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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 01.10.2009

Spaziergang durch die Wissensräume der Stadt

Stephanie Busch und Ulrich Noller: "Das Stadt-Buch. Hier lebt das Wissen der Welt". Berlin-Verlag, September 2009, 288 Seiten

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Blick in eine Londoner Underground-Station (AP)
Blick in eine Londoner Underground-Station (AP)

Die Autoren haben sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Das Wissen der Welt zu vermitteln. Umfassender könnte nicht einmal der Anspruch an die Online-Enzyklopädie "Wikipedia" sein. Das "Stadt-Buch" ist eine freundliche Einladung, Wissenswertes über Städte zu erfahren, egal, ob es für den Leser fremde oder bekannte Städte sind.

Abschnittsweise bewegt man sich mit sechs Verkehrsmitteln, die für die sechs Buch-Kapitel stehen, durch eine fiktive Stadt. Jedem dieser Kapitel sind maximal fünf Abschnitte zugeordnet, und völlig intuitiv kann man auf diese Weise durch die Stadt schlendern. Ausgangspunkt ist der Bahnhof des Grand Central Terminal von New York, und genau so, wie man durch eine echte Stadt bummelt, trifft man im Buch auf Marktplätze, Fußgängerzonen, Friedhöfe, Bankenviertel oder Industriegebiete. Der Stadt-Spaziergang ist nicht auf New York beschränkt, sondern könnte genau so gut in Berlin, Lübeck, Heidelberg, Ankara oder Singapur stattfinden.

Assoziativ reihen sich kurze Absätze aneinander, und der Charme des Stadt-Buchs liegt in seiner Besonderheit, das Wissen der Stadt nicht alphabetisch oder chronologisch geordnet zu präsentieren, sondern quasi im Vorübergehen. Der Leser schlendert durch eine Stadt.

Man kann das Stadt-Buch zwar von der ersten bis zur 288. Seite durchgängig lesen, aber es ist schöner, sich - durch die vielen Illustrationen angeregt - dazu verleiten zu lassen, quer durch das Stadt-Buch zu "reisen", so, als würde man mit einem der genannten Verkehrsmittel geradewegs in einen anderen Stadtteil fahren.

Was auf den ersten Blick gewöhnungsbedürftig sein mag, trifft den Charakter einer Stadt viel besser als jedwede lexikalisch geprägte Ordnung. Interessantes gibt es schließlich an jeder Ecke bzw. auf fast jeder Seite zu entdecken, und die wahren Entdeckungen haben im Buch wie in der Wirklichkeit etwas mit dem Zufall zu tun.

Gerade eben auf dem New Yorker Bahnhof angekommen, erfährt man, dass der Preis für eine einfache U-Bahn-Fahrt in Delhi 75 Rupien beträgt, dass die 480 Mitarbeiter der Hamburger Stadtreinigung in jedem Herbst 12.000 Tonnen Laub sammeln, der Europäische Damhirsch mit 357 Exemplaren das häufigste Zootier in Deutschland ist oder dass Coca-Cola mit 67 Milliarden Dollar als "wertvollste" Marke der Welt gilt. Kurze Gedichte und Anekdoten runden das Stadterlebnis ab.

Der Verlag empfiehlt das Stadt-Buch für Leser von 10 bis 11 Jahren und liegt hierin prompt daneben. Sicher kann man Kindern dieses Alters ein paar Erklärungen zur Stadt geben, dem Charme und der Leichtigkeit des Stadt-Buchs werden sich aber vor allem Erwachsene erfreut hingeben.

Die enorme Fleißarbeit der Autoren macht Lust, jede Stadt mit eigenen Augen zu erkunden, das Stadt-Buch ist eine echte Bereicherung für jede Bibliothek. Durch seine intuitive Aufmachung gehört es dabei eher in die Abteilung gehobene Unterhaltung als zu den Nachschlagewerken.

Besprochen von Roland Krüger

Stephanie Busch und Ulrich Noller, unter Mitarbeit von Jochen Pahl: Das Stadt-Buch. Hier lebt das Wissen der Welt
illustriert von Sarah Heiß
Berlin-Verlag (Bloomsbury), September 2009
288 Seiten, 19,90 Euro

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