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Tonart | Beitrag vom 11.09.2018

Spiritualized: "And Nothing Hurt"Wiegenlieder für das Weltall

Von Christian Lehner

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July 5, 2014 - London, London, UK - London, UK. Spiritualized performing live at Hyde Park. In this picture - Jason Pierce (also known as J Spaceman). The band are supporting headline act The Libertines as part of the Barclaycard British Summer Time series of music events held at Hyde Park this summer. Photo credit : Richard Isaac/LNP PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY - ZUMAl94 July 5 2014 London London UK London UK Spiritualized Performing Live AT Hyde Park in This Picture Jason Pierce Thus known As J Spaceman The Tie are Supporting Headline ACT The Libertines As Part of The Barclaycard British Summer Time Series of Music Events Hero AT Hyde Park This Summer Photo Credit Richard Isaac LNP PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY ZUMAl94 (imago stock&people)
Aus der 80er-Jahre-Band "Spacemen 3" hervorgegangen ist "Spiritualized" heute eher als Soloprojekt von Jason Pierce zu verstehen. "And Nothing Hurt" ist das erste Album nach sechs Jahren. (imago stock&people)

Wenn Johnny Cash der Schmerzensmann des Country war, so ist Jason Pierce einer der Schmerzensmänner des Alternative Rock. Die letzten Alben von "Spiritualized" bestritt er schwer gezeichnet von Krankheit und Entzug. Ist der Schmerz tatsächlich vorbei?

Jason Pierce ist der erschöpfteste Mensch der Welt. Zumindest wirkt er so an diesem Interview-Tag. Aschfahl die Haut, tiefe Furchen im Gesicht, glasige Augen. Immerhin: Pierce erfreut sich an einer E-Zigarette. Seine letzte Sucht, wie er sagt, außer der Musik. Aber das ist auch so ein Problem. Die Aufnahmen zu seinem neuen Album "And Nothing Hurt" haben all seine Kräfte aufgezehrt.

"Ich habe mich wieder einmal für den steinigen Weg entschieden, dabei hätte es auch so einfach sein können. Es ist wie ein Fluch: sobald ich mich an ein neues Album mache, habe ich vergessen, wie man ein Album macht. Ich muss also ein jedes Mal von ganz Vorne beginnen. Diese Erfahrung ist sehr enttäuschend und verdammt anstrengend. Es ist wie eine Krankheit", stöhnt Pierce.

Purer Rock’n’Roll?

Hört man rein in "And Nothing Hurt", denkt man an ein typisches Band-Album: Eine Truppe Gleichgesinnter trifft sich in einem Studio und spielt einfach drauf los. Jemand drückt den Aufnahmeknopf und am Ende wird noch etwas herumgetüftelt. Rock’n’Roll – pur und live aufgenommen.

Nicht so bei Jason Pierce. Der Brite verhält sich bei Studioproduktionen ähnlich manisch wie sein Vorbild Brian Wilson von den Beach Boys. Jedes Teil ist wichtig. Nichts ist je perfekt. Ließ die Plattenfirma noch Anfang der Nullerjahre ein 120-köpfiges Orchester für Aufnahmen springen, so konnte sich Jason Pierce für sein neues Album nicht einmal eine Session-Band leisten.

Die Aufnahmen waren Puzzlearbeit

Der Mann, der keinen Fernseher besitzt, kaufte sich einen Laptop und lernte digital zu produzieren: "Sobald ich ein paar Pfund beisammen hatte, mietete ich mich für einige Stunden in ein Tonstudio ein. Dort nahm ich einzelne Parts wie Marimbas oder ein Glockenspiel auf. Dann ging ich zurück in mein Apartment und setzte die Teile im Computer zusammen. Dieses Album ist also ein Konstrukt. Es war so schwierig und zeitintensiv, dass es wohl noch eine Weile dauern wird, bis es mir gefällt."

Musik wird Teil der Persönlichkeit

An die Stelle des Drogenrausches früherer Tage tritt für Pierce die Spiritualität, die er in der Musik sucht und findet: "Ich glaube, dass die Musik, die man hört, irgendwann ein Teil deiner Persönlichkeit wird. Wenn du dich verliebst, dann sind das nicht nur chemische Reaktionen im Kopf. Wahrscheinlich erklingen in diesem Moment alle Songs, die für dich in Bezug auf Liebe je wichtig waren. Wenn wir also über Musik sprechen, die uns etwas bedeutet, dann sprechen wir nie bloß über ein paar Lieblingssongs, sondern immer über das Leben an sich."

"And Nothing Hurt" ist ein vollkommen unmodernes Pop-Album. Getragen wird es von einer Handvoll Balladen, die sich durch gelegentliche Lärmattacken auch nicht aus der Balance bringen lassen. Dabei ist Jason Pierce auf dem besten Weg zum Rock-Klassiker. Die Drones und Feedbackgeräusche rücken in den Hintergrund. Man fühlt sich eher an Bruce Springsteen und Tom Petty erinnert als an ehemalige Weggefährten wie My Bloody Valentine. Und die Mühen hab sich gelohnt! Pierce ist es gelungen, mit musikalischen Mitteln einen Safe Space zu kreieren, also einen Raum, der Geborgenheit vermittelt. Seine neuen Songs sind Wiegenlieder für das Weltall.

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