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Nachspiel / Archiv | Beitrag vom 15.03.2020

Sport und wirtschaftliche ExpansionChina - die neue Fußballmacht

Ronny Blaschke

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Die chinesische Fußballolympiamannschaft feiert ein Tor gegen Australien. Im Hintergrund chinesische Fans mit einem Transparent in Rot mit gelber Schrift. (imago images / Xinhua)
Die chinesische Fußballolympiamannschaft feiert ein Tor gegen Australien. (imago images / Xinhua)

Die Kommunistische Partei Chinas treibt ihre Wirtschaft auch durch Fußball voran. Spitzenklubs aus England, Spanien und Deutschland haben Niederlassungen in China eröffnet. Eine neue Entwicklung - ausgerufen durch das Politbüro.

In diesen Wochen hätte in China die neue Fußballsaison anlaufen sollen. Auch im weitläufigen Schanghai Stadium sollten die rotgekleideten Ultras des Vereins SIPG wieder ihre Lieder singen. Rhythmischer Applaus, riesige Fahnen, aufwändige Choreografien, so wie bei jedem Heimspiel in den vergangenen Jahren.

Doch der Fußball macht Pause. In China wird der Alltag seit Dezember durch das Coronavirus bestimmt. Mehr als 3000 Menschen sind dort bereits gestorben. Wegen des Erregers ist der chinesische Sport nicht wiederzuerkennen. Das Formel-1-Rennen in Schanghai wurde abgesagt. Die chinesische Tennisauswahl zog sich aus dem Davis Cup zurück. Die Turner durften nicht zum Weltcup nach Melbourne reisen. Diese Liste ließe sich fortsetzen, auch im Fußball: Spieler mussten in Quarantäne. Gruppenspiele der asiatischen Champions League wurden verschoben. WM-Qualifikationsspiele des chinesischen Nationalteams finden außer Landes statt.

Simon Chadwick, Experte für Sportpolitik in China, sagte dem Sender Al Jazeera: "Der Sport hat in den vergangenen Jahrzehnten Dopingskandale und Boykotte erlebt. Aber ein solches Ausmaß wie nun durch das Coronavirus haben wir noch nicht erlebt. Mit jedem abgesagten Spiel wird der Sport weiter wirtschaftlich geschwächt, schon jetzt sind Ticketeinnahmen und Trikotverkäufe massiv eingebrochen. Es ist ein Test für Führungskräfte und Manager in der Branche, aber auch für Sportler und Teilnehmer."

Der Fußball unterstreicht die nationale Größe

In diesem Winter haben die chinesischen Fußballvereine 28 Millionen Dollar für neue Spieler ausgegeben, so wenig wie zuletzt 2011. Viele Fans fürchten, dass ausländische Stars das Land verlassen. Andere sind vorsichtig optimistisch. Denn von den mehr als 80.000 Infizierten sind mehr als 50.000 wieder genesen. Und die Zahl der Neuinfektionen sinkt. Irgendwann, so hoffen sie, wird der Fußball wieder seinen Betrieb aufnehmen und zu alter Stärke finden. Denn sie wissen: Die Volksrepublik China hat schon ganz andere Katastrophen erlebt. Und der Fußball spielt für Politik und Gesellschaft eine große Rolle.

"Der Fußball soll die nationale Größe irgendwie unterstreichen. Weil die Chinesen sehr schnell gemerkt haben: Der Fußball ist der Sport der Welt", sagt Kai Strittmatter, langjähriger Pekingkorrespondent der "Süddeutschen Zeitung". "In den Achtziger Jahren, bei der Öffnung Chinas: Weil die Chinesen alle in die Welt geschaut haben, weil sie neugierig waren, und weil China ein Teil dieser Welt sein wollte, wurde ganz schnell Fußball zum Lieblingssport." 

Fußballgraffiti in China (picture-alliance/HPIC( Song Fan)Auch Fußballgraffitis spiegeln in China die Liebe zu diesem Sport wider. (picture-alliance/HPIC( Song Fan)

1994 war auf Geheiß des Politbüros eine Profiliga gegründet worden. Manipulationen gehörten zum Alltag. Die Liga wurde 2003 aufgelöst und bald als "Chinese Super League" neu gegründet. Weitere Skandale folgten, Fans und Förderer wandten sich ab. Der Durchbruch kam vor gut einem Jahrzehnt mit dem Machtzuwachs von Xi Jinping, der seit 2013 Staatspräsident ist. Unzählige Parteikader wurden wegen Korruption verurteilt, im Fußball mehr als 50 Funktionäre, Schiedsrichter und Spieler.

Strittmatter sagt dazu: "Das ist auch typisch China, Planwirtschaft. Wenn der Chef die Richtung vorgibt, dann rennt das ganze Land hinterher. Und da gab es eine Sitzung des Politbüros, wo das Politbüro beschlossen hat: Wir werden jetzt Fußballweltmacht, total verrückt. Xi Jinping hat ja auch gesagt, er hat schon einen größeren Zeitrahmen vorgegeben: 'Wir wollen eine Weltmeisterschaft veranstalten, wir wollen an einer Weltmeisterschaft teilnehmen und irgendwann wollen wir natürlich auch Weltmeister werden.'"

Sportliche Weltmacht

In den vergangenen Jahren demonstrierte die Volksrepublik ihr Selbstvertrauen immer wieder auf großen Militärparaden. Das wohl wichtigste Motiv ist der "Chinesische Traum". Xi möchte aus China das machen, was es einst über Jahrhunderte gewesen war: eine politische und kulturelle Weltmacht. Eine von vielen Etappen auf dem Weg dahin: Fußball. 2015 wurde der Plan öffentlich mit dem Bau von 20.000 Trainingszentren und 60.000 Sportplätzen, sowie die Ausbildung von 6000 Trainern.

Dazu Strittmatter: "Die Unternehmer im Land hören genau auf die Signale aus Peking. Und wenn Peking bestimmt, Fußball ist das neue große politische Ziel, dann bedeutet das automatisch: Fußball ist auch das nächste große Business. Und dann stürzt sich das ganze Geld Chinas in den Fußball. Und dass diese großen Konzerne und diese reichen Milliardäre da investieren, das hat schon damit zu tun, dass sie sich selbst als Patrioten darstellen wollen."

Der Immobilienkonzern Evergrande übernahm 2010 in der Metropole Guangzhou einen Zweitligisten. Er verpflichtete bekannte Trainer wie Marcello Lippi und verdiente Spieler wie Robinho. 2014 erwarb der Internetriese Alibaba die Hälfte der Klubanteile. Guangzhou Evergrande gewann sieben Mal die Meisterschaft. Der erfolgreichste Verein Chinas wird von einflussreichen Konzernen getragen.

Lukrative Verträge

Das sei in China Alltag, erzählt Tariq Panja, sportpolitischer Experte der Zeitung "New York Times": "In der Chinese Super League kommen sich der private und der öffentliche Sektor näher. Etwa die Hälfte der Vereine werden von Immobilienkonzernen getragen. Durch Investitionen im Fußball wollen sich Unternehmer auch Kontakte zur Politik sichern, die sie vorher nicht hatten. Und vielleicht erhalten sie dadurch lukrative Verträge und Baugenehmigungen. Der Fußball wird als neues wichtiges Geschäftsfeld betrachtet."

Noch vor 50 Jahren war China eine isolierte Agrargesellschaft. Die totalitären Programme des Diktators Mao Zedong hatten Dutzende Millionen Menschen das Leben gekostet. In den 1980er-Jahren leitete der Reformer Deng Xiaoping eine Öffnung ein. Xi verantwortet nun die nächste Reformwelle. Anstelle von günstigen und kopierten Massenwaren sollen hochwertige Produkte die Wirtschaft ankurbeln. Schon in den vergangenen Jahren sind die Zuwachsraten gesunken. Durch das Coronavirus sind sie nun stark eingebrochen. Trotzdem entfiel auf China gut ein Drittel des globalen Wirtschaftswachstums.

Der Ostasienwissenschaftler Ilker Gündoğan analysiert den Fußball an der Ruhr-Universität in Bochum: "Die Regierung möchte die chinesische Wirtschaft von einem exportgeleiteten Wachstum hin zu einem konsumgeleiteten Wachstum umstrukturieren. Der Bevölkerung soll ein Anreiz geboten werden, Geld im heimischen Markt auszugeben. Und der Fußball ist im Sport eines der führenden Objekte, wo viel Geld generiert und ausgegeben wird. Dazu gehören Merchandising und Tickets. Es geht darum, den Konsum in China anzuregen."

Der chinesische Staats- und Parteichef Xi Jinping (r) und seine Ehefrau Peng Liyuan applaudieren am 29.03.2014 im Olympiapark in Berlin während eines Fußball-Freundschaftsspiels zwischen einer chinesischen Jugendmannschaft und der Jugendauswahl des VfL Wolfsburg. Es : Soeren Stache/dpa | (picture-alliance/ Soeren Stache)Chinas Präsident Xi Jinping (r) und seine Ehefrau Peng Liyuan besuchen häufig Fußballspiele - bisher ist ungewiss, wann das wieder möglich ist. (picture-alliance/ Soeren Stache)

Für das US-Magazin "Foreign Policy" ist Xi der "mächtigste Fußballtrainer der Welt". 2015 besuchte der Staatspräsident mit dem britischen Premierminister David Cameron das Fußballmuseum in Manchester. Dort überreichte er Erinnerungsstücke des Spieles Cuju, das die Chinesen als Urform des Fußballs betrachten. Schon vor 2000 Jahren sollen Soldaten mit Lederbällen gespielt haben. Xi ließ sich auch mit Profifußballern fotografieren.

Gündoğan berichtet: "Man hat auch Manchester City besucht. Ein paar Wochen später kommt heraus, dass China Media Capital in die City Football Group, also auch unter anderem in Manchester City, investiert. Und danach gab’s erst dieses Narrativ: ,Ja, Xi Jinping möchte, dass der chinesische Fußball gefördert wird.' Und alle Investoren sind auf diesen Zug gesprungen."

Die chinesischen Vereine zahlten zweistellige Millionenbeträge für Spieler aus Europa und Südamerika, die ihren sportlichen Zenit überschritten hatten, zum Beispiel für den Brasilianer Hulk. 2016 lagen die Transferausgaben der Chinese Super League bei rund 400 Millionen Euro. Im selben Zeitraum gab die englische Premier League die Hälfe aus. Im europäischen Fußball wurde China als große Bedrohung wahrgenommen.

Investitionen in ausländische Clubs

In China wuchsen die Einnahmen durch Merchandising, die Aktienkurse der Klubbesitzer stiegen, der Zuschauerschnitt kletterte auf 25.000. Doch die Transferausgaben wurden von Behörden auch mit Skepsis betrachtet. Fürchtete die Kommunistische Partei Neiddebatten? 2016 lag das jährliche Durchschnittseinkommen bei 7200 Euro, der argentinische Spieler Carlos Tévez verdiente in Schanghai 540.000 Euro – pro Woche. Der chinesische Fußballverband reagierte mit neuen Regeln. Für die Verpflichtung ausländischer Spieler müssen Klubs nun eine Sondersteuer entrichten, die in die Nachwuchsförderung fließt.

Die Reporterin Ai Ting Ting beobachtet den Fußball für das chinesische Staatsfernsehen CCTV: "Es gibt inzwischen viele Regularien, um den heimischen Fußball zu stärken. Es dürfen nur noch vier Ausländer in einem Kader stehen, davon maximal drei auf dem Feld. Zudem muss jedes Team mindestens drei chinesische Spieler haben, die unter 23 sind. Aber dieser Wandel braucht Zeit."

Staatspräsident Xi möchte für China ausländische Märkte erschließen. Auch das wurde im Fußball als Aufforderung verstanden: Seit 2014 investierten chinesische Unternehmen mehr als zwei Milliarden Euro in zwanzig europäische Klubs. Ob Hotelkette, Verpackungsindustrie oder Lampenhersteller: Häufig interessieren sich Konzerne für finanziell angeschlagene Vereine: in England West Bromwich Albion, in Spanien Espanyol Barcelona, in Frankreich AJ Auxerre.

Fußball-Marketing im Aufwind  

Im Pekinger Politbüro wuchs aber auch die Sorge vor Kapitalflucht ins Ausland, berichtet Gündoğan, der über den Fußball in China einen Blog betreibt: "Die chinesische Regierung musste intervenieren, sagen: ,Ja, so nicht, wir wollen das eigentlich ein bisschen anders machen.‘ 2016 bezeichneten die zentralen Behörden der Volksrepublik China in einer Pressemitteilung diese Investitionen als irrational und verschärften danach kapitale Kontrollen. Und interessanterweise einige Monate später leitete die China Banking Regulatory Commission eine Untersuchung zum systematischen Risiko einiger Großkonzerne ein, die im europäischen Fußball große Summen investiert haben. Die Dalian Wanda Group, die in Atlético Madrid investiert hat, hat danach ihre Investitionen zurückgezogen. Und erklärt, dass sie demnächst auf dem einheimischen Markt aktiv werden wollen."

Ein Name sticht im Fußballmarketing heraus: Wang Jianlin, Gründer von Wanda, einem Mischkonzern mit 150.000 Mitarbeitern, spezialisiert auf Immobilien und Tourismus. Wang diente 17 Jahre in der "Volksbefreiungsarmee". Mehrfach war er Delegierter auf Parteitagen. Seine Unternehmensgruppe erwarb 2015 die einflussreiche Sportrechteagentur Infront, schloss 2016 eine "strategische Partnerschaft" mit der Fifa.

Vor gut einem Jahrzehnt spielten chinesische Sponsoren für große Sportverbände kaum eine Rolle. Das habe sich geändert, sagt Gündoğan: "Nachdem ja einige Partner wie Johnson & Johnson oder Continental ausgestiegen sind, nach den Korruptionsskandalen, die es in der Fifa gab rund um Sepp Blatter. Und der Weg war frei im Prinzip für die chinesischen Investoren, die sehr gerne natürlich ihre Marke dort zeigen. Und ja auch in Richtung chinesischer Politik auch zeigen: ,Ja, guck mal hier, wir machen hier was, und wir sind hier aktiv. Und repräsentieren im Prinzip unser Land im Ausland. Und versuchen dort auch im Prinzip Knowhow zu generieren, das wir dann wieder in China nutzen können.'"

Die neue Seidenstraße

Als Kernelement der Expansion gilt die "Neue Seidenstraße". Bis Mitte des 21. Jahrhunderts möchte China durch Infrastrukturprojekte 70 Länder in Europa, Asien und Afrika vernetzen: durch Bahnlinien, Schnellstraßen, Häfen oder Fabriken. Der Gesamtwert soll bei fast einer Billion Euro liegen.

Auch der Fußball sei Bestandteil dieser Handelsroute, erzählt Simon Chadwick, Experte für Sport- und Geopolitik: "China braucht Ressourcen, um sein Wachstum zu halten. Und so wurde eine Stadiondiplomatie entwickelt. In den vergangenen anderthalb Jahrzehnten bauten oder finanzierten chinesische Firmen Stadien für den Afrika-Cup, unter anderem in Ghana, Angola und Gabun. Im Gegenzug erhält China einen bevorzugten Zugang zu wertvollen Rohstoffen. Stadien für Öl, Stadien für Gas, Stadien für Magnesium."

2019 kündigte das chinesische Telekommunikationsunternehmen Huawei die Einführung des schnellen Mobilfunkstandards 5G in Ägypten an, kurz vor Beginn des dortigen Afrika-Cups. Der Suezkanal östlich von Kairo gilt für die neue Seidenstraße als essenziell. Eine noch größere Bedeutung für China hat die ölreiche Golfregion. Die Besitzer von Manchester City aus Abu Dhabi übernahmen 2019 einen Fußballklub in Chengdu im Südwesten Chinas.

Ethihad, die staatliche Fluglinie Abu Dhabis, möchte Chengdu als ein Drehkreuz für Ostasien etablieren, berichtet Simon Chadwick: "Im selben Zeitraum wurde auch bekannt gegeben, dass Abu Dhabi und China weitere Handelsverträge geschlossen haben. Ein anderes Beispiel ist Katar. Das Finale der WM 2022 soll dort im Lusail Iconic Stadium stattfinden. Dieses Stadion wird von chinesischen Firmen gebaut. Wir sehen in der Fußballindustrie eine massive Machtverschiebung nach Osten. China, Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate stimmen sich immer besser ab."

Geschichte des chinesischen Fußballs

Eine solche Entwicklung war in der Geschichte des modernen Fußballs lange undenkbar: In den 1870er-Jahren war das Spiel durch britische Einwanderer nach China gekommen. Frühe Fußballzentren waren Handelsmetropolen wie Schanghai, Hongkong oder die Hafenstadt Tianjin.

Der chinesische Bürgerkrieg brachte den Fußball ab den späten 1930er-Jahren zum Erliegen. Unter Mao standen gymnastische Massenübungen im Vordergrund. Dabei soll der "Große Vorsitzende" als Schüler ein "herausragender" Torwart gewesen sein, so eine offizielle Biografie. Maos Kulturrevolution zerstörte viele Alltagskulturen. Der Fußball wurde verboten: Viele Kommunisten hatten nichts übrig für den Wettbewerb aus dem Westen. Zudem konnten schon Treffen kleinerer Gruppen als Verschwörung gegen das Regime gewertet werden.

Mit der wirtschaftlichen Öffnung ab den 1970er-Jahren kehrte die Volksrepublik in die Staatengemeinschaft zurück, 1979 auch als Mitglied der Fifa. Der Reformpolitiker Deng Xiaoping, der als Austauscharbeiter den Fußball zu schätzen gelernt hatte, leitete einen gelenkten Kapitalismus ein. Zur Annäherung an die USA gehörte ein Besuch von New York Cosmos in Peking, mit Spielern wie Pelé und Franz Beckenbauer. Ab Mitte der 1980er-Jahre durften Millionen Chinesen aus den Provinzen in die Metropolen suchen, bald mit einer Fünftagewoche. Die urbane Mittelschicht etablierte den Fußball allmählich als Freizeitvergnügen. Doch der Durchbruch der chinesischen Profiliga gelang erst Jahrzehnte später.

Im 21. Jahrhundert verdeutlicht Fußball die globale Expansion. Spitzenklubs aus England, Spanien und Deutschland haben Niederlassungen in China eröffnet. Ihre Spieler wurden in Peking oder Schanghai euphorisch empfangen, vor allem der FC Bayern. Die Deutsche Fußball-Liga eröffnete 2019 ein Büro in Peking. Vor der Coronakrise tauschten Deutschland und China täglich Waren im Wert von einer halben Milliarde Euro aus. Mehr als 8000 deutsche Unternehmen sind in China tätig. Der Fußball trägt einen Teil dazu bei, dass die Beziehungen alltäglicher werden. Führen sie auch dazu, dass die Politik der Kommunistischen Partei in Deutschland weniger hinterfragt wird?

Proteste von Fans

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch veröffentlichte 2019 einen Bericht über China, darin heißt es unter anderem: "Menschenrechtsverteidiger leiden unter willkürlicher Inhaftierung. Die Regierung behält eine strenge Kontrolle über das Internet, die Massenmedien und die Wissenschaft. Die Behörden verstärkten ihre Verfolgung von Religionsgemeinschaften und setzen zunehmend Massenüberwachungssysteme ein, um die Kontrolle über die Gesellschaft zu verschärfen. Die Behörden setzten die politisch motivierte Verfolgung und Sperrung von Menschenrechtsanwälten fort. Sie schikanieren und verhaften Journalisten, die sich mit Menschenrechtsfragen befassen, sowie deren Befragte."

Eine größere Kooperation zwischen dem DFB und dem chinesischen Fußballverband scheiterte 2017 am Protest vieler Fans in Deutschland. Das chinesische Außenministerium sprach von "antichinesischen Protesten". Härter traf es die nordamerikanische Profiliga NBA im Oktober 2019. Daryl Morey, Manager der Houston Rockets, solidarisierte sich auf Twitter mit chinakritischen Demonstranten in Hongkong. Der chinesische Basketballverband brach die Beziehungen zu den Houston Rockets ab. Das Staatsfernsehen nahm Spiele von NBA-Vereinen aus dem Programm. In Hongkong dagegen protestierten Basketballfans für die Houston Rockets.

Wenige Wochen später kritisierte der deutsche Fußballer Mesut Özil die Unterdrückung der Uiguren. Laut den Vereinten Nationen werden in der Westprovinz Xinjiang mehr als eine Million Menschen festgehalten, um dem Islam abzuschwören. Das Onlineforum Tieba schloss nach der Kritik einen Fanklub von Özil. Ein Elektronikunternehmen strich seine Figur aus einem Computerspiel. Selbst Özils Verein, der FC Arsenal, leistete keine Unterstützung. Und er folgte damit Fluglinien, Hotelketten oder Filmstudios, die heikle Themen auf Druck von Peking ausklammern, Themen wie Taiwan, Tibet oder Hongkong.

Sportlicher Patriotismus

Chadwick, Gründer des Zentrums der Eurasischen Sportindustrie: "Auch europäische Fußballklubs werden abwägen müssen: Wenn sie kritisch gegenüber Peking sind, verlieren sie eventuell hohe Einnahmen. Wenn sie unkritisch sind, geraten sie in Konflikt mit den heimischen Fans und internationalen Menschenrechtlern. Mit diesen Widersprüchen werden sie wohl öfter konfrontiert werden."

Unter Präsident Xi wächst der Nationalismus. Auch der Fußball soll den Chinesen Disziplin vermitteln. Einige populäre Spieler erhielten Sperren, weil sie ihre Tätowierungen nicht abgedeckt oder sich während der Hymne ins Gesicht gefasst hatten. Es ist keine Seltenheit im chinesischen Sport: Im Oktober 2018 versammelte der Verband ohne Rücksicht auf den Ligabetrieb fünfzig Jungprofis in einem Militärcamp. 2019 erhielten die chinesischen Fußballerinnen vor der WM Unterricht mit dem Titel "Mutterland in meinem Herzen".

Der britische Reporter John Duerden berichtet für die britische Zeitung "Guardian" über den Fußball in Asien: "Der chinesische Fußballverband hat einige Umstrukturierungen hinter sich, doch wirklich unabhängig war er nie. Der Verband wurde stets von der Politik beeinflusst und kontrolliert. Auch so wird eine schnelle sportliche Entwicklung erschwert."

In den chinesischen Schulen werden immer mehr Schüler an den Fußball herangeführt.   (picture-alliance/HPIC/Song Fan)In den chinesischen Schulen hat Fußball noch keine lange Tradition. (picture-alliance/HPIC/Song Fan)

Bislang konnte sich das chinesische Nationalteam nur für die WM 2002 in Japan und Südkorea qualifizieren, blieb dort aber ohne Punkt und Tor. Eine erfolgreiche Auswahl aber könnte den Kulturwandel beschleunigen. Mittelfristig sollen dreißig Millionen Jugendliche in ihren Schulen den Fußball erlernen. Doch es bestehen kulturelle Hindernisse: Für die Begrenzung des Bevölkerungswachstums durften chinesische Familien zwischen 1979 und 2015 in der Regel nur ein Kind bekommen.

Tariq Panja von der Zeitung "New York Times": "In der Vergangenheit wurde Fußball in China oft mit Gewalt gleichgesetzt. Die meisten Eltern wollten nicht riskieren, dass sich ihre einzigen Kinder bei einem Sport verletzen. Außerdem fehlt in großen Städten der Platz für Sportplätze, so konnte sich keine Straßenspielkultur entwickeln. Unterhalb der Profiliga ist der Wettkampfbetrieb unzureichend. Es wird wohl mindestens eine Generation brauchen, damit sich das verbessert."

Teamgeist beim Fußball

Als Weg zu Wohlstand wird in China Bildung betrachtet. Eltern geben mindestens ein Drittel ihrer Einkommen für Schule, Nachhilfe und Universitäten aus. Hat der Fußball da einen Platz? Europäische Vereine haben über Jahre Trainer, Mediziner oder Material nach China geschickt. Real Madrid kooperiert mit der Akademie von Guangzhou Evergrande, einem der weltweit größten Sportkomplexe. Insgesamt leben in China 160 Millionen Kinder im Grund- und Mittelschulalter.

Panja sagt: "Der Wettbewerb in China ist hart. Es geht für Jugendliche darum, an die Universitäten zu kommen. Darunter leidet die Teamfähigkeit. Wenn man auf den Sport schaut: Die meisten Olympia-Medaillen gewinnen chinesische Athleten in Einzeldisziplinen. Sie lernen schon früh, sich gegen Rivalen durchzusetzen. Aber in einem Fußballteam sollte es keine Rivalen, sondern nur Mitspieler geben. Ich habe mich in Nachwuchsakademien umgeschaut: Manchmal fiel es Jugendlichen schwer, früh den Ball abzuspielen. Ein Trainer musste seinen Spielern sogar den gemeinsamen Torjubel beibringen."

In China soll 2021 die neue Klub-WM mit 24 Vereinen stattfinden, 2023 folgt die Asienmeisterschaft, in den 2030er-Jahren wahrscheinlich die erste Weltmeisterschaft. Für Präsident Xi zählt der "Chinesische Traum" auch im Fußball. Durch das Coronavirus sind die Ambitionen zurückgeworfen worden. Beendet wurden sie allerdings nicht. 

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