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Studio 9 - Der Tag mit ... | Beitrag vom 30.07.2019

"Spiegel"-Redakteurin über Ex-AfD-Chef Bernd Lucke"Jetzt will er sich die Hände reinwaschen"

Moderation: Anke Schaefer

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Bernd Lucke, Bundesvorsitzender der Partei Alfa - Allianz für Fortschritt und Aufbruch, spricht am 26.02.2016 in Berlin in einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur.  (picture alliance/Kai Nietfeld/dpa)
Will zurück in den Hörsaal und seinen alten Job als Professor in Hamburg wieder aufnehmen: Ex-AfD-Vorsitzender Bernd Lucke. (picture alliance/Kai Nietfeld/dpa)

Ex-AfD-Politiker Bernd Lucke kehrt als Professor an die Uni Hamburg zurück. Die Studierenden protestieren – Lucke habe die Saat für die Rechtspopulisten von heute gelegt. "Spiegel"-Redakteurin Ann-Katrin Müller findet, an dem Vorwurf sei was dran.

Bernd Lucke hat die AfD mitgegründet, war ihr Vorsitzender und hat die Partei dann 2015 im Streit verlassen – und will nun, nach sieben Jahren Pause, wieder als VWL-Professor an der Universität Hamburg lehren. Zuvor war sein Versuch gescheitert, mit der neu gegründeten Partei der Liberal-Konservativen Reformer (LKR) ins Europaparlament einzuziehen.

Die Studierendenvertretung der Universität Hamburg protestiert gegen eine Rückkehr des Ex-Parlamentariers in den Hörsaal. Lucke habe "mit seiner bürgerlichen Fassade den Weg der AfD zur menschenverachtenden und rassistischen Partei geebnet. Und so ein Mensch gehört an keine Universität", so der AStA.

Haben die Studierenden Recht – obwohl Lucke sich mittlerweile öffentlich von der AfD in ihrer heutigen Form distanziert hat?

"Er hat all diese Kräfte mitgenommen"

Unser Studiogast, die "Spiegel"-Redakteurin und AfD-Expertin Ann-Katrin Müller findet: "Man kann schon argumentieren, dass Herr Lucke diesen Weg bereitet hat. Und auch ein Stück weit mitgegangen ist. Er ist tatsächlich gestartet als Professor und Euro-Kritiker und hatte auch solche Leute an seiner Seite – es war am Anfang ja eine Professoren-Partei, die  vielleicht schon zu harsch als rechts kritisiert wurde, als sie es noch gar nicht so stark war. Und er hat dann aber all diese Kräfte mitgenommen und immer mal wieder auch in entsprechende Richtungen geblinkt, um Wählerstimmen aus diesem Milieu zu bekommen."

Gegen den Rechtsruck habe Lucke sich anfangs nicht so stark gewehrt – bis es ihm zu viel geworden sei. "Dann ist er ausgetreten und jetzt will er sich die Hände reinwaschen und sagen: ‚Ich habe nichts damit zu tun. Und übrigens, der Verfassungsschutz könnte die jetzt mal überwachen‘", fasst Müller zusammen.

Das Foto zeigt die "Spiegel"-Redakteurin Ann-Katrin Müller. (Maurice Weiss/Ostkreuz/Der Spiegel)Die "Spiegel"-Redakteurin Ann-Katrin Müller. (Maurice Weiss/Ostkreuz/Der Spiegel)

Etwas anders wäre es, so die Journalistin, wenn Lucke eine deutlichere Distanzierung zur AfD und mehr Selbsteinsicht in seine eigene Verantwortung zeigte. "Das alles ist nicht plötzlich entstanden, sondern das ist der Partei bei ihrer Gründung schon inne gewesen", betont Ann-Katrin Müller. Lucke habe das Spiel jedoch lange mitgespielt, um erfolgreich zu werden.

Prostest der Studierenden ist vollkommen in Ordnung

Was die Uni Hamburg anbelange, so müsse diese Lucke zurücknehmen, da er als Professor nur beurlaubt gewesen sei. "Und er hat natürlich das Recht, dort wieder zu lehren und sich zu resozialisieren." Doch ebenso nachvollziehbar sei die Haltung der Studierenden, wenn sie äußerten, mit Lucke als Lehrenden nichts zu tun haben zu wollen. Der Protest sei vollkommen in Ordnung, solange er gewaltfrei bleibe. (mkn)

Die Journalistin Ann-Katrin Müller wurde 1987 im Rheinland geboren, studierte Politikwissenschaften und European Studies in Bonn und London. Sie arbeitete anschließend bei Phoenix, bei der Nachrichtenagentur dapd, der "Financial Times Deutschland" und dem WDR. Seit August ist sie Politikredakteurin im "Spiegel"-Hauptstadtbüro.

Hören Sie die komplette Sendung mit Ann-Katrin Müller hier:

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