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Länderreport | Beitrag vom 20.05.2019

Spargel aus BrandenburgErnte ohne Helfer

Von Vanja Budde

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Ein rumänischer Feldarbeiter sticht in Beelitz (Brandenburg) Spargel. (picture alliance / Maurizio Gambarini/dpa/ZB)
Die sogenannte Spargelspinne erleichtert die Arbeit. Dennoch: Spargelernte ist ein Knochenjob. (picture alliance / Maurizio Gambarini/dpa/ZB)

Im Brandenburgischen Beelitz blieben 2018 tausende Tonnen Spargel in der Erde, weil die Erntehelfer fehlten. Auch dieses Jahr sorgen sich die Bauern um ihre Ernte. Eine mögliche Lösung: zusätzliche Helfer aus Nicht-EU-Staaten wie der Ukraine.

Jürgen Jakobs Handy klingelt im Minutentakt: Jetzt im Mai läuft die Spargelernte auf Hochtouren. Die Familie Jakobs ist einer der großen Player in Beelitz, baut auf 250 Hektar Spargel an, beliefert auch Edeka und Netto mit dem Edelgemüse.

Jakobs Bruder und Geschäftspartner Josef ist gerade in Rumänien: Erntehelfer rekrutieren. Vergangenes Jahr hatten sie nicht genug, nur 265 waren gekommen, viel Spargel konnte nicht geerntet werden.

"Das ist insgesamt schwer zu sagen, aber bei unserm Betrieb waren es, wenn ich das mal so sage, so 60, 80 Tonnen, 60.000-80.000 Kilo."
"Das war ein Verlust von?"
"Gut, jetzt muss ich die Erntekosten wieder abziehen, aber das sind schon bei einem Euro pro Kilo locker 50-60.000 Euro gewesen, die einfach nachher in der Kasse auch fehlen.
Hier haben wir jetzt ein Grünspargelfeld. Das hat durch den Frost einen kleinen Hau weg bekommen." 

Spargel besteht zu 95 Prozent aus Wasser. Wenn die Stangen Frost bekommen, werde sie glasig und sterben ab, erklärt Jürgen Jakobs auf der Fahrt zu einem der großen Felder. Und derzeit sind die Nächte noch kalt.

400 Saisonkräfte aus Rumänien

Einen halben Meter tief ist hier der berühmte lockere Beelitzer Sandboden, doch der Geländewagen kommt durch. In Beelitz bauen 14 Unternehmer auf 1700 Hektar den empfindlichen Asparagus an. Im vergangenen Jahr wurden 12.000 Tonnen gestochen. Zu viel für den Markt: Die Preise fielen, dazu die hohen Kosten für die Bewässerung und der Mangel an Erntehelfern: Manche Spargelbauern haben Flächen stillgelegt. Die Gebrüder Jakobs nicht. Sie sind nach Rumänien geflogen, haben neue Erntehelfer rekrutiert. 400 Leute sind in dieser Saison gekommen.

Arbeiterinnen schälen im Akkord Spargel. (Deutschlandradio / Vanja Budde)Geschält wird der Spargel im Akkord. (Deutschlandradio / Vanja Budde)

Einer von Ihnen kommt aus einem Dorf südlich von Bukarest. Der Mann war schon öfter hier: Routiniert bedient er die "Spargelspinne": Eine Maschine, die die schweren Folien von dem kniehohen Erdwall weg zieht, in dem die Stangen wachsen.

"Das war auch eine Anschaffung von über einer halben Million, aber wir haben hier über 200 von diesen Spinnen im Einsatz. Die Spinne ersetzt ungefähr eine halbe Arbeitskraft im Jahr und das macht sich halt wirtschaftlich bemerkbar."

Ständiges Bücken geht aufs Kreuz

Außerdem erleichtert die Maschine die Ernte. Die ist trotzdem noch anstrengend genug: Erntehelfer Subteran hat gegen den kalten Wind eine Daunenjacke an. Mit geschultem Blick erkennt er die Spargelköpfchen, bückt sich, sticht die Stangen nahe den Wurzeln durch und zieht sie heraus. Dann glättet er mit einem Spatel die Erde wieder. Das ständige Bücken geht aufs Kreuz.

"Wir brauchen dort ein Gardemaß. Wir stechen den meistens 26, 28 Zentimeter lang und schneiden ihn dann nachher auf 22 Zentimeter, um auch zu garantieren, dass der Spargel schön zart ist."

Die "Spinne" dreht die Folien auch automatisch um, wenn gewünscht: Auf diesem Feld kommt jetzt statt der weißen die schwarze Seite nach oben.

"Wir haben im Moment noch kühle Temperaturen. Wir wollen das Spargelwachstum fördern. Das machen wir, indem wir hier die schwarze Seite nach außen legen, das heißt, in dem Damm wird es dann auch deutlich wärmer. Wenn wir die weiße Folienseite nach außen legen, dann reflektiert es das Sonnenlicht, die Dämme bleiben tendenziell kühler und das Spargelwachstum wird dadurch reguliert. Das ist der große Vorteil, dass wir über die Foliensysteme auch die Ernte gewissermaßen steuern können", sagt Jürgen Jakobs.

Grüne und Bauern streiten über Folie

"Das hat aber den Nachteil, dass natürlich kein Kraut mehr wächst, kein Käfer mehr fliegt und damit auch kein Vogel mehr Nahrung findet oder einen Brutplatz findet.", kritisiert Benjamin Raschke von den Grünen im Potsdamer Landtag.

"Und deswegen sind die Vogelbestände in den Naturschutzgebieten, wo das überprüft wurde, leider deutlich zurückgegangen. Und der Preis ist zu hoch. Also so lecker Spargel ist, den kann man auch anders anbauen – in EU-Vogelschutzgebieten ohne Umweltverträglichkeitsprüfung geht’s nicht."

Die Grünen und die Spargelbauern streiten sich schon lange über das Thema Folien. Ohne die Plastikplanen gehe es nicht, sagt Jürgen Jakobs, Vorsitzender des Vereins der Beelitzer Anbauer.

"Wir haben jetzt Arbeitsleistungen von 15 Kilo die Stunde. Ohne Folien müsste man den Spargel deutlich intensiver auf den Flächen suchen, man müsste zweimal am Tag die Fläche beernten und das würde heißen, man würde in der Stunde auch nur sechs bis sieben Kilo ernten. Das würde ungefähr die Erntekosten verdoppeln."

Und damit die Stellung der Beelitzer Bauern gegen die Konkurrenz aus Polen erschweren, die das Edelgemüse dank geringerer Lohnkosten billiger anbieten kann. Der Grünen-Politiker Benjamin Raschke lässt das Argument nicht gelten. Die Landwirte hätten sich selbst in einen Wettbewerb hineinmanövriert, der zu Lasten der Natur gehe:

Der Erste verkauft den Spargel zum höchsten Preis

"Jeder möchte der Erste sein, der Erste, der den Spargel verkauft, verkauft ihn zum höchsten Preis. Und dafür haben sie Unsummen ausgegeben an Folien, an Maschinen, die die wieder aufrollen, die Folien müssen entsorgt werden usw. Und das ganze Geld muss investiert werden und deswegen schlägt das auf den Spargelpreis nieder."

Ohne Folien käme der Spargel einfach später auf den Markt, sagt Raschke. Das bisschen warten sei für den Verbraucher doch wohl zu verschmerzen. Aber Jürgen Jakobs hält dagegen. Die Spargelbauern könnten auch noch aus einem anderen Grund nicht auf die Hilfsmittel verzichten:

"Wir brauchen die Folien, weil unter den Folien halt schneeweißer Spargel herangezogen wird, den die Kundschaft haben möchte, insbesondere die Gastronomie. Sobald sich das Köpfchen leicht violett verfärbt, wird der Spargel nicht mehr gerne genommen oder halt mit deutlichen Preisabschlägen versehen. Der Aufwand ist aber der gleiche."

Das Absurde daran: In Frankreich dagegen ist schneeweißer Spargel verpönt, weil das violette Köpfchen viel intensiver schmeckt, viel spargeliger, wie Jakobs erklärt.

EU schützt das Etikett "Beelitzer Spargel"

Hinter dem Spargelhof Jakobs mit großem Restaurant und Hofladen im Beelitzer Ortsteil Schäpe rattern in der Sortierhalle die Förderbänder. Es ist kalt und nass, denn der Spargel wird hier auch gewaschen. Dutzende rumänische Arbeiter und Arbeiterinnen stehen an drei Sortieranlagen. Sie haben dicke Fleecejacken mit Kapuzen angezogen und weiße Plastikschürzen um. Sie schneiden die Spargelstangen auf Länge und sortieren sie nach Größe, Farbe und Form in die verschiedenen Handelsklassen. 2500 Kilo in der Stunde, 30.000 Kilo am Tag.

Seit 2018 ist die Bezeichnung "Beelitzer Spargel" von der EU geschützt. Etikettenschwindel könne damit besser geahndet werden, sagt Jürgen Jakobs zufrieden. Der EU-weite Schutz verbietet es, Spargel als Beelitzer Spargel zu bezeichnen, wenn er nicht tatsächlich hier angebaut wird.

"Kein Deutscher macht die Arbeit für 9,19 Euro"

In zwei Ecken der großen Halle schälen Frauen im Akkordtempo etwas krumme Spargelstangen von Hand. Die nimmt die Schälmaschine nicht an. Jakobs zahlten ihren Erntehelfern früher sechs Euro die Stunde, mittlerweile den Mindestlohn von 9,19 Euro. Dafür mache kein Deutscher die anstrengende Arbeit, sagt Jakobs. Ohne Mitarbeiter aus dem Ausland gehe es nicht.

 "Wir haben nach wie vor einen Teil polnische Mitarbeiter, das macht aber nur noch zirka zehn Prozent der gesamten Mitarbeiter aus, nahezu 90 Prozent kommen mittlerweile aus Rumänien. Wir haben dort Akquisemaßnahmen durchführen müssen. Wir haben mit einzelnen Mitarbeitern gesprochen und gefragt, ob nicht noch weitere Familienangehörige auch einreisen möchten."

Rumänische Arbeiterinnen und Arbeiter verarbeiten in Beelitz den geernteten Spargel. (Deutschlandradio / Vanja Budde)Die meisten Arbeiterinnen und Arbeiter bei der Spargelernte und -verarbeitung kommen aus Rumänien. (Deutschlandradio / Vanja Budde)
Anderthalb Erntehelfer pro Hektar braucht der Landwirt, doch obwohl der Mindestlohn in Rumänien nur bei 2,30 Euro liege, werde es immer schwieriger, Saisonkräfte zu finden.

"Wir bekommen Konkurrenz von der Bauwirtschaft, von der Paketwirtschaft. Und da vielleicht auch noch mal einen Euro mehr kriegen als in der Landwirtschaft – das heißt, die Leute geben uns hier verloren. Wir haben schon an dem Mindestlohn zu knapsen, und wir können uns nicht – im Moment zumindest nicht – leisten, noch über den Mindestlohn hinausgehend deutlich höhere Löhne zu zahlen."

Man könnte den Spargel auch maschinell ernten, aber so ein Vollautomat koste 600.000 Euro, das könne sich kein Spargelbauer leisten.

Bauern hoffen auf Helfer aus Nicht-EU-Staaten

"Andere EU-Nachbarländer haben Entsendegesetze und haben Drittstaatenregelungen getroffen, die können vor Ort Ukrainer beschäftigen. Ich glaube auch, dass die Ukrainer ein Interesse hätten, hier tätig werden zu dürfen, weil der deutsche Mindestlohn für sie auch äußerst attraktiv ist. Wir machen uns dafür stark, dass wir eine Drittstaatenregelung bekommen, insbesondere mit der Ukraine und mit den Westbalkanstaaten."

Für die 400 Erntehelfer hat die Familie Jakobs in ein Landhotel investiert. Andere Spargelbauern bringen ihre Leute in ehemaligen Kasernen unter. Bei ihm gäbe es Toilette auf den Zimmern und Fußbodenheizung, betont Jürgen Jakobs. Das sei nicht überall der Fall, aber in Brandenburg würden die Wanderarbeiter alle vernünftig untergebracht, sagt der Vereinsvorsitzende.

Gesetzgeber kontrolliert Unterbringung 

"Selbstverständlich, ja. Das wird auch vom Gesetzgeber kontrolliert, das finde ich auch richtig so, weil es ein Wettbewerbsargument ist. Wenn einer sich da nicht drum kümmert und die Kosten sich spart, sage ich mal ganz vorsichtig, dann hätte er theoretisch Wettbewerbsvorteile und das kann auch nicht sein. Wir leben in einem wohlhabenden Deutschland und wir sind in der Lage, die Leute da vernünftig unterzubringen und das muss auch so sein."

Seine Leute müssen für die Unterkunft im Mehrbettzimmer sechs Euro am Tag bezahlen und für das Essen vier Euro. Das sei in Ordnung, meint Waldek Fabiczak aus Polen, der schon seit 20 Jahren zur Spargelernte herkommt.

"Ja, ich bin aus Polen, aus Konin.  In Polen arbeite ich im Krankenhaus. Ich bin Elektriker. Hier bin ich drei Monate, ganze Saison, Spargelsaison."

Zu Hause in Konin verdiene er im Monat nur 500 Euro, erzählt der schmale Mittvierziger. Die jährliche Reise nach Beelitz lohne sich für ihn.

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