettbewerben durchaus ein Problem darstellen kann. Wenn ein Verfahren erst in die Wege geleitet werden muss mit Anklage, Zeugen, entsprechenden Prozeduren, dann kann das schnell mal mehrere Wochen oder Monate in Anspruch nehmen. Und wenn ein Wettbewerb dadurch leiden muss oder sogar ausgesetzt werden muss, dann haben wir in der Tat ein ernstes Problem. Die Sportschiedsgerichtsbarkeit ist da sehr schnell, sehr reibungslos. Binnen weniger Tage wird eine Entscheidung gefällt.

Deutschlandradio Kultur: Aber kann das nicht komplementär sein? Also Sportgericht entscheidet, okay, der Athlet ist gesperrt oder nicht gesperrt, und später kommt der Strafprozess.

Jürgen Mittag: Und was passiert, wenn wir ein gegenteiliges oder ein anderslautendes Urteil haben?

Deutschlandradio Kultur: ... in dem Fall Claudia Pechstein.

Jürgen Mittag: Ja, das wäre eines der Beispiele. Also, da steht wirklich die Gefahr im Raume, dass wir sozusagen mehrere Gewalten haben, die sich überlagern oder sogar in einem Spannungsverhältnis zueinander stehen, was sicherlich nicht im Sinne des Sport ist und seine Ausgestaltung, was letztendlich auch nochmal finanzielle Dimensionen nach sich ziehen kann im Hinblick auf Schadensersatzklagen oder weitere Dinge, die damit verbunden sind.

Deutschlandradio Kultur: Also, wenn Sie im Bundestag säßen, welchen Änderungsantrag würden Sie einbringen, um diese Sportgerichts- und Strafgerichtsbarkeit vereinbar zu machen?

Jürgen Mittag: Ich bin froh, dass ich in dem Fall nicht im Deutschen Bundestag sitze, weil das wirklich ein ganz heikles Unterfangen ist. Ich kann den DOSB sehr gut verstehen im Hinblick auf seine Bedenken.
Auf der anderen Seite sehe ich aber auch die Notwendigkeit, von staatlicher Seite mit Blick auf die Regulierung des Spitzensportes mehr zu tun als in der Vergangenheit passiert ist.

Für mich der richtigere Weg: Man hätte nochmal das Gespräch etwas länger und intensiver miteinander suchen sollen und vielleicht nochmal eine andere Lösung finden sollen als die, die man jetzt gefunden hat. Ich denke nicht, dass es die schlechteste Lösung für den deutschen Spitzensport ist. Und das, was Sie ursprünglich angesprochen hatten, das wäre sicherlich auch nochmal die Überlegung, diese Form von Gesetzesinitiative in Deutschland auf nationaler Ebene europaweit weiter zu diskutieren. Aber da sehe ich ganz erhebliche Bedenken und Gefahren, so etwas dann durchzubringen. Denn wir haben 28 Mitgliedsstaaten mit vollkommen unterschiedlichen Traditionen, Vorstellungen, Leitbildern, Zielsetzungen. Und wenn man nur das spanische und das deutsche System miteinander vergleicht oder auch das französische noch dazwischen stellt, dann sieht man, welch fundamentale Gegensätze hier vorhanden sind. Also, da eine Harmonisierung über eine Anpassung nationaler Rechtskulturen, Rechtsvorschriften in die Wege zu leiten, da sind wir noch relativ weit von entfernt.

Deutschlandradio Kultur: Das würde natürlich wahrscheinlich auch die sehr einträchtige Tour de France, all so was infrage stellen, weil, wir wissen alle, dass da die Spitzenradsportler da sehr, sehr viel gedopt hatten.

Herr Mittag: Sportler stehen ja sehr unter Druck. Sie müssen Leistung bringen. Deshalb greifen sie zu Doping. Waren Sie überrascht über die jüngsten Enthüllungen, dass eben auch massiv über dieses berühmte Freiburger Institut im Fußball gedopt wurde? Und ist der Fußball überhaupt der Sport, wo man mit Doping Leistungssteigerung erzielen kann?

"Dem deutschen Sport kommt das sicherlich insgesamt zugute"

Jürgen Mittag: Diese Debatte führen wir seit Jahrzehnten eigentlich und sie ist immer sehr defensiv, zurückhaltend geführt worden dahingehend, dass die Perspektiven, die Steigerungsmöglichkeiten eher begrenzt sind. Aber es ist nach all dem, was wir gegenwärtig wissen, sicherlich dazu gekommen, dass es in den unterschiedlichsten Bereichen und eben nicht nur in Italien oder in Spanien, sondern auch in Deutschland zumindest entsprechende Versuche gegeben hat und man gerade in den 1970er Jahren munter und bunt mit den verschiedensten Dingen experimentiert hat, die in irgendeiner Form leistungssteigernd gewirkten haben können. – Das durchaus vielleicht in einer gewissen Naivität im Hinblick auf spätere Kontrollmöglichkeiten, aber auch im Hinblick auf die Naivität von gesundheitlichen Gefahren.

Ob das dann wirklich letztendlich was gebracht hat, das lässt sich wahrscheinlich auch retrospektiv nur schwerlich feststellen. Aber überraschen kann es nicht wirklich, weil, wir wissen das aus verschiedensten Interviewbekundungen, auch von unterschiedlichen Quellen, dass es das entsprechend in den verschiedensten Bereichen gegeben hat.

Insofern, nein, es überrascht nicht, aber das schiere Ausmaß dessen wird wahrscheinlich auch nie herauskommen. Und das, was wir jetzt erleben, das sind wirklich einige wenige, aber endlich mal belastbare Hinweise darauf, die zeigen, was es da in den 70er und 80er Jahren alles gegeben hat.

Deutschlandradio Kultur: Wir sind fast am Ende. Wir haben noch eine Minute und ich habe noch zwei Fragen.

Wird Hamburg sich erfolgreich bewerben können für die Olympischen Spiele? Und sollte man die Sportförderung, die 140 Millionen, gezielt einsetzen, damit wir, wie die Briten bei den Spielen in London, dann auch massiv eben Medaillen einfahren?

Jürgen Mittag: Hamburg wird sicherlich eine erfolgreiche Bewerbung hinlegen. Ob man wirklich gegen Paris, gegen Rom, Istanbul und vor allen Dingen Boston bestehen kann, da habe ich doch den einen oder anderen Zweifel. Es wird letztendlich nicht zuletzt drauf ankommen, dass man eine Gladiatorenfigur an die Spitze setzen kann, die wirklich zugkräftig die Bewerbung, wie in London 2012 entsprechend, Sebastian Coe entsprechend voranbringen kann.

Ob die Mittel allein auf Medaillen ausgerichtet werden sollten und auf wenige Sportarten, in denen man besonders medaillenträchtig sich sieht, ich habe da meine Zweifel. Ich denke, die Bandbreite macht es eher. Und ich glaube, der deutsche Sport tut gut daran, auch die Disziplinen nicht zu vernachlässigen, die nicht nur in jeder Hinsicht medaillenträchtig sind. Dem deutschen Sport kommt das sicherlich insgesamt zugute.

Deutschlandradio Kultur: Also auch dem Breitensport.

Jürgen Mittag: Auch dem, ja.

Dr. Jürgen Mittag, geb. 14. März 1970 in Hilden, ist Professor für Sportpolitik. Er leitet das Institut für Europäische Sportentwicklung und Freizeitforschung an der Deutschen Sporthochschule in Köln. Von 1992 bis 1997 studierte Jürgen Mittag Mittlere und Neuere Geschichte, Politikwissenschaften und Germanistik an den Universitäten Köln, Oxford und Bonn. 

Nach seinem Magisterabschluss arbeitete er zunächst am Seminar für politische Wissenschaft und Europäische Fragen der Universität Köln. Von 2003 bis 2010 war er wissenschaftlicher Geschäftsführer des Instituts für soziale Bewegungen der Ruhr-Universität Bochum sowie Geschäftsführer der Stiftung Bibliothek des Ruhrgebiets. Seit 2011 lehrt er an der Deutschen Sporthochschule Köln Sportpolitik, Sportentwicklung und Freizeitforschung. Sein Lehrstuhl wurde als Jean-Monnet-Lehrstuhl ausgewählt.

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