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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 28.09.2010

Spiel mit der Virtualität

Adolf Muschg: "Sax", C.H. Beck, München 2010, 460 Seiten

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Der Schriftsteller Adolf Muschg (AP Archiv)
Der Schriftsteller Adolf Muschg (AP Archiv)

Unterhaltsam wie Gottfried Keller, belehrend wie Grimmelshausen, abgründig wie Faust II – ob es sich bei Adolf Muschgs neuem Roman um eine moderne Gespenstergeschichte oder die Parodie darauf handelt, um Science-Fiction oder ein saftiges Gesellschaftsepos, man weiß es auch am Ende der Lektüre nicht so genau.

Im Mittelpunkt des Romans steht ein gediegenes Bürgerhaus in der Altstadt von Zürich, das - wie in Kellers "Martin Salander" - Münsterburg genannt wird. Weil es dort seit langem spukt, überlassen es die gepeinigten Bewohner 1970 Jacques, Moritz und Hubert, einem linken Anwaltskollektiv. Sie hoffen, dass die diesseitsgewandte Lebensauffassung der jungen Männer dem Geisterunwesen ein Ende bereitet.

Mit den Dreien zieht tatsächlich fröhliche Unbekümmertheit in das kontaminierte Gemäuer. Und dank ihres Verhandlungsgeschicks zählen bald angesehene Damen und Herren der Zürcher Gesellschaft zu ihren Klienten. Binnen kurzem verfügt das Kollektiv über großen Reichtum. So weit, so klassisch, dreimal Hans-im-Glück - wären da nicht Unruhegeister einer unbewältigten Vergangenheit, die das Trio zunehmend fester in den Griff nehmen.

Da ist der Womanizer Jacques Schinz, ein Herzensfreund älterer, wohlhabender Damen, der angeblich bereits als Fünfjähriger mit seiner Mutter schlief, seine Stiefmutter zur Geliebten macht, ehe er sich einer halbwüchsigen Asiatin annimmt. Moritz Asser, von Jacques’ Bankier-Vater unterstützt, macht sich bald auf und davon, lernt in New York Investmentbanking, um schließlich als Weltverbesserer zu enden. Der dritte im Bund, ein entlaufener Mönch und abgebrochener Theologe, Hubert Achermann, setzt auch nach dem Verlassen der Kirche sein zölibatäres Leben fort. Er bildet die Schleuse, durch die die Geister immer wieder in die reale Welt einbrechen.

Allen voran der titelstiftende Philipp von Hohensax, ein durch das Ende des 16. Jahrhundert vagabundierender Humanist mit antihumanen Zügen sowie ein hochfliegender Astronom aus der Zeit der Romantik, namens Caspar Horner. Als Untote bemächtigen sie sich der Lebenden, um mit deren Stimme zu sprechen.

Reizvoll an diesem ein halbes Jahrhundert umspannenden Parcours entlang der Suche nach Glück und Erlösung ist die Kombination des Hochfliegenden mit dem Banalen. Gelehrte Exkurse über Hysterieforschung, mittelalterliche Sternenkunde oder Freimaurerei wechseln ab mit Ausflügen in die Finanzkrise, verschlüsselten Auftritten des populistischen Schweizer Politikers Blocher und schwülen Sexszenen.

Wie schon in "Kinderhochzeit" (2008) gönnt der Germanist Muschg seinem Roman nicht nur großzügig eingestreute, brillante Kurzessays, sondern auch eine Überfülle an skurrilen Personen und Episoden. Die fügen sich zwar nahtlos in die - Umwegen gegenüber höchst aufgeschlossene - Gesamtkonstruktion und sorgen für Ablenkung, aber sie lassen mitunter selbst den gewissenhaftesten Leser den Überblick verlieren.

Nicht von ungefähr hat der Autor seinen Roman einem Außenseiter der Literaturwissenschaft gewidmet. Mit Albrecht Schöne, der in einem bis heute gefeierten Buch über Goethe dessen Faust II zur verkappten Komödie erklärte, treibt "Sax" sein Spiel mit der Virtualität in schwindelerregende Höhen. Dabei wäre es ganz einfach: "Nicht Geister müssen erlöst werden, sondern Menschen, denen vor Geistern schaudert."

Besprochen von Edelgard Abenstein

Adolf Muschg: Sax
C.H. Beck, München 2010
460 Seiten, 22,95 Euro

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