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Studio 9 | Beitrag vom 09.08.2016

Sport gegen Stereotypen Mädchen-Jungen-Klischees in Brasilien

Von Felicitas Förster

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Junge Männer trainieren zwischen den Stränden Ipanema und Copacabana in Rio de Janeiro. (Imago Stock&People)
Junge Männer trainieren zwischen den Stränden Ipanema und Copacabana in Rio de Janeiro. (Imago Stock&People)

Sport ist was für Jungen, Mädchen sollen sich lieber ein ruhiges Hobby suchen - dieses Stereotyp ist in Brasilien weit verbreitet. Anlässlich der Olympischen Spiele soll das Programm "One Win leads to another" 2500 Teilnehmerinnen für Sport begeistern.

Wehende Pferdeschwänze, flatternde Trikots. In einer Sporthalle eines olympischen Dorfes in Rio de Janeiro trainieren 23 Mädchen Basketball. Heute steht Verteidigung auf dem Trainingsplan: Je zwei Mädchen kämpfen um den Ball.

Eine besonders erfahrene Spielerin ist die vierzehnjährige Caylana. Seit sie neun Jahre alt ist, spielt sie Basketball und so sagt sie:

"Der Basketball hat mein Leben verändert. Ich habe ja mein halbes Leben hier verbracht. Meine Eltern unterstützen mich dabei, meine Freunde nicht so sehr. Die sagen, Basketball ist etwas für Männer, nicht für Frauen.”

Caylana bekommt ein in Brasilien verbreitetes Stereotyp zu spüren. Laut einer Studie von UN Women geben sechsmal so viele Mädchen wie Jungen in der Pubertät ihren Sport auf. Gleichzeitig sinkt ihr Selbstbewusstsein erheblich. Der Befund: Mädchen müssen sich in der Pubertät weiter beschränken; allein die Jungen erlangen neue Freiheiten. Und so wird auch der Sport zur Männersache. Das UN-Programm "One win leads to another” will dem entgegenwirken - mit kostenfreiem Sportunterricht.

"Beschütze deinen Ball. Du musst tiefer dribbeln!”

"Die Saat für Verbesserungen legen"

Wie ein Fels steht Trainerin Elen Rosa zwischen den flitzenden Basketballerinnen. Sie will sie zu guten Spielerinnen ausbilden, ganz klar. Aber noch wichtiger ist ihr die Lektion fürs Leben:

"Der Sport soll bei den Mädchen die Saat für Verbesserungen legen, also im sozialen Verhalten, zum Beispiel bei der Führung von Gruppen. Es ist doch so: Bloß weil sie Frauen sind, sollen sie sich minderwertig fühlen. Wir wollen ihnen beibringen, sich selbst Wert zu schätzen und den eigenen Zielen nachzulaufen.”

Dafür trainiert Elen Rosa mit den Mädchen zwei Mal in der Woche und das sechs Monate lang. Ihr Training geht über reinen Sportunterricht hinaus: Die Mädchen sollen auf die Widrigkeiten des Lebens vorbereitet werden.

Die NBA ist das große Ziel

"Vor drei Jahren - das war noch vor dem Projekt - da hat ein Mädchen mein Training besucht. Sie ließ irgendwann Trainingseinheiten ausfallen. Ich wollte wissen, was passiert ist und es stellte sich heraus, dass sie etwas mit einem Drogendealer hatte und in großer Gefahr war, schwanger zu werden. Sie war erst zwölf Jahre alt. Heute, in diesem Projekt, fühle ich mich auf so etwas vorbereitet. Ich kann ich mit den Mädchen offen über solche Themen reden.”

Sexuelle Aufklärung im Sportunterricht - manchen Eltern hat das am Anfang gar nicht gefallen, erinnert sich Elen Rosa. Und auch die Kinder haben sich zunächst damit schwer getan. Das ist auch der Grund, warum allein Mädchen zu dem Programm der Vereinten Nationen zugelassen werden. In gemischten Gruppen, so die Befürchtung, könne kein so großes Vertrauen entstehen, besonders nicht in den intimen Gesprächsrunden mit einer Psychologin, die das Training begleiten.

Motivation, Wissen, Freude - sind Impulse, warum die Mädchen an diesem Programm teilnehmen. Für ihre Zukunft haben einige, wie Caylana schon recht konkrete Vorstellungen.

"Mein Ziel ist es, in der NBA zu spielen. Um das zu erreichen, muss ich jetzt alles geben!”

Und wenn ihr das nicht gelingt, will sie Anwältin werden - und dafür mit genau so viel Ehrgeiz und Hartnäckigkeit zur Sache gehen, wie beim Basketball.

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