Seit 05:05 Uhr Studio 9

Montag, 20.08.2018
 
Seit 05:05 Uhr Studio 9

Nachspiel | Beitrag vom 10.06.2018

Sport und gesellschaftliche StereotypeFrauen-Fußball in Russland als Schutzraum

Von Ronny Blaschke

Beitrag hören Podcast abonnieren
Symboldbild Frauenfußball (picture alliance / dpa)
Von der Fußball-WM in Russland erhoffen sich Fußball-Aktivistinnen die Möglichkeit, sich international zu vernetzen. (picture alliance / dpa)

Frauenfußball ist in Russland nicht gern gesehen. Erst 1989 wurde er zugelassen. Insgesamt gibt es nur rund 30 größere Frauenvereine, etwa in Moskau und Sankt Petersburg. Vor allem für homosexuelle Kickerinnen bedeutet Fußball aber ein Stück Freiheit.

Der kleine Kunstrasenplatz am Rande von Moskau wird von einem grauen Zeltdach überspannt. Von außen kann man nicht hineinblicken, das ist für Sorina wichtig. Über ihrer schwarzen Trainingsjacke schlackert ein orangefarbenes Leibchen, ihre mittellangen Haare hat sie zu einem Zopf gebunden. Wenn sie mit einem kräftigen Schuss das Tor verfehlt, lächelt sie trotzdem. Sie klatscht sich mit ihren Gegnerinnen ab, sie machen Witze, umarmen sich.

"Es geht uns nicht nur um das Gewinnen. Der Fußball ist für uns ein Schutzraum. Draußen auf den Straßen vermeiden wir mit unseren Partnerinnen das Händchenhalten, aber in der Halle brauchen wir uns nicht zu verstecken. Hier gehören wir zu einer Familie, das gibt uns Selbstvertrauen."

Sorina ist 33. Sie ist in Tomsk aufgewachsen, im Westen Sibiriens. Ihren Nachnamen möchte sie nicht nennen. Als sie 14 war, blätterte ihre Mutter in ihrem Tagebuch. Und fand heraus, dass sie lesbisch ist. Seitdem ist das Verhältnis angespannt. Sorina studierte Architektur und gründete mit Kommilitoninnen ein Fußballteam. Sie nannten es "1604", nach dem Gründungsdatum ihrer Stadt. Für den Job zog sie nach Moskau, und wieder suchte sie Fußball-Mitstreiterinnen.

"Die meisten kickten zum ersten Mal gegen einen Ball. Für Erwachsene ist das Lernen von neuen Bewegungsabläufen nicht leicht. Aber wir mögen diesen schnellen, kraftvollen Sport, hier müssen wir keine Geschlechterrollen erfüllen. Wir passen aufeinander auf, wir sind stolz auf unser Team."

Für das Interview hat Sorina ein kleines Gemeindezentrum vorgeschlagen, in einem Hinterhof im Herzen von Moskau. Wenn es an der Tür klingelt, schreckt sie kurz hoch. Schon einmal wurde sie attackiert. Sie geht zur Freisprechanlage, blickt auf den Bildschirm, ist erleichtert. Keine wütenden Nachbarn, sie öffnet einem Kollegen die schwere Eisentür, als wäre sie die Sicherheitskraft einer Bank. Nach Angaben des unabhängigen Lewada-Zentrums halten 35 Prozent der russischen Bevölkerung Homosexualität für eine Krankheit.

"Im russischen Fußball werden wir doppelt diskriminiert. Weil wir Frauen sind und weil wir lesbisch sind. Als wir am Anfang eine Halle mieten wollten, stellten wir uns als LGBT-Gruppe vor. Aber wir wurden mit einer fadenscheinigen Begründung abgelehnt. Seitdem sind wir vorsichtiger."

Als Schulfreundinnen oder Arbeitskolleginnen ausgegeben

Sorina und ihre Mitspielerinnen gehören zur "Russian LGBT Sport Federation", zum Sportverband für lesbische, schwule, bisexuelle und transsexuelle Sportler. Gegenüber Behörden und Vermietern stellen sich die Fußballerinen als alte Schulfreundinnen oder Arbeitskolleginnen vor. Zweimal pro Woche nutzen sie die späten, weniger nachgefragten Abendstunden. Sie verlassen die Hallen in kleinen Gruppen und kommunizieren in geschlossenen Foren. Spielerinnen wie Sorina halten sich mit Kommentaren zur Politik zurück. Sie betonen Bewegung und Gesundheitsförderung, vermeintlich unverdächtige Themen.

"Wir freuen uns auf die Weltmeisterschaft der Männer in Russland. Wir merken, dass das Interesse an unseren Aktivitäten steigt. Aber Anfragen kommen aus dem Ausland. In unserem eigenen Umfeld interessiert sich niemand für den Fußball von lesbischen Frauen. Wir brauchen berühmte Vorbilder in Russland, so wie es der geoutete Exspieler Thomas Hitzlsperger in Deutschland ist. Das würde sogar meine skeptische Mutter zum Nachdenken bringen. Aber es wird Jahrzehnte dauern, bis sich das ändert. Also werden wir auch nach der WM ein geschlossener Kreis bleiben. "

Erst vor wenigen Wochen wurden in Russland wieder hunderte Demonstranten festgenommen. Der Kreml nimmt die Zivilgesellschaft nicht als Partnerin wahr, sondern als Gegenbewegung, die nach der Macht greift. Seit der Wiederwahl Wladimir Putins zum Präsidenten 2012 zählten Menschenrechtler mehr als dreißig Gesetze und Gesetzesänderungen, die Bürgerrechte einschränken. Dutzende russische Organisationen werden als "ausländische Agenten" gelistet. Aktivisten geben auf oder gehen ins Ausland. 2012 gab es noch 400.000 Nichtregierungsorganisationen, nun ist diese Zahl fast um die Hälfte geschrumpft, auf 220.000. Die Wirtschaftspsychologin Ekaterina Kochergina beobachtet die Entwicklung für das Lewada-Zentrum, eines der letzten unabhängigen Meinungsforschungsinstitute.

"Die russische Regierung sucht für dieses riesige Land eine übergreifende Idee, denn die gibt es noch immer nicht. Eine Möglichkeit ist die Glorifizierung des Sieges im Zweiten Weltkrieg. Eine andere ist das kollektive Überlegenheitsdenken gegen 'innere Feinde', also gegen Einwanderer aus Zentralasien, gegen den Westen oder gegen Homosexuelle. Dieser Nationalismus ist seit der Krim-Annektierung 2014 enorm gewachsen. Doch was weniger diskutiert wird: Auch die Rechte von Frauen wurden stark beschnitten. In einigen Regierungsdokumenten steht sinngemäß: Die Frauen sollten ihren Platz vor allem in der Familie haben."

Jede zweite Frau erlebt Sexismus oder Belästigung

Auch durch den Einfluss der orthodoxen Kirche sind über Jahrzehnte erkämpfte Frauenrechte zurückgedrängt worden. Abtreibungen wurden erschwert, das Kindergeld reduziert. Ein neues Gesetz sieht für häusliche Gewalt eine geringere Strafe vor. Das Staatsfernsehen machte sich über die Opfer des Filmproduzenten Harvey Weinstein lustig. Laut Schätzungen hat jede zweite Frau in Russland Sexismus oder Belästigung erlebt. Im Jahr 2018 bleibt Frauen der Zugang zu 450 Berufen verwehrt; offiziell, um ihre Gesundheit und Fruchtbarkeit zu schützen.

"Die Regierung träumt davon, wieder eine Weltmacht zu sein. Ständig spricht sie über den demografischen Wandel. Weil die Bevölkerung stark schrumpft, wird Druck auf Frauen ausgeübt. Sie sollen Kinder gebären. Doch die Geburtenrate ist nicht wesentlich geringer als in anderen Industrienationen. Der Unterschied ist, dass die Lebenserwartung der russischen Männer etwa zehn Jahre niedriger ist. Darüber wird nicht geredet."

Im Durchschnitt studieren Frauen in Russland häufiger, aber sie verdienen ein Drittel weniger. In der Duma sind 15 Prozent der Mitglieder weiblich, in der Regierung zehn. Wladimir Putin forderte vor laufender Kamera eine Unternehmerin auf, sie möge ihrer demografischen Pflicht nachkommen. Oft zeigten die Staatsmedien ihn mit freiem Oberkörper. Die Wissenschaftlerin Ekaterina Kochergina glaubt, dass dieser Männlichkeitskult den sozialen Aufstieg junger Frauen langfristig erschweren wird.

"Nur sechs Prozent der Männer sind der Meinung, dass Frauen in die Politik gehen sollen. Bei den Frauen selbst liegt der Zustimmungswert dafür auch nur bei dreißig Prozent. Hinzu kommt, dass sich ein großer Teil der jungen Generation nicht mit Politik beschäftigen will. Ihr Vertrauen in den Staat ist erschüttert. Es ist ihnen einfach egal."

Ein kühler Nachmittag im Moskauer Gorki-Park, der Lärm der Metropole ist weit weg. Auf einem kleinen Bolzplatz treffen sich Fußballfans zu einem Freundschaftsturnier. Am Spielfeldrand gibt Elena Erkina dem französischen Fernsehen ein Interview. Danach beantwortet sie Nachrichten auf ihrem Handy. Die Soziologin aus Sankt Petersburg hat die Fanszene erforscht. Nun möchte sie vor der WM Angebote der Prävention schaffen.

"Wir planen für internationale Fanbotschaften. Diesen Zuschauer-Service hatten die Deutschen bei ihrer WM 2006 sehr gut umgesetzt. Unsere Fanbotschaften werden auch Reiseinformationen bieten, dafür gibt es eine Hotline und an jedem Spielort Infostände. Wichtig ist uns auch das Kulturprogramm mit Turnieren, Workshops und Konzerten, so dass sich jeder WM-Gast willkommen fühlt. Leicht war die Umsetzung nicht. Der Russische Fußballverband war zunächst skeptisch, weil er den Wert nicht erkannte."

Hooligans gingen in den Untergrund

Im Umgang mit Fankulturen setzte der Verband auf Repression. Blocksperren, Verbote von Ultragruppen, Vorratsdatenspeicherung. Auch das führte dazu, dass sich Hooligans eher in den Untergrund zurückzogen. Die Probleme wurden verdrängt.

Bei der Europameisterschaft 2016 schlugen russische Hooligans auf englische Fans ein. Die martialischen Bilder aus Marseille erhöhten den Druck auf die russische Politik. Damals vor Ort war Elena Erkina. Sie wollte die hysterische Stimmung in sachliche Bahnen lenken. Sprach mit friedlichen Anhängern, informierte Journalisten, vermittelte zwischen Funktionären und Polizisten.

"Wir haben gezeigt, dass die russische Fanszene ein anderes Gesicht haben kann. Dafür hat unser Team Zustimmung erhalten. Es wäre gut, wenn wir diesen Ansatz über die WM hinaus verfolgen würden. Viele junge Fans werden in Fanszenen allein gelassen. Sie haben ein verschwommenes Weltbild und lassen sich oft von rechtsextremen Gruppen rekrutieren. Wir möchten ihnen klar machen, dass sie sich auch mit einer vielfältigen Fankultur identifizieren können. Diese Arbeit kostet Zeit und Geld. Fanprojekte sind dafür ein gutes Modell."

Elena Erkina ist eine von zehn Mitarbeitern der Fanbotschaft. International ist sie viel unterwegs, auch für Konferenzen und Workshops in Berlin. In der russischen Vereinslandschaft muss man lange suchen, um jemanden mit einem vergleichbaren Weitblick zu finden. Erkina ist in das Sicherheitskomitee des russischen Fußballverbandes berufen worden. Mit 34 ist sie das jüngste der mehr als zwanzig Mitglieder – und die einzige Frau.

"Manchmal schauen mich die Männer schief von der Seite an. Viele denken, Frauen haben in Fußballstrukturen nichts verloren. Und wenn, dann vielleicht als Übersetzerinnen oder Sekretärinnen. Es gehen zwar mehr Frauen in die russischen Stadien, aber meistens begleiten sie ihre Männer. Wirklich aktiv sind sie noch nicht. Ich möchte den Managern klar machen, dass man Konzepte für Vielfalt nicht von oben verordnen kann. Das ganze muss an der Basis wachsen. Ich möchte mehr Frauen und Jugendliche ansprechen. Ich möchte, dass Gruppen aus unterschiedlichen Städten beteiligt sind."

Elena Erkina gehört zur Generation, die sich an ein Leben ohne Putin an der Spitze kaum erinnern kann. Aber sie weiß aus Büchern und Erzählungen, dass es um Geschlechterfragen in den Jahrzehnten zuvor nicht allzu schlecht bestellt war.

Es war im März 1917, als streikende Arbeiterinnen gegen den Zar demonstrierten, und damit die Revolution einleiteten. Bald darauf wurde das Wahlrecht für Frauen eingeführt, ebenso wie die Möglichkeit zur Abtreibung und Scheidung der Ehe. In den 1920er Jahren wurden Frauen zunehmend im Sport aktiv, auch in Fußballteams. Im sowjetischen Sprachgebrauch setzte sich der Begriff der "Fiskultura" durch, eine sozialistische Körperkultur. Immer wieder wurden deren Ideale auf Massenveranstaltungen zur Schau gestellt, erzählt Anke Hilbrenner, Professorin für Neuere Geschichte Osteuropas an der Universität Göttingen.

"Und da waren eben auch extrem viele junge Frauen dabei, die eben dann so einen Idealtypus des sowjetischen neuen Menschen verkörpert haben. Eben nicht mehr die Bäuerin, die nicht lesen kann, die auf dem Land lebt und in der Reproduktionsarbeit gefangen ist. Sondern die junge Frau, die werktätig sein kann und alphabetisiert ist, die eben dieselben Möglichkeiten hat wie die Männer. Das ist natürlich keine Realität, sondern das war eine Idealvorstellung, die auch als Idealvorstellung inszeniert wurde."

Frauenbewegung, die es nicht geben durfte

Schon in den 1930er Jahren berief man sich unter Stalin wieder auf traditionelle Geschlechterbilder. Frauen wurden aus Sportarten gedrängt, die als männlich galten. Ähnlich wie in westeuropäischen Ländern dauerte es bis in die 1960er Jahre, ehe Fußballerinnen wieder eine Rolle spielten. 1972 wurde in Dnepropetrowsk ein Turnier nach Walentina Tereschkowa benannt. Die ehemalige Näherin war die erste Frau im Weltall, eine Heldin der UdSSR. Fußball war Teil einer Frauenbewegung, die es eigentlich nicht geben durfte. Schließlich wurde Gleichstellung längst als sozialistische Wirklichkeit propagiert.

"Und man sieht ja auch sowohl an dem Tereschkowa-Pokal als auch an der Tatsache, dass der Komsomol, also die Jugendorganisation der Partei, die diese Turniere ausgerichtet hat, dass es jetzt keine oppositionelle Praxis war, sondern etwas, was im Rahmen des sowjetischen Lebens stattgefunden hat. Aber dann eben, als es eine bestimmte Bedeutung erreicht hatte und damit die offizielle Frauenpolitik in Frage gestellt hat, angegriffen hat, unterlaufen hat, ist eben, und dass ist der Unterschied zu den anderen Ländern, Frauenfußball in der Sowjetunion abermals verboten worden."

Die Begründung der Sportfunktionäre: Fußball könne zur Schädigung geschlechtlicher Funktionen führen. In der Bundesrepublik wurde Frauenfußball 1970 offiziell zugelassen, in der Sowjetunion 1989, im Zuge von Perestroika und Glasnost. Doch auch danach wuchs der Spielbetrieb zögerlich. Inzwischen ist das 1990 gegründete Nationalteam in die erweiterte Weltspitze vorgedrungen, doch die heimische Spitzenliga hat nur acht Teams. Anke Hilbrenner hat die Entwicklung im Sammelband "Russkij Futbol" beschrieben.

"Das Wort Feministin ist ein totales Schimpfwort in Russland und existiert jetzt nicht als positive Selbstbezeichnung, außer unter ganz jungen und radikalen Feministinnen, die auch ganz tolle Sachen im Internet machen. Das hängt sicherlich auch mit der sowjetischen Erfahrung zusammen, in der es ja auf der einen Seite immer diese vermeintliche Gleichstellung gab, die sich aber im Alltag nicht wieder gespiegelt hat. Und diese Refeminisierung des offiziellen Frauenbildes sieht man eben auch im Frauenfußball. Ich habe ja da dieses Beispiel genannt von dieser einen russischen Frauenfußballmannschaft, die dann zu ihren Spielen im Bikini angetreten ist, um dadurch eine offensichtlich männliche Zuschauerschaft zu gewinnen."

Die Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland strahlte auf alle Bereiche des Fußballs ab, auch auf Mädchen- und Frauenligen. Wie wird es in diesem Jahr sein? Der russische Fußballverband hat eine kleine Abteilung für weibliche Mitglieder, aber die konzentriert sich auf die nationalen Auswahlteams. Eine strategische Talentförderung und eine verlässliche Breitensportstruktur gibt es nicht.

Einer dieser Vereine nennt sich "Girl Power" und ist in der Nähe des Luschniki-Stadions zu Hause, wo am 15. Juli das WM-Finale stattfindet. An jedem Werktag wechseln sich Trainingseinheiten auf einem gut gepflegten Rasenplatz ab, umgeben von einer roten Tartanbahn und kleineren Kunstrasenplätzen. Am späten Nachmittag spielen Mädchen unterschiedlicher Altersklassen, später am Abend erwachsene Frauen. Der Gründer und Leiter von "Girl Power" ist der IT-Entwickler Vladimir Dolgy-Rapoport.

"Ich habe zwei Söhne, und die wollten immer Fußball spielen. Auf eine Akademie wollte ich sie nicht bringen, dort ist der Leistungsdruck zu groß. Also haben ein Freund und ich vor acht Jahren die Idee einer eigenen Fußballschule entwickelt. Für Bewegung, Gesundheit und Spaß. Eigentlich für unsere Kinder, aber das ganze sprach sich schnell herum. Und so wurde daraus ein großes Ding."

Vladimir Dolgy-Rapoport erzählt die Ursprünge in einem Café, nicht weit vom Kreml entfernt. Zwischen der Fensterfront und abstrakten Wandmalereien trifft sich ein junges urbanes Publikum. Nach den ersten Jahren von "Girl Power" hatte sich ein Scherz etabliert: An jedem Nachmittag brachten gestresste Mütter ihre Töchter zum Fußball. Aber warum spielten sie nicht selbst? Ein erstes Training wurde für sie angesetzt, zwölf Frauen kamen, bald darauf waren es fünfzig. Einige Stadtmagazine berichteten, erzählt Trainer Dolgy-Rapoport, aber überall war die Gruppe nicht willkommen.

"Wir spielen auf einem der größten und bekanntesten Sportgelände in Moskau. Früher waren da nur Männer, die kamen aus der Umkleidekabine und trugen Handtücher um ihre Hüften. Sie plusterten sich auf und machten abfällige Sprüche über unsere Spielerinnen. Aber mit der Zeit gewöhnten sie sich an uns. Sie sahen beim Training, wie hart die Frauen trainierten. Manchmal härter als sie selbst. Einige der Männer fragten, ob ihre Frauen und Töchter bei uns mitmachen können. Das war ein schönes Kompliment."

Wunsch: sich für sein Hobby nicht rechtfertigen müssen

Vladimir Dolgy-Rapoport überlegt, wie er die Bewegung von "Girl Power" bekannter machen kann. Sponsoren findet er kaum, auch die Lokalpolitik leistet wenig Unterstützung. Der Verein lebt von Mitgliedsbeiträgen, doch viele Familien können sich die nicht leisten. Er will nicht warten, bis Leute auf ihn zukommen. Er möchte mehr Werbung machen und den Fußball mit anderen Freizeitaktivitäten verbinden, in Parks oder auf Schulfesten. Neben ihm im Café sitzt Maria Suchkova, eine gute Freundin. Sie hatte erst ihre Tochter zu "Girl Power" gebracht, dann ist sie selbst Spielerin geworden.

"Fußball bietet eine der besten Möglichkeiten, um seine Gedanken von der Arbeit loszuwerden. Leider müssen wir uns noch immer Sprüche anhören. Zum Beispiel beim Arzt, wenn ich eine Knöchelverletzung habe. Dann wird mir empfohlen, doch besser Gymnastik zu machen. Es wäre schön, wenn man sich für sein Hobby nicht rechtfertigen müsste. Ich spiele Fußball nicht aus Emanzipationsgründen, ich habe einfach Spaß daran. Jeder sollte die Wahl haben, ohne an Geschlechterrollen denken zu müssen. Meine Tochter spielt keinen Fußball mehr. Jetzt macht sie Ballett. Und das ist in Ordnung für mich."

Vladimir Dolgy-Rapoport und Maria Suchkova freuen sich auf die internationalen Gäste in diesem Sommer. Für gewöhnlich bringt eine WM neue Netzwerke hervor, auch für vernachlässigte Themen, zwischen Wissenschaftlern, Pädagogen oder Fanbetreuern. Doch, so ist der Eindruck vieler Beobachter, vor diesem Turnier hält sich der Austausch eher in Grenzen.

Es gibt Ausnahmen, zum Beispiel im "Haus der Fußballkulturen" in Berlin. An einem großen Tisch sitzen fünfzehn Fans und Medienschaffende aus Russland, Weißrussland und der Ukraine, darunter fünf Frauen. Sie kommen in dem Flachbau des Berliner Fanprojekts mit deutschen Journalisten und Fanforschern ins Gespräch. Sie stellen Fragen und schildern Erfahrungen. "Fankurve Ost" heißt das 2014 gegründete Projekt. Einer der Initiatoren ist der Journalist und Osteuropa-Aktivist Ingo Petz.

"Dieser Begriff der Politik ist komplett verbrannt. Also in Belarus beispielsweise, oder eben auch in Russland unter Putin, und auch in der Ukraine noch zu Zeiten von Janukowytsch. Wenn man zu Demonstrationen geht, landet man relativ schnell im Gefängnis. Und über den Fußball, der erstmal sehr unpolitisch ist, schafft man es natürlich, diese jungen Leute zu interessieren. Und man bekommt Leute, die nicht in diesem zivilgesellschaftlichen Feld in Osteuropa sowieso schon unterwegs sind."

Viele Aktivisten in Russland empfinden den Tonfall westlicher Menschenrechtsorganisationen als bevormundend und anmaßend. Ingo Petz und die "Fankurve Ost" verstehen ihre Teilnehmer als Partner auf Augenhöhe. Sie möchten immer auch Frauen erreichen, die in den russischen Vereinsstrukturen kaum eine Rolle spielen. Oft entspringen aus den Seminaren in Berlin dann Projektideen für Osteuropa. Und manchmal geht es auch etwas hitziger zu.

"Was wir merken, ist, dass nicht alle, aber viele Teilnehmer, die gerade aus der russischen Provinz kommen, häufig von der Staatspropaganda natürlich doch auch eingefangen sind, mit sehr vielen Stereotypen dann auch diesen Krieg in der Ost-Ukraine deuten. Und dann natürlich auch auf argumentative Gegenwehr von den Ukrainern stoßen. Und dass die das untereinander für sich regeln können auf eine menschliche Art und Weise, das ist echt ein Vorteil dieses Seminars."

Eine WM ist immer auch Projektionsfläche. Vielleicht schaffen es Themen über die Wahrnehmungsschwelle, die sonst verborgen bleiben. Mitte Mai veröffentlichte der Argentinische Fußballverband Tipps für seine männlichen Fans, damit diese russischen Frauen "näher kommen" können. In Europa gab es Empörung. In Russland wurden die Flirttipps als Kompliment wahrgenommen.

Nachspiel

Ein Sportunfall "Je oller, je doller, wa?"
Der Kieler Windsurfer Leon Jamaer beim "Storm Chase". (Red Bull Content Pool / Simon Crowther )

Als Opa möchte man seinen Enkeln leuchtendes Vorbild sein. Unserem Kolumnisten Matthias Baxmann ist das beim Windsurfen an der Ostsee leider nicht ganz gelungen. Nun büßt er für seinen sportlichen Ehrgeiz auf Krücken und hofft auf baldige Genesung. Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur