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Nachspiel | Beitrag vom 24.05.2020

Sportangebote für geistig BehinderteLust auf Wettkampf und Kräftemessen

Von Silvia Plahl

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Eine Helferin (l) klatscht bei den Special Olympics, den nationalen Sommerspiele für Menschen mit geistiger oder mehrfacher Behinderung, mit der Athletin Vanessa Petry von der Friedrich-Joachim-Stengel-Schule in Heusweiler ab.  (picture alliance / Frank Molter)
Sport in den Alltag bringen: Der Verband Special Olympics möchte es Menschen mit geistigem Handicap oder Mehrfachbehinderung ermöglichen, aktiv zu sein. (picture alliance / Frank Molter)

Geistig Behinderte haben ein Recht auf Teilhabe - also auch auf Sport, auf Wettbewerb und Erfolgserlebnisse. Es gibt nicht allzu viele Angebote, aber immerhin: eine Olympiade.

Im Sport- und Bewegungszentrum der Lichtenberger Werkstätten in Berlin: Zwei Männer, Alex und Stefan, zeigen in der Dachetage auf engem Raum ein paar Spielzüge. Gespielt wird Floorball. Ihre Trainerin gibt Anweisungen: 

"Den Ball am Schläger und schön in der Halle dich umgucken und nicht immer so starr auf den Ball."

Alex und Stefan – der eine eher kräftig, der andere schmächtiger – schießen mit den leichten Kunststoffstöcken den weißen Lochball auf ein kleines Tor. Alex hält kurz inne und erklärt:

"Verteidigung oder im Angriff, das ist immer unterschiedlich, welche Positionen das sind. Muss man auch den Überblick haben!"

Stefan erzählt: Alex und er haben vor zehn Jahren mit Floorball angefangen:

"Ich hab zu meinem Gruppenleiter gesagt, ich möchte das mal ausprobieren. Da hat er mich angemeldet und da hab ich bei Julia trainiert."

Floorball als ideale Sportart

Mit ihrer Trainerin Julia Figaschewsky gründeten die beiden Sportler damals eine Floorball-Mannschaft. Das war für alle drei etwas Besonderes. Stefan und Alex, 30 und 33 Jahre alt, leben mit einem geistigen Handicap. Sie arbeiten in den Lichtenberger Werkstätten für Behinderte.

Julia Figaschewsky betreut sie dort seit langem als Sporttherapeutin und rückblickend sagt sie: Floorball habe sich als ideale und sehr attraktive Sportart erwiesen.

"Gerade für unsere Klientel. Das Regelwerk ist sehr einfach, es ist temporeich und verletzungsarm. Deshalb, glaube ich, ist das ein Sport, den jeder sofort ausüben kann. Und vom Technisch-Taktischen her ist es so, dass man mit einem Schläger einen Ball immer mal eher trifft, als man den Ball mit dem Fuß trifft."

Vor kurzem erst hat das Team von Stefan und Alex eine Goldmedaille bei den Winterspielen Anfang März 2020 in Berchtesgaden gewonnen, veranstaltet von Special Olympics Deutschland.

Special Olympics - Sportverband für Menschen mit Handicap

Special Olympics ist ein Sportverband, der es Menschen mit einem geistigen Handicap oder einer Mehrfachbehinderung ermöglicht, sportlich aktiv zu sein. Die Idee dazu stammt von Eunice Kennedy-Shriver, einer Schwester von John F. Kennedy. Sie wollte erreichen, dass ihre geistig behinderte Schwester Rosemary wie alle anderen Sport treiben konnte.

Seit dem Start im Jahr 1968 hat sich die US-Initiative in 174 Ländern verbreitet und zählt heute rund 5,2 Millionen Athletinnen und Athleten. Sie spielen Baseball, Basketball und Golf, trainieren Judo und Eiskunstlauf, fahren Ski alpin oder Snowboard, schwimmen, segeln, laufen, reiten. Auf allen Kontinenten.

Doch die Sportlerinnen und Sportler mit geistigem Handicap kämpfen auch immer noch gegen Barrieren, mit denen sie Tag für Tag konfrontiert sind: Ihre Fähigkeiten werden unterschätzt und ihre Leistungen kaum beachtet, während Athletinnen und Athleten mit einer körperlichen Behinderung vor allem durch die paralympischen Spiele immer wieder im Licht der Öffentlichkeit stehen.

In Deutschland, so die Schätzung, leben derzeit etwa 320.000 Personen mit geistigen Einschränkungen. Nur etwa acht Prozent von ihnen trainieren regelmäßig in einer Sportart. Sehr wenige Sportvereine öffnen sich für diesen Personenkreis und inklusive Angebote für Aktive mit und ohne Behinderung sind die große Ausnahme.

Es hat auch eine Weile gedauert, bis die Special-Olympics-Idee hierzulande überhaupt Fuß fassen konnte. Der Berliner Leichtathletiktrainer Gernot Buhrt erinnert sich noch gut daran, welche Meinung bis in die 1990er-Jahre überall vorherrschte:

"Gesundheitssport, das ist das Maximale, was geistig Behinderte machen könnten. Geistig Behinderte könnten keinen Wettkampfsport, könnten keine Sportarten betreiben, weil sie dazu nicht in der Lage sind; deswegen wurde sich auch darum nicht gekümmert."

Gernot Buhrt erzählt aber auch von ersten privat initiierten Sportfesten in Berlin-Lichtenberg noch zu DDR-Zeiten, vom bayerischen "Mein Olympia", das Sportwissenschaftler der Universität Würzburg mit allen unterfränkischen Schulen für geistig Behinderte organisierten, und von der Gründung von Special Olympics Deutschland 1991.

"So musste erst die Mauer fallen, eh die zusammen kamen, die sich auf beiden Seiten dafür engagiert haben. Die haben es dann gemeinsam geschafft."

UN-Behindertenrechtskonvention von 2006

2006 verabschiedeten die Vereinten Nationen die UN-Behindertenrechtskonvention. Seither ist das Recht auf eine Inklusion und die gesellschaftliche Teilhabe für alle Menschen mit einer Behinderung als Menschenrecht formuliert. Auch Deutschland hat sich dazu verpflichtet, dies zu garantieren und zu verwirklichen.

Dies schließt auch ein, dass Menschen mit einem geistigen Handicap wie alle anderen ein Recht darauf haben, sportlich aktiv zu sein. Das wurde für sie in die sogenannte Leichte Sprache wie folgt übersetzt:

"Jeder Mensch soll Sport machen können. Jeder Mensch soll an Sport-Wettbewerben teilnehmen können. Jeder Mensch soll anerkannt sein. Jeder Mensch soll überall dabei sein können. Jeder Mensch bestimmt selbst darüber."

Daniela Huhn kommt in das Büro von Special Olympics Deutschland in Berlin. Hier laufen alle bundesweiten und auch weltweiten Aktionen zusammen, die sich für den Sport mit einem geistigen Handicap einsetzen und dafür werben.

Flyer in leichter Sprache

Die Special Olympics, Athletin Daniela Huhn, ist regelmäßig als Prüferin für leichte Sprache hier. Sie kontrolliert, ob die Flyer und Hefte der Organisation gut zu verstehen sind.

"Das ist auch sehr wichtig, dass man das auch selber lesen kann und wie man umsetzen kann auch. Weil wichtig ist, dass man gesund bleibt und nicht eingerostet wird. Und dass der Kopf mitarbeiten tut. Und selber innerlich gesund bleibt und auch Sport treiben kann."

Die Wahl einer Sportart ist immer eine persönliche Entscheidung. Wer sich selbst einen Sport aussucht, gibt nicht so schnell wieder auf. Das weiß Daniela Huhn aus eigener Erfahrung. Sie wirkt sehr geradlinig und wendig und spielt Badminton und Fußball.

"Ob einer sagt: Mir macht das Tischtennis Spaß, ich bleib’ bei euch oder so. Da soll man dran bleiben und Ehrgeiz haben und Willen und so. Und dass man auch von langsam bis nach oben zu steigern. Nicht so schnell, immer peu à peu à peu. Und dann wird man irgendwann besser auch. Dann weiß man genau, wo die eigene Stärke liegt und so."

Kleinere Teams, kürzere Spielzeiten

Special Olympics erklärt eine ganze Reihe von Sportarten und die Spielregeln dazu in leichter Sprache. Einiges wurde vereinfacht oder an die Zielgruppe angepasst. Die Teams und Spielfelder sind meist kleiner, die Spielzeiten kürzer.

Im Handball oder Basketball kann ein Softball zum Einsatz kommen oder man achtet auf ein möglichst körperloses Spiel. Die aktive Fußballerin sagt: Die meisten Regeln lerne sie dann im Grunde sowieso auf dem Platz.

"Manchmal ist ja so, du darfst von oben werfen und wenn die Schiedsrichter sagen: Nee, darfst nicht von oben Freiwurf machen, musst du von unten einrollen. Dann gibt’s manchmal auch so eine neue Regeln und dann müssen wir uns daran halten und dann machen wir das so, wie sie dann sagen."

Zurzeit ist wegen der Coronapandemie für alle Trainingspause – aber zum Ersatz empfiehlt Daniela Huhn ein kleines Übungsheft für die sportliche Fitness zuhause:

"'Bewegung mit Spaß' - setz dich hin und strecke die Beine, das heißt du sitzt auf dem Boden und dann nimmst du die Hände mit und dann ziehst du die Beine."

Sport machen - am besten ein Leben lang

Das erklärte Ziel ist: Den Sport in den Alltag der Menschen mit einer geistigen Einschränkung zu bringen und sie ein Leben lang daran zu binden. Manche Athletinnen und Athleten sind tatsächlich nun schon zehn, 20, fast 30 Jahre mit dabei. Und sie treten bei Landesspielen, nationalen Wettkämpfen und auch Weltspielen an. Wie zuletzt im Sommer 2019 in Abu Dhabi.

Hinter solchen mitreißenden Großveranstaltungen mit 7.000 Volleyballern, Tennisspielerinnen, Kraftdreikämpfern oder Kanutinnen steckt allerdings auch ein ausgefeiltes Konzept.

"Das eine ist dieses Prinzip des Aufstiegs, dem Aufstieg immer auf die nächsthöhere Wettbewerbsebene, und der sportinhaltliche Aspekt ist unser Klassifizierungssystem", sagt Tom Hauthal, der Sportleiter bei Special Olympics Deutschland. Er weiß: Schon bald nach der Gründung der Bewegung hat sich gezeigt, dass vor allem die Wettbewerbe die Menschen dazu motivieren, aktiv zu sein und dauerhaft zu bleiben – und zwar eigens auf sie zugeschnittene Wettbewerbe, die auch Erfolge versprechen.

"Bei uns werden die Sportlerinnen und Sportler nicht nach der Art ihrer Behinderung eingruppiert, also nicht alle Menschen mit Down-Syndrom starten in einer Leistungsklasse und dann vielleicht die mit Autismus, sondern bei allen Wettbewerben wird versucht, möglichst gleich starke Gruppen zu bilden, die dann im Finale gegeneinander antreten und unsere Bandbreite der Leistungen ist auch sehr groß."

Alle sollen siegen können

Es gibt Aktive, die hundert Meter in elf oder zwölf Sekunden laufen – oder in 30 Sekunden und mehr. Sie alle können nun siegen.

"Das heißt, die Goldmedaille im Hundertmeterlauf in der schnellsten Gruppe mit elf Sekunden, die ist genauso viel wert wie die Goldmedaille in der langsamsten Leistungsgruppe."

Die sportliche Leistung ist also neu definiert und wird entsprechend honoriert: Es zählt das Potenzial, das jede Person mitbringt. Und alle haben eine reelle Chance auf die vorderen Plätze. So lautet der sportliche Eid in leichter Sprache:

"Ich will gewinnen. Doch wenn ich nicht gewinnen kann, so will ich mutig mein Bestes geben."

Der Radfahrer Dennis Mellentin zitiert daneben noch einen weiteren Eid, den sich die Sportler selbst gegeben haben:

"Wir reden nicht über unsere Behinderung. Wir sagen nicht, was wir haben, wir wollen auch nicht darauf angesprochen werden. Man muss es auch nicht immer sehen, dass man ein Handicap hat. Um den Hauptpunkt, was man für eine Behinderung hat, geht’s gar nicht."

Nicht mehr als man schaffen kann

Dennis Mellentin, 33 Jahre alt, ist Athletensprecher für Berlin und Brandenburg.

"Wir machen das, was wir können, wir versuchen das, was wir schaffen. Und nicht, dass uns jemand hinten rein piekst: 'Ey, du musst jetzt die Leistung bringen, sonst fliegst du raus.' Das macht Special Olympics stark aus. Sportlich nur die Leistung abzurufen, die man kann, ist auch schon 'ne gute Leistung für jemanden, der ein Handicap hat - und seinen Alltag damit gestalten kann."

Auch für den Radsportler mit der sehr ruhigen und doch temperamentvollen Ausstrahlung konnte die neue Sommersaison wegen des Corona-Sportverbots noch nicht beginnen. Er holt trotzdem schnell sein Fahrrad aus dem Wohnhaus nach draußen.

Mit diesem Rad fährt Dennis Mellentin Ein-Kilometer- und Fünf-Kilometer-Rennen und 500 Meter Sprint. Er war damit auch in Abu Dhabi und brachte zwei Bronzemedaillen und einen siebten Platz mit nach Hause.

"Dann war ja noch das Highlight, dass ich die Eröffnungsfeier mitgestalten durfte. Ich durfte mit der Fackel einlaufen und war Schlussläufer für Europa - es war schon ein Highlight."

Von einem solchen Erlebnis kann man eine lange Zeit zehren. Das bestätigt auch der Floorballer Alex. Sein Höhepunkt ist bis heute: Südkorea, 2013.

"Ich bin so ein Kämpfer, der immer dabei sein möchte. Andere Länder kennenlernen. Noch paar neue Freunde kennenlernen. Oder andere Sitten, da will ich auch eine ganze Menge was lernen. Von Südkorea oder wo anders, da habe ich eine ganze Menge gelernt. Das hab ich mir dann so eingeprägt, dass ich das nicht vergessen habe."

Im Sport steckt der Ansporn, sich selbst herauszufordern – aber auch die Begegnung mit anderen. Das Kräftemessen, der Teamgeist, die Auseinandersetzung und der Zusammenhalt. Das Recht auf Sport beinhaltet also auch den Grundgedanken der Inklusion: Ich nehme am gesellschaftlichen Leben wie alle anderen teil und suche mir aus, mit wem ich meinen Sport an welchem Ort betreibe. In der Realität bleiben die Menschen mit einem geistigen Handicap jedoch noch viel zu oft unter sich.

Im Floorball-Team von Stefan und Alex spielen normalerweise zwei Frauen und zehn Männer, von 20 Jahren aufwärts bis Mitte 50. Ihre Trainerin Julia Figaschewsky versucht schon seit einer Weile, sie auch mit nicht-behinderten Floorballern zusammen zu bringen. Das klappt bei besonderen Inklusions- oder sogenannten Unified-Cups ganz gut, aber noch nicht im Alltag.

Die Mannschaft trainiert aber immerhin einmal die Woche mit den Jugendlichen einer benachbarten Förderschule in gemischten Altersteams. Figaschewsky stellt fest, speziell gefordert sei sie als Trainerin eigentlich nur in ganz wenigen Dingen. 

"Was manchmal sehr extrem ist, sind die Emotionen, die hoch kochen, sowohl negative als auch positive Emotionen, die es dann auch gilt, in die richtigen Bahnen zu lenken. Wenn ich jetzt so taktische Maßnahmen vorgebe, die dann so mehr als drei, vier Spielstationen beinhalten, dann wird’s kompliziert."

Nicht nur als Zusatzangebot der Werkstätten

Die Vision ist: Sport für Menschen mit einem geistigen Handicap soll mehr sein als nur ein Zusatzangebot der Einrichtungen und Werkstätten für Behinderte. Dazu kooperieren sie im besten Fall mit den Clubs am Ort.

Im Berliner Bezirk Lichtenberg haben Mitarbeiter der Einrichtungen dafür im ersten Schritt zwei eigene Vereine gegründet, die "SG Reha/Sportgemeinschaft Rehabilitation" und die "SG RBO/Sportgemeinschaft Rehabilitationszentrum Berlin-Ost". Es gibt nur wenige vergleichbare Organisationen in Deutschland: den Verein für Reittherapie in Unna etwa oder die Behindertensportgemeinschaft Neckarsulm.

Figaschewsky hat im zweiten Schritt bereits beim Nachbarverein mit ihrer Floorball-Mannschaft hospitiert. Allerdings beginnt das Training dort erst um 22 Uhr: "Was für unsere Athletinnen und Athleten einfach komplett undenkbar ist. Langfristig ist das nicht umsetzbar."

Anderswo scheitert es vielleicht noch daran, dass die Aktiven mit einem Handicap eine Turnhalle oder einen Sportplatz nur schwer erreichen können. Emilio Bellucci vom Special Olympics Landesverband Berlin-Brandenburg kennt das Problem.

"Die meisten unserer Sportlerinnen und Sportler sind nicht in der Lage, alleine quer durch die Stadt zu fahren. Das geht nicht!"

Das jeweils zuständige Amt könnte jedoch eine Assistenz fördern, die eine Person auf dem Weg zum Sportverein begleitet, sagt Bellucci. Eine von vielen Forderungen und notwendigen Regelungen, die sich auftun, sobald versucht wird, die Inklusion im Sport zu realisieren. So manche Idee wird dadurch ausgebremst und auch willige Vereine haben viele Fragen und scheuen oft vor scheinbar hohen Hürden zurück.

Einfach mal machen!

Der Sportwissenschaftler Florian König beschwichtigt die Zweifler: "Einfach machen! Und wir bieten Unterstützung. Und es gibt da nicht viel zu beachten! Es ist wie mit jedem anderen eben auch: Die Menschen sind verschieden und die Behinderung steht da eben nicht im Vordergrund."

König leitet für Special Olympics Deutschland gerade das bundesweite Projekt "Wir gehören dazu". Bis 2024 sollen 6.000 bis 8.000 Menschen mit einem geistigen Handicap ordentliche Mitglieder in 100 deutschen Sportvereinen werden. Trainer und Übungsleiterinnen werden geschult, es soll ein Qualitätssiegel für 'Den inklusiven Sportverein' geben.

In sechs deutschen Regionen von Schleswig-Holstein und Hamburg bis Bayern werden gerade Netzwerke aufgebaut. Im brandenburgischen Landkreis Barnim hat sich so schon ein Sponsor für den Personentransport gefunden. In Lich in Hessen baut ein Basketballverein bereits ein neues Team auf.

"Interesse, Offenheit und Lösungsorientierung muss ein Verein, muss ein Partner mitbringen", sagt König. "Und eben auch keine Scheu vor Innovation, vor Neuheiten haben. Einfach Berührungsängste schnell ablegen und erstmal auch loslegen. Also dass Vereine auch diesen Mehrwert plötzlich erkennen: Potenzielle Mitglieder in den Blick zu fassen, die sie bisher noch gar nicht beachtet haben. Womöglich auch Breitensportler anziehen, die vielleicht in dieser Sportart noch gar nicht aktiv waren, also Nicht-behindert und Behindert agieren zusammen."

Tauchsport trotz Fetalem Alkoholsyndrom

Dass es gelingen kann, schon frühzeitig auch junge Menschen mit einem geistigen Handicap sportlich zu integrieren, zeigt ein kleiner Tauchverein aus Berlin-Spandau. Er gab sich 2015 den Namen "1. Berliner Inklusions-Tauchclub e.V.".

In dem Club trainiert der Tauchlehrer Jan Lorenzen auch zwei Jungen mit dem sogenannten Fetalen Alkoholsyndrom (FAS) – neuronale Schäden, die Ungeborenen zugefügt werden, wenn ihre Mütter in der Schwangerschaft Alkohol trinken. Da auch die Schwimmhallen gerade geschlossen sind, trifft sich der Trainer mit den Zwillingen Pascal und Janik, zwölf Jahre alt, bei ihnen zuhause. Die Jungen leben in einer Pflegefamilie und toben sich gerade mit ihrem Bruder im Garten aus. (*)

Dann erzählen sie selbstbewusst und souverän vom Tauchsport: "Wir haben angefangen mit Tauchen mit Schnorchel und so, dann sind wir ohne Schnorchel mal von der einen Hälfte des Bades zur anderen durchgetaucht."

"Eigentlich war es nicht schwierig, nur manchmal kommt man nicht so leicht ins Jacket rein. Für mich war es nicht sehr schwierig."

"Und dann gibt’s noch was ganz Wichtiges: Wenn man Druck auf den Ohren hat, sollte man einen Druckausgleich machen. Der geht so, dass man sich mit Daumen und Zeigefinger an die Nase fest drückt und dann durch die Nase atmet. Dann sollte der Druck weggehen und wenn das nicht klappt, sollte man hoch gehen."

In Gruppensituationen überfordert

Im Training spielen Pascal und Janik mit den anderen Kindern Wasserball oder machen mit der ganzen Gruppe einfache Tauchübungen. Am meisten lernen sie allerdings, wenn er sich ihnen ganz alleine widmet, sagt Lorenzen.

"Die Jungs, die sind nicht so konzentrationsstark vielleicht wie andere Kinder und sie haben Schwierigkeiten bei der Impulskontrolle, also sie sind manchmal einfach sehr unkontrolliert in ihren körperlichen Reaktionen; können das nicht so kontrollieren, und da merkt man schon, dass die FAS-Kinder da von einer Gruppensituation oft überfordert sind. Dann ist kein Lernfortschritt, was Tauchen, was die Fähigkeiten angeht, zu verzeichnen. Das sind auch in gewisser Weise so die Grenzen dieses inklusiven Arbeitens."

Alle Trainer in dem Berliner Tauchclub wurden für den richtigen Umgang mit Behinderungen ausgebildet:

"Der Kern der Ausbildung ist am Ende, dass man sich auf jede Behinderung individuell einstellen muss; sich dafür Zeit nehmen muss und kucken muss: Was braucht dieser einzelne Mensch an zusätzlicher Betreuung? An anderen Geräten?"

Auf seiner Internetseite hat der Berliner Tauchclub ein paar Denkanstöße für das Tauchen mit geistiger Behinderung zusammengefasst:

"Man muss immer wieder schauen, wie jemand Aufträge und Kommandos umsetzen kann, und darf nicht generalisieren. Das heißt, von vornherein Dinge nicht als unmöglich praktizierbar einzustufen oder als Kleinigkeit zu betrachten. Die Erfahrung hat uns gezeigt, dass viele geistig behinderte Menschen sehr gut durch Nachahmung lernen. Ein autistischer Taucher, mit dem wir nur sehr schwer in Kontakt treten konnten, ahmte das Atmen unter Wasser nach, ohne dass das vorher mit ihm besprochen wurde. Menschen mit geistigen Behinderungen entwickeln häufig ungeahnte Fähigkeiten, wenn sie die Möglichkeit dazu bekommen. Wir lassen Betroffene ruhig mal experimentieren."

Niemand benutzte das Wort "inklusiv"

Denn die inklusive Arbeit ist letztlich ein Lernprozess für alle Beteiligten. Zu große Ambitionen, zu hohe Erwartungen und zu schnelle Ziele sind fehl am Platz. Auch Florian König von Special Olympics rät Vereinen eher dazu, vielleicht mit nur ganz wenigen Menschen mit einem Handicap zu beginnen und sich zunächst einmal gegenseitig kennen zu lernen.

Pascal und Janik sammeln hier bereits an verschiedenen Stellen ihre Erfahrungen. Pascal schwimmt, Janik turnt und die Pflegemutter erzählt, Janiks Turntrainer haben ihn völlig unkompliziert in die allgemeine Gruppe integriert, ohne das Wort inklusiv zu benutzen. Ideal für den agilen Zwölfjährigen.

"Der hat da seine Bekannten, macht mit, hat auch schon an Wettkämpfen teilgenommen. Ein tolles Beispiel dafür, dass man unter Umständen nicht einmal einen besonderen Sportverein braucht, sondern nur engagierte Trainer."

Lauftreffs mit dem Slogan "Gemeinsam läuft's besser", gemischte Fußballmannschaften oder die Unified-Teams bei Special Olympics mit den nicht-behinderten Partnerinnen und Partnern. Die Anfänge der Inklusion im Sport sind gemacht, sie benötigen weiterhin einfallsreiche, politische und finanzielle Unterstützung.

2023 werden die Special Olympics-Weltspiele nach Deutschland kommen. Der Radsportler Dennis Mellentin sieht in dem Spektakel für ein großes Publikum auch eine große Chance:

"Guckt her, wir zeigen euch, was wir können. Wir müssen uns nicht verstecken. Dass man nicht sagt: ‚Ihr habt ein Handicap, ey ne, lasst mal. Mit euch will ich nichts zu tun haben.‘ Es ist ein hohes Ziel, diese Barrieren aus dem Kopf wegzuschaffen."

(*) Redaktioneller Hinweis: In diesem Absatz haben wir eine Namenskorrektur vorgenommen.

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