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Nachspiel | Beitrag vom 24.11.2019

Sport im WaldVom Hölzchen aufs Stöckchen

Von Wolf-Sören Treusch

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Ein Mountainbiker, der durch einen herbstlichen Wald fährt, im Sprung. (unsplash/Julian Hochgesang)
Der Wald ist für alle da: Mountainbiker gehören nicht immer zu den beliebtesten Besuchern. (unsplash/Julian Hochgesang)

Im Wald treffen sich Jogger, Mountainbiker, Spaziergänger, Extremwanderer und Waldbader. Sie alle wollen im Wald sein, allerdings mit unterschiedlichen Absichten und die vertragen sich nicht immer.

Laufen im Wald? Turn-Olympiasieger und -Weltmeister Fabian Hambüchen findet’s cool. Inzwischen.

"Während der aktiven Karriere hat’s mir überhaupt gar keinen Spaß gemacht, laufen zu gehen, weil du als Turner halt kein Ausdauersportler bist, sondern nur Kraftausdauer brauchst, aber ich habe es durch meinen Achillessehnenabriss und der daraus folgenden Reha irgendwie schätzen und mögen gelernt, auch Laufen zu gehen, und dann nichts lieber als im Wald, nicht auf dem Laufband, und jetzt mittlerweile laufe ich echt gern. Habe eine coole Laufstrecke da hinterm Haus und, ja, genieße das."

Kilometerlang durch Baumreihen hetzen? Ultramarathonläuferin und Buchautorin Andrea Löw mag es auch. Inzwischen.

Sport im Wald ist so vielfältig wie der Wald

"Ich war in meiner Jugend Basketballspielerin, Hagen ist eine Basketball-Hochburg, und in der Vorbereitung mussten wir immer durch den Fleyer Wald laufen, und ich habe das absolut gehasst, ich fand Laufen so irre langweilig, ich konnte mit diesem Ausdauer Aufbauen im Wald überhaupt nichts anfangen. Und mir war es auch viel zu anstrengend. Und genau dieser Wald ist es jetzt, also wenn ich meine Eltern in Hagen besuche, gehe ich wahnsinnig gern in diesem Wald laufen und laufe da auch wirklich lange. Ich finde Bäume beruhigend, ich weiß eigentlich gar nicht genau warum, aber mich beruhigen Bäume, und manchmal muss ich über mich selber lachen, wie ich mich freue, dass ich durch den Hagener Fleyer Wald laufen darf, den ich früher so gehasst habe."

Sport im Wald ist so vielfältig wie der Wald selbst. Etwa viereinhalb Millionen Vereinssportler, schätzt der Deutsche Olympische Sportbund, trainieren Jahr für Jahr in heimischen Forsten, erzählt David Kozlowski vom Landessportbund Berlin:

"Ja, für den organisierten Sport hat der Wald eine ganz existenzielle Bedeutung, und deswegen ist für uns der Wald eine genauso wichtige Sportstätte wie die genormte Dreifeldhalle um die Ecke."

22,6 Millionen Joggerinnen und Jogger

Der Wald ist die größte Sportarena Deutschlands. Rechnet man die Millionen Sportler hinzu, die ohne Vereinsmitgliedschaft in den Forsten unterwegs sind, ergibt sich eine sehr viel höhere Zahl. Allein 22,6 Millionen Jogger, schätzte der Deutsche Forstwirtschaftsrat, im Jahr 2017. Klar, dass zwischen all den verschiedenen Waldnutzern die Interessen auch kollidieren können. Beispiel Mountainbiking.

Berlin-Grunewald, an einem trüben und regnerischen Novembertag. David, Nikolaus und Fabian, drei Jungen im Alter zwischen 12 und 14, treffen sich zum Bike-Fit-Training.

Nikolaus: "Wir fahren erst mal so, machen uns warm, und dann fahren wir einen kleinen Trail und üben da so Fahrtechniken, also es ist sehr cool. Es macht sehr viel Spaß, die Trainer sind unglaublich nett, kann ich wirklich jedem empfehlen, sehr, sehr nice."

Fabian: "Letzte Woche, da waren wir ja am Teufelsberg und waren da bei den Sprüngen und haben die noch mal ein bisschen geübt und gefestigt, sonst ist ja ganz cool, wenn man irgendwie so eine Tour macht, dann auch so einen kleinen Trail runterfährt und da dann auch ein bisschen Streckenabschnitte übt, ja."

Jede Woche trainieren die drei. Heute geht es zuerst eine kurze steile Abfahrt hinunter durch eine Senke. Entscheidend, erklärt ihnen Olaf, der Trainer, sei das richtige Gefühl für die Geschwindigkeit.

"Denkt dran: Gorilla-Position, Fahrrad ein bisschen nach vorne schieben, Gewicht nach hinten verlagern, damit man ein bisschen besser überm Rad steht beim Abfahren, ne?"

Eine Gruppe von Kindern und einem Trainer ist mit ihren Mountainbikes im Wald zu sehen.  (Deutschlandradio / Wolf-Sören Treusch)Die Kinder der Mountainbike-Übungsgruppe lernen, wie man sich mit dem Bike im Wald bewegt. (Deutschlandradio / Wolf-Sören Treusch)

Auf der anderen Seite der kurzen Senke wartet Konstantin Henschen. Vor gut zwei Jahren gründete er den Verein ‚BikeSportBerlin’, um die Kinder fit zu machen fürs Fahrradfahren im Gelände. Der Grunewald, sagt er, sei ideal dafür.

"Berlin ist gar nicht so flach. Also wenn man tatsächlich mal in den Wald geht und die Ergebnisse der Eiszeit sozusagen erfährt, teilweise geht es schon bergab 50 oder 80 Meter und dann auch wieder hoch, und das auf sehr kurzen Strecken, teilweise mehrfach, dann hat man ganz schön mit der Kondition zu kämpfen, und es ist auch schön anspruchsvoll."

Konstantin Henschen ist selbst leidenschaftlicher Mountainbiker. Frei sein, ungebunden: Das liebt er an seinem Sport. Trotzdem ist er Mitglied im Berliner Radsportverband. Anders als die meisten anderen Mountainbiker in der Stadt.

"Der Mountainbiker ist ja ein klassischer Pioniergeist, der ist nicht unbedingt interessiert an einer starken Bindung zu anderen, sondern eher so der Adventurer, sage ich mal, der in Kleingruppen unterwegs ist, und es sind meistens Freundescliquen, und, ja, wenn man häufiger im Wald unterwegs ist, dann fühlt man sich dort auch zuhause."

Zu wenig Rücksicht auf andere

Aber hält man sich in seinem Zuhause so wenig an Regeln wie es die Mountainbiker tun? Das unterstellen ihnen zumindest andere Waldnutzer. Das mit dem "Pioniergeist" würden die Mountainbiker wohl übertreiben, so der Vorwurf: zu viel querfeldein, zu wenig Rücksicht auf andere. Reichlich Konfliktpotenzial, meint David Kozlowski, beim Landessportbund Berlin für Sportinfrastruktur und Umwelt zuständig.

"Es gab einige Freizeitsportler vor allem, die den Wald auch nicht gerade gut behandelt haben und bis heute nicht gut behandeln, weil eben durch Rücksichtslosigkeit und anderes Verhalten Dinge im Wald getrieben wurden und nach wie vor werden, die auch aus Sicht des organisierten Sports nicht okay sind. Dass da mit dem Mountainbike irgendwas platt gewalzt wurde oder dass dann Geocaching betrieben wurde, ohne dass das mit den Forst-Verantwortlichen vorher abgesprochen wurde."

"Ja, das Thema ist normal, wenn Menschen mit unterschiedlichen Geräten oder auch Geschwindigkeiten aufeinander treffen."

Entgegnet Mountainbiker Henschen. Er versichert, "eigentlich nie" querfeldein zu fahren.

"Ich kann für meine Karriere in Berlin, die ist mittlerweile über 25 Jahre, mit keinem einzigen Fall kommen, wo ich einen Konflikt hatte mit Fußgängern oder auch Hunden, was ja im meisten Teil des Waldes passiert, dass Menschen mit ihren Hunden spazieren gehen, oder auch Pferde, Reiter und so was, also das ist konfliktfrei abgelaufen."

Nagelbretter und Drahtseile gegen Biker

Laut Landeswaldgesetz dürfen Mountainbiker im Berliner Wald nur Straßen und Wege befahren, nicht aber die für sie viel attraktiveren Single Trails – schmale Pfade wie der, auf dem die Kinder gerade durch die Senke gerast sind. Die Förster wissen von den kleinen Regelverstößen, greifen aber erst ein – und auch das selten genug – wenn Mountainbiker im Wald Rampen fürs Sprungtraining bauen.

David, Nikolaus und Fabian üben ihre Sprünge auf dem Parkplatz. Der Trainer hat einen kleinen Ast auf den Asphalt gelegt, die Kinder probieren einen Bunnyhop, einen Sprung, bei dem beide Räder für einen kurzen Moment in der Luft sind.

"Das heißt man gibt erst einen kleinen Druck in die Gabel rein, davon kommt das Vorderrad hoch, und dann springt man, während das Vorderrad oben ist, auf dem Hinterrad ab, so dass beide Räder nacheinander in der Luft sind und man am besten gleichzeitig wieder auf beiden landet."

Während die Kinder den Bunnyhop trainieren, erzählt Konstantin Henschen, militante Gegner würden mittlerweile Drahtseile im Wald spannen und Nagelbretter auslegen, um die Mountainbiker zu schikanieren.

"Tatsächlich gab es schon mal ein Drahtseil hier auch in Berlin auf einer Downhill-Strecke, was natürlich unheimlich gefährlich ist, absolut undenkbar und ein No go, so was macht man nicht, auch wenn man vielleicht Gegner von einer Sportart oder Disziplin ist, ist das natürlich absolut kriminell."

So groß die Waldflächen auch sind: für Spaziergänger, Sportler und Forstmitarbeiter wird es mitunter eng. Die Begehrlichkeiten auf allen Seiten sind groß, Kompromisse müssen her. 2018 haben der Deutsche Forstwirtschaftsrat und der Deutsche Olympische Sportbund deshalb eine Kooperationsvereinbarung abgeschlossen. Mit dem Ziel, einen Interessenausgleich zwischen allen Waldnutzern herbeizuführen. In Berlin trägt die engere Zusammenarbeit mit der Forstverwaltung erste Früchte, findet David Kozlowski vom Landessportbund, und nennt ein Beispiel.

"Das sind die Orientierungsläuferinnen und -läufer. Die sind, gemessen an anderen Sportarten, eine relativ kleine Gruppe von Leuten, die die Landschaften kartographieren und eben anhand dieser selbst erstellten Karten Waldveranstaltungen machen und durch den Wald laufen und auch gerne querfeldein laufen." 

Eine offizielle Genehmigung für derartige Laufevents in Berliner Wäldern zu ergattern, war bisher äußerst kompliziert. Inzwischen jedoch sind alle Seiten bemüht, eine gute Lösung zu finden.

"Man ist aus dem Krisenmodus so langsam in einen wirklich guten Austausch gekommen, hat es geschafft, allein im letzten Jahr drei Veranstaltungen in Berlin durchzuführen, die vorher undenkbar gewesen wären. Natürlich nicht ‚macht wie ihr wollt und wir gucken weg’, sondern man hat sich ein Regelwerk aufgesetzt und hat gesagt ‚dann und dann macht ihr das, unter diesen Bedingungen und auf dieser Fläche und wir begleiten das und schauen genau hin, was ihr da macht’. An solchen Stellen merkt man schon: Es tut sich was."

Waldbader treffen sich zum achtsamen Gehen

"Herzlich willkommen, im Namen der Berliner Forsten lade ich euch heute an so einem wunderschönen Tag zum Waldbaden ein…"

Mancherorts geht die Berliner Forstverwaltung gar auf Schmusekurs. Sie sucht den Kontakt zu den Waldnutzern, bewirbt Forst und Natur als Erholungs- und Erlebnisraum für gestresste Großstädter – ihr Motto: Wald tut gut.

"Wer war denn schon mal Waldbaden? Also nicht im See im Wald, sondern wirklich Waldbaden für die Seele?"

Michaela Tiedt-Quandt ist Forstwirtin in der Revierförsterei Buch im Nordosten Berlins. Sie hat eine Zusatzausbildung zur Gesundheitswanderführerin und Waldpädagogin gemacht. So oft es ihre Arbeitszeit zulässt, bietet sie entsprechende Kurse an, unter anderem auch Waldbaden.

"Manch einer sagt: 'Ja, Waldbaden, kann ich doch alleine, ich latsche durch den Wald, und dann ist es gut'. Der andere sagt: 'Bäume umarmen' kann man, muss man aber nicht. Es ist eine Entschleunigung."

Waldbaden – Shinrin Yoku – kommt ursprünglich aus Japan. Es bezeichnet die Medizin des Waldes und lädt die Menschen ein, in den Wald zu gehen, die Stille auf sich wirken zu lassen und die Unaufgeregtheit der Natur zu genießen. In Deutschland kommt Waldbaden immer mehr in Mode, in Japan gehört es zur Gesundheitsvorsorge.

"Wissenschaftlich bewiesen ist, dass der Wald, die Waldluft die Stresshormone senkt und die Glückshormone – Serotonin – erhöht."

Aufsicht auf ein Wald-Mandala, gelegt aus Zapfen und Blättern auf dem Waldboden. (Deutschlandradio/Wolf-Sören Treusch )Aufsicht auf ein Wald-Mandala, gelegt aus Zapfen und Blättern auf dem Waldboden. (Deutschlandradio/Wolf-Sören Treusch )

Acht Frauen und ein Mann sind an einem goldenen Oktobersonntag dem Ruf der Revierförsterin in den Wald gefolgt. Erste Übung: Ganz langsam gehen, achtsam und in Zeitlupe. Viele Minuten lang, die Gerüche und Geräusche des Waldes auf sich wirken lassen. Als die Gruppe, die meisten barfuß, über eine Wiese läuft, fliegt ein Schwarzspecht über sie hinweg.

"So, ihr Lieben, und jetzt schicke ich euch in diesen Teil des Waldes. Und ich bitte euch darum, dass ihr euch zurückversetzt in eine Zeit, wo ihr noch Kinder wart. Wo ihr den Wald als großes Geheimnis gesehen habt. Wo ihr noch Zeit und Lust hattet, wenn man euch gelassen hat…"

Allein durchs Unterholz stapfen

Zweite Übung: die ausgetretenen Spazierwege verlassen und eine Viertelstunde allein durchs Unterholz stapfen. Neugierig sein auf die Umgebung und in Kindheitserinnerungen kramen. Zeit für Michaela Tiedt-Quandt zu erklären, warum sie den Menschen die Schönheit des Waldes unbedingt näher bringen will:

"Um zu zeigen, dass wir als Forstverwaltung der Hauptstadt auch noch andere Aufgaben haben als wirklich nur diesen Wald zu nutzen, wir wissen, dass der Trend zur Natur geht, diesen Trend wollen wir auffangen, die Leute in den Wald zu holen, den Leuten auch zu erzählen: was machen wir denn überhaupt im Wald außer Bäume fällen und Rehe totschießen? Und: Wie war es für euch? Habt ihr es geschafft, euch so ein bisschen die Neugierde, diese kindliche Neugierde wieder zu holen?"

Teilnehmerin: "Also für mich war es schwierig, weil: dieses Unbeschwerte, das kriegt man nicht mehr zurück. Ich habe an Zecken gedacht, ich habe die Wildschweinsuhle gesehen und dachte, ja, wann kommen die wieder?"

Aber, fügt die Teilnehmerin hinzu, sie habe sich auch daran erinnert, wie sie als Kind kleine Puppenbettchen aus Moos gebaut habe. Prompt basteln alle Teilnehmer etwas aus dem, was der Wald so hergibt: Blätter, Tannenzapfen, Zweige. Die Wanderung gleicht einer geführten Meditation. Einige weitere Übungen später hat die Revierförsterin ihr Ziel erreicht: Das Bewusstsein geschärft für die Schönheiten, die der Wald zu bieten hat. Zeit für weiterführende Betrachtungen.

Angst im Wald ist tief verwurzelt

"Ich bin mit meiner Nachbarin mal joggen gegangen, und dann habe ich sie gefragt: ‚Wollen wir meinen Weg oder deinen Weg’? Dann sind wir meinen Weg gelaufen, durch den Wald durch. Und dann fragt sie mich: ‚Gehst du hier immer joggen’? ‚Ja’. ‚Gehst du alleine joggen?’ ‚Ja’. ‚Hast du keine Angst’? ‚Nein, wovor’? ‚Wildschweine, Äste, die von den Bäumen fallen können, böse Menschen …’, das ist ganz tief verwurzelt, und das geben die ihren Kindern dann mit. Wer als Kind nicht im Wald spielen durfte, der muss dann wieder angeleitet werden, dieses Waldbaden zu machen. Was wir eigentlich alle in uns tragen."

"Gut war’s. Ich fand es gut. Und entspannend. Und hat mich an und für sich wieder beflügelt für die nächste Woche, den Stress auszuhalten."

Willi, Ende 50, hat schon zum dritten Mal beim Waldbaden mitgemacht. Warum er es nicht allein hinkriegt?

"Selber kriegt man das auch hin, na klar, aber die Frage ist ja immer, ob man das selber dann so hinkriegt, wie das angeboten wird. Weil eben die Überwindung, das selber zu machen, eben der innere Schweinehund doch nicht ganz so mit einem konform geht, ne? Man geht doch lieber in der Truppe als wenn man alleine läuft."

"Ich fand es, glaube ich, gut. Wobei es mir teilweise ein bisschen schwer gefallen ist, mich darauf einzulassen, weil ich nicht so ein meditativer Typ bin, sondern eher so ein praktisch orientierter…"

Claudia, um die 50, war zum ersten Mal dabei.

"Ich hatte Mühe, mich so langsam zu bewegen. Es ist Zeitlupe, es ist wirklich Entschleunigung. Die Entdeckung der Langsamkeit. Aber in Teilen auch hat es gut geklappt mit dem sich darauf Einlassen, weil ich einen sehr bequemen Baum hatte und fast eingeschlafen bin. Also richtig entspannend, insofern hat’s sich gelohnt, ja."

Nach drei Stunden endet das Waldbaden – mit dem, was der Wald in diesen Zeiten am dringendsten nötig hat: einem kräftigen, leider viel zu kurzen Platzregen.

"Wie der Nebel da aufsteigt, ist doch herrlich, oder?"

Eine Gruppe von Läufern läuft eine Allee in Brandenburg entlang.  (Deutschlandradio / Wolf-Sören Treusch)Beim großen Lauf um den Stechlinsee. (Deutschlandradio / Wolf-Sören Treusch)

Achtzig Kilometer weiter nördlich, im Naturpark Stechlin-Ruppiner Land, liegt die Ortschaft Menz am Roofensee. Die ersten Sonnenstrahlen des Morgens lassen die Feuchtigkeit verdunsten. Noch deutet nichts darauf hin, dass hier gleich sechs Rennen stattfinden werden. Diverse Streckenlängen bis zur Halbmarathon-Distanz: der Roofenseelauf Menz. Wolfgang Schwericke überprüft die Streckenmarkierungen. Der Roofenseelauf führt komplett durch den Wald.

"Früher haben wir diese Schilder ringesteckt in die Erde, und dann war gut. Da waren wir in zwei Stunden fertig. Heute müssen wir die alle mit Kabelbinder fixieren, dass, wenn einer dran rüttelt, dass er sie nicht so leicht abkriegt. Also wir haben dadurch einen Heiden-Mehraufwand."

30 Kilometer durch den Wald geirrt

Mit dem Pkw fährt er die Strecke ebenfalls noch einmal ab. Er will sichergehen, dass tatsächlich alle Streckenschilder, die am Vorabend angebracht wurden, noch da sind und die Läufer den richtigen Weg finden. Seit 15 Jahren organisiert Wolfgang Schwericke mit seinem Team Laufveranstaltungen in der Umgebung. Zuletzt gab es Probleme.

"Ja, wir haben leider die Erfahrung machen müssen, dass uns bei zwei Läufen böse mitgespielt wurde, man hat uns an ganz wichtigen Punkten einfach zwei Schilder umgestellt und hat die Läufer damit völlig in die Irre geführt, in Zehdenick zum Beispiel, da ist dann aus nem Halbmarathon ein 11-km-Lauf geworden, und in Lindow ist es so schlimm gewesen, dass manche sogar 30 Kilometer durch den Wald geirrt sind bei fast 30 Grad, das war schon grenzwertig.

Aber bei uns ist es eben Wald. Wald, Natur, und so viele Wege, wie es hier gibt, die kann man gar nicht absichern. Wir sind nie hundertprozentig sicher vor Leuten, die uns böse mitspielen wollen."

Ohne Wald kein Laufen

Schwericke: "Genau, links und rechts zwei Pfähle …"

Helfer: "Von hier kommend jetzt hinter der Hecke."

Schwericke: "Nein. Du kommst ja von da."

Helfer: "Ja, aber ich meine … hinter der Hecke …"

Schwericke: "… und dann noch ein gerades Schild mitnehmen und davor setzen."

Auch im Start- und Zielbereich dreht sich alles um die richtige Beschilderung. Die Aufregung ist groß, eine knappe Stunde vor Rennbeginn. Der 60-jährige Wolfgang Schwericke ist selbst leidenschaftlicher Läufer.

"Ich würde mich mal so als Trail-Läufer bezeichnen, für mich würde es ohne Wald gar kein Laufen geben. Also ich bin die meiste Zeit meines Lebens im Wald und auf Laufstrecken unterwegs, wo man also in der Natur ist und das ist nun mal auch der Wald, meine Passion ist die Region, hier die Natur."

Regelmäßig nimmt er an Ultra-Marathons teil. Um sich auf die Rennen gut vorzubereiten, nutzt er seit jeher den heimischen Wald als Trainingsstrecke. Irgendwann dachte er sich: Was mir nutzt, finden vielleicht auch andere gut. Der Laufpark Stechlin war geboren. Das war 2004. Immer mehr Gemeinden aus der Nachbarschaft schlossen sich an. Mittlerweile besteht das Streckennetz aus 16 Waben, innerhalb derer es drei bis sieben Einzelstrecken gibt, die auch als Rundkurse genutzt werden können. Insgesamt 550 Kilometer, fast immer durch den Wald. Kurzum: der Laufpark Stechlin ist ein Dorado für Laufenthusiasten.

Laufpark mit Weltrang

"Was er auf jeden Fall gebracht hat, ist Bekanntheit weit über die Grenzen, über die deutschen Grenzen hinaus, es ist ein einmaliges Projekt, ich traue mir ja sogar das Wort ‚weltweit’ in den Mund zu nehmen, so einen Laufpark in diesem Sinne, wie wir ihn haben, gibt es nicht noch mal."

Noch eine Viertelstunde bis Rennbeginn. Die Vorbereitungen sind abgeschlossen. Wolfgang Schwericke muss zwei Lauffreunden noch dringend etwas erzählen. Vor einer Woche hat er sich den Traum erfüllt, das erste Mal den Laufpark komplett zu umrunden. 145 Kilometer. Nonstop.

Läufer: "Wie war es denn?"

Schwericke: "Traumhaft."

Läufer: "Ich war schon eifersüchtig. Ich war nicht da."

Schwericke: "Reine Laufzeit: 20 Stunden und 15 Minuten, paar Zerquetschte, mit VPs, alles drum und dran, …"

Läufer: "Wie war es im Dunkeln?"

Schwericke: "Also: schwer. Da ist auch Thomas, wir waren ja drei, zwei sind angekommen, der ist auch am Stechlinsee, das hat ihm den Nerv gezogen, diese Wurzeln, ich bin ja da fast fünf Mal … aber richtig, musst du mal lange Schritte machen, dass ich nicht stürze. War ja auch in der tiefen Nacht, auch in der Tiefschlafphase, wo du dich schwer konzentrieren kannst, Licht und so …"

Läufer: "Das kann ich auch nicht."

Schwericke: "Also war schwer."

"3, 2, 1, Start los! Viel Erfolg, viel Spaß euch!"

Als das Rennen beginnt, hat sich der Nebel über dem Roofensee schon lange verzogen. Probleme mit den Streckenschildern und Markierungen im Wald gibt es diesmal nicht.

100 Kilometer Wandern, die Challenge deines Lebens

Sport und Wald – das kann eine besondere Herausforderung sein. Nicht nur beim Ultramarathon rund um den Naturpark, auch in der Großstadt. Zum Beispiel beim Megamarsch Berlin. Hundert Kilometer Wandern in 24 Stunden – die Challenge deines Lebens, so wirbt der Veranstalter. Besonders herausfordernd, wenn das Thermometer nachts um halb zwei immer noch 29 Grad zeigt. Wie in diesem Jahr.

"Ich bin heute viel zu schnell gestartet. Die ersten paar Kilometer haben wir unter 8 Minuten, das ist fast bei sieben, siebeneinhalb km/h, das war für mich heute zu schnell durch die Hitze, dann ab 10 habe ich es ein bisschen langsamer angehen lassen, und jetzt warte ich auf einen Kumpel, der kommt gleich.

Andere setzen ihren Marsch unbeirrt fort. Wie an der Perlenschnur gezogen, bewegen sich ihre Kopflampen durch die Nacht. Die Hälfte der Strecke haben die Wanderer hinter sich. Zuletzt zwölf Kilometer durch stockdunklen Wald.

"Ja, das war etwas schwierig, weil: im Dunkeln, und die Pfeile nicht so klar ersichtlich waren für die Strecke, aber wir haben uns da ganz gut durchgemogelt."

"Ist ja häufig so, dass die Strecken nicht gut beschildert sind. Aber wenn man so in nem Pulk läuft: irgendeiner weiß schon wieder weiter."

"Der Wald war wunderbar. Also mit einem bisschen Stolpern, aber lieber ein bisschen stolpern und Boden als Asphalt und dafür schnurgerade aus."

"Als das erste Waldstück kam, sind wir ein Stück durch die Gegend getanzt, obwohl es da auch schon 20 Kilometer waren, weil es mal was anderes war, das war ne Abwechslung, und es federt halt auch mehr, dann ist es einfach angenehmer.

"War schon gruselig. Es raschelte, es taperte, wir haben immer auf die Wildschweine gewartet. Ja, und dann musstest Du ja auch die Beine manchmal heben, da lagen Baumstämme im Weg, und Baumwurzeln, na ja, wie das so ist."

"War ne schöne Zeit durch den Wald, und jetzt hoffe ich, dass mal wieder ein bisschen in die Ortschaften rein geht. Es wäre nicht verkehrt, wenn mal ein paar Berge kommen würden. Dass die Muskulatur mal wieder aufmacht."

Das beste Fitnessstudio Deutschlands

Ich weiß, wovon die Wanderer hier sprechen: 2018 nahm ich selbst am Megamarsch teil. Und gab exakt an dieser Stelle auf. Zwölf Kilometer durch gespenstisch dunklen Wald mit seinen unübersichtlichen Single Trails: das hatte mir den Rest gegeben. Jedes Hölzchen und jedes Stöckchen, auf das ich damals trat, tat weh. Ende Gelände bei Kilometer 48.

Dennoch bleibt die Erkenntnis: der Wald ist nicht nur die größte Sportarena, er ist auch das beste Fitnessstudio Deutschlands. Kostet nix, macht Spaß und ist erholsam. Meist jedenfalls.

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