Seit 12:50 Uhr Besser essen

Freitag, 14.12.2018
 
Seit 12:50 Uhr Besser essen

Fazit / Archiv | Beitrag vom 24.07.2017

SpionageserieNetflix-Serie schlägt Homeland

Von Jörg Taszman

Podcast abonnieren
Die App des Streamingdienstes Netflix auf einem iPhone 6, aufgenommen am 15.02.2016 in Düsseldorf (picture alliance / dpa / Rolf Vennenbernd)
Die App des Streamingdienstes Netflix auf einem Smartphone (picture alliance / dpa / Rolf Vennenbernd)

Berlin als Zentrum der Spionage: Das gab es schon in der US-Serie "Homeland". Doch wo diese auf Abziehbilder setzt, ist die Netflix-Serie "Berlin-Station" um realistischere Bilder bemüht. Ein Zeichen dafür, dass die Macher den europäischen Geschmack treffen wollten.

Programmatischer als im Vorspann geht es kaum. Berlin aus der Vogelperspektive: vom Tiergarten bis zum Fernsehturm, dem Kottbuser Tor, breiten Alleen im Zentrum, sowie kleinen Gassen und Multikulti in Kreuzberg. David Bowie singt dazu:"I am afraid af Americans - Ich habe Angst vor Amerikanern". 

Das Brandenburger Tor kommt schnell ins Bild und das aus gutem Grund. Gleich daneben befindet sich die hermetisch abgeriegelte, amerikanische Botschaft. Genau dort hält die CIA ihr Hauptquartier: die Berlin-Station.

Die Mitarbeiter sind getarnt als Kulturattachés oder Botschaftsvertreter und mit Daniel Miller (gespielt von Richard Armitage) kommt auch gleich ein Neuer, der untersuchen soll, wer sich hinter dem mysteriösen Whistleblower Thomas Shaw verbirgt, der exklusiv Geheimnisse an die Berliner Zeitung verrät und die CIA-Zentrale besonders nervös macht. So nervös, dass Daniel Miller undercover operieren soll. 

Aus der Serie: "Es gibt eine undichte Stelle in der CIA. Wir brauchen Sie in Berlin. Niemand muss wissen, warum sie dort sind, nicht der Chef, nicht der stellvertretende Chef. Keine Menschenseele."

Berlin-Station hebt sich von anderen US-Spionageserien ab

Steven Frost, der Leiter der Berlin-Station ist ein Geheimdienstoffizier der alten Schule, der seinen eigenen Laden jedoch nicht mehr im Griff hat. Ehrgeizige Mitarbeiter wollen sich entweder profilieren oder verfolgen eigene Pläne. Wenn der 1. Teil noch reichlich klischeebeladen wirkt und man sich fragt, ob hier eine einfache amerikanische Weltsicht bedient wird:  böse Whistleblower gegen anständige US Schnüffler, nimmt die Serie an Komplexität und Spannung zu. Das liegt an den vielschichtigen Figuren, allen voran Hector, gespielt von Rhys Ifans, der Daniel noch aus früheren Zeiten kennt. 

Aus der Serie:

"Das ist Daniel Miller, unser neuer Mann für innere Angelegenheiten."
"Das wir wieder zusammen arbeiten, ist entweder Schicksal oder einfach nur 'ne schlechte Idee."

Wenn sich "Berlin-Station" wohltuend von "Homeland", der anderen US-Spionageserie abhebt, die Berlin in ihrer 5. Staffel nur in stereotypen Abziehbildern abfilmte, liegt es daran, das diesmal viele Europäer und Deutsche mitarbeiteten und wohl auch mehr zu sagen hatten.

Der Regisseur der ersten beiden Folgen von "Berlin-Station", der Belgier Michael E. Roskam, bekannt für seinen oscarnominierten "Bullhead", dreht seit einiger Zeit auch in den USA. Kameramann Hagen Bogdanski stand für den Oscarpreisträger "Das Leben der Anderen" hinter der Kamera und schafft eine Mischung aus bekannten und weniger bekannten Berlin-Bildern.  

Britische und US-Schauspieler liefern solides Handwerk

Nun ist die US-Serie "Berlin-Station", die auch Dank deutscher Gelder entstand, noch lange nicht klischeefrei, die Macher sorgen jedoch dafür, dass sich auch Deutsche und Europäer angesprochen fühlen und nicht nur amerikanische TV-Zuschauer. Und während die amerikanischen und britischen Schauspieler um Richard Jenkins, Rhys Ifans oder Richard Armitrage solides Handwerk abliefern, spielen einige deutsche Darsteller wie Sabin Tambrea ihre Rollen radikaler und eindrucksvoller. 

Wenn Sabin Tambrea als geheimnisvoller Whistleblower zu Beginn des 5. Teils nackt vor dem Spiegel zu "Under Pressure" singt und tanzt, drückt er das Zerstörerische und Verzweifelte seiner Figur aus. Der Popsong von David Bowie und Queen ist dann mehr als nur bloße akustische Untermalung.

Gerade die dunkleren Seiten der Charaktere  werden zunehmend überzeugend heraus gearbeitet. Irgendwann zweifeln auch überzeugte Geheimagenten an ihrem Tun.

Berlin-Station hat das Genre nicht neu erfunden

"Dienen wir noch einer Sache, einer Idee oder wollen alle nur noch ihren Arsch retten?", fragt sich Daniel einmal, und sein Kollege meint nur trocken: "Jetzt klingst Du schon wie ein Whistleblower".

Und so hat Berlin-Station das Genre des Spionagefilms zwar nicht neu erfunden, kommt eher klassisch und etwas betulich daher, beweist aber durchaus orwellsche Dimensionen. Hier werben sich BND, CIA oder der Mossad gegenseitig die Agenten ab. China ist heute Feind und morgen wieder Freund. 

Die 1. Staffel kam übrigens noch vor der Trump-Ära ins Fernsehen, die zweite wird derzeit wieder in Berlin gedreht. Warum kein deutscher Fernsehsender sich für diese Qualitätsserie interessierte, ist nicht nachvollziehbar. So muss man also wieder einmal anspruchsvolle Fernsehunterhaltung auf Netflix schauen. 

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsTheater ist zum Zerfleischen da
Leander Haußmann in einer Szene auf der Bühne.  (dpa / Jens Kalaene)

Intendant sei ein Scheiß-Beruf, erklärt Regisseur Leander Haußmann in der Süddeutschen Zeitung, auf die Frage, ob er nicht die Berliner Volksbühne leiten möchte. Mit 59 Jahren sei er zu alt. Daran sollten sich lieber junge Regietalente abarbeiten.Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 9Überwältigende Übergänge
Die Schauspielerin Sesede Terziyan (als Elisabeth) steht am 10.01.2018 in Berlin bei der Fotoprobe zu dem Stück "Glaube Liebe Hoffnung" im Maxim Gorki Theater auf der Bühne. (picture alliance / Britta Pedersen / dpa)

Ist das "Postmigrantische Theater" ein Erfolg? Wie erlebten jüdische Bühnenkünstler Deutschland eigentlich nach ihrer Rückkehr aus dem Exil? Im Theaterpodcast #9 schauen wir auf einschneidende Übergänge und erinnern an den verstorbenen Theaterkritiker Dirk Pilz.Mehr

Folge 8"Siegreich" und "schiffbrüchig"
Porträt der Kulturmanagerin Adolphe Binder. (picture alliance / dpa / Caroline Seidel)

Was steckt hinter der Theaterkrise in Wuppertal und den Vorwürfen gegen Jan Fabre? Warum sind die Arbeiten des Regisseurs Jürgen Gosch so unvergesslich? Im September-Theaterpodcast schauen wir auf "siegreiche" und "schiffbrüchige" Theatermacher.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur