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Literatur | Beitrag vom 10.04.2020

Spiritualität in US-Romanen der GegenwartIn God we trust

Von Sven Ahnert

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Auf einer Scheune in North Carolina (USA) steht "In God We Trust". (imago images / Danita Delimont)
Eine Scheune in North Carolina, darauf der berühmte Spruch "In God We Trust". (imago images / Danita Delimont)

„Moby Dick“ von Herman Melville ist eine Art Urahn für viele US-amerikanische Schriftsteller, die in ihren Büchern spirituelle Stoffe verarbeiten. Warum machen sie sich auf die Suche nach Schuld und Sühne, nach Erlösung und biblischen Bildern?

Die Freiheit des Einzelnen

"Das ist keine Folklore. Das haben sich Leute für unsere Dollarscheine ausgedacht, und es gibt eine Menge Menschen in den USA, die an Gott glauben. Ich nicht, absolut nicht," sagt Richard Ford, Autor von Romanen wie "Die Lage des Landes", "Unabhängigkeitstag" oder "Kanada".

In God we trust: Seit dem Amerikanischen Bürgerkrieg prangt dieses Motto auf offiziellen Zahlungsmitteln der USA, seit 1957 ist es auf allen US-Geldscheinen zu lesen. Eine Nation kann keine wahre Größe haben ohne die Kraft Gottes, so der politische Tenor seit den Tagen des Bürgerkrieges.

Ralph Waldo Emerson gilt für viele US-amerikanische  Autoren als spiritueller Vordenker. Sein Menschheitsideal ist das des religiösen Freidenkers, der sich im Mittelpunkt der Schöpfung sieht und keiner klerikalen oder politischen Obrigkeit Rechenschaft ablegen muss. Auch dem Dichter Walt Whitman, neben Emerson eine Zentralfigur der amerikanischen Literatur im 19. Jahrhundert, ging es um eine von gegenseitiger Achtung getragene Humanität. Seine Hymnen, beispielsweise aus dem Gedichtzyklus "Grashalme",  besingen den Menschen als freiheitsliebenden Weltbürger.

Religion als Privatsache

Bereits für die Gründungsväter der Vereinigten Staaten, allen voran die Revolutionäre des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges der 1770er-Jahre, waren die religiösen Visionen der puritanischen Siedler des frühen 17. Jahrhunderts nicht mehr zeitgemäß. Statt der Religion sahen sie den Geist der Gesetze als sinnstiftend an sowie die Freiheit des Einzelnen und den Glauben an die Kraft einer jungen, demokratischen Nation. Religion sollte Privatsache sein, an welchen Gott man glaubt, erst recht.

Seit Emerson oder  Whitman haben viele US-amerikanische Autoren den Kern dieser Gründungsbotschaft aufgegriffen und sich mit mit der Spiritualität Amerikas und weniger mit einem einzigen Gott auseinandergesetzt.

Spirituelle Motive statt christlicher Dogmen

Von Ernest Hemingways biblisch anmutender Erzählung "Der alte Mann und das Meer" bis hin zu den Romanen von Cormac McCarthy, Richard Ford, Denis Johnson oder Don DeLillo ziehen sich spirituelle Motive durch die US-amerikanische Literatur. Dahinter verbergen sich keine christlichen Dogmen, sondern höchst individuelle Sichtweisen auf eine spirituell aufgeladene Gesellschaft, die sich wie keine andere Nation der Erde zwar dem Glauben verbunden fühlt, aber nicht dem Gott einer Kirche. Spiritualität ist, wie Emerson es ausdrückt, "ein höchst individueller Zugang zu einem göttlichen Wesen."

Die Passionsgeschichte eines Fischers

Vor allem Herman Melvilles Roman "Moby Dick" nimmt Bezug auf das Alte Testament und Fragen nach Schuld und Sühne. Von "Moby Dick" führt diese Spur bis ins 20. Jahrhundert. Hemingway scherzte einmal, dass ihm allmählich die der Bibel entlehnten Buchtitel ausgehen würden. Der Autor von "Wem die Stunde schlägt", "Der Garten Eden" und "Der alte Mann und das Meer" war auf seine Art ein spiritueller Dichter.

Werner Schmitz, Übersetzer der Werke von Ernest Hemingway, meint dazu:

"Mir ist an einigen Stellen aufgefallen, dass Hemingway den Eindruck erweckt, als ob er den alten Mann mit Jesus vergleicht oder parallel setzt. Es gibt einmal die Stelle, wo ihm die Hände so wehtun, als ob Nägel da durchgetrieben worden sind."

Die Passionsgeschichte des Fischers Santiago ist ein Gleichnis auf das Leben, das den Menschen vor harte Prüfungen stellt. Was zählt, ist nicht der materielle Erfolg, sondern die Art und Weise, wie der Mensch sich im Kampf bewährt. Im Angesicht des Todes entwickelt der Fischer ungeahnte Kräfte. Es ist der Kampf David gegen Goliath, ausgetragen mit einem Messer und einer primitiven Harpune.

Fragen nach Schuld und Sühne

"Weil ich nicht religiös bin, überrascht es mich immer wieder, in meinen Romanen auf religiöse Motive zu stoßen," sagt der in Alaska geborene David Vann. "Aber die Frage, ob jemand erlöst werden kann oder nicht, ist Teil der literarischen Tradition. In der amerikanischen Literatur geht es immer um die Frage: Sind wir Verdammte oder gibt es Hoffnung am Ende des Tunnels?"

Vanns großes literarisches Vorbild ist der 1933 in Rhode Island geborene Romancier Cormac McCarthy, der mit seiner Border-Trilogie und der postapokalyptischen Erzählung "Die Straße" ein pessimistisches, endzeitliches Panorama der Gewalt-Geschichte der USA geschrieben hat.

Viele Romane von Cormac McCarthy haben biblische Bezüge oder zitieren biblische Motive. In seinem Roman "Die Straße" erzählt er die beklemmende Geschichte von einem Vater und seinem Sohn, die in einer verwüsteten Landschaft ums nackte Überleben kämpfen. Die Fragen: Wo ist Gott? Gab es jemals einen Gott? durchziehen diesen Text von Cormac McCarthy, der die Protagonisten ganz auf sich selbst zurückwirft.

Apokalypse und Endzeitglaube

"Wenn man sich vorstellt, dass die Amerikanische Revolution ohne die Beteiligung von evangelikalen Apokalyptikern in den 1770er-Jahren gar nicht zu machen gewesen wäre, so sickert von Anfang an in die nationale Identität der USA ein stark apokalyptischer Zug." Michael Hochgeschwender ist Professor für Nordamerikanistik an der Universität München.

Dieser apokalyptische Zug habe im 19. Jahrhundert dazu geführt, dass man eine  perfekte Gesellschaft errichten wollte, um die Wiederkunft Christi zu beschleunigen.

"Das hieß: Wir müssen uns sozial engagieren, wir müssen die Gesellschaft verbessern. Wir müssen sie von den Sündern bereinigen. Das ist ein Topos, der sich durch die amerikanische Geschichte und auch durch die amerikanische Literatur hindurch zieht."

Auch Don DeLillos Erzählung "Der Omega-Punkt" stellt mit seinem minimalistischen Plot die klassische Frage nach dem Sinn des Lebens. Was ist überhaupt der Mensch angesichts der Unendlichkeit? Was ist Zeit, und können wir dem Wort und der Realität trauen?

Religiöse Bewegungen in den USA bedienen sich populärer Medien wie Zeitung, Film, Comic, Computergame und Hörspiel, um ihre Engels- und Gottesbilder, ihre Endzeitgedanken plakativ in Szene zu setzen. Harald Wenzel, Professor für Soziologie am John F. Kennedy-Institut für Nordamerikastudien der Freien Universität Berlin, spricht in diesem Zusammenhang über eine enorme Zunahme christlicher Literatur:

"Die Auflagen sind für unsere Verhältnisse unglaublich. Diese Bücher haben bis heute inklusive Prequels und Sequels eine Auflage von ca. 70 Millionen Büchern erreicht."

 "Eine wichtige Quelle des Fundamentalismus ist der Endzeitglaube. Bei einem großen Teil der Evangelikalen ist die Überzeugung verbreitet, dass wir in einer Phase von vielleicht noch 40, 60 Jahren leben, in der die Wiederkehr Christi unmittelbar bevorsteht."

Die evangelikalen Christen in den USA, mit allen ihren Varianten, bilden bis heute das gesellschaftliche Rückgrat der amerikanischen Mittel- und Oberschicht. Auf fundamentale und unverblümte Weise machte beispielsweise Präsident Bush mit seinem Glauben Politik, als er einen Monat nach den Anschlägen des 11. Septembers 2001 im Stile eines evangelikalen Predigers Kampfeswillen bekräftigte:

"Ich bin erstaunt, dass ein derartiges Missverständnis darüber besteht, wer wir sind, und dass man uns so hasst. Ich kann es - wie die meisten Amerikaner – nicht verstehen, weil ich weiß, wie gut wir sind. Wir müssen es noch deutlicher machen, besonders den Menschen im Mittleren Osten, dass wir keinen Krieg gegen den Islam oder Moslems führen. Wir machen keine spezielle Religion verantwortlich. Wir bekämpfen nur das Böse."

Der Wunsch nach Erlösung

Der inzwischen verstorbene Denis Johnson, der 1949 in München als Sohn einer Deutschen und eines US-amerikanischen Besatzungssoldaten geboren wurde,  ist vor allem mit Romanen wie "Train Dreams", "Engel" und "Ein grader Rauch" und dem Erzählband "Jesus’ Son" bekannt geworden. Er selbst nennt seine Erzählungen und Romane Epiphanien, Gotteserscheinungen.

Johnson will mit seinen Romanen nicht missionieren. Für ihn haben christliche Symbolik und christliche Werte eine große Bedeutung. Sein Vietnamroman "Ein gerader Rauch" steckt voller religiöser Motive und Anspielungen auf die Leidensgeschichte Jesu Christi.

Der Wunsch nach Erlösung, die Zwiesprache mit Gott, vielleicht auch die Suche nach persönlicher Einkehr und Selbsterkenntnis: Diese spirituellen Erfahrungen ziehen sich wie ein roter Faden durch Romane und Erzählungen amerikanischer Gegenwartsliteratur. Wenn Cormac McCarthy den Niedergang der USA beschreibt, David Vann einen Vater/Sohn-Konflikt in die Einsamkeit Alaskas verlegt, Denis Johnson seine "gefallenen Seelen" liebevoll in göttliche Sphären entrückt, dann stimmt das schlichte Motto, das auf der Rückseite der Dollar-Scheine höhere Mächte ins Spiel bringt: "In God we trust."

(DW)

Sprecher: Uwe Müller, Alexander Radszun und Joachim Schönfeld
Regie: Klaus-Michael Klingsporn
Ton: Martin Eichberg
Redaktion: Dorothea Westphal

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