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Nachspiel | Beitrag vom 02.06.2019

Spielfeld der Autokraten Wie Ägyptens Herrscher den Fußball nutzen

Von Ronny Blaschke

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Fans des Kairoer Fußballclubs Al Ahly feiern ihren Verein beim Viertelfinale gegen Horoya in der CAF Champions League im Al-Salam-Stadion in Kairo. (imago/ZUMA Press / Ahmed Awaad)
Fans des Kairoer Fußballclubs Al Ahly feiern ihren Verein beim Viertelfinale gegen Horoya in der CAF Champions League im Al-Salam-Stadion in Kairo. (imago/ZUMA Press / Ahmed Awaad)

In kaum einem Land ist der Fußball so politisch wie in Ägypten, dem Gastgeberland des diesjährigen Afrika-Cups. Politiker in Kairo nutzen Stadien seit Jahrzehnten als Bühne für ihren Machterhalt. Aber sie fürchten sie auch als Orte der Mobilisierung.

Unaufhörlich schieben sich die Autos durch Kairo. Viele staatliche Gebäude sind von Schutzmauern umgeben, davor patrouillieren Soldaten mit Maschinengewehren. Auf dem Tahir-Platz sind vor allem Männer unterwegs. Zwei von ihnen halten ein Banner, darauf das Konterfei von Abdel Fattah al-Sisi, Ägyptens Präsident seit 2014. Sisi lächelt, so, als freue er sich auf die Zukunft. Doch die große Mehrheit der Bevölkerung habe keinen Grund zur Freude, sagt der Ägypter Amr Magdi, der für "Human Rights Watch" in Berlin arbeitet.

"Präsident Sisi betrachtet die Zivilgesellschaft als seine größten Feinde. Tausende Bündnisse und NGOs wurden aufgelöst. Journalisten, Juristen und Menschenrechtler können jederzeit verhaftet werden. Oft erhalten sie Reiseverbote, ihre Bankguthaben werden gesperrt und ihre Familien eingeschüchtert. Die Verfolgung der Zivilgesellschaft ist tiefgreifend, brutal und gnadenlos."

Aktivisten werden auch im Exil beobachtet

Organisationen wie "Human Rights Watch" und "Reporter ohne Grenzen" gehen davon aus, dass rund 60.000 Ägypter aus politischen Gründen in Haft sind. Mindestens 300 von ihnen sollen im Gefängnis gestorben sein, auch unter Folter. Aktivisten wie Amr Magdi meiden eine Rückkehr in ihre Heimat. Doch selbst im Ausland, glaubt er, werden Initiativen der Exilanten beobachtet.

"Wir sind uns sicher, dass die ägyptischen Botschaften und Geheimdienste im Ausland genau auf Aktivisten schauen. Sie schreiben Berichte darüber, was sie tun und wen sie treffen - und schicken diese dann nach Kairo. Manchmal versuchen sie sogar, Treffen von Aktivisten mit internationalen Institutionen frühzeitig zu verhindern."

2011 sind Millionen Ägypter auf die Straßen gegangen. Sie forderten Demokratie und ein Leben in Würde. Nichts davon ist Wirklichkeit geworden. Ägypten ist eine Militärdiktatur mit mächtigen Geheimdiensten. Mindestens 2000 Menschen kamen nach 2011 bei Aufständen und Zusammenstößen mit dem Sicherheitsapparat ums Leben, darunter auch rund 150 aktive Fußballfans. Der Ägypter Hussein Baoumi arbeitet für "Amnesty International" in Tunis.

"Fußball in Ägypten ist immer politisch. Die Ultras sind gut organisierte Gruppen. Autoritäre Regime haben Angst, dass sich diese Gruppen gegen sie wenden. Und so kam es dann auch. Fußballfans wurden ein wichtiger Teil der Protestbewegung. Sie fühlten sich von der Regierung ungerecht behandelt und an den Rand gedrängt."  

Ultras: In wohl keinem anderen Land steht dieser Begriff so sehr für die Politisierung einer Gesellschaft wie in Ägypten. Für Hoffnung, Opferbereitschaft, sogar für Revolution. Doch der Begriff ist auch ein Symbol für Enttäuschung, Grabenkämpfe und Repression. Die Regierung betrachtet Ultras längst als Terroristen, ihre Gruppen sind verboten. Und so ist es wieder einmal der Fußball, der politische Entwicklungen zum Ausdruck bringt. In Ägypten und in der ganzen arabischen Welt. Hussein Baoumi sagt:

"Man kann Strukturen von Gruppen zerstören und ihre Anführer verhaften. Aber was die Regierung nicht versteht: Man kann eine soziale Bewegung mit ihren Ideen nicht auslöschen."

Aber was sind die Hintergründe? Wie konnte es überhaupt so weit kommen? Fußballfans aus Kairo waren Anfang des Jahrtausends erstmals mit Ultras aus Europa in Kontakt gekommen. In der ägyptischen Megacity schlossen sich junge Männer in ihren Stadtvierteln zu kleinen Bündnissen zusammen, daraus erwuchsen 2007 in Kairo die ersten Ultra-Gruppen: "Ahlawy" im Umfeld des Vereins Al Ahly und die "White Knights" von Zamalek SC. Die Mitglieder, meist zwischen 16 und 30 Jahre alt, kamen aus unterschiedlichen Milieus, erzählt der Islamwissenschaftler Philip Malzahn.

"Dazu kommt, dass in den Jahren vor der Revolution die ägyptische Gesellschaft so jung ist wie noch nie. Gleichzeitig so wirtschaftlich schwach wie noch nie. Und diese Frustration, gepaart mit einer riesengroßen Menge an jungen arbeitslosen Menschen, natürlich im Freiraum des Stadions eine Art von Auslebung findet." 

Präsident Mubarak inszenierte sich mit Nationalspielern

Philip Malzahn hat für seine Bachelor-Arbeit arabische Quellen ausgewertet, er forschte ein halbes Jahr in Kairo. Die Ultra-Bewegung entstand zu einer Zeit, in der Ägypten stagnierte. Präsident Hosni Mubarak regierte seit 1981 mit Notstandsgesetzen, so hatte er weitreichende Befugnisse. Reformen blieben aus, das Gefälle zwischen Arm und Reich wuchs, das allmächtige Militär galt als Hort von Korruption. Die schrumpfende Zivilgesellschaft war gespalten.

Philip Malzahn: "Der Vorteil, den die Ultras gegenüber allen anderen hatten, war, dass sie es geschafft haben, Teile der Gesellschaft zu integrieren und zu beherbergen, die sich sonst nicht miteinander vertragen haben über diesen gemeinsamen Nenner Fußball. Mit 50.000 Menschen zu singen, sich auch lustig zu machen über die Regierung, Kritik zu äußern, aber auch einfach ein Frohgefühl zu beherbergen, das war nicht so wichtig. Dass jegliche Affiliation nach außen, jegliche Stellungnahme zu konkreten politischen Protagonisten, Parteien oder Institutionen ein Ende dessen bedeutet hätte. Weil eine Stellungnahme hätte diese Solidarität untereinander für das große gemeinsame Wohl zerstört. Auf einmal wäre es um andere Sachen gegangen. "  

Die Ultras stellten sich mit ihrer antiautoritären Haltung gegen den korrupten Fußball. Die Regierung ließ sie zunächst gewähren. Und Präsident Mubarak nutzte den Fußball auf seine Art: Vor wichtigen Länderspielen traf sich Mubarak mit Nationalspielern, um ihn herum: Fernsehkameras. Nach Titelgewinnen hängte er ihnen Medaillen um den Hals. In seinen Reden deutete er die Mannschaft zu einem Symbol für das Wachstum und die historische Bedeutung des Landes, erzählt Philip Malzahn.

"Also wie in Ägypten der Fußball auch durch das Militär und den Staat immer wieder instrumentalisiert wurde, und wie sich das Militär sich den Fußball auch immer mehr angeeignet hat, ist dadurch zu erkennen, dass zum Beispiel 16 von 22 großen Stadien in Ägypten von militäreigenen Baufirmen gebaut worden sind. Dazu kommt, dass gut die Hälfte aller Vereine in Ägypten dem Staat direkt gehören. Es gibt Vereine wie den 'Grenzschutz' oder man hat das 'Innenministerium' oder einen Verein wie die ,Kriegsproduktion‘. Das muss man sich dann so vorstellen, als würde Al Ahly als Bayern München in Deutschland gegen den Verfassungsschutz spielen an einem Samstag. Und am nächsten Sonntag gegen die Marine der Bundeswehr. Das ist also eine wahnsinnig direkte Konfrontation, die man hat jedes Wochenende zwischen Staat und privatem Verein, zwischen Staat und den Menschen."   

Niemand versammelt so viele Menschen hinter sich wie Al Ahly aus Kairo, der vielleicht beliebteste Fußballverein Afrikas. Al Ahly gewann vierzig Mal die ägyptische Meisterschaft und acht Mal die afrikanische Champions League. Der Klub verdeutlicht auch die Geschichte Ägyptens, sagt der Politikwissenschaftler Jan Busse von der Universität der Bundeswehr in München, der sich seit Jahren immer wieder Vorträge zum Thema hält. Und Busse ruft das Ende des 19. Jahrhunderts in Erinnerung, als Ägypten unter der Herrschaft von Großbritannien stand.

"Die ersten Klubs wurden von der britischen Oberschicht für die lokale Oberschicht gegründet. Und da ist letzten Endes Al Ahly der große Unterschied, weil Al Ahly wurde bewusst als Gegenentwurf zu diesen Oberschichtenklubs aus britischer Hand gegründet. Es war eben der erste Klub von Ägyptern für Ägypter. Und wenn man sich den Begriff 'Al Ahly' anschaut, dann bedeutet das auch 'national'. Das heißt, es war ein wesentliches Element der nationalen Emanzipation und auch der Abgrenzung von dem britischen Kolonialreich. Und in der Hinsicht kann man tatsächlich auch sehen, dass Al Ahly ein Symbol für die Unabhängigkeit darstellte – gegen Fremdherrschaft."   

Al Ahly, gegründet 1907, organisierte Widerstandsversammlungen gegen die Briten und die ägyptische Monarchie. Mitglieder beteiligten sich an der Revolution 1919, die dann zur formalen Unabhängigkeit 1922 führte. Vereinspräsident Abdel Khaliq Sarwat Pasha stieg zum Premierminister auf.

Das ägyptische Militär übernahm Schaltzentralen des Fußballs

Nach dem Sturz der ägyptischen Monarchie 1952 wandelten sich Politik, Kultur und Sport grundlegend. Staatsoberhaupt Gamal Abdel Nasser wirkte auch als Ehrenpräsident von Al Ahly auf die Bevölkerung ein. Er setzte Vertraute des Militärs an die Spitze des Fußballverbandes. In konfliktreichen Zeiten ließ Nasser Spiele absagen, aus Sorge vor Protesten. Etliche Regime in der arabischen Welt sollten diesem Muster folgen, sagt der Nahost-Experte und Blogger James M. Dorsey.

"Es gibt zwei Themen, die große Leidenschaft hervorrufen: Religion und Fußball. Darin sahen die autokratischen Machthaber eine Chance. Das ägyptische Nationalteam ist beliebt und erfolgreich. Die Herrscher zeigten sich in Stadien. Sie wollten mit dem Erfolg in Verbindung gebracht werden. Und so konnten sie von unpopulären Themen ablenken. So kann die Politik nationale Emotionen manipulieren."  

Der Publizist James M. Dorsey analysiert in seinem Buch "The Turbulent World of Middle East Soccer" dutzende Beispiele für die Verflechtung von Politik und Fußball. So beteiligten sich in Algerien in den 1950er Jahren Nationalspieler am Befreiungskampf gegen die französischen Besatzer. In Jordanien wurde der Verein Al Wehdat zu einem Symbol der palästinensischen Minderheit. Im Libanon nahm der Ministerpräsident Rafiq al-Hariri Vereine in Staatsbesitz, so wollte er das Verbindende zwischen den religiös getrennten Anhängerschaften betonen. James M. Dorsey sagt:

"Es gibt eine enorme politische Kontrolle über den Fußball. Ein Beispiel ist Palästina. Dort steht Jibril Rajoub an der Spitze des Fußballverbandes und des Nationalen Olympischen Komitees. Rajoub hat als Geheimdienstler und Sicherheitschef für die Unabhängigkeit Palästinas gekämpft. Er hat viele Jahre in israelischen Gefängnissen verbracht. Palästina wird von den UN nicht als Staat anerkannt. Rajoub nutzt den Fußball als Plattform, die Nationalmannschaft ist für ihn ein Symbol für Staatlichkeit."

Zur wohl größten Machtdemonstration des Fußballs kam es Anfang 2011 in Kairo. Seit ihrer Gründung 2007 hatten sich die Ultras "Ahlawy" von Al Ahly und die "White Knights" von Zamalek viele Kämpfe mit der Polizei geliefert. Diese Erfahrungen zahlten sich nun aus, sagt der Politikwissenschaftler Jan Busse.

"Das hat sich in der Praxis dann so dargestellt, dass sie wirklich eine Arbeitsteilung hatten zwischen den unterschiedlichen Gruppierungen. Es gab dann Leute, die verantwortlich waren, Steine im Sinne von Munition zu beschaffen. Es waren andere da, die Barrikaden gebaut und gesichert haben. Gleichzeitig gab es Rückzugssignale, wenn die vorderste Front der erschöpften Kämpfer ausgetauscht werden musste. Es gab ein Sanitätszelt, also es war alles sehr, sehr gut strukturiert und hatte schon so bisschen fast schon Guerillataktik. Am stärksten äußerte sich das am 2. Februar bei dieser so genannten Kamelschlacht, wo bewaffnete Gangster mit Stöcken auf Kamelen in die Menge reingeritten sind und versucht haben, sich da eine Bresche zu schlagen, um diesen Platz da unter Kontrolle zu bringen. Das waren bezahlte Schläger. Und die Ultras haben diese Kamelreiter dann tatsächlich zurückgedrängt durch ihre ausgefeilten Straßenkampftechniken."  

Nach dem Sturz von Hosni Mubarek übertrugen viele Demonstranten ihre Entschlossenheit auf andere Lebensbereiche. Liberale bezogen Stellung gegen Konservative, Söhne gegen Eltern. In Gewerkschaften, Bündnissen und losen Gruppen veränderten neue Mitglieder die Hierarchien. Das gilt auch für die Ultras, die von vielen als Helden der Revolution gefeiert wurden. Der Islamwissenschaftler Philip Malzahn.

"Dadurch, dass die große Frage nach dem Danach wichtiger wurde, nicht nur für die Ultras, für alle Menschen in Ägypten, hat sich dann doch das gebildet, was die Ultras immer zu vermeiden versucht haben: nämlich Fraktionen innerhalb der Gruppe. Die Spaltung unter den Ultras zu dieser Zeit würde ich also nicht groß differenzieren mit den Spaltungen zwischen den Menschen auf den Straßen in Ägypten. Da gab es ja dann zwei große Demonstrationslager: Pro Muslimbrüder und dagegen. Im Gegensatz zu: alle vereint gegen Mubarak am Anfang. Das machte die Sache deutlich komplizierter."  

Straflosigkeit für Polizei: ein gängiges Phänomen

Im Fußball kam es weiter zu Konflikten zwischen Ultras und Polizei. Rund um die Spiele verschärften die Gruppen den Ton gegen die Übergangsregierung. Bald darauf verbot das Militär alle Formen des Protests. Ultras galten nicht mehr als rauflustige Halbstarke, sondern als, Zitat "Agenten, die Ägypten zerstören wollen".

Das alles steht im Schatten des 1. Februar 2012, als Al Ahly in der Hafenstadt Port Said auf Al Masry traf, fast ein Jahr nach dem Sturz von Hosni Mubarak. Heimische Anhänger wurden kaum kontrolliert. Nach dem Schlusspfiff wurden Stadionlichter früh abgeschaltet. Hunderte Fans von Al Masry stürmten die gegnerische Tribüne. Sie warfen Brandsätze auf die Ultras von Al Ahly, attackierten sie mit Stöcken, Messern, abgebrochenen Flaschen. Unter den Gästefans entstand Panik. Einige wurden von der Tribüne gestoßen, andere prallten auf verschlossene Tore. Am Ende waren 74 Menschen tot, die meisten im Alter zwischen 15 und 20. Der Forscher Jan Busse.

"Auf der Opferseite ist die vor allem vertretene Sichtweise: Das ist komplett geplant gewesen, also das war eine orchestrierte Aktion von Vertretern des alten Regimes, die sich dort an den Anhängern von Al Ahly rächen wollten. Die andere Extremposition, die vielleicht Vertreter des alten Regimes einnehmen würden: das ist letzten Endes nicht anderes gewesen als die Eskalation einer Gewalt verherrlichenden Fankultur. Ich denke, die Wahrheit liegt dazwischen. Und gleichzeitig trägt die Polizei aber definitiv eine ganz, ganz große Verantwortung an diesen Toten. Weil die Polizeikräfte eben nicht eingegriffen haben. Und mit Sicherheit ist es auch etwas gewesen, wo der Schluss nahe liegt: na ja, die Polizei hatte ja eigentlich sowieso noch eine Rechnung offen mit den Ultras von "Al Ahly."

Ultras des ägyptischen Fußballclubs Ahlawy zünden Fackeln an. Anlass ist der Jahrestag der Stadionausschreitungen mit 74 Toten in der ägyptischen Hafenstadt Port Said, als Hunderte Fans von Al Masry am 1. Februar 2012 die gegnerische Tribüne stürmten. (AP Photo/Mohammed El Raai)Ultras des ägyptischen Fußballclubs Ahlawy zünden Fackeln an. Anlass ist der Jahrestag der Stadionausschreitungen mit 74 Toten in der ägyptischen Hafenstadt Port Said, als Hunderte Fans von Al Masry am 1. Februar 2012 die gegnerische Tribüne stürmten. (AP Photo/Mohammed El Raai)
Nach dieser Katastrophe kam es zu Straßenschlachten. Der Vorstand des ägyptischen Fußballverbandes wurde abgelöst, der Ligabetrieb ausgesetzt. Der wenige Monate später gewählte Präsident Mohammed Mursi von der Muslimbruderschaft versprach eine umfangreiche Aufarbeitung. Doch etliche Angeklagte beschwerten sich über willkürliche Festnahmen und einseitige Ermittlungen.

"Es gab zwar Gerichtsurteile, wo vermeintlich Verantwortliche für dieses Massaker in Port Said bestraft worden sind. Aber tatsächlich ist es so gewesen, dass die Polizeikräfte nur sehr, sehr vereinzelt verurteilt worden sind und nur mit sehr milden Strafen davongekommen sind. Dass man sagen kann: Die Straflosigkeit für Polizeikräfte, für Sicherheitskräfte ist ein gängiges Phänomen in Ägypten."

Der Frust der ägyptischen Bevölkerung wuchs, ihr Lebensstandard verschlechterte sich immer weiter. Es folgten Aufstände, bei denen die gespaltenen Ultras im Hintergrund blieben. Am 3. Juli 2013 putschte das Militär gegen den demokratisch gewählten Präsidenten. Mohammed Mursi. Einer der Drahtzieher: General Abdel Fattah al-Sisi, seit 2014 Präsident. Sisi verschärfte die Repression.

Ultras galten nach der Revolution als Terroristen

Am 8. Februar 2015 wollte die Regierung für ein Spiel in Kairo wieder Fans zulassen. Das Innenministerium begrenzte die Zuschauerzahl für das Spiel zwischen Zamalek und ENPPI auf 10.000. Allerdings fanden sich weit mehr Menschen vor dem Stadion der Luftwaffe ein. Der Fanforscher Philip Malzahn.

 "Und vor dem Stadion gab es eine Art Metallkäfig, in dem sie gestanden und gewartet haben. Und nachdem es Wortprovokationen zwischen den Sicherheitskräften und den Ultras gegeben hat, hat man diesen Käfig geschlossen, hat Tränengas reingeschossen. Und es sind dann dutzende Menschen erstickt und zertrampelt worden in diesem Käfig und gestorben."

Die Ultras beschuldigten Mortada Mansour, den Vorsitzenden des Vereins Zamalek. Der Jurist und Parlamentsabgeordnete war ein treuer Anhänger Mubaraks gewesen, stets kritisch gegenüber den Fans. Die Regierung bezeichnete Ultras nun als terroristische Vereinigungen. Staatspräsident Abdel Fattah al-Sisi ging härter gegen Kritiker vor, auch gegen Nationalhelden wie Mohamed Aboutrika, einen der wichtigsten Nationalspieler der Geschichte. Fast zehn Jahre spielte Mohamed Aboutrika für Al Ahly. Er kritisierte das Gehaltsgefälle im Fußball, sammelte Spenden für benachteiligte Menschen, sympathisierte mit der Bevölkerung im Gaza-Streifen.

Philip Malzahn: "Aboutrika war ein Fußballspieler, der einen Skandal ausgelöst hat, dadurch, dass er nach einem Tor oder nach mehreren Toren immer eine Vier mit der Hand hochgehalten hat. Diese Vier ist das Zeichen einen Platz, auf dem nach dem Putsch Sisis gegen die Muslimbrüder ein weiterführenden Protestcamp gewaltsam niedergeschlagen worden ist. Aboutrika hat sich damit solidarisiert, öffentlich. Und bei Spielen von Al Ahly natürlich auch im Fernsehen vor Millionen. Im Gegenzug dazu hat man dann Sachen gemacht, wie seine gesamten finanziellen Mittel und sein Eigentum ihm zu nehmen und seine Bankkonten einzufrieren. Und ihn dann auch zum Rücktritt natürlich gezwungen."

Länderspiele finden schon seit Jahren nicht mehr in Kairo statt, sondern in Küstenstädten wie Alexandria oder Borg El Arab. Staatspräsident Sisi setzt trotzdem auf den Fußball: Am 8. Oktober 2017 qualifizierte sich das ägyptische Nationalteam mit einem 2:1 gegen die Republik Kongo erstmals nach 28 Jahren wieder für eine Weltmeisterschaft. Den Siegtreffer schoss Mohamed Salah, die nationale Fußballikone in Diensten des FC Liverpool. Zum ersten Mal seit dem Militärputsch 2013 durften wieder Zehntausende Menschen auf die Plätze strömen, sie jubelten mit Polizisten und Soldaten. Sisi empfing die Mannschaft bei der Eröffnung eines Messezentrums. In seiner Rede verknüpfte er Sport, Wirtschaft und Politik, erzählt Amr Magdi von "Human Rights Watch".

"Wir wissen, dass die ägyptische Regierung Gelegenheiten wie diese als PR-Kampagne nutzt, um sich reinzuwaschen. Und so war es dann auch bei der WM 2018 in Russland. Ägypten wählte für das Teamquartier die Teilrepublik Tschetschenien. Deren Präsident Ramsan Kadyrow regiert mit vergleichbarer Härte wie Sisi. Kadyrow besuchte eine Trainingseinheit der Ägypter und ernannte Mo Salah zum Ehrenbürger. Die gemeinsamen Fotos machten international Schlagzeilen. Salah soll wegen dieser Propaganda enttäuscht gewesen sein."  

Mo Salah ist gern gesehen auf roten Teppichen. Sein Konterfrei ziert Werbebanner, Häuserwände und Fanartikel in der arabischen Welt – und vor kurzem war sein Foto auch auf der Titelseite des Time Magazine. Bei den ägyptischen Präsidentschaftswahlen im März 2018 sollen eine Million Menschen für Salah gestimmt haben. Damit machten sie ihre Stimmen ungültig – wohl auch als Protest gegen Präsident Sisi.

Abdel Fattah al-Sisi gewann die Wahl mit mehr als 90 Prozent, fast alle Gegenkandidaten waren zuvor verhaftet oder zum Rückzug gedrängt worden. Durch eine Verfassungsänderung kann Sisi bis 2030 im Amt bleiben. Aus den USA und der Europäischen Union bleibt die Kritik verhalten, für sie ist Ägypten ein Partner gegen den Terrorismus. Mehrfach haben ihre Regierungen Sisi empfangen. Konzerne wie Siemens sind mit milliardenschweren Investitionen in Ägypten präsent. Amr Magdi.

"Wir fordern nicht das Ende der diplomatischen Beziehungen mit Ägypten. Aber die USA und Europa können auf andere Weise Druck ausüben, zum Beispiel mit einer Einschränkung von Militärhilfen und Handelsbeziehungen. Darüber hinaus liefern etliche EU-Länder Waffen und Spionagetechnik an Armee und Polizei. Diese Lieferungen sollten gestoppt werden. Denn die Sicherheitsorgane sind in massive Menschenrechtsverletzungen verwickelt."

Die christliche Minderheit hat es im Fußball schwer

Ab dem 21. Juni wird in Ägypten der 32. Afrika Cup austragen. Wird Präsident Sisi seine Regierung als demokratisch inszenieren? Oder bringt das Turnier Themen an die Öffentlichkeit, die selten diskutiert werden? Danyel Reiche von der Amerikanischen Universität Beirut nennt ein Beispiel. 

"Das Hauptproblem in Ägypten ist die Diskriminierung der Christen, der Kopten, das sind immerhin rund zehn Prozent der Bevölkerung. Und die zahlenmäßig größte christliche Gruppe im gesamten Nahen Osten. Es gibt keine koptischen Spieler in der Fußball-Nationalmannschaft. Es hat welche gegeben in der Vergangenheit, wie Ramzy, der ja auch in Deutschland sehr erfolgreich war. Also insofern gibt’s da ganz deutlich eine Diskriminierung von Christen im ägyptischen Fußball, als Spiegelbild der Diskriminierung der Christen insgesamt im Land."

In den 30 Jahren unter Mubarak war die Menschenrechtslage nicht so dramatisch wie nun unter El-Sisi. Und das spiegelt sich auch im Fußball: Offiziell haben sich die Ultras aufgelöst. Frühere Mitglieder gehen zum Basketball oder Handball. Oder sie reisen mit ihren Klubs zu Auswärtsspielen der Champions League. Seit 2018 sind wieder wenige tausend Zuschauer bei Fußball-Ligaspielen zugelassen. Aber die ausgelassene Atmosphäre? Die sozialen Freiräume im Stadion? Vorerst Geschichte.

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