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Fazit / Archiv | Beitrag vom 02.04.2009

Spiel mit Assoziationen

"Der Fall Esra" in der Kampnagelfabrik Hamburg

Von Elske Brault

In seinem Roman "Esra" hat der jüdische Schriftsteller Maxim Biller seine Beziehung zu einer türkischen Schauspielerin verarbeitet. So wirklichkeitsnah, dass die Ex-Freundin und deren Mutter sich bloßgestellt sahen und auf ein Verbot des Romans klagten - durch alle Instanzen bis zum Bundesverfassungsgericht. Sie bekamen Recht. Billers Roman ist seit Oktober 2007 verboten.

Regisseurin Angela Richter hat diese Geschichte nun in der Hamburger Kampnagelfabrik auf die Bühne gebracht: Nicht realitätsnahes Dokumentartheater oder eine Gerichtsshow ist daraus geworden, sondern ein fein gesponnenes Assoziationsnetz rund um das Wirklichkeitsbedürfnis und die Wirklichkeitsnähe von Popliteratur.

Die Bühne von Kathrin Brack ist ein Netz, ein Wald aus Glühbirnen, die an Gummikabeln von der Decke hängen. Aber diese Birnen schimmern in einem matten gelben Licht, sie erhellen nichts, sondern sie schaffen eher eine glamouröse Zwischenwelt, einen Bühnentraumbereich.

Genauso erhellt das Stück von Angela Richter nichts auf rationale Art. Sie hat vermutlich alle Materialien zu dem Thema gelesen – zum Beispiel das Buch von Stefan Neuhaus "Literatur als Skandal", das "Esra" gemeinsam mit anderen prominenten Verbotsfällen wie Klaus Manns "Mephisto" oder Thomas Bernhards "Holzfällen" verhandelt - um sie dann wegzuwerfen. Richter lässt die Schauspieler munter frei assoziieren. Sebastian Blomberg, der mit beiger Strickjacke und schwarzer Hornbrille so kostümiert ist wie Maxim Biller, rast plötzlich zwischen den Glühbirnen quer über die Bühne, immer vom Scheinwerfer des Verfolgers beleuchtet, und schreit "Der Spot ist auf mir". Man sieht in ihm den Autor Maxim Biller, der sich über die Aufmerksamkeit freut, die er mit einem Skandal-Roman erzielen kann. Und dann brüllt Blomberg:
"Für alle, die es noch nicht gegoogelt haben: Ich war sechs Jahre mit Maria Schrader liiert."

Da spricht der Schauspieler Sebastian Blomberg, der tatsächlich mit der Schauspielerin Maria Schrader zusammen war. Die hat auch in Zeitschrifteninterviews gern und oft sowohl über die Beziehung als auch deren Ende gesprochen. Und damit stellt Regisseurin Angela Richter hier die Frage: Wo ist denn da der Unterschied? Wir sind doch alle öffentliche Personen. Sobald wir halbwegs prominent sind, wird unser Privatleben in Gazetten und im Internet durchgehechelt.

Angela Richter spielt mit unseren Erwartungen, mit unserer Neugier auf das Verbotene: Ihre sechs Darsteller flüstern zu Beginn, Yuri Englert wispert im Verschwörerton: "Sind Vertreter der Klägerin im Raum?" Davon nämlich werde abhängen, was man machen dürfe. Aber das Publikum bekommt natürlich sein Boulevardfutter: Eine Sexszene aus "Esra". Unter lautem Stöhnen der beiden weiblichen Mitspielerinnen verliest Englert eine der Passagen, die aufgrund ihrer drastischen Schilderung vermutlich wesentlich zum Verbot des Romans beigetragen haben. Und das ist, ohne Ausziehen, ohne nackte Haut oder Kopulationschoreographie eine der obszönsten Szenen seit langem auf einer Theaterbühne.

Doch auch dieses Stück Realität lässt Angela Richter in die Groteske kippen: Im Augenblick der Ejakulation ruft Sebastian Blomberg aus, er werde das ganze Theater mit seinem Sperma überschwemmen. Das werde Hamburgs nächste Sturmflut. Und spätestens jetzt merkt auch ein weniger sensibler Zuschauer, wie viel Allmachts-Sexphantasien in Maxim Billers Buch stecken.

An zwei Stellen glaubt man: Jetzt kommt die Dokumentation. Am Anfang schlägt Darsteller Sebastian Blomberg einen dicken Aktenordner auf und beginnt, die Urteilsbegründung zu verlesen. Aber ganz schnell merken wir: Das ist eine fiktive Begründung. Die Klage der Mutter von Billers Freundin zum Beispiel sei abgewiesen worden, weil sie einfach weniger sympathisch sei. Das ist, jenseits aller weitschweifigen juristischen Begründungen, womöglich die simple Wahrheit.

Später tritt dann der ehemalige Oberstaatsanwalt Dietrich Kuhlbrodt auf, der als Rentner zum Schauspieler mutiert und in diversen Filmen und Theaterstücken Christoph Schlingensiefs aufgetreten ist. Auch der entwickelt eine anfangs seriös wirkende Erklärung, als habe er hinter die Kulissen des Bundesverfassungsgerichts geblickt und wolle uns die Beratungen im Richterzimmer erläutern. Aber dann fallen Sätze wie "Wenn eine sich wiedererkannt fühlt, dann braucht sie nur zwei Freundinnen, die sagen, ja ja, das ist so, schon gibt man ihr Recht."

Und Kuhlbrodt hebt darauf ab, dass die Richter gerade wegen der Schilderung intimer Details der Klage von Billers Freundin stattgegeben haben, was ihn zu der Schlussfolgerung veranlasst: "Der Sex ist tabu – das ist die Kurzfassung. Wir haben nicht zu erörtern gehabt, warum das so ist, wir haben nur festgestellt: Es ist so."

So ist Angela Richters Stück ein vielfältiges Spiel mit Assoziationen, das womöglich viel stärker zur Diskussion anregt als eine Dokumentation des Falles Esra. Bis hin zum gelungenen Schluss eines überdimensional projizierten Popsongs. Da wird klar: Pop lebt immer von seiner vermeintlichen Authentizität, davon, dass wir ein Stück echtes, wahres Leben und Leiden in die Selbstdarstellung unseres Stars hineindenken. Das gilt auch für den Popliteraten Maxim Biller. Was natürlich zu kurz kommt in Angela Richters Traumspiel, das ist der reale Schaden: Eine sechsstellige Summe, also mindestens 100.000 Euro an Prozesskosten für den Verlag Kiepenheuer und Witsch. Und 50.000 Euro Schmerzensgeld, die der Autor Maxim Biller an seine Exfreundin zahlen muss.

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