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Profil / Archiv | Beitrag vom 13.05.2013

Spaß ist wichtiger als Glück

Der Schweizer Schauspieler Marc Benjamin über das richtige Timing in der Theaterkunst

Von Andi Hörmann

Passanten gehen auf der Maximilianstraße in München am Schauspielhaus Münchner Kammerspiele vorbei (picture alliance / dpa / Frank Leonhardt)
Passanten gehen auf der Maximilianstraße in München am Schauspielhaus Münchner Kammerspiele vorbei (picture alliance / dpa / Frank Leonhardt)

Marc Benjamin, Jahrgang 1986, Schauspieler in den Münchner Kammerspielen, vergleicht seine Arbeit auf den Bühnenbrettern gern mit der eines Musikers. "Jedes gesprochene Wort auf der Bühne oder jeder Gang hat einen Rhythmus, hat eine Melodie", sagt er.

Aus den gelben Ginster-Sträuchern zwitschern die Vögel. Autos rollen über das regennasse Kopfsteinpflaster. In grauem Sweatshirt und Kapuze auf dem Kopf steht Marc Benjamin unter einem klassizistischen Torbogen auf dem Königsplatz in München: Kopfhörer in den Ohren, eine grüne Plastiktüte in der Hand. Feuerzeug, Zigarette. 1. Akt, 1. Szene:

"Vor fünf Jahren habe ich nah von hier gewohnt und hab eine Flasche Wein gepackt und bin aus der Wohnung gegangen und hab die erste Ecke gesucht, wo ich mich in Ruhe hinsetzten kann. Mit Musik in den Ohren und einem Stift und einem Blatt Papier. Das hat sich dann einfach gut ergeben. Und dann bin ich immer wieder dahin zurück."

Marc Benjamin hat 2011 die Otto-Falckenberg-Schule mit einem Schauspieldiplom absolviert. Er ist festes Ensemblemitglied an den Kammerspielen München, spielt kleinere Filmrollen - auch mal einen Gastauftritt im Tatort. Die Karteikarte seiner Agentur liest sich wie ein Eintrag im Poesiealbum. 181 cm, Haare: braun, Augen: blau-grün, Sport: Fußball, Tennis, Skifahren, Snowboard, Akrobatik, Fechten, Capoeira, Dialekte: US Englisch, Baslerisch.

"Baseldütsch? Das klingt ungefähr so: gar nicht so viel anders als Hochdeutsch. Wenn ich jetzt so aus dem Stegreif Baseldeutsch rede, dann versteht man wahrscheinlich noch viel mehr als wenn man mit Baslern unterwegs ist und langsam vergisst, dass man das auch ein bisschen verständlich machen muss. Dann versteht man wahrscheinlich ein bisschen wenig. So tönt das."

Ein In der Schulzeit die Bühne entdeckt"

1986 wird Marc Benjamin in Basel geboren, wächst aber zunächst auf dem Land auf. Sein Vater ist Chirurg, seine Mutter Krankenschwester. Der älterer Bruder studiert Sportmanagement. Schwerpunkt: Fußball. Die Geschwister sind große FC-Basel-Fans. Schon zu Schulzeiten entdeckt Marc Benjamin die Bühne für sich:

"Ich war auf jeden Fall ein Klassenkasper. Ich hab es geliebt, zu stören. Ich weiß auch nicht warum. Immer mit einem Lächeln und einem Augenzwinkern. Ich konnte nie die Klappe halten."

Müde Schatten unter den Augen, aber der Blick hellwach: Marc Benjamin versucht, auch als Schauspieler mit Gegensätzen zu spielen. Die Performance wird zur Musik - und umgekehrt:

"Jedes gesprochene Wort auf der Bühne oder jeder Gang hat einen Rhythmus, hat eine Melodie. Also das ist ... Musik, begriffen als Zeit und Klang. Das ist genau das, was ich tue. Ein Timing zu haben für Dinge, das hat ganz viel mit Musik zu tun. Dann nenne ich mich jetzt Musiker, wenn ich so darüber nachdenke (lacht). Eigentlich würde ich gerne einen eigenen Begriff erfinden: Schausiker. Ne, ich weiß nicht. Ich hab mir noch keine Gedanken gemacht. Schausiker, ne, das ist wieder der Klassenkasper."

18.00 Uhr, Kammerspiel München. Künstlereingang. 3. Stock, links: Maske. Um 19.30 Uhr beginnt das Stück "Die Straße. Die Stadt. Der Überfall." Marc Benjamin sitzt in weißem Bademantel auf einem Drehstuhl und beobachtet über die hell erleuchtete Spiegelwand die Handgriffe der Maskenbildnerin:

"Sie macht jetzt meine Haare nass, gelt die nach hinten und dann kommt diese blonde Perücke drauf. Die wird angeleimt. Das war es für heute. Dann bekomme ich noch die Nackenhaare geschnitten. Ich weiß auch nicht, was das für eine Vorstellung bei den Leuten ist, was die Schauspieler da in der Maske machen. Dieser Übergang vom Privaten auf die Bühne. Das ist - ich hab den noch nie so erlebt."

Lautsprecherdurchsage: "Wer schon fertig verklebt ist mit dem Mikro-Port, kann zum Soundcheck kommen. Zum Soundcheck bitte, wer fertig verklebt ist!"

"Ich bin relativ gut, mir die Dinge zu merken"

Ein dünnes, hautfarbenes Mikrofon klebt an seiner Wange. Die blonde Perücke mit den schulterlangen Haaren sitzt fest auf dem Kopf. 18.45 Uhr: Soundcheck.

"Ich spreche dann das, was mir gerade einfällt. Ich versuche jetzt mal ein bisschen was aus dem Stück. Da wir das auch schon lange nicht mehr gespielt haben, ist das vielleicht gerade ein guter Test, weil ich selten noch mal in den Text kucke, bevor ich eine Vorstellung spiele. Das kann natürlich auch in die Hose gehen. Wenn das passiert, dann bin ich eigentlich immer ganz froh darüber. Ohne, dass ich es provozieren will, aber ich mag eigentlich diese Momente, wo irgendetwas auf der Kippe steht.

Das sind die Momente, wo ich dann am wachsten bin, oder die Begegnung mit dem Publikum am direktesten ist. Und mit den Leuten, mit denen man auf der Bühne steht. Ich hab das Glück: Ich bin relativ gut, mir die Dinge zu merken. Und das steckt dann irgendwo ganz hinten in meinem Kopf und kommt dann automatisch wieder hervor, wenn ich auf der Bühne stehe und das Bühnenbild sehe und die Kollegen. - Soundcheck, hallo. Ja, keine Ahnung! Warum haben die sich in mich ..."

19.15 Uhr, eine Viertelstunde vor Spielbeginn. Marc Benjamin zieht sein Kostüm an, raucht noch eine Zigarette und trinkt einen Espresso. Dann heißt es nur noch: gutes Gelingen, oder?

"Verkack's nicht! Ne, Quatsch (lacht). Bei der Premiere, ja, da gibt es so Rituale. Toi, toi, toi gehört dazu. Vor einer Vorstellung wünsche ich 'Viel Spaß'. Das ist glaube ich viel wichtiger als dieses 'Viel Glück'. Völlig fehl am Platz! Warum viel Glück? Viel Spaß ist das Richtige."

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