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Fazit / Archiv | Beitrag vom 12.07.2009

Spielwiese für Architekten

Ausstellung "Der Pavillon - Lust und Polemik in der Architektur"

Von Jochen Stöckmann

Geschwungene Formen: Ein Pavillon der Barkow Leibinger Architekten in Frankfurt. (DAM Barkow Leibinger Architekten)
Geschwungene Formen: Ein Pavillon der Barkow Leibinger Architekten in Frankfurt. (DAM Barkow Leibinger Architekten)

Der Pavillon wurde einst von Adligen in Parks und Gärten errichtet, für große Veranstaltungen oder schlicht zum Angeben. Heute gibt es die freistehenden Bauwerke noch immer - nur ihre Bedeutung ist eine andere geworden. Die Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt am Main zeigt Pavillons, an denen sich Architekten ausprobiert haben.

Es wäre gar zu schön gewesen, ein wahrer Sommernachtstraum: Als gläsernes Gewölbe, als durchsichtiges Schneckenhaus oder Muschellabyrinth aus transluzenten Kunststoffbahnen, ganz einfach über gebogene Stahlrohre gespannt, war der Pavillon geplant, mit dem das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt sein 25-jähriges Bestehen feiern wollte. Aber dann sprangen die Sponsoren ab, es zogen die düsteren Wolken der Finanzkrise auf. Und Pavillons, diese meist kurzlebigen, dafür aber wunderbar schwebenden Architekturerscheinungen, eignen sich nun einmal nicht für Schlechtwetterzeiten. Dafür aber haben sie eine lange Tradition, weiß Peter Cachola Schmal, der Direktor des Deutschen Architekturmuseums:

"Pavillons wurden in Europa eingeführt von den Königshäusern, den Fürstenhäusern als festliches Beiwerk für große Veranstaltungen oder zum Angeben für ihre anderen Freunde, die dann zu den großen Partys kamen in die Gärten und die Lustgärten, die Lusthäuslein der Oberschicht."

Der Pavillon als Zelt, farbig gestreift und mit einem flatternden Wimpel auf der Rundspitze, verhieß Amüsement, stand für Jahrmarktsbelustigung und Messerummel. Noch so manch ehrwürdiges, in Konventionen erstarrtes Theaterfestival hat sich - mit dem beliebten "Spiegelzelt" - eine Scheibe davon abgeschnitten. Aber in Weimar etwa, beim Kunstfest vor zehn Jahren, tauchte auch etwas radikal anderes auf, nämlich ein schwarzer Kubus, der für einige Wochen mitten in der Stadt in sakraler Zeichenhaftigkeit an die Schnörkellosigkeit der Bauhaus-Architektur gemahnte.

Dessen Botschaft nimmt nun die Ausstellung über den Pavillon im Deutschen Architekturmuseum auf. Es geht dabei nicht um Zeltstädte oder Notunterkünfte als elementaren Aspekt temporären Bauens, auch nicht um jene Pavillons, die Anfang der 90er der Urbanist Paul Virilio für den Nomaden des 21. Jahrhunderts in Aussicht stellt: schlichte Zweckbauten mit Schließfach und Dusche, einfachen Betten und jeder Menge Telekommunikation. Es geht um pure Ästhetik, allerdings mit Folgen. Denn heute ist der Pavillon vor allem dies:

"Eine Spielwiese für Architekten, etwas mit neuen Materialien zu versuchen, was nicht ewig halten muss und wo man im Kleinen etwas probieren kann, was bei Erfolg nachher im Großen weitergeplant werden kann."

Begonnen hat diese Entwicklung mit den Pavillons der Weltausstellungen, zuerst als Darstellung nationaler Identität, ab 1900 zunehmend auch als Ausweis von Modernität. Ob avancierte Technologie oder herausragende Formgebung - stets wurden die besten Architekten herangezogen. 17 Beispiele aus dieser wechselvollen und windungsreichen Geschichte des Pavillons haben Architekturstudenten der Frankfurter Städelschule ausgewählt, sich mit eigenen Gegenentwürfen buchstäblich daran abgearbeitet.

Da ist etwa Mies van der Rohes Barcelona-Pavillon von 1929. Mit Glas, Stahl und Chrom schuf der Bauhaus-Meister völlig neue Raumerfahrungen, Eindrücke, die legendär gewesen sein müssen. Erst nachdem der temporäre Flachbau abgebaut war, wuchs sein Mythos. Oder Le Corbusiers "Pavillon de l’esprit nouveau", der 1925 neben dem zweistöckigen Kiosk des sowjetischen Visionärs Konstantin Melnikov in Paris eine Ahnung vom Bauen in der Zukunft vermitteln sollte. Dass dann 1937 auf der Weltausstellung über den wuchtigen Repräsentanzen Deutschlands und der Sowjetunion überdimensionale Gipsskulpturen athletischer Arbeiter und des Reichsadlers thronten, beweist nur, dass Pavillons verlässliche Kulturbarometer sind.

Mit einer Installation aus Film- und Diaprojektionen sowie dem "poème electronique", einer Tonbandkomposition von Edgar Varèse, nahm Le Corbusier 1958 im Philips-Pavillon in Brüssel das Multimedia-Prinzip vorweg, verschmolz für einige Wochen Architektur mit Licht und Musik zu einem bleibenden Raumeindruck. Da zeigt sich das "Prinzip Pavillon" in Perfektion: Gerade in den Andeutungen extremer Neuerungen, durch das zeitlich begrenzte Erlebnis befeuern die temporären Bauten die Imagination.

Davon zehren heute insbesondere die Museen. Modelle eines Anbaus im Toledo Museum Ohio belegen das ebenso wie der Blick auf Entwicklung der Londoner Tate Gallery. In den USA haben die japanischen Architekten der Gruppe SANAA stattliche 7000 Quadratmeter Ausstellungsfläche unter Glas sozusagen verschwinden lassen, sodass die Kunst in diesem Hauch von Nichts richtig zur Geltung kommen kann. In London dagegen wird eine "innere Pavillonisierung" sichtbar: Während hinter den Museumsmauern die temporäre Ausstellungsarchitektur immer schneller wechselt, beginnt die architektonische Spielwiese draußen in der Stadt auszutrocknen. Das zarte Pflänzchen Pavillon scheint bedroht - doch die Frankfurter Sommerausstellung könnte ihm aufhelfen.

Service:
Die Ausstellung "Der Pavillon - Lust und Polemik in der Architektur" findet vom 11. Juli bis zum 20. September 2009 im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt am Main statt.

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